Boot und Auto7 min Lesezeit

Schwimmauto: Fahren oder Skippern?

Die kuriose Geschichte der Schwimmautos von den Anfängen bis zum Foilen

Schwimmauto: Fahren oder Skippern?
Strandpartie. Schwimmauto «Tonic» mit Kotflügeln © Esoro

Drei Viertel der Erde sind wasserbedeckt. Das schränkt Landmenschen arg ein. Jeder Autofahrer kennt das rot umrandete Gefahrenschild mit der Abbildung eines ins Wasser stürzenden Wagens.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 31.05.2017

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Einblicke in die spezielle Welt der schwimmenden Autos
  • die Geschichte des Schwimmauto seit 1899
  • wie sich deutsche Tüftler am Thema versuchten
  • wiederholte Versuche zur Serienfertigung
  • Passagen des Ärmelkanals damit in Rekordzeiten
  • was es mit dem High-Speed Amphibian auf sich hat
  • wie Schweizer Spezialisten am Thema bleiben
  • Schwimmauto statt Beiboot
  • Schwimmauto mit Tragflächen

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Nun weiß die Menschheit schon länger, dass an Land nicht Schluss sein muss. Es gibt bekanntlich Boote. Doch wozu vom Auto umsteigen, wenn man auch sitzen bleiben und einfach weiter, ins Wasser fahren kann?

Zeichen 129, StVO 1992: Ufer (Waterside Edge)
Zeichen 129, StVO 1992: Ufer (Waterside Edge) © Public Domain

Das dachte sich ein Däne im Reich der vielen Inseln bereits 1899, als er mit seinem Magrelen Amphibium zum Strand fuhr. Es gilt als erstes Schwimmauto und soll mit einer Art Verbrennungsmotor unterwegs gewesen sein. Auch die Schweizer, obwohl sie eher Berge als Wasser haben, beschäftigten sich früh mit dem Thema. Das Modell Garbaccio wurde Anno 1913 auf dem Wasser mit einem großen Luftpropeller bewegt. Im Vereinigten Königreich entstand Anfang der Zwanzigerjahre mit dem Mathieson Seacar eine Kreuzung aus Rettungsboot und Ford T Chassis.

Mit dem «SG6» zur blauen Grotte von Capri

Ein unermüdlicher Tüftler war der Deutsche Hanns Trippel. Er dachte sich im Lauf seines Lebens dreißig verschiedene Schwimmauto-Modelle aus. Trippel fuhr bereits als junger Mann mit seinem Land-Wasser-Zepp, einem Schwimmauto aus Aluminiumblech auf einem 600-cm³-DKW-Chassis, in den Darmstädter Oberwaldhausteich. Von diesem Experiment ermutigt steuerte er bald den Rhein in der Nähe von Oppenheim an. Später pütterte er während einer Italienreise mit seinem Schwimmgeländewagen vom Typ SG6 nach Capri und schaute bei der Gelegenheit auch mal bei der blauen Grotte rein.

Eigentlich wollte er mit seinem Gefährt von Sizilien nach Afrika übersetzen, aber das passte seinen Auftraggebern im Deutschen Reich nicht. Denn die amphibischen Möglichkeiten waren für das Militär zu interessant. So wurde der SG6 2.500 mal gebaut, ab 1941 sogar mit Allradantrieb. Ein von Ferdinand Porsche auf der Basis des KdF-Wagens entwickeltes Schwimmauto entstand in 14.000 Exemplaren. In den Staaten entwickelte Ford einen schwimmfähigen Jeep.

«Amphicar» in Fjordgrün
«Amphicar» in Fjordgrün © Rudolf Stricker

1942 dachte sich ein ungarischer Ingenieur in Amerika das sogenannte Hydromobil mit Holzrumpf aus. Die Räder wurden zugunsten des geringeren Wasserwiderstand vom Schwimm-Modus eingeklappt. Auf diese Technik setzt auch der «Aquada» von Gibbs Technologies, der vor einigen Jahren mit Rekordquerungen des Ärmelkanals von sich reden machte und bis zur Serienfertigung gebracht wurde. Die wiederholt angekündigte Produktion steht noch aus. Sage und schreiben sechzig Patente stecken in diesem schnellen, an den Mazda MX-5 erinnernden Gefährt.

Strandweiß, Regattarot, Lagunenblau oder Fjordgrün?

Eine beeindruckende Stückzahl erreichte in den Sechziger Jahren das von Trippel entwickelte «Amphicar». Die Quandt Gruppe der gleichnamigen deutschen Industriellenfamilie sah dafür in den USA einen Markt. Die Produktion war kühn auf einen jährlichen Absatz von 20.000 Exemplaren angelegt. Der Wagen wurde in Strandweiß, Regattarot, Lagunenblau und Fjordgrün angeboten. Den zierlichen 4,30 m langen und 1,50 m breiten Zweisitzer gab es nur als Cabrio.

