Werftporträt4 min Lesezeit

Perini Navi

Die stattlichen Motorsegler sind eine Klasse für sich

Perini Navi
Schwimmende Villa mit 300 qm in den Kajüten. Diese 575 t Ketsch entstand zehnmal © Perini Navi

Jahr für Jahr wächst in Italien eine spezielle Flotte sehr großer Segelyachten. Mit kühn geneigtem Vorsteven, elegantem Heck und gestylten Aufbauten sind sie eine Klasse für sich. Einblicke in eine spezielle Yachtwelt.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 25.05.2018

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • die Geschichte der ersten Flybridge-Segelyachten
  • welche technischen Hürden zunächst zu nehmen waren
  • die Erfolgsgeschichte von Fabio Perinis schwimmenden Villen
  • wie die Segelleistungen neuerdings verbessert werden

Anfang der Achtzigerjahre dachte der italienische Fabrikant Fabio Perini über eine komfortable Segelyacht nach. Der Maschinenbauer war mit der Verarbeitung von Papiertaschentüchern so erfolgreich, dass die Entwicklung seines Traumschiffs drin war. Es sollte groß genug sein für die Familie, Freunde oder Geschäftspartner. Dabei sollte jeder an Bord schön Platz haben. So wurde das Boot 40 Meter groß. Das war seinerzeit, als die knapp 20 Meter lange Swan 65 als Maß aller Dinge galt, gigantisch.

Vom Ingenieurbüro zur Werft

Damals gab keine Winschen zur Handhabung der nötigen Segelfläche von einer kleinen Crew. Perini wollte aber keine große Mannschaft um sich haben. Er wollte das Boot für sich. Also gründete er ein Ingenieurbüro zur Lösung dieser Aufgabe. Er nannte es schlicht Perini Navi. 1984 lief bei einer venezianischen Werft das Traumschiff des Tüftlers vom Stapel, ein eleganter Zweimaster mit kühn geneigtem Bug und traditionellem Heck. Die windschlüpfrigen Aufbauten erinnerten eher an eine Motor- als Segelyacht. Den Rumpf hatte der von den Regattabahnen bekannte Amerikaner Dick Carter gezeichnet. Die Kreation war ein kühner Mix aus alt und neu. Sie war amerikanisch groß und mit italienischer Raffinesse gestaltet. Gesegelt wurde der Schlitten von einer Flybridge mit Polstergarnitur. Wie bei Motoryachten, in Seglerkreisen als «Ginpaläste» verspottet, saß man abends im Hafen auf dem windgeschützten Achterdeck mit Blick auf die Promenade. Englische, holländische und deutsche Schiffermützenträger waren entsetzt.

Möglich war es dank des Prototypen einer versteckt eingebauten Motorwinde. Sie wickelte die Schot wie ein Baukran um eine Trommel. Das Trumm hatte das Format einer Kühltruhe und wog 350 Kilo. Es war hydraulisch angetrieben und wurde pneumatisch gesteuert. Die Joysticks dafür gab es oben auf der Flybridge.

Joysticks am Steuerpult zur Handhabung der Segel
Joysticks am Steuerpult zur Handhabung der Segel © Perini Navi

Damit war der Schritt zur automatisierten Segelyacht mit diskreten Helfern getan. Vorerst noch steckte der Teufel im Detail: Denn die selbst stauende Perini Winsch war anders als der Kran unregelmäßigem Zug ausgesetzt: von ganz lose, über das Rucken eines flatternden Segels bis hin zu sehr großer Last. Sie musste bei verschiedenen Krängungswinkeln funktionieren. Anfangs wurde mit fingerdicken Drahtschoten gesegelt, wie sie jeder Wassersportler vom Travellift zum Aus- und Einwassern von Booten in der Marina kennt. Auch musste die Perini Winsch fehlbedienungssicher werden. Denn im Unterschied zum ausgebildeten Kranführer ist der Freizeitsegler Amateur. Er bedient Joysticks und Knöpfe spaßeshalber. Auch wollen Freunde oder Kinder mal dichtholen.

Bald konnte Perini die Drahtschoten durch Tauwerk aus Kevlar und Spectra ersetzen. Die Sensoren und Überwachungsmechanismen zur Steuerung des Wickelmechanismus und Abschalten bei gefürchteten Überläufern, zum automatischen Stopp bei Fehlbedienung und Überlastung entwickelte Perini Navi rasch selbst. Wie groß der Zug auf den Schoten unterwegs auf See bei viel Wind und Seegang tatsächlich ist, welche dynamischen Lasten entstehen, fand Perini anhand eigener Segelfahrtenschreiber im Lauf der Jahre ebenfalls selbst heraus.

Die schweren Schiffe brauchen Wind
Die schweren Schiffe brauchen Wind © Carlo Borlenghi / Rolex / Perini Navi

Natürlich hatte der clevere Fabrikant damals über sein eigenes Boot hinaus gedacht: Perini sah den Markt für "schwimmende Villen". Er erfand sie als gigantisch große Motorsegler, die im Vergleich zum Unikat noch erschwinglich und in erträglich kurzer Lieferzeit zu bekommen sind. Millionäre warten ungern auf das nächste Boot. Er finanzierte die in der Türkei preiswert geschweißten Rohbauten vor und bot sie als Semicustom mit der Möglichkeit zur Verwirklichung eigner Extras an.

So wurde aus dem privaten Spleen von Fabio Perini, dem Ingenieurbüro, dem Winschprototypen und seiner «Aleta» nach Beteiligungen bei verschiedenen Betrieben in den Achtzigerjahren schließlich Perini Navi, jene Werft in Viareggio, die bislang weltweit die meisten Megayachten vom Stapel ließ. Sage und schreibe 59 große Pötte hat die Werft bslang gebaut. Den Vogel schoß die Werft 2006 mit dem 88 m Dreimaster «Maltese Falcon» ab. Neuerdings wandeln sich die Perini Navis vom behäbig-untertakelten Motorsegler. Sie werden sportlicher, flacher, leichter, zeitgemäßer. Ron Holland zeichnete die aktuelle 60 Meter Ketch. Die Italiener bauen gerade das vierte Kasko dieses Typs aus.

42 m Einsteiger-Modell

Längst ist das antiquierte Fisherman-Stagsegel mit dem eigenartigen Traveller am Besantop - früher ein Merkmal jedes Zweimasters aus Viareggio - abgeschafft. Der schwere Stahl wurde durch Aluminium ersetzt. Auch baut Perini zunehmend moderne, generös besegelte Slups. Derzeit entwickelt das kalifornische Konstruktionsbüro Reichel Pugh ein interessantes 42 m Boot. Es ist als Einsteigermodell in die Perini Welt gedacht.

Als Fabrio Perini seine Papiermaschinenfabrik an die Körber Gruppe verkaufte, hatte sie einen Marktanteil von 75 Prozent. Mittlerweile hat seine Werft weltweit die Hälfte der Flotte aller großen bis sehr großen Segelyachten gebaut.

Ich hatte vor Jahren mal Gelegenheit zu einer Probefahrt eines stattlichen Perini-Potts. Seglerisch reißen die Motorsegler leider nicht von Hocker. Aber die Finessen sind interessant. Auch ist ein Perini-Pott so groß, dass man problemlos eine Jolle zum sportlichen Segeln in einer Bucht des tokanischen Archipels auftakeln kann.

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VG