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Hydrofoiling

Autor: Carsten Kemmling
  

Immer mehr Boote schweben auf Kufen über das Wasser. Hydrofoiling erlebt im Wassersport seinen Durchbruch. Warum das Feld gerade jetzt für eine solche Revolution bereitet ist.

Hydrofoiling
Team New Zealand und Oracle beim America's Cup 2013 in San Francisco © Chris Cameron/ETNZ

Die Seefahrt wird durch Traditionen und Rituale geregelt. Sie geben Halt im Umgang mit den Urgewalten der See. So liess die Ohnmacht gegenüber der Natur schon immer viel Platz für Aberglauben und wenig Verständnis für Neuerungen. In diesem Umfeld haben es bahnbrechende Erfindungen besonders schwer.

Nur so ist zu erklären, dass die Entwicklung der revolutionierenden Hydrofoil-Technik so langsam vorangekommen ist. Schiffe sollen sich eigentlich nicht aus dem Wasser erheben; sonst wären es ja Flugzeuge. Tragflächenboote? Hexenwerk! Tüftler, die mit den Unterwasserflügeln experimentierten, wurden viele Jahre lang als Spinner verteufelt.

Dabei verliessen die ersten Boote schon vor gut 150 Jahren dank Tragflächen ihr Element, hoben ihre schweren und voluminösen Rumpf über die Wellen, hielten über schmale Unterwasserprofile den Kontakt zum Wasser und setzten den verringerten Widerstand in Höchstgeschwindigkeit um.

Aber erst jetzt wird das Phänomen Foilen massentauglich. Sportliche Segler haben es für sich entdeckt und erfinden ihre Lieblingsbeschäftigung neu: als Funsport mit hohem Tempo. Bisher war die schnelle, laute Gleitfahrt durch prasselndes Spritzwasser das Höchste der Gefühle. Das Gefühl beim Foilen ist anders: Wenn sich das Schiff über die Wellen hebt, wird es plötzlich leise.

Dass immer mehr Menschen in den Genuss dieser Art zu segeln kommen, hat mit den Pionieren der kleinen Moth-Klasse zu tun. Der Australier John Illet entwickelte 2002 ein Fühlersystem, das eine T-förmige Tragfläche unter dem Schwert automatisch im passenden Winkel für die richtige Flughöhe einstellt. Eine leichte Kohlefaserstange schleift am Bug im Wasser und ist über Leinen mit einer Schubstange im Schwert verbunden. Sie bewegt das Foil an der Schwertspitze wie das Höhenleitwerk beim Flugzeug.

Diese geniale Erfindung ermöglicht ein nahezu automatisiertes Abheben und hat der Verbreitung der Moth-Klasse einen enormen Aufschwung gebracht. Die ehemalige Nischen-Klasse brachte 2015 bei ihrer Weltmeisterschaft die Rekordflotte von 165 Booten an die Startlinie. Die besten Profis der Welt segeln heute mit dem neuartigen Sportgerät. Aber auch geübte Jollensegler bringen die Moth sehr schnell zum Fliegen. Schon bieten Segelschulen wie das Stickl-Sportcamp in Malcesine am Gardasee Kurse zum Erlernen des Moth-Foilings an.

Die Moth-Klasse auf Tragflügeln © Renato Tebaldi Die Moth-Klasse auf Tragflügeln © Renato Tebaldi

Aber die ultraleichten, ausgefeilten Kohlefaserkonstruktionen der Spitzensegler kosten deutlich über 25.000 Euro und der Preis verhindert eine noch weitere Entwicklung. Das könnte sich mit der ersten Einheits-Moth namens Waszp aus Australien verändern. Dieser Tage kommt sie für 11.500 Euro auf den Markt und macht das spektakuläre Flugsegeln für viel mehr Segler erschwinglich.

