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Ein Kommen und Gehen

Wie Ebbe und Flut entstehen, warum sie Küsten und Kurse verändern und Wassersportler faszinieren

Ein Kommen und Gehen
Die Gezeiten – mit Gelassenheit geht's besser © publimimail/pixabay

Seit Jahrtausenden folgen die Meere dem Takt von Ebbe und Flut. Die Gezeiten ordnen Küstenlandschaften, formen Fahrwasser und bestimmen, wann Häfen erreichbar sind. Für die Seefahrt sind sie kein abstraktes Naturphänomen, sondern ein verlässlicher, wenn auch unerbittlicher Taktgeber. Wer sich den Gezeiten anpasst, nutzt ihre Kraft. Wer sie ignoriert, gerät in Konflikt mit einem Rhythmus, der älter ist als jedes Boot oder Schiff, das sich jemals auf den Wassern bewegt hat – und länger bestehen wird, als die Menschheit.

veröffentlicht am 11.02.2026

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Mond, Sonne, Gravitation und Erdrotation
  • Warum sich in der Antike kaum jemand um Gezeiten scherte
  • Spring- und Nipptide – warum der Tidenhub im Wochenrhythmus schwankt
  • Die stärksten Tidenreviere Europas – von Mont-Saint-Michel bis Wattenmeer
  • Navigation im Tidenstrom – wie Skipper Strömung und Zeitfenster gezielt nutzen
  • Typische Gefahren – von Gegenstrom bis trockenfallenden Fahrwassern
  • Praxisfälle & Anekdoten – warum selbst erfahrene Segler vor der Tide warten müssen

Gefahren: Warum die Tide Respekt einflösst
Starke Tidenströme: In Engstellen bis über 10 kn; falsches Timing macht Manöver und Fortschritt unmöglich.
Wind gegen Strom: Kurze, steile und brechende See; besonders gefährlich an Kaps, Races und Barrieren.
Wechselnde Wassertiefe: Fahrwasser fallen trocken, Untiefen liegen bei Ebbe frei; Tiefgang sorgfältig planen.
Enge Zeitfenster: Viele Passagen sind nur rund um Hochwasser sicher befahrbar; exaktes Timing nötig.
Wandernde Fahrwasser: Strömungen verlagern Sedimente; aktuelle Karten und Seezeichen sind entscheidend.

Die Gezeiten sind Teil des tiefen Gedächtnisses der Erde. Sie sind der Pulsschlag des Meeres, mit dem Mond verbunden und älter als jede menschliche Erinnerung.

Rachel Carson, The Sea around us

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Die Flut kommt – oder geht die Ebbe? © marlimalist/pixabay
Die Flut kommt – oder geht die Ebbe? © marlimalist/pixabay

Der Atem der Meere

Zweimal am Tag hebt und senkt sich das Meer – präzise, verlässlich und dennoch unberechenbar. Ebbe und Flut gehören zu den mächtigsten Kräften, denen sich die Seefahrt stellen muss. Sie entscheiden darüber, ob ein Hafen erreichbar ist, ob der Tidenstrom schiebt oder bremst, ob eine Passage gelingt oder scheitert. Anders formuliert: Wer zur See fährt, muss sich mit den Gezeiten auseinander setzen. Ganz egal, ob man in der Kommandozentrale eines Öltankers steht oder an der Pinne eines Kleinkreuzers. Nur das Seegebiet, in dem man unterwegs ist, macht den gewissen Unterschied. Aber davon später mehr.

Der Mond und die Wasserberge

Ebbe (ablaufendes Wasser) und Flut (auflaufendes Wasser) entstehen durch die Gravitation des Mondes und in geringerem Masse der Sonne. Die Anziehungskräfte beider Himmelskörper verursachen zwei „Flutberge“, manchmal auch Gezeitenwulst genannt, auf unserem Planeten: einen auf der mondzugewandten Seite (das Wasser wird dort Richtung Mond gezogen) und einen auf der mondabgewandten Seite (dort wird die Erde vom Wasser weggezogen) .

