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Frauen auf See – Kurs Freiheit

Seefahrerinnen sind mehr als nur eine Randnotiz der Geschichte auf Meeren und Ozeanen

Frauen auf See – Kurs Freiheit
Die See war immer eine Männer-Domäne – oder doch nicht? © Wilhelm von Kaulbach (um 1900), Wikipedia / Public Domain CC0 1.0 + Paul Harrison / alamy.com

Die See war immer Sehnsuchtsort und Prüfstand zugleich – doch die grossen Erzählungen gehören meist den Männern. Dieser Text rückt Frauen in den Blickpunkt: Forscherinnen, Piratinnen, Fischerinnen und Skipperinnen, die sich verkleideten, unterschätzt wurden und dennoch unbeirrbar ihren Platz auf dem Wasser erkämpften. Eine Reise durch Jahrhunderte – mit seltenen Schicksalen, die erstaunlich modern klingen.

veröffentlicht am 08.05.2026

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Verkleidete Pionierinnen: Jeanne als „Jean“ auf Weltumsegelung
  • Unter falschem Namen: Mary Lacy und Maria Dielin – Frauen, die als „William“ und „Jacob“ zur See fuhren.
  • Reisen als Widerstand: Ida Pfeiffer und der staunende Blick einer Schriftstellerin
  • Macht auf dem Wasser: Grace O’Malley, Jeanne de Belleville, Artemisia und Teuta – Herrscherinnen, Piratinnen, Strateginnen.
  • Arbeit statt Mythos: Fischerinnen, Berufspionierinnen und Überlebenskünstlerinnen – von Island bis zur Passagierschifffahrt.
  • Moderne Ikonen: Solo-Seglerinnen, Rekorde, Rettungseinsätze
  • Isabelle Autissier: Stimme der Inuit-Frauen

Die See, die "grosse Unbekannte“ – Sehnsuchtsort der Träumer und Neugierigen, Spielplatz der Mutigen, Labor der Forschenden. Seit Jahrhunderten erzählen jedoch die Chroniken nahezu ausschliesslich vom Fernweh und den Abenteuern der Männer. Nur „zwischen den Zeilen“ sind Frauen auszumachen, die ebenfalls zum Horizont gelangten und somit erlebten, was dahinter war. Es sind vergleichsweise wenige Geschichten, Abenteuer und Erfahrungen überliefert, in denen Frauen zu Protagonistinnen auf See wurden. Erst ein Blick zurück und jahrelange Forschungsarbeiten in Archiven brachten Informationen, Geschichten und Erlebnisberichte rund um seefahrende Frauen zutage. Sie geben allerdings einen schwachen Eindruck davon wieder, wie viele Abenteuer und sogar Entdeckungen im Laufe der letzten Jahrhunderte von Seefahrerinnen gemacht wurden. Dass viele darunter für immer in Vergessenheit bleiben werden, ist der Dominanz der Männer geschuldet, die das weibliche Geschlecht auf Reisen, Entdeckungsfahrten oder Eroberungen nur selten neben sich duldeten – und erst recht nicht darüber berichteten. Erst im Laufe des 20. Jahrhundert sind Frauen fester Bestandteil vieler Crews auf Schiffen und Booten geworden, ganz egal, ob auf Forschungsreisen oder Regatten rund um den Globus.

Es folgt eine Einladung zu einer Reise durch die Zeit, auf der wir dem Kielwasser von Forscherinnen, Piratinnen, Fischerinnen und Skipperinnen folgen. Jede dieser Frauen musste sich in einer von Männern dominierten Welt teils unter hohen Risiken durchsetzen, sie musste ihr Geschlecht verleugnen, indem sie sich als Mann ausgab, oder ihr „Handwerk“ grundsätzlich besser verstehen, als ihre männlichen Kollegen. Man müsste Bücher über Frauen auf See schreiben, und eine Aufzählung wie die folgende wird ihnen bei Weitem nicht gerecht. Selbstverständlich können wir sie nicht alle würdigen oder zumindest en detail beschreiben, doch vermitteln die (willkürlich ausgewählten) Schicksale hoffentlich einen Eindruck über die tatsächliche, aber eben allzu häufig vergessene Rolle der Frauen auf den Ozeanen und Meeren.

