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Wie Foiling-Technik die Welt des Fahrtensegelns verändert

Revolution im Segeln

Wie Foiling-Technik die Welt des Fahrtensegelns verändert
DSS Foil auf einem 50 Fuß Cruiser Racer © JK Yachts

Die Welt des Segelns wird von einer Erfindung erschüttert, die den Sport so revolutionär verändert, wie wohl noch nie zuvor. Segelboote stützen sich auf Tragflächen und heben ihre Rümpfe über die Wellen. Das gelingt nicht nur den kleinen Fliegengewichten, wie der Moth-Klasse, die diese Innovation besonders maßgeblich weiterentwickelt und ihren Speed verdoppelt hat. Immer mehr werden auch Hochsee-Yachten mit den Profilen bestückt.

Von Carsten Kemmling, veröffentlicht am 10.07.2017

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Wie Foils die Welt des Segelns verändern
  • Warum Foils die Boote schneller machen
  • Welche Chancen es für Fahrtenyachten gibt, eines Tages ebenfalls "über den Wellen" zu schweben
  • Warum Katamarane besonders für den Einsatz von Foils geeignet sind

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Was zuerst als Spinnerei abgedrehter Mini-Klassen-Tüftler abgetan wurde und schließlich die Neugestaltung des America’s Cups beflügelte - die Organisatoren wechselten von schweren Yachten zu schnellen Katamaranen - prägt nun immer mehr das Gesicht des Segelsports.

Denn nicht nur filigrane Extrem-Segler schweben über die Wellen, sondern seit der vergangenen Nonstop Einhand-um-die-Welt-Regatta Vendée Globe bahnt sich die Unterwasser-Flügel-Entwicklung immer mehr auch ihren Weg in den Mainstream-Segler-Bereich.

Flügel für Fahrtensegler?

Die IMOCA 60 Yachten, die von den Alleinseglern um den Globus geprügelt werden, sehen schon mehr nach «normalen» Segelbooten aus. Und damit scheint das Foilen auch immer näher an den Fahrtensegler heranzurücken.

Die von Fahrtenseglern oft argwöhnisch beäugten Rumpf-Anhänge haben ihre Verlässlichkeit bei maximaler Belastung demonstriert. Und inzwischen wurde längst bewiesen, dass auch die größten Wassersportboote unter Segeln "fliegen" respektive foilen können: Die neue Ultim-Generation der 100 Fuß Trimarane, die weltweit schnellsten Hochsee-Segler, ist mit Foils ausgerüstet. Wer jemals eines dieser Monster filigran auf ihren Stelzen über die Wellen schweben sah, wird diesen Anblick wohl nie wieder vergessen.

100 Fuß Trimaran mit Foil
100 Fuß Trimaran mit Foil © Macif

So scheint es nur eine Frage der Zeit sein, bis auch der Cruiser in den Genuss der Flügel kommt. Wie könnte dieser Transfer ablaufen?

Die Foiler Technik gibt es schon seit mehr als 60 Jahren. Sie hatte nur eine Bedeutung in Bastel-Nischen. Aber nun ist die moderne Materialkunde so weit fortgeschritten, dass Yachten immer leichter und Foils immer stabiler und effektiver werden.

Allerdings eignet sich die klassische Fahrtenyacht kaum, um Nutzen aus den Tragflächen zu ziehen. Sie ist einfach zu schwer, um sich aus dem Wasser zu heben. Und daran können auch die besten Unterwasser-Profile nichts ändern.

Wer die neue Technik nutzen will, muss nicht die Foils an die Boote anpassen, sondern umgekehrt. Bei der ersten Generation der Vendée-Globe-Racer war es noch so, dass man die seitlich abstehenden Profile an funktionierende Rümpfe angebaut hat. Die Yachten heben sich nur in einem schmalen Wind- und Wellen-Fenster aus dem Wasser und waren kaum schneller als ihre konventionellen Vorgänger. Aber sie belegen eben die ersten Regatta-Plätze.