Immer wieder idyllisch: Trockengefallenes, traditionelles Holzboot © LeifLinding pixanay
Immer wieder idyllisch: Trockengefallenes, traditionelles Holzboot © LeifLinding pixanay

Während auf hoher See diese Flutberge nur etwa einen halben Meter Höhe erreichen, werden die Pegelschwankungen an den Küsten durch geografische Verstärkung viel grösser. Da die Erde sich unter den wasserbedeckten Flutbergen hindurch dreht, treten in der Regel zwei Hochwasser und zwei Niedrigwasser am Tag auf. Allerdings verschieben sich die Zeiten täglich um etwa 50 Minuten, weil der Mond sich in 24 Stunden selbst ein Stück weiterbewegt – somit dauert ein voller Gezeitenzyklus etwa 24h 50min . Pro Mondtag finden also zwei Tide-Zyklen statt. Im Atlantik überwiegt diese halbtägige Gezeitenform eindeutig , sodass an den europäischen Atlantik- und Nordseeküsten jeden Tag zweimal Hoch- und zweimal Niedrigwasser zu verzeichnen sind. Tägliche Gezeiten mit nur einem Hoch-/Niedrigwasser pro Tag kommen hingegen z.B. im Golf von Mexiko und in manchen Seegebieten des Pazifiks vor. Weil dort Lage, Form und Tiefe der Meeresbecken dazu führen, dass sich die beiden durch den Mond verursachten Gezeitenberge nicht getrennt ausbilden, sondern sich überlagern.

Spring und Nipp

Doch bleiben wir bei den konkreten „Auswüchsen“ der Gezeiten in unseren Breitengraden. Die Sonne beeinflusst die Gezeiten ebenfalls durch Gravitation, etwa halb so stark wie der Mond. Je nach Stellung von Sonne, Mond und Erde können sich Mond- und Sonnenkräfte verstärken oder gegenseitig (fast) aufheben. Stehen Mond, Sonne und Erde in einer Linie (Vollmond und Neumond), addieren sich ihre Gravitationskräfte.

Bei Sturmflut © peggycoucair pixabay
Bei Sturmflut © peggycoucair pixabay

Die Flutberge werden dann besonders hoch und die Ebbetäler besonders tief. Dieses Phänomen nennt man Springtide (Springflut): Das Wasser läuft deutlich weiter zurück und anschliessend höher auf als im Mittel – es „springt“ förmlich an die Küste. Umgekehrt stehen bei Halbmond Sonne und Mond im rechten Winkel zur Erde, sodass ihre Anziehungskräfte sich teilweise aufheben. Dann spricht man von Nipptide (oder Nippflut): der Tidenhub fällt geringer aus, das Wasser „nippt“ nur an der Küste. Spring- und Nipptiden folgen ungefähr im Wochenrhythmus aufeinander (ca. alle 7 Tage) . Besonders extreme Springtiden treten um die Tagundnachtgleichen (Äquinoktien) auf, wenn Sonne und Mond auf einer Höhe über dem Äquator stehen, und verstärkt, wenn der Mond auf seiner elliptischen Bahn gerade im Erdnahpunkt (Perigäum, „Supermond“) ist.

Bis zu fünfzehn Meter!

An der französischen Kanalküste, insbesondere rund um den berühmten Mont-Saint-Michel, erreicht der Tidenhub bis zu 15 Meter. Die Bucht wirkt wie ein trichterförmiges Amphitheater für die Atlantikwellen. Die Gezeitenwelle wird beim Eindringen in die flache, weite Bucht verstärkt — ähnlich wie Wasser in einer Düse. Auch im Ärmelkanal und an den britischen Kanalinseln sind Unterschiede von acht bis zwölf Metern keine Seltenheit.

Genau navigieren ist unerlässlich in Tidengewässern © hpgruesen pixabay
Genau navigieren ist unerlässlich in Tidengewässern © hpgruesen pixabay

Weiter südlich, an der spanischen und portugiesischen Atlantikküste, liegen die Tidenhübe meist zwischen drei und vier Metern, können bei besonderen astronomischen Konstellationen aber deutlich höher ausfallen. Diese Schwankungen bestimmen die Nutzbarkeit von Häfen, Flussmündungen und Ankerplätzen.

