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Wanderjollenreisen

  

Je grösser und komfortabler das Boot, desto besser, so die gängige Meinung. Ein Ehepaar aus Schwerin zeigt, wie gut man mit einer 6 m Wanderjolle verreist und segelt.

Wanderjollenreisen

Ein Urlaub mit der Jolle ist was für junge Leute und mindestens frisch Verliebte. Die naturnah-spartanische Variante des Wasserwanderns ohne Komfort geht, wenn man gut drauf, fit und gelenkig ist. Dieses Abenteuer wagt man vielleicht, bevor das Leben in das enge Fahrwasser von Plichten und Routine gerät. Dann schwärmt man sein ganzes Leben davon - und macht es dennoch nie wieder. Das ist ein ebenso grosser Fehler, wie die Träume seiner Jugend zu versenken.

Der Schweriner Segler Detlef Huss ist bereits sein ganzes Leben unter Segeln auf dem Wasser unterwegs. Nicht das er besonders privilegiert oder begütert wäre. Huss segelt einfach so lange wie er denken und schwimmen kann einen Bootstyp, der ihm Zeit für das Wesentliche, den Wassersport lässt: Huss ist auf Jollen abonniert.

Der Renter hat gleich zwei Exemplare der sogenannten Schweriner Einheitsjolle. Die kaufte er gebraucht für kleines Geld. Das Gefährt ist handliche 6 m lang, 190 cm breit, 600 Kilo schwer und wird von 20 Quadratmetern Segeltuch bewegt. Der Tiefgang des Schwerbootes ist zwischen zehn und 110 Zentimetern variabel. Da ist das Einwassern einfach. Und Liegeplatzprobleme gibt es auch keine.

So ein Boot kann man auf dem Anhänger überall hin mitnehmen, wo es segelnswert und schön ist. Zum Beispiel nach Schweden zu einer ausgiebigen Erkundung des Mälarsee, Stockholms und des wahrlich paradiesischen Schärengartens. Dort verbrachte das Ehepaar Huss einen dreiwöchigen Segelurlaub.

Mal wurde an irgendeinem Stein angelegt, mal an einer praktischen Birke, wie sie rings um die Südwasserseen zahlreich herumstehen, fest gemacht. Mal fand sich ein Liegeplatz neben einem Biberbau. Das ist Welten angenehmer, als neben einem normalmuffeligen Angeber mit seinem Dickschiff mit sämtlichen Schikanen anlegen und sich von oben herab bemitleiden zu lassen.

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Mal fand sich sogar ein formidabler Steg mit Sitzbänken zum Brutzeln Essen und Geschirr spülen. Abends gab’s zur Feier des Tages dann eine Dose Lübzer frisch gekühlt aus dem Mälarsee. Kein klar denkender Mensch braucht im Norden eine nur teure, schwere und lästige Kühlbox samt Batterie und Ladegerät. Oder die langen schwedischen Nächte wurden mit einer Flasche Rotkäppchen zelebriert.

Das Ehepaar Huss ist in einem Alter, wo man es gern etwas komfortabler hat und nach vier Jahrzehnten Ehe irgendwie auch aus dem Stadium frischer Verliebtheit heraus. Aber die beiden haben sich auf ganz wunderbare Weise die Begeisterung für die Natur und das einfach schöne Leben bewahrt.

Nach langer Anreise mit dem vollgepackten Auto und Anhänger wurde die Jolle an einem kleinen Ort in der Nähe von Schloss Gripsholm in den See geschoben, aufgetakelt und abgelegt. Mitten im schwedischen Hochsommer hatte es gut zehn Grad. In der Sonne war es wärmer.

Es gab mehr Mücken als Wind, gelegentlich einen gescheiten Guss mit gewittrigen Zugaben. Da bewährte sich die rasch über den Baum ausgebreitete Persenning. Bei Flaute legte sich Huss in die Riemen, so wie es in den Zwanziger Jahren üblich war. Ein Aussenbordmotor ist schwer, laut, stinkt, kostet nur Geld und springt nach Lust und Laune an. Ausserdem wäre so ein Hilfsquirl ein übler Stilbruch gewesen.

Dann zog es Huss Anfang Oktober mit seiner knuffigen Wanderjolle zur berühmten Segelwoche klassischer Yachten nach Saint Tropez. Bei diesem Termin kommt man vielleicht über Beziehungen als sehr vermögender Eigner eines prominten Klassikers mit seiner Kostbarkeit in den Hafen. Huss wasserte im benachbarten Port Grimaud ein. Er gondelte einfach rüber und war mit seinem stilvoll schönen Boot sogar bei den leider notorisch schnöseligen Franzosen willkommen.

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Die stäbige Wanderjolle mit Steilgaffel und beigem Spritzverdeck passte einfach in den Vieux Port. Natürlich wurde der mediterrane Saisonabschluss ausgiebig zum Schiffe gucken im Hafen und draussen auf dem Golf von Saint Tropez genutzt. Von ihrer Grösse her hätte sich die Schweriner Einheitsjolle gut als Beiboot der dort versammelten Rennschoner gemacht. Aber um schiere Grösse geht es Anfang Oktober in Saint Tropez nicht. Eher um stilvoll, richtiges Segeln wie früher. Das geht mit einer geklinkerten Wanderwolle aus Eiche aus den Zwanzigern Jahren ausgezeichnet.

Mann braucht nur eine Freundin oder Frau, die das nicht irgendwie duldet, sondern versteht, mag und natürlich selbst die genau richtige Einstellung. Eine Schweriner Enheitsjolle ist dank ihrer breiten Plicht und der enormen Stabilität ideal. Solche Reisen gehen aber auch mit anderen, bewährten Tourenjollen, die gebraucht für kleines Geld zu haben sind und die man - wie das Ehepaar Huss aus Schwerin - ein Wanderjollenleben lang einfach daheim am Hauslago oder in Schweden oder Saint Tropez segelt.

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