Jeanne Baret, verkleidet als Jean, der Matrose
Jeanne Baret, verkleidet als Jean, der Matrose © Cristoforo Dall'Acqua (1734–1787) / Wikipedia, Public Domain CC0 1.0

Verkleidete Pionierinnen

Die Französin Jeanne Baret entstammt einfachen Verhältnissen: 1740 in Autun geboren, wuchs sie in einer armen ländlichen Familie auf und verdingte sich als Kräutersammlerin. Der in der Nähe lebende Naturforscher und Botaniker Philibert Commerson wurde auf sie aufmerksam und engagierte sie als … Haushälterin! Schon wenig später begleitete Jeanne ihren Arbeitgeber auf seinen Exkursionen in den Pyrenäen und der Schweiz. Nach dem Tod von Commersons Frau dauerte es nicht lange , bis Jeanne schwanger war und die beiden in das etwas tolerantere Paris fliehen mussten, wo das gemeinsame, heimlich geborene Kind schliesslich einer Pflegefamilie überlassen wurde. Zu gleicher Zeit brach Louis‑Antoine de Bougainville 1766 zur ersten französischen Weltumseglung auf, zu der Commerson als anerkannter Forscher und Botaniker eingeladen wurde. Damals waren Frauen an Bord von Expeditionsschiffen ausdrücklich verboten. Aber Philibert ohne seine „Assistentin“ Jeanne? Also schlüpfte Jeanne in eine andere Haut: Sie schnitt ihr Haar kurz, band ihre Brust mit Leinen ab und nannte sich naheliegend „Jean“ . Zusammen mit 330 Männern ging sie an Bord der Étoile; niemand ahnte, dass unter dem weiten Matrosenhemd eine Frau arbeitete. Da sie „nur“ Assistent von Commerson war, musste sie an Bord mithelfen; kaum war Land in Sicht, ackerte sie zudem an der Seite des an einem verletzten Knie „laborierenden“ Commerson und sammelte mehr oder weniger allein Pflanzen, mischte aus Beeren und Kräutern Heilmittel und versorgte die Mannschaft mit Vorräten gegen Skorbut. In Brasilien entdeckte sie eine farbenfrohe Kletterpflanze, die später zu Ehren des Admirals Bougainvillea heissen sollte. Am Ende der Reise hatte sie zusammen mit Commerson mehr als 6 000 Pflanzenexemplare katalogisiert. Auf Tahiti – das in europäischen Reiseberichten jener Zeit stark exotisiert wurde und als sexuell ungewohnt freizügig galt – erkannten Einheimische die Frau hinter der Verkleidung Die Stimmung an Bord des französischen Weltumseglers wandte sich danach deutlich gegen das nun offensichtliche Paar Baret und Commerson: die beiden mussten 1768 in Mauritius von Bord gehen. Dort sammelten beide weiter, bis Commerson 1773 starb. Baret eröffnete eine kleine Schenke, heiratete den Soldaten Jean Dubernat und kehrte 1774/75 nach Frankreich zurück, womit sie als erste Frau die Erde umrundete. Für ihre Leistung erhielt sie 1785 eine kleine Pension, geriet jedoch bald in Vergessenheit. Genau zwei Jahrhunderte später interessierten sich Historiker für die Geschichte dieser aussergewöhnlichen Frau, doch erst 2017 wurde Jeanne ein Gedenkstein gewidmet.

Artemisia kämpfte mit viel List an der Seite von Xerxes und räumte endgültig mit dem Märchen auf, dass Frauen bitteschän an Land bleiben sollen
Artemisia kämpfte mit viel List an der Seite von Xerxes und räumte endgültig mit dem Märchen auf, dass Frauen bitteschän an Land bleiben sollen © Wilhelm von Kaulbach (um 1900), Wikipedia / Public Domain CC0 1.0

Als „William“ und „Jacob“: me(e)r Frauen und ihre wilden Schicksale

Die Britin Mary Lacy wählte zur gleichen Zeit den gleichen Weg. 1759 heuerte sie als Schiffsjunge unter dem Namen William Chandler an, lernte das Handwerk der Schiffszimmerei, legte später als erste Frau Grossbritanniens die Meisterprüfung ab und erhielt schliesslich von der Admiralität sogar eine Pension.