Auch die Nordsee ist bekanntlich stark tidegeprägt. Der mittlere Tidenhub liegt bei rund drei Metern. Dort entstand aus einer Mischung aus Tidenhub und geografischer Besonderheit das Wattenmeer. Dessen Landschaft verändert sich im Prinzip mit jedem Tidenhub: Grosse Flächen fallen trocken, Fahrwasser verlagern sich, Sandbänke entstehen und verschwinden. Navigation ist hier ohne exakte Gezeitenkenntnis unmöglich.

Demgegenüber stehen Ostsee und Mittelmeer, in denen die Gezeiten aufgrund der begrenzten Verbindung zum offenen Ozean kaum ausgeprägt sind – denn was sind schon 10 cm im Mittel gegen die 10 m an der französischen Atlantikküste?

Geheimnis über Jahrhunderte

Gerade weil sie im Mittelmeerraum kaum spürbar waren (und sind), gaben diese zyklischen „Atemzüge“ der Ozeane in der Antike der Menschheit lange Rätsel auf. Erst der griechische Seefahrer Pytheas von Massalia berichtete von einer Atlantikreise um 300 v.Chr., dass er „einen Zusammenhang zwischen Mondphasen und den Gezeiten erkennen könne.“ Man nahm ihn jedoch nicht ernst. Über Jahrhunderte hinweg rätselte man angesichts der steigenden und fallenden Wasserstände lieber weiter, brachte Nixen, Poseidon, andere im Ozean lebende Fabelwesen und den oder die Allmächtige(n) ins Spiel.

Typisch Gezeitengewässern: ein Priel © Simon pixabay
Typisch Gezeitengewässern: ein Priel © Simon pixabay

Erst Isaac Newton formulierte 1687 im Rahmen seiner Gravitationstheorie die erste schlüssige physikalische Erklärung: Die gegenseitige Anziehung von Mond, Sonne und Erde verursacht die regelmässigen Wasserbewegungen. Rund 100 Jahre später erweiterte Pierre-Simon de Laplace Newtons Modell um die Dynamik von Strömungen und die Ausbreitung von Gezeitenwellen. Der Franzose legte damit den Grundstein der modernen Gezeitenforschung .

Praktisch nutzbar wurde dieses Wissen für die Navigation durch die Erstellung von Gezeitenkalendern und Karten. Schon lange vor der Computer-Ära erfassten Gezeitenbeobachter die Hoch- und Niedrigwasserzeiten wichtiger Häfen in Tabellenform, präzise und für Jahre im Voraus.

Im Takt von Ebbe und Flut

Trotz aller Herausforderungen bieten Gezeiten auch Chancen für die Schifffahrt und für den Wassersport. Erfahrene Navigatoren respektive Freizeitskipper nutzen die Tide gezielt zu ihrem Vorteil. Indem sie ihren Törnplan an Ebbe und Flut anpassen, können sie z.B. mitlaufende Strömungen nutzen und Treibstoff und/oder Zeit sparen. In tidenabhängigen Wassersporthäfen ist beispielsweise zu beobachten, dass gerade die Revier-kundigen Segler und MoBo-Fahrer die beste Abfahrtszeit ermitteln, um etwa einen starken Gegenstrom zu vermeiden und stattdessen Schub durch die Flutströmung zu erhalten. Warum sollte man aber die „Locals“ fragen, wo doch ein Blick in den Tidenkalender für präzise Zeitplanung sorgen kann?

