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Im Motorboot durch Afrika

Autor: Erdmann Braschos
  

Ein Motorboot gilt als ideales Gefährt für die sonntägliche Spritztour oder den erfrischenden Zeitvertreib im Sommer. Damit geht aber noch viel mehr.

Im Motorboot durch Afrika
Ist etwas abenteuerlicher als die Balearen oder der Hauslago © Bwana Tucke-Tucke

Anfang des 20. Jahrhunderts hatte der Abenteurer Paul Graetz den afrikanischen Kontinent erstmals im Auto, einem Vorläufer des Unimog durchquert. 630 Tage hatte er für die 9.500 Kilometer lange Strapaze von Dar-es-Salam bis Swakopmund gebraucht. Unter anderem deshalb, weil die wenigen Brücken zur Passage der Flüsse kaputt waren oder es keine gab. Ausserdem musste er sein Auto, vermutlich den ersten Geländewagen der Welt, unterwegs 40 Mal reparieren. Ermutigt von der Begeisterung für seine Reise daheim und vom anerkennenden Telegramm Kaiser Wilhelm II. - «gut gemacht, Graetz» - packte er sein nächstes Abenteuer an: die Passage des Kontinents im Boot. Der Erfolg seiner Autotour brachte ihm viele Sponsoren, massgeblich die Berliner Scholokadenfabrik Sarotti als Namensgeberin des Bootes.

Expeditionsboot Sarotti © Bwana Tucke-Tucke Expeditionsboot Sarotti © Bwana Tucke-Tucke

Die Lürssen Werft baute nach Plänen von Schiffbauingenieur Karl Vertens ein 8,20 m langes, 1,65 m breites Holzkanu mit ganzen 30 cm Tiefgang. Vorbild waren afrikanische Brandungsboote. Aluminiumblech schützte den Holzrumpf vor dem Bohrwurm der afrikanischen Flüsse. Angetrieben von einem ventillosen Rundlöfs-Bolinder Niederdruckmotor lief der 5 PS Einzylinder mit Rohöl oder Petroleum. Bei einer Probefahrt brachte es das leere Kanu auf gut sieben Knoten. Mangels Tankstellen in der Wildnis Afrikas legte Graetz wie schon bei seiner Autotour Spritdepots an.

Bolinders Rohöl-Schiffsmotor © Bwana Tucke-Tucke Bolinders Rohöl-Schiffsmotor © Bwana Tucke-Tucke

Im Bug gab es Bänke für 3-4 Eingeborene. Achtern bot ein modernes Klappverdeck amerikanischer Machart den Weissen Schatten. Die Welle endete in einem schützenden Brunnen für den Propeller. Mittschiffs gab es Achsen zur Montage üblicher Autofelgen. Damit und auf einem Spornrad liess sich das Boot über Land schieben.

© Bwana Tucke-Tucke © Bwana Tucke-Tucke

Graetz wollte damit «den Nachweis erbringen, dass die Quelle des grössten Stromes Afrikas, des Kongo, hart südlich des Tanganjka-Sees zu suchen, der Sambesi als Kongo-Quellfluss anzusehen ist. Diesem Strom, dem schon meine Jugendschwärmerei gehörte, vom Quellfluss zur Mündung zu folgen – durch die Wälder und Bugas Nord-Rhodesias, durch den sagenumwobenen Banguelo-See, durch Sumpfwüsten, von unerforschten scheuen Naturstämmen bevölkert, durch den Mwerusee, auf der breiten Wasserstrasse des Kongo hin zum Atlantischen Ozean – das war der Gedanke, der nicht wieder von mir wich.»

Im Frühjahr 1911 erreichten Graetz und sein französischer Kameramann Ovtave Fière an Bord des Reichs-Postdampfers «General» der Deutschen Ost-Afrika-Linie das Delta des Sambesi Flusses am Indischen Ozean. Gezogen von «42 Boys» verlässt die «Sarotti» auf «zwei seitlich anmontierten Drahtspeichen-Automobilrädern, am 22. Mai die Ortschaft Blantyre. «Es ist ein eigenartiger Zug, der sich langsam in der Nachmittagsonne durch den Laubbusch vorwärts bewegt. Wir passieren die reizvoll gelegenen, von der grünen Gebirgsmasse überragten Farmen. Die Dunkelheit zwingt uns, auf einer Anhöhe mitten auf der Strasse unser Lager aufzuschlagen. Wir haben heute vier Meilen zurückgelegt.»