Ein Jahrhundert zuvor hatte Maria Dielin als verkleideter Matrose das Deck eines niederländischen Handelsschiffes betreten. Laut dem Augenzeugenbericht des Soldaten Christian  Burckhardt stammte sie aus einer angesehenen Familie in Delft und hatte ihre Verkleidung gewählt, weil sie nach einer unstandesgemässen Liebesaffäre mit einem Mann, der sie später sitzen liess, der Schande entfliehen wollte. An Bord der Maurice  Eilandt erfüllte sie ihre Aufgaben als „Jacob“ unauffällig, drillte und wachte wie die Männer und fiel durch Fleiss und tadelloses Benehmen auf. An Bord waren übrigens weitere Frauen, allerdings als Gattinnen zweier Offiziere und eines Kaufmanns. Diese drei Frauen starben im Laufe der Reise an der Ruhr. Der nun verwitwete Kaufmann nahm sich der mittlerweile aufgeflogenen Maria Dielin „an“, gab ihr die Kleider seiner verstorbenen Frau und vermittelte ihr in Batavia die Ehe mit einem Buchhalter. Die niederländische Ostindien‑Kompanie belohnte sie angeblich mit einer lebenslangen Rente für ihren vorbildlichen Dienst an Bord.

Mit Tagebuch und Sammelnetz: Ida Pfeiffer auf See

Die Wiener Reiseschriftstellerin Ida Pfeiffer brach Mitte des 19. Jahrhunderts mit 48 Jahren zu einer Weltreise auf Segelschiffen auf. Ihre Tagebücher berichten von Begegnungen mit Naturvölkern, dem Sammeln von Insekten und den kleinen Demütigungen, die eine allein reisende Frau damals zu ertragen hatte. Fünf Jahre später umrundete sie erneut den Erdball, dieses Mal mit einem wissenschaftlichen Auftrag: Sie kehrte mit naturkundlichen Schätzen zurück und finanzierte später ihre Reise durch Vorträge und Bücher. Pfeiffer schrieb nicht nur Reiseprosa, sie lebte eine Philosophie des staunenden Blicks, die bis heute inspiriert.

Lieber gleich mit der Königin direkt verhandeln
Lieber gleich mit der Königin direkt verhandeln © Wikipedia / Public Domain CC0 1.0

Königinnen, Piratinnen und Admiräle

Nicht alle Frauen suchten den Schutz der Anonymität. Manche traten offen als Herrscherinnen und Anführerinnen auf und schrieben als Seefahrerinnen Geschichte. Die irische Clanführerin Grace O’Malley, auch Granuaile genannt, soll sich als Mädchen die Haare abgeschnitten haben, um mit ihrem Vater an Bord seines Schiffes segeln zu dürfen. Dabei lernte sie nicht nur Seemannschaft, sondern eben plündern, kämpfen, entern – das „Handwerk“ der Seeräuber. Als sie schliesslich zur Clanführerin aufstieg, reichte ihr Aktionsradius bis nach Südeuropa. Die Legende beschreibt, dass sie einen Sohn während einer Überfahrt im Ärmelkanal gebar und noch am selben Tag ihr Schwert beim Entern eines englischen Handelsschiffes zog. Später verhandelte sie als Gefangene der Engländer persönlich mit Königin Elisabeth I. und erlangte königliche Gnade. Ihr Leben schillert zwischen Legende und Geschichte – in Irland gilt sie längst als Piratenkönigin und Symbol weiblicher Autonomie.

Meine Rache!

Einhundertfünfzig Jahre zuvor verkaufte die bretonische Adelige Jeanne de Belleville ihren Besitz, um gegen die französische Krone zu kämpfen. Nachdem ihr Mann Olivier IV. de Clisson 1343 hingerichtet worden war, stattete sie drei bis an die Zähne bewaffnete Schiffe aus – die „schwarze Flotte“ – und machte den Ärmelkanal mehr als unsicher. Über dreizehn Jahre lang griff sie französische Handelsschiffe an, liess nur wenige Überlebende frei (damit diese von den Triumphen der Piratin berichten konnten) und gab ihrem Flaggschiff den Namen „Meine Rache“. Erst 1356 beendete sie ihre Raubzüge, auch aus finanziellen Gründen. Genug der Rache!