Wegweiser ins Watt. © Dittmar 48
Wegweiser ins Watt. © Dittmar 48

Hierzu ein kurze Anekdote aus dem nicht immer so glorreichen Erfahrungsschatz des Autors. Gemeinsam mit einem Freund wollten wir kurz nach dem Kentern der Gezeiten von Ebbe auf Flut in den Golf von Morbihan/bretagne/Frankreich segeln. Also mit dem Strom. Doch der stand stur und penetrant weiter gegenan – ein Phänomen, mit dem wir überhaupt nicht gerechnet hatten. Zunächst misstrauten wir unseren Informationen („muss ein Rechenfehler sein!“), doch hätte uns ein Blick in die Runde stutzig machen sollen: Nur wenige Segler versuchten es wie wir, gegen den Strom zu segeln. Dafür kreuzten auf See, etwa 2 Seemeilen vor der Einfahrt in den Golf, andere Boote ganz offensichtlich … wartend. Also, wie kann das sein? Nachdem wir uns mühsam, bei vier Beaufort unter Segeln, aber mit Motorunterstützung im nächstgelegenen Hafen angelangt waren(Strom immer noch von vorne), sorgte die Hafenmeisterin für Aufklärung: Im Golf von Morbihan kann der Ebbstrom bis zu 90 Minuten länger anhalten, als der Tidenwechsel vermuten lässt. Ursache ist das grosse, flache und stark verzweigte Binnenbecken, das sich nur langsam entleert und über eine enge Öffnung mit dem Atlantik verbunden ist. Während der Wasserstand bereits steigt, fliesst aus den hinteren Meeresarmen noch Ebbwasser nach. Erst wenn dieser „Speicher“ weitgehend leer ist, setzt der Flutstrom tatsächlich ein.
Prompt zogen dann die grossen und kleinen Segelboote, die „draussen“ gewartet hatten, in einem „Affenzahn“ an uns vorbei – mit dem Strom, versteht sich. Ein wenig Geduld hätte gereicht – oder eben die Nachfrage beim ortskundigen Stegnachbarn am Abend vor der Abfahrt.

Mit der Ebbe werden manche Strände erst richtig schön © pixabay
Mit der Ebbe werden manche Strände erst richtig schön © pixabay

Am Ende sind die Gezeiten mehr als ein Rechenwert im Kalender oder eine Kurve im Tidenatlas. Sie sind ein Erinnerungssystem der Natur: Bewegung hat ihren Takt, und wer sich auf dem Wasser bewegt, muss ihn kennen. Für Wassersportler bedeutet das nicht nur bessere Planung, sondern im Umkehrschluss auch Sicherheit. Sich mit den Gezeiten auseinanderzusetzen heisst, Verantwortung zu übernehmen: für Crew, Boot und Route. Wer ihren Rhythmus liest, erkennt früh, wann man fahren, warten oder umkehren sollte. Gute Seemannschaft beginnt nicht erst am Ruder, sondern im Verständnis der Kräfte, die darunter wirken.

Kurioses und spektakuläre Unfälle rund um die Gezeiten
• Ankern im Rennen:
Vor der bretonischen, normannischen Küste, in der Nordsee, im Solent und vor Schottland kommt es selbst bei Top-Regatten vor, dass Boote mitten im Wettbewerb ankern müssen. Wer etwa den Raz de Sein zu spät erreicht, hat ohne Motor – bei Regatten verboten – nur bei günstigem Windeinfallswinkel und starkem Wind eine Chance gegen bis zu neun Knoten Tidenstrom.
• Acht Knoten – und kein Meter voran:
Klassiker aus Gezeitenrevieren: Logge zeigt volle Fahrt durchs Wasser, doch über Grund (SOG) steht das Boot. Der Strom ist genauso stark wie der Vortrieb des Bootes.
• Die Mary Rose (1545):
Das englische Kriegsschiff kentert im Solent während eines Manövers. Auflaufende Tide, seitlicher Strom und offene Geschützpforten führen zur raschen Flutung – rund 500 Tote.
• Trockenfallen mit Folgen:
Yachten kentern in Gezeitenhäfen, weil sie bei Ebbe auf falschem Untergrund liegen oder zu dicht vertäut sind. Mit der Flut richtet sich das Boot nicht mehr auf.
• Verpasste Minuten, verlorene Stunden:
An Barrieren, Schleusen und Flachwasserhäfen entscheidet oft ein schmales Hochwasserfenster. Wer es verfehlt, wartet – manchmal bis zur nächsten Tide, „drinnen“ im Hafen wie „draussen“ auf See.
• Fahrwasser auf Wanderschaft:
Nach Springtiden verlaufen Rinnen plötzlich anders. Tonnen sind versetzt, Karten veraltet – Grundberührungen trotz scheinbar korrekter Navigation sind die Folge.

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