Die schwere Fuhre unter der gnadenlosen Sonne Afrikas über ausgewaschene Wege zur Wasserscheide Afrikas bergauf zu zerren, ist eine Schinderei. Für diesen Wahnsinn brauchte es viele Eingeborene und den willensstarken Graetz, einen Mann mit der Besessenheit Fitzcarraldos.

Mit ein paar Locals, die mal anpacken geht das © Bwana Tucke-Tucke Mit ein paar Locals, die mal anpacken geht das © Bwana Tucke-Tucke

Bald gleitet die Sarotti durch den Oberlauf des Shire Flusses: «Lustig schallt das Knattern des Motors über den Fluss» freut sich Graetz: «Vor uns steigen als blaue Masse die Zombaberge empor. Wir fahren durch flache Ufer zwischen Schilf und Maisfeldern der Eingeborenen dahin, bald schauen wir in das dicke Pflanzengewirr hoher Uferwände, von denen uralte überrankte und überwucherte Bäume ihr Geäst bis auf den Wasserspiegel hinabsenken. Die Eingeborenen folgen zu hunderten dem schnell dahin schiessenden Boot, die zahlreichen Biegungen des Flusses abschneidend und uns immer aufs neue mit Freudengeheul begrüssend. Manchmal «strandet» das motorisierte Kanu auf dem Rücken eines dösenden Nilpferds.

Graetz geniesst seinen Afrikatörn in vollen Zügen. «Als ich auf meiner Expedition Im Auto quer durch Afrika Nord-Rhodesia durchquerte, hatte ich am Chambesifluss einen längeren Aufenthalt, weil zur Übersetzung des Autos ein Schilffloss gebaut werden musste. Hier kam ich mit dem Stamm der Awembas in Berührung und hörte ihre sagenhaft klingenden Erzählungen über den Banguelo-See. Ungetüme aller Art, Tierkolosse, die mächtigsten Elefanten und die längsten Giraffen weit überragend, Seeschlangen, heisse, hoch aus dem See emporspritzende Quellen» lockten Graetz. Saurier oder Seeungeheuern begegnete Graetz im Loch Ness Afrikas nicht, dafür Millionen Mücken, irritierten Eingeborenen und über die Abwechslung erfreute Missionare.

Nebenher betätigte sich Graetz zur Verpflegung des mehrköpfigen Expeditionstrosses als Grosswildjäger, im September mit fatalen Folgen für seinen Kameramann und auch für Graetz, der mit einer schweren Kieferverletzung davon kommt. Ein von Graetz angeschossener und verfolgter Büffel fiel über die Beiden her.

Dass Graetz die Expedition nicht abbrach, sondern die Schmerzen seines zertrümmerten Unterkiefers ohne Betäubungsmittel und ärztliche Behandlung im Busch ertrug, lässt ahnen, aus welchem Holz er geschnitzt war. Nach einer Pause machte Graetz weiter, liess das Boot über Sumpfgras, Moore, an schwimmenden Grasinseln, über Steinwüsten, an Wasserfällen vorbei zerren oder schieben. 240 Kilometer legt die schwere Fuhre über Land zurück.

Die rote Linie der Karte zeigt die Auto-Tour, die grüne die Bootsfahrt © Bwana Tucke-Tucke Die rote Linie der Karte zeigt die Auto-Tour, die grüne die Bootsfahrt © Bwana Tucke-Tucke

Auch die Hürden der Kolonialbürokratie können den Naturburschen nur bremsen, nicht aufhalten. Er lässt sein Boot in der Wildnis, wo es bald untergeht und organisiert in Berlin die Fortsetzung der Reise. 1912 tuckert er von Banana an der Atlantikküste mit einem neuen Boot den Kongo stromaufwärts. «Wie unser lieber deutscher Wald mit seiner heiligen Stille, seinem würzigen Nadelduft, seinem kühlen Moos an kristallklaren Quellen ... so zieht der Zauber des tropischen Urwaldes mit seinen tiefen, unergründlichen Schatten, seinem gigantischen Baumwuchs, dem üppigen, schier undurchdringlichen Wachstum und seiner geheimnisvollen Fauna und Flora den Nordländer immer von neuem in seinen Bann» schwärmt Graetz. Diesmal macht ihm die Strömung des Kongo, dieses Königs der Flüsse Afrikas, zu schaffen. Letztlich geht Graetz zu Fuss bis zu jener Stelle, wo er im Jahr zuvor sein erstes Boot verliess. «Die Hauptsach’ ist, dass man tut, was man selbst für möglich hält» war das Motto des gebürtigen Sachsen.

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Autor

Erdmann Braschos

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Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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