Parallel hat der America’s Cup der Tragflächen-Entwicklung enorm geholfen. 2013 liess der US-Milliardär Larry Ellison erstmals die Regatta auf riesigen, 72 Fuss langen Katamaranen aussegeln. Das Segeln über dem Wasser war nicht geplant, aber bei der Entwicklung des schnellsten Designs im Rahmen der so genannten Box-Rule für die Konstruktion entdeckten die Neuseeländer eine Regellücke und bauten einen Foiler mit L-förmigen Profilen.

Schon 75 Jahre zuvor war erstmals ein Boot auf Tragflächen. Das Prinzip funktionierte schon damals, aber die Entwicklung stockte mangels der Finanzen. Durch den America’s Cup fliesst aber mehr Geld denn je in die Erforschung der Technik und das Foiling wird immer beherrschbarer. Selbst renommierte Formel-1-Ingenieure bringen ihr Wissen ein. Und inzwischen heben sich die Cupper auch am Wind auf ihre Flügel.

Von diesen Entwicklungsfortschritten hat auch der Normalsegler etwas: 2015 wurde in den USA der erste leichte Fahrtenkatamaran vorgestellt, der foilen kann. Das 40 Fuss lange Gunboat G4 kenterte zwar (siehe: Schöner Kentern), und die Werft schlitterte in eine Pleite. Aber die Entwicklung geht weiter.

Die Welle ist auch auf den Motorbootbereich übergeschwappt. Der von einem Elektromotor angetriebene Zweisitzer Quadrofoil aus Slowenien wird als Spassboot für rund 20.000 Euro verkauft. Das schweizerische Hydros-Projekt will mit dem Prototypen HY-Xin eine ähnliche Richtung vorstossen.

Quadrofoil auf Tragflächen, Motorspass mit Elektro-Antrieb © Quadrofoil Quadrofoil auf Tragflächen, Motorspass mit Elektro-Antrieb © Quadrofoil

Dabei schien die Entwicklung der Tragflächenbooten unter Motor schon ausgereizt und endgültig gescheitert zu sein. In den 1960er-und 1970er-Jahren gab es einen Hype als Hydrofoiler besonders für den schnellen im Fährdienst eingesetzt wurden. Heute noch haben sie zum Beispiel am Gardasee und am Lago Maggiore eine Bedeutung.

Und auch die Marine setzte Schnellboote auf Foils ein. Die US Navy betrieb bis 1993 40-Meter-Boote der Pegasus-Klasse, die 48 Knoten erreichten. Aber dann wurden die militärischen Foiler wegen zu geringer Kosteneffektivität ausgemustert. Auch die Russen vernachlässigten ihre Tragflächenflotte wegen zu hoher Kosten für Bau und Wartung.

Die Pegasus-Klasse der US Navy erreichte 48 Knoten © wiki Die Pegasus-Klasse der US Navy erreichte 48 Knoten © wiki

Boeing setzte 1976 erstmals seinen 929 Jetfoil als Passagierschiff für bis zu 400 Menschen ein. Zwei Dutzend Boote wurden gebaut. Aber nach 1985 spielten die bis zu 47 Knoten schnellen Transporter keine Rolle mehr. Tragflächenboote gelten in der Branche immer noch als exotisch.

Der 929 Jetfoil von Boing wurde schon 1976 in Dienst gestellt. © wiki Der 929 Jetfoil von Boing wurde schon 1976 in Dienst gestellt. © wiki

Ob die Revolution bei den Seglern auch Impulse für die Berufsschifffahrt setzt? Moderne Materialien, leichtere Bauweisen und fortgeschrittene Simulationsprogramme schaffen neue Perspektiven für eine alte und bewährte Technik. Der Mensch dürfte in Zukunft immer öfter die Wasseroberfläche verlassen.

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Segeln

Autor

Carsten Kemmling

Geschrieben von

Segel-Journalist (segelreporter.com), Reporter, Match-Racer, Fahrtensegler.

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