Eigenes Schiff gerammt – entkommen!

Gehen wir noch etwas weiter in der Geschichte zurück. Artemisia I. von Halikarnassos kommandierte in der Seeschlacht von Salamis 480 v. Chr. fünf Schiffe an der Seite des Perserkönigs Xerxes. Sie war die einzige Frau unter seinen Admirälen und warb gegenüber dem Perserkönig für Vorsicht: Der Mythos erzählt, sie habe Xerxes von einem riskanten Flottenangriff im engen Fahrwasser von Salamis abgeraten. Xerxes hörte auf sie und "blies zum Rückzug". Als athenische Schiffe sie jagten, rammte Artemisia ein verbündetes (!) Schiff aus der persischen Flotte, täuschte so die Verfolger und entkam. Xerxes hielt das Manöver für einen Treffer gegen die Griechen und pries ausdrücklich ihren Mut.

Drei Mal sank das Passagierschiff, auf dem sie arbeitete. Jedes Mal überlebte die Stewardess Violett Jessop
Drei Mal sank das Passagierschiff, auf dem sie arbeitete. Jedes Mal überlebte die Stewardess Violett Jessop © Wikipedia / Public Domain CC0 1.0

Mit der römischen Flotte angelegt

Im dritten Jahrhundert v. Chr. herrschte Königin Teuta über das illyrische Reich an der Adria. Nach dem Tod ihres Mannes führte sie dessen Politik fort, tolerierte die Piraten ihrer Stämme, die sich u. a. auch mit der römischen Flotte anlegten. Als Teuta einen römischen Gesandten beleidigte, entsandte Rom eine Flotte zur Vergeltung. Nach langen Gefechten musste Teuta 228 v. Chr. abdanken.

Im 16. Jahrhundert erklang häufig und meist bewundernd der Name Sayyida al‑Hurra entlang der Küsten Nordafrikas. Als Tochter einer vertriebenen granadinischen Familie wurde sie Gouverneurin von Tétouan und und verbündete sich mit Hayreddin Barbarossa (Hızır Reis), dem osmanischen Korsaren und späteren Grossadmiral. Gemeinsam führten sie eine Piratenflotte, die spanische und portugiesische Schiffe im westlichen Mittelmeer heimsuchte. 1542 stürzte sie ein Putsch, doch in Marokko erinnert man sich noch heute an sie als Herrscherin mit eigenem Flottenkommando.

Endlich offiziell professionell

Die Seefahrt ist bekanntlich nicht nur Ruhm und Eroberung, sie ist vorwiegend Arbeit. In Islands rauem Norden wuchs Þuríður Einarsdóttir – später Thuridur Einarsdóttir – auf. Schon als Elfjährige begleitete sie ihren Vater zum Fischen; später kämpfte sie vor Gericht für gleichen Lohn und arbeitete sechzig Jahre lang auf See. Sie verlor nie eine Crew und erhielt in den 1820iger-Jahren als eine der ersten Frauen die Genehmigung, Hosen zu tragen!

Florence Arthaud am Ruder ihres Route du Rhum-Siegerbootes
Florence Arthaud am Ruder ihres Route du Rhum-Siegerbootes © Cal Sport Media / alamy.com

Gailana Lody schrieb 1959 deutsche Schifffahrtsgeschichte, als sie als erste junge Frau an der deutschen Seefahrtschule Priwall zugelassen wurde. Ihre Ausbildung umfasste alles vom Blinddarm‑Notfall bis zum Flaggenalphabet. Lody navigierte jahrzehntelang Frachtschiffe. In der häufig als reaktionär empfundenen Nachkriegszeit Deutschlands zeigte sie, dass technisches Wissen und Pragmatismus wichtiger sein können, als ödes Schubladendenken.

Drei Mal überlebt

Nicht jede Heldin zur See stand am Ruder: Violet Jessop, eine argentinisch‑irische Stewardess, diente an Bord der Olympic, der Titanic und der Britannic. Alle drei Passagierschiffe verunglückten und sanken – Jessop überlebte jedes Mal, rettete Passagiere und sprang beim Untergang der Britannic sogar ins Mittelmeer – angeblich nicht ohne vorher ihre Zahnbürste mitzunehmen.

