Blue Water Show 2017
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Stehend über das Wasser gleiten

Autor: Michael Kunst
  

Eigentlich hat alles mit einer Klotüre angefangen. So will es zumindest die Legende. Um die vorletzte Jahrhundertwende hob angeblich ein angetrunkener Gentleman die Türe mit Herzchen aus ihren Angeln, schmiss sie in einen See, band sie an eines dieser gerade in Mode gekommenen Motorboote. Seiner Angebeteten schwor er, dass er sich auf dem Brett rund um den See ziehen lassen werde. Aufrecht stehend, versteht sich!

Stehend über das Wasser gleiten
Ganz so riesig wie bei diesem Elefanten waren die ersten Wasserski nicht © Lake Tahoe Touristic

Er scheiterte – angeblich bereits bevor überhaupt der Motor am Zugboot angelassen wurde.
So oder ähnlich kamen wohl „Aquaplaning“-Bretter in Mode, die allgemein als Vorläufer der heutigen Wasserski gelten: Meist roh gezimmerte Bohlenbretter, auf denen man sich stehend an Seilen festhielten, während sie über und durch die Wasser gezogen wurden.

Schnee und Wasser

Doch genau weil diese Untersätze eindeutig zu wuchtig waren, um schneller als mit 15-20 km/h über die Seen zu tuckern, machte sich ein vom Gleiten fast schon besessener, gerade der Pubertät entflohener Jüngling so seine Gedanken:
Ralf Wilford Samuelson wuchs am Lake Pepin bei Lake City in Minnesota/USA auf und war genau das, was man sich als amerikanischen Sonnyboy so vorstellt. Der schwedischstämmige, blauäugige Modellathlet war passionierter Sportler, begnadeter Skifahrer und hatte an allem Spass, was irgendwie mit Speed und Bewegung zu tun hatte. Schon als Kind nervte er mit Fragen wie „Wenn ich auf dem Schnee mit meinen Skiern gleite, dann muss das doch auch auf dem Wasser klappen!“

Als 17-jähriger machte er schliesslich Nägel mit Köpfen… aus Fässern. Kaum waren die Wasser seines Heimatreviers Lake Pepin direkt neben seiner Heimatstadt Lake City Ende April 1922 wieder flüssig, begann Samuelson auf gebogenen Fassbrettern zu experimentieren. Sein älterer Bruder Ben war stolzer Besitzer eines 20 PS starken Motorbootes – beide waren vor allem bei der Damenwelt ausgesprochen beliebt, weil für jeden Blödsinn auf dem Wasser „zu haben“.
So kam es, dass sich Ralf Wilford Samuelson auf zwei Fassbrettern von seinem Bruder über den See ziehen lassen wollte. Doch noch bevor Ben richtig Gas geben konnte, versank sein jüngerer Bruder. Aufrecht stehend, versteht sich.

"Aquaplaning" auf einer Klotüre? Aufnahme aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts © Stadtmuseum Lake City "Aquaplaning" auf einer Klotüre? Aufnahme aus den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts © Stadtmuseum Lake City

Mit Dampf aus Mutters Waschzuber

Dann doch ein Versuch mit Schneeskiern? Wieder nasse Fehlanzeige, weil eindeutig zu wenig Auflagefläche. Also ins andere Extrem: Samuelson Junior besorgte sich riesige, 2,40 Meter lange und 23 Zentimeter breite Kiefernholzplanken, bog deren Enden stundenlang im Dampf von Mutters Waschzuber nach oben… und fuhr schliesslich ein paar Meter über die Wasser. Aufrecht, versteht sich.
Das war am 28. Juni 1922, und die Dorfjugend, die zuvor aus dem Feixen nicht mehr herauskam, hielt nun Maulaffen feil: Das wollen wir auch!

Doch Samuelson war noch nicht am Ende seiner Experimentierphase angelangt. Denn seine Haltung auf den Brettern liess noch zu Wünschen übrig, das wusste der Sportler. Also übte der passionierte Skifahrer noch ein paar Tage, bis er die Gewichtsverlagerung nach hinten verinnerlicht hatte – Weg frei für Hunderte Meter Gleitfahrt auf den ersten „Wasserskis“.

Auf Schweineschmalz und hinterm Flugboot

Schon ein paar Wochen später war Samuelson eine echte Touristenattraktion. Erste Zeitungsberichte erschienen über den „waghalsigen Athleten auf den Wassern“, Samuelson verbesserte seine Technik, Bruder Ben entwickelte Gespür für die richtigen Geschwindigkeiten des Zugbootes und für lang geschwungene Kurven. Vor Hunderten, mitunter sogar Tausenden Zuschauern, die sogar während der Wassersport-Darbietungen musikalisch unterhalten wurden.
Irgendwann sprang der Tollkühne über eine mit Schweineschmalz eingefettete Holzrampe und 1925 hing er schliesslich an einem Flugboot und bretterte buchstäblich mit sagenhaften 130 km/h über den Lake Pepin. Aufrecht stehend, versteht sich.

Zwei Jahre später war alles vorbei. Im Alter von 23 Jahren verletzte sich Samuelson bei einem Unfall während des Baus eines Bootsverleihgebäudes so schwer am Rücken, dass er nie wieder auf Skiern stehen konnte. Schon ein Jahr später erinnert sich kaum noch jemand an ihn.
Im gleichen Jahr liess sich ein gewisser Fred Waller das Prinzip der Wasserski patentieren. Es wurde zwar nie bewiesen, aber Zeitzeugen behaupteten, dass Waller häufig bei den Shows am Lake Pepin zuschaute.

Aus der Versenkung aufgetaucht

Knapp vierzig Jahre später entdeckte eine Lokalreporterin die alten Ski von Samuelson in einer Hütte, liess sich die Geschichte von den Alten aus Lake City erzählen und suchte per Artikel in einem Wassersportmagazin nach dem Protagonisten dieser für Amerika so typischen Geschichte.

Sie spürte Samuelson 1962, zurückgezogen als Truthahnfarmer, in den Weiten Minnesotas auf. Und brachte ihn zurück ins Rampenlicht.
Der mittlerweile „ältere Herr Samuelson“ posierte wieder mit seinen alten 2,40-Meter-Wasserski, erzählte allen seine Geschichte und liess sich von mittlerweile weltweit Millionen Fans der von ihm erfundenen Sportart feiern. Er hatte zwar keinen Cent mit seiner Idee verdient, aber zuletzt doch die Genugtuung erlebt, zumindest als Erfinder einer bis heute in allen Facetten faszinierenden Sportart gefeiert zu werden. Fast aufrecht, mit nur leicht gebeugtem Rücken, versteht sich! Samuelson starb 1977. Auf seinem Grabstein steht: „