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Abgewrackt

Autor: Michael Kunst
  

Wohin mit Booten, die keiner mehr will? Über die (wenigen) Möglichkeiten, modernen Kunststoffyachten ein würdiges Ende zu bereiten.

Abgewrackt
Jedem Club seinen Sondermüll ©miku

Gibt es ein Leben nach dem Tod? Auch wenn Sie so viel Philosophie auf diesem Blog nicht unbedingt erwartet hätten, lohnt sich doch ein kurzer, gedanklicher Exkurs, um der Frage aller Fragen auch beim Thema Wassersport «auf den Grund zu gehen». Präziser formuliert: Gibt es für Boote, Yachten, Schiffe aus vermeintlich «modernen Materialien», deren «Zeit gekommen» bzw. «deren Tage gezählt» sind, eine weitere Verwendung? Und überhaupt: Wo genau landen eigentlich unsere grossen und kleinen Wassersportgeräte (an), nachdem sie ihre letzte Fahrt beendet haben?

«Beim Abwracker» werden jetzt viele spontan antworten. Nicht zuletzt, weil das die gängige Antwort ist, die wir irgendwo, irgendwann einmal aufgeschnappt haben. Nur, stimmt das tatsächlich auch in den vermeintlich modernen Zeiten?

Prinzip funktioniert, aber nicht bei Yachten

Die Antwort darauf müsste ein zähneknirschendes «njjaein» sein. Zwar funktioniert ausgerechnet bei der ansonsten umweltverpestenden Handels- und Kreuzfahrtschifffahrt das Prinzip des Abwrackens im Sinne einer Wiederverwertung erstaunlich gut. Obwohl in typischen Ländern mit florierender Abwrackindustrie wie etwa Indien und Bangladesh miserable Arbeitsbedingungen zu beklagen sind, klappt doch das Zerlegen der Schiffe und die Rückführung der einzelnen, beim Abwracken gewonnenen Rohstoffe in den Verwertungskreislauf erstaunlich gut.

Der Grund dafür ist simpel: Ein Grossteil der auf Ozeanriesen verwendeten Stoffe ist tatsächlich im klassischen Sinne recyclingfähig.

Dies galt bis vor fünfzig Jahren auch für die meisten Boote und Yachten im Wassersport. Die damals gängigen Rumpf- und Aufbaumaterialien waren Holz und Stahl, die beide auch unter modernen, umweltspezifischen Anforderungen als bestens recycelbar bzw. abbaubar gelten. Doch seitdem die moderne Spassgesellschaft mit Boot- und Yacht-Massenproduktionen aus Kunststoffen wie PVC und GFK begonnen hatte, erschuf sie im Prinzip zeitgleich ein elementares Entsorgungsproblem.

Zumindest ihr Rumpfmaterial wird noch uns lange erhalten bleiben © miku Zumindest ihr Rumpfmaterial wird noch uns lange erhalten bleiben © miku

Eigentlich ist es wie mit dem im Alltag verwendeten Plastik: Es wurde in unvorstellbaren Mengen für alle nur erdenklichen Gelegenheiten produziert – und keiner scherte sich darum, was es bedeuten könnte, wenn man eine sogenannte Halbwertzeit von ein paar Tausend Jahren abwarten muss, bis sich der Kunststoff mehr oder weniger in seine Bestandteile zerlegt hat. Die Resultate solch einer «kurzen» Gedanken- und Handlungskette bekommen derzeit unsere Sieben Meere und Ozeane zu spüren: Sie verkommen zu gigantischen Müllplätzen unserer vermeintlichen Zivilisationen.

Zumindest in der Konsequenz verhält es sich ähnlich mit Booten und Yachten, die hauptsächlich aus Kunststoffen gebaut sind. Auch sie wurden zunächst achtlos mit Materialien produziert, von denen man zwar wusste, dass ein Recycling (wenn überhaupt) nur schwer möglich sein dürfte. Nach dem Motto «nach uns die Sintflut» eroberten PVC, GFK und neuerdings auch Kohlefasern den Bootsbaumarkt. Doch ganz so, als würde man buchstäblich «Boote für die Ewigkeit» schaffen, scherte sich kaum jemand darum, was mit ihnen passieren wird, wenn sie als solche nicht mehr einsatzfähig sein werden.

Alles hat ein Ende

Wahrscheinlich ist dies nur allzu menschlich gedacht. Denn wenn man schon Schiffe aus Materialien baute, die deutlich langsamer altern als etwa organische Stoffe wie Holz, dachte man wohl daran, dass man die Boote sozusagen konsequent von Generation zu Generation, von Wassersportler zu Wassersportler weiterreichen würde. Was ja auch nahezu perfekt funktionieren kann, wie nicht zuletzt auf boot24.ch deutlich wird.

Holzwracks können mit einer baldigen Erlösung ihres irdischen Dasein rechnen © miku Holzwracks können mit einer baldigen Erlösung ihres irdischen Dasein rechnen © miku

Doch alles hat bekanntlich auch ein Ende. Und dies wird derzeit aus demografischen Gründen mehr als deutlich. So hat der Wassersportmarkt vor allem in Europa ein Problem: Mit den eher geburtenschwachen Jahrgängen geht der Nachwuchs aus. Zudem sind die technischen Fortschritte im Laufe der letzten zwanzig bis dreissig Jahre so eklatant, dass sich die uralten unter den Kunststoffbooten nurmehr schlecht weiterreichen lassen.

So kommt es, dass entlang Europas Küsten und Binnenseen immer häufiger herrenlose, vergammelnde Boote und Yachten zu finden sind, deren Besitzer entweder starben, zu anderen Yachten wechselten oder sich verantwortungslos aus «dem Staub gemacht haben». Kaum ein Club oder Yachthafen, der nicht mindestens eines dieser «Wracks», oft gefüllt mit Altelektrik und Schmierstoffen, «auf der grünen Wiese» liegen oder im Hafenbecken dümpeln hat. Mehr oder weniger schwimmender Sondermüll, der sich zu einem stetig wachsenden Entsorgungsproblem mausert.

Babyboomer bringen Entsorgungsprobleme

In den Niederlanden wurde vor zwei Jahren eine durchaus auch für andere europäische «Wassersportnationen» interessante Studie in Auftrag gegeben. Demnach müssten bei aktuell 500.000 «aktiven» Booten und Yachten unter Berücksichtigung des erwähnten, mangelnden Nachwuchses spätestens ab 2025 etwa 35.000 Yachten allein in den Niederlanden als Sondermüll entsorgt werden. Denn dann werden die in Westeuropa als «geburtenstark» oder «Babyboomer» bekannten Jahrgänge aufhören, ihrem Hobby zu frönen.

Das Problem dabei: eine Entsorgung, geschweige denn ein Recycling, ist im umweltverträglichen Sinne technisch noch nicht möglich! Denn für die Kunststoffe Polyester und GFK gibt es noch kein im grossen Stil einsetzbares Verwertungskonzept.

Hier sei die Umweltpolitik im grossen Masse gefordert, sind sich die Wassersportverbände in Skandinavien, Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und der Schweiz einig. Doch dort hat man ganz offensichtlich das Problem als solches, gerade im Zusammenhang mit dem Meeresschutz, noch nicht im vollen Umfang erkannt.

Zwar werden in den meisten Staaten mittlerweile hohe Geldstrafen fällig, wenn man seinen «alten Joghurtbecher» auf die nahezu klassische Weise entsorgt: Raus aufs Meer, Seeventile öffnen oder gleich ein Loch in die Bordwand schlagen, den Kahn absaufen lassen und mit dem Dinghi in aller Ruhe wieder Richtung Ufer tuckern. Gerne werden solche Aktionen auch mit Versicherungsbetrug kombiniert, wobei hier jedoch die Aufklärungsrate höher ist, als beim still und heimlich vollzogenen «Verlust» des Bootes oder der Yacht.

Zwei Wracks, ein Entsorgungsproblem © miku Zwei Wracks, ein Entsorgungsproblem © miku

Der Grund für solche wenig eleganten Entsorgungsmethoden ist – wie so oft – das liebe Geld. Je nach Zustand des Bootes verlangen die wenigen Betriebe (meist Werften), die ein Abwracken von Kunststoffbooten anbieten, derzeit zwischen 1.000 und 1.700 Euro pro Tonne Verdrängung. Wobei, wohlgemerkt, eine korrekte Entsorgung im umweltverträglichen Sinne nicht immer gewährleistet ist.

«Geht auch gar nicht,» sagen die Abwracker mit Hand auf dem Herzen. Denn der moderne Bootsbau mischt immer mehr unterschiedliche Kunststoffe etwa in einen Bootsrumpf, so dass es mit derzeitigen technischen Mitteln unmöglich erscheint, eine tatsächlich saubere Trennung, Entsorgung oder Wiederverwendung durchzuführen. Also bleiben von der ehemals stolzen Kunststoffyacht haufen- und tonnenweise Häcksel, die (in den besseren Fällen) beispielsweise im Strassenbau eingesetzt werden können. Aber eben auch dort nur vorläufig «aus den Augen sind» und irgendwann entsorgt oder recycelt werden müss(t)en.

Kein Wunder also, dass man sich als verantwortungsvoller Eigner anderer Methoden bedient. So ist in Einzelfällen schon bekannt geworden, dass alte Kunststoffboote für Spielplätze zumindest optisch aufgehübscht wurden.

Doch das kann selbstverständlich nicht «der Weisheit letzter Schluss» sein. Forschung und Politik sind hier gleichermassen gefordert. Bis es eine schlüssige Lösung geben wird, könnte man verstärkt auf die optimale Vernetzung der Wassersportgemeinde untereinander setzen. Wer also ein noch so aussichtslos erscheinendes «Wrack» hat und auf boot24.ch inseriert, kann durchaus auf Menschen in anderen Landesteilen und Ländern treffen, die – aus welchen Gründen auch immer – genau so ein Boot suchen. Womit dem längst abgeschriebenen Wrack nochmals eine längere Daseinsfrist gegeben wäre…

Einfach liegen lassen © miku Einfach liegen lassen © miku

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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