Solo-Seglerinnen und Rekordhalterinnen

Der moderne Hochsee-Regattasport bereitete eine neue Bühne weiblicher Selbstbehauptung. Die Polin Krystyna Chojnowska‑Liskiewicz baute mit ihrem Mann die Yacht Mazurek, erhielt 1966 ihr Hochsee‑Patent und segelte 1976–78 als erste Frau allein um die Welt: 31 166 Seemeilen in 401 Tagen.

Die Französin Isabelle Autissier startete 1990/91 bei der BOC Challenge und wurde damit zur ersten Frau, die eine Solo-Weltumseglungsregatta im Wettbewerb beendete. Sie kommentierte später, es sei einfacher, allein zu segeln als in Teams, weil Frauen an Bord nicht vollständig akzeptiert würden. Autissier ist seither Schriftstellerin und Umweltschützerin.

Ellen MacArthur in Siegerpose
Ellen MacArthur in Siegerpose © Paul Harrison / alamy.com

Ellen MacArthur, britische Seglerin mit legendärem Durchhaltevermögen, wurde 2001 bei der Vendée Globe Zweite. 2005 umrundete sie allein die Welt, schneller als je ein Mensch zuvor, und wurde daraufhin von Königin Elizabeth II. zur Dame ernannt und 2008 von Frankreich mit der Légion d’honneur geehrt.

1990 gewann die Französin Florence Arthaud die Transatlantik‑Regatta Route du Rhum auf ihrem Trimaran Pierre 1er und wurde als „kleine Braut des Atlantiks“ gefeiert. Warum die Verniedlichung sein musste, wurde nie richtig aufgeklärt. Ihr Sieg auf einem Mehrrumpfboot (Achtung, Männerdomäne!) machte sie zur Ikone und wies mittlerweile unzähligen anderen Frauen den Weg in eine seglerische Unabhängigkeit auf hoher See.

Alter spielt keine Rolle

Und Jeanne Socrates? Sie zeigte, dass die Weltmeere nicht aufs Alter schauen. 2012-2013 segelte sie allein und ohne Pause als damals 72-Jährige um die Welt. Was sie als 77-Jährige fünf Jahre später wiederholte. Bis heute ein Rekord, der unter Frauen noch nicht einmal angegriffen, geschweige denn gebrochen wurde.

Retterinnen und Aktivistinnen

In der Gegenwart hat so manche Kapitänin eine andere Aufgabe: Menschen retten. Heute stehen Namen wie Carola Rackete und Pia Klemp für eine „neue Generation Frauen auf See“: Sie kämpfen für die Umwelt und/oder retten Leben auf See. Rackete, in Preetz geboren, studierte Nautik, fuhr für Greenpeace und das Alfred‑Wegener‑Institut und steuerte 2019 die Sea‑Watch 3 trotz Verbots in den Hafen von Lampedusa, um auf See gerettete Geflüchtete an Land zu bringen. Klemp kommandierte ebenfalls Rettungsschiffe im Mittelmeer, brachte Tausende Migranten in Sicherheit und musste sich deshalb vor italienischen Gerichten verantworten. Beide erhielten in Paris eine Auszeichnung, aber vor allem erwarben sie sich einen Platz in der langen Tradition mutiger Seefrauen.

Inuit-Frauen und die segelnde Umweltschützerin

Kommen wir zum Ende unserer Aufzählung nochmals auf die Französin Isabelle Autissier zurück. In ihrem Roman La fille du grand hiver (2025) zeichnet sie das Schicksal der Grönländerin Arnarulunnguaq nach. Dieses Mädchen wäre beinahe im Alter von sieben Jahren von ihrer Mutter erdrosselt worden, um in der Hungersnot der Familie „einen Mund weniger“ zu haben. Gerettet vom Bruder, wächst Arnarulunnguaq heran und schliesst sich 1921 der fünften Thule‑Expedition des Anthropologen Knud Rasmussen an. Ohne diese „kleine Frau“ hätte Rasmussen seine Sammlung ethnografischer Schätze nie nach Hause gebracht: Das Dänische Nationalmuseum betont, dass Arnarulunnguaq ein Multitalent war, das Schlitten lenkte und jagte und damit die 18 000 Kilometer lange Expedition quer durch Grönland, Kanada und Alaska am Leben erhielt. 