Vendée Globe Racer «Edmond De Rothschild» mit Foil und Neigekiel
Vendée Globe Racer «Edmond De Rothschild» mit Foil und Neigekiel © Gitana

Für die darauffolgende Generation war klar, dass sich auch die Rümpfe ändern werden, um im Überwasser-Flugmodus effektiver zu sein. Das wird auch der Weg sein, damit Foils auch eine gewisse Bedeutung bei Fahrtenyachten erreichen.

Katamarane sind gut geeignet

Viel deutet darauf hin, dass Katamarane besonders gut dafür geeignet sind. Durch den fehlenden Kiel bringen sie weniger Gewicht auf die Waage und punkten durch eine stabilere Plattform. Die Firma Gunboat war mit ihrem viel beachteten 40 Fuß langen G4 Katamaran der Vorreiter dieser Entwicklung im Jahr 2015. Schon bei 12 Knoten Wind hob der Cruiser-Racer ab (siehe: Rasant reisen – auf Tragflächen). Aber er kenterte Inzwischen ist das Unternehmen allerdings pleite.

DSS Foil an einem Cruiser Racer
DSS Foil an einem Cruiser Racer © DSS

Das Konzept wurde jedoch weiter entwickelt und floss in einen reinrassigen Racer ein, den 14 Meter langen F4. Er gilt weiterhin als Basis für eine Fortschreibung des Projektes auch für Cruiser-Bedürfnisse. Aber so weit scheint man noch lange nicht zu sein. Besonders die Steuersystematik für das automatische Beibehalten der optimalen Flughöhe scheint aufwändiger als gedacht.

In diesem Bereich schafften die Konstrukteure und Entwickler von Autopiloten wichtige Fortschritte für den Einsatz auf fliegenden Fahrtenyachten. Elektronische Stabilisatoren können die erforderlichen Anströmwinkel der Profile je nach Windstärke und -Richtung automatisch einstellen.

DSS Foil für Cruiser-Yachten

Das kann aber noch seine Zeit dauern. Näher liegt der Einsatz der sogenannten DSS Foils auf den Fahrtenyachten der Zukunft. Sie werden schon immer häufiger eingebaut, um die Leistungsdaten einer Yacht zu verbessern. Dem 100 Fußer «Wild Oats XI» gelang es, damit das Sydney Hobart Race zu gewinnen – allerdings ist dieser nun wirklich alles andere als eine Fahrtenyacht. Wenn das Boot mitunter auch für Familienausflüge genutzt wird.

Dabei handelt es sich nicht um einen Flügel, der den gesamten Rumpf aus dem Wasser heben soll. Vielmehr wird er in Lee aus dem Rumpf geschoben und wirkt der Krängung entgegen. Durch den Auftrieb in Lee vergrößert sich das aufrichtende Moment, ohne dass ein schwererer Kiel montiert werden müsste. Und es erlaubt unter anderem das Setzen von mehr Segelfläche oder die Konstruktion eines schmaleren, Widerstands-ärmeren Rumpfes.

Q23 Foiler mit nach außen geschwungenen DSS Foils
Q23 Foiler mit nach außen geschwungenen DSS Foils © Quant

Eine radikalere Version dieses DSS Foils ist die geschwungenen DSS Version des Quant-Kielbootes (Die Zukunft hat begonnen), das sich dann doch auch wieder in der Lage ist, sich vollkommen auf seine ausgestellten Tragflächen zu heben.

Diese Art von Flügeln kann aber auch dazu verwendet werden, das Seegangsverhalten normaler Fahrtenyachten zu kontrollieren. So ist es jetzt schon denkbar, dass die durch die automatische Anpassung des Anstellwinkels der Foils das Auf und Ab der Yacht im Wellengang verringert werden kann.

Fliegen werden normale Einrumpfyachten in naher Zukunft wohl eher nicht, wenn sie nicht extrem leicht gebaut werden. Aber ihr Segelverhalten kann durch Foils maßgeblich verbessert werden. Multihulls dagegen könnten schon früher in den Genuss von Wellen-Überflügen kommen, da sie vergleichsweise leichter gebaut werden. Wenn die automatischen Steuersysteme nach dem America’s Cup einem größeren Kreis zugänglich gemacht werden, mag die fliegende Zukunft für Cruiser nicht mehr allzu weit entfernt sein.

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