Motorisiert war der Zwitter mit einem 43 PS Vierzylinder des englischen Triumph Herald 1200, der in einer ähnlichen Variante noch bis 1980 im Triumph Spitfire eingebaut wurde. An Land erreichte das «Amphicar» 110 Stundenkilometer. Im Wasser wurde es von zwei Nylonpropellern unter der hinteren Stoßstange angetrieben. Damit waren bis zu 7 Knoten drin. Angesichts der kurzen Wasserlinie eine respektable Geschwindigkeit.

Schwimm-Trabbi?

Die aufwändige doppelbödige Karosserie machte das Auto mit damals 12.000 Mark (in den Staaten um die 3.000 Dollar) jedoch so teuer wie einen richtigen Sportwagen. Die große Bodenfreiheit und der hinten eingebaute Motor verliehen dem «Amphicar» leider die Straßenlage einer fahrenden Badewanne. Auch war der Zweisitzer eng und auf der Straße langsam.

Und er ähnelte dem bekanntesten Erzeugnis ostdeutschen, nicht eben fortschrittlichen Automobilbaues derart, dass er hierzulande bald als «Schwimm-Trabbi» verspottet wurde. Es rettete das «Amphicar» nicht, dass 1962 zwei Franzosenden Ärmelkanal in 5 Stunden und 20 Minuten damit querten und sich später gleich mit zwei englischen Exemplaren auf den Rückweg machten. Auch der Auftritt eines «Amphicar» im Film «Inspector Clouseau» rettete das Experiment nicht. Als Herbert Quandt das Schwimmauto-Abenteuer in den Sechzigerjahren beendete, hatte er eine stattliche Summe versenkt.

Regattarotes «Amphicar» in seinem Element
Regattarotes «Amphicar» in seinem Element © Valder137

Der Kompromiss aus Auto und Boot wurde einmal als «weder ein gutes Autos, noch gescheites Boot» beschrieben. Die Fans der Schwimmauto-Szene sehen die Sache natürlich genau anders herum. «Das Amphicar ist das schnellste Auto im Wasser und das schnellste Boot auf der Straße.»

3.046 der 3.878 «Amphicars» gingen in die USA. Mehr als siebenhundert Exemplare existieren noch, was für die Qualität und mehr noch für die Begeisterung und Beharrlichkeit der Besitzer für den Erhalt ihrer fahrenden und schwimmenden Kuriositäten spricht. Alljährlich wird es zu sogenannten Swim-ins, einem gemeinsamen Schwimmauto Badetag, seiner schönsten Bestimmung, dem Wasser zugeführt. An Elbe und Havel und natürlich auch in manchem Gewässer im Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

1993 wurde in Frankreich der Renault Racoon entwickelt, ein Offroad Konzept, das über Stock und Stein hinaus auch mit Wasser fertig werden sollte. Das Allrad Auto mit einem V6 Turbo sollte im Wasser fünf Knoten erreichen. Ein Kompass am Armaturenbrett gehörte zur Grundausstattung. Wie bei den meisten Schwimmautos handelte es sich auch beim Renault um ein vorne und unten herum zweckmäßig zum geschlossenen Unterwasserschiff abgedichtetes Auto, dessen Fahrwerk und Räder durch das Wasser gezogen werden.

Richard Bransons Landgang mit dem «Aquada»
Richard Bransons Landgang mit dem «Aquada» © Peter Shaw

Der 2002 vorgestellte «Aquada» geht hinsichtlich Fahrleistungen und Manövrierfähigkeit schon anders zur Sache. Vom gebürtigen Neuseeländer Alan Gibbs in siebenjähriger Entwicklung, abgesichert von sage und schreibe 60 Patenten und von Gibbs Technologies in England gebaut, überzeugt das Gefährt mit beeindruckenden 160 km/h Spitze auf der Straße und 27 Knoten im Wasser. Im April 2004 bretterte der englische Millionär Sir Richard Branson damit in einer Stunde, 40 Minuten und sechs Sekunden über den Ärmelkanal. Damit war die amphibische Rangordnung zugunsten Großbritanniens wiedergeherstellt. Aber nur für wenige Jahre. Die Sache wurde mit einem schweizerischen Erzeugnis korrigiert. Doch dazu später.

«Tonic» 2008 in Calais beim Start zur Querung des Ärmelkanals
«Tonic» 2008 in Calais beim Start zur Querung des Ärmelkanals © Esoro

Auch die Beschleunigungswerte des 175 PS Roadsters sind beachtlich: auf der Straße erreicht er die 100 km/h Marke in weniger als zehn Sekunden. Im Wasser soll der «Aquada» bereits in fünf Sekunden den Gleitzustand erreichen. Das Gefährt ist sogar wasserskitauglich. Das sogenannte High-Speed Amphibian, kurz HSA genannt, ist im Wasser mit clever in die Radkästen eingezogenen Rädern unterwegs. Der Mechanismus dazu ist gleichermaßen aufwändig wie wirksam. Die Umschaltung vom Straßen- auf den Wassermodus erfolgt per Knopfdruck und soll in vier Sekunden erledigt sein. Nach Prüfung der ausreichenden Wassertiefe werden die Räder vom Antrieb abgekoppelt und geborgen.

Trimmklappen werden ausgefahren und die straßenübliche Beleuchtung auf die maritime Variante mit Posiionslaternen umgeschaltet. Beim Ablegen muss der Fahrer bloß auf eine Mindestdrehzahl von 2.000 U/min achten, damit der Strahlantrieb genug Wasser ansaugt. Und der hat es hinsichtlich Leistungsgewicht und Abmessungen in sich. Der in Anlehnung an einen Waterbike-üblichen entwickelte Jetantrieb bietet bei ganzen 90 Zentimetern Länge und 40 Kilogramm Gewicht mehr als eine Tonne Schub.

«Tonic» in Dover als Auto
«Tonic» in Dover als Auto © Esoro

Mit all dieser leistungsstarken Technik soll der Wagen leer ganze 1.350 kg wiegen. Platz für den Fahrer oder Skipper ist in der Mitte. Die Begleitung sitzt Back- und Steuerbord. Der «Aquada» wird so teuer wie ein exquisiter Sportwagen. Doch blieb es bisher bei den viel versprechenden Prototypen. Dabei ist das Schwimmauto genau das Richtige für Fahrer und Skipper, die sonst schon alles haben.

Das Boot zum Brötchen holen

2008 querte das Amphibienfahrzeug «Tonic» die 36 Kilometer lange Strecke vom französischen Calais zum englischen Dover in einer neuen Rekordzeit. Das Team um den deutschen Unternehmer und Segler Prof. Hans Georg Näder brauchte für die Distanz gerade mal eine Stunde, 14 Minuten und 30 Sekunden. Damit war Bransons Rekord Geschichte.

Ein 170 PS starker Turbo-Diesel mit 2 l Hubraum treibt die Hinterräder, beziehungsweise den Propeller an. Im Wagen, respektive an Bord finden bis zu vier Personen Platz. Entwickelt wurde das Gefährt vom Schweizer Spezialisten Esoro.

«Tonic» entstand als Tender für Näders Segelyacht «Pink Gin». Es wird mit weggeklappter Frontscheibe in einer Wanne im Vordeck der Yacht verstaut und von dort auf das Kai nebenan gestellt. Liegt die Yacht irgendwo vor Anker, wird «Tonic» ins Wasser ausgesetzt. Per Göran Johansson von Baltic Yachts erinnert, dass Näder ihn eines Tages, während die Planungen für die 152-füssige «Pink Gin» bereits weit fortgeschritten waren, nach den Abmessungen der Wanne im Vordeck der neuen Yacht fragte, weil sie mehr als das übliche, nur schwimmfähige Beiboot, nämlich das gerade entwickelte Schwimmauto aufnehmen sollte.

Das vielseitige Beiboot von «Pink Gin»
Das vielseitige Beiboot von «Pink Gin» © Baltic Yachts

Im Bootsbetrieb verschwindet das Fahrwerk hinter komplett schließenden Radhäusern im hydrodynamisch optimierten Rumpf. Durchdacht sind auch die Keramik-Bremsanlage, das Getriebe und die Hochdruck-Hydraulik für den Vierradantrieb. Ein spezieller Karbon-Tunnel über dem Propeller bietet bei geringem Tiefgang ausreichend Schub für Fahrten mit bis zu 30 Knoten. Das Fahrwerk ist für den Landmodus stufenlos höhenverstellbar. Es kann bis zu 120 km/h gefahren werden. Esoro, der Schweizer Spezialist für Prototypenbau, Sonderentwicklungen und Spezialfahrzeuge berichtet von einer beeindruckend kurzen Transformationszeit vom Auto und Boot innerhalb weniger Sekunden.

«Tonic» als Tender unterwegs beim Brötchen holen»
«Tonic» als Tender unterwegs beim Brötchen holen» © Esoro

Das ideale Beiboot für Eigner, die ihre Freunde gern persönlich in Nizza am Flugplatz abholen. Auch Brötchen holen macht damit mehr Spaß. Dass das Thema noch nicht ausgereizt ist, zeigt «Rinspeed», ein Amphibienfahrzeug ebenfalls von Esoro, dass an Land angeblich 200 km/h und auf, genauer über dem Wasser gut 25 Knoten erreicht. Es handelt sich um ein Tragflächen“boot“ und entstand bereits 2004 für einen amerikanischen Eigner.

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VG