Ada Blackjack mit ihrem Sohn
Ada Blackjack mit ihrem Sohn © Wikipedia / Public Domain CC0 1.0

Zugleich engagiert sich Autissier für eine andere vergessene Geschichte aus dem hohen Norden: Die Inuit Ada Blackjack nahm 1923 als einzige Frau an einer Expedition zur Wrangel‑Insel teil. Die Expedition war organisatorisch und finanziell eine einzige Katastrophe. Nachdem im früh einsetzenden Winter die Vorräte nahezu aufgebraucht waren, trennte sich die Mann- (und Frau-)Schaft: drei der Männer brachen im Januar 1923 mit den letzten Schlittenhunden über das Packeis Richtung Sibirien auf, um Hilfe zu holen – und wurden nie wieder gesehen. Zurück blieben Ada Blackjack, die bis dahin „nur“ als Näherin angeheuert hatte, und Lorne Knight, der schwer an Skorbut erkrankt war: Sie pflegte ihn monatelang, brachte die Nahrung auf, lernte zu schiessen und hielt Eisbären vom Lager fern, bis Knight starb. Ada überlebte danach noch allein (mit Expeditionskatze „Vic“) bis zur Rettung im August 1923. Dass Autissiers Boote (neben den Sponsoren-Marken) den Namen „Ada“ tragen, spricht mehr als Bände.

Und heute?

Ohne sie im Rahmen dieses Artikels in die Geschichtsbücher verbannen zu wollen: Die 39-jährige Schweizerin Justine Mettraux ist das (aktuelle) Paradebeispiel für die Stellung moderner Hochsee-Regattaseglerinnen: Mettraux gilt nicht nur als die schnellste Frau, die jemals einhand die Welt umsegelt hat. Sondern zeigt so manchem männlichen Hochseehelden, dass man(n) Frauen auf See besser nicht unterschätzen sollte.

Heute sind Frauen längst Teil der immer weiter wachsenden Hochsee-Regattagemeinde. Hier das Konterfei von Justine Mettraux vor dem Start zur Vendée Globe 2024. Im Hintergrund das Boot der Deutsch-Französin Isabelle Joschke
Heute sind Frauen längst Teil der immer weiter wachsenden Hochsee-Regattagemeinde. Hier das Konterfei von Justine Mettraux vor dem Start zur Vendée Globe 2024. Im Hintergrund das Boot der Deutsch-Französin Isabelle Joschke © M. Kunst

Bei der letzten Vendée Globe (2024–2025) brauchte sie 76 Tage, 1 Stunden, 36 Minuten, 52 Sekunden und wurde Achte im (immer noch Männer-dominierten) Gesamtclassement. Dass sie mit der Vendée Globe weiterhin nicht „fertig ist“, zeigt sich im derzeit noch im Bau befindlichen IMOCA aus der Feder von Guillaume Verdier. Hiremit will sie bei der Vendée Globe 2028 die Top Five angreifen. Und überhaupt – müsste nicht endich mal wieder eine Frau aufs Treppchen dieser Prestige-Regatta um die Welt?

Alles eine Frage der Perspektive

Die Geschichten dieser Frauen zeigen, dass Seefahrt nie exklusiv war. Ob als verkleidete Matrosin, Forscherin, Piratin, Fischerin, Mechanikerin, Stewardess, Regattaseglerin oder Seenotretterin – Frauen haben das Meer über Jahrtausende durchquert, verteidigt, befragt und versorgt. Historische Studien belegen, dass sie nicht nur an der Reling standen, sondern als Investorinnen, Händlerinnen, Dienstleisterinnen und Arbeiterinnen die Infrastruktur der Seefahrt prägten. Dass ihre Namen manchmal nur in Fussnoten auftauchen, liegt weniger an ihrer geringen Zahl als an der Perspektive der Überlieferung.

Eines ist dagegen sicher: Jede einzelne dieser Frauen erzählt uns etwas Essentielles über die Meere und Ozeane: Es ist ein Ort der Freiheit, der Gerechtigkeit, der unendlichen Möglichkeiten – eben doch für alle, die sich ihm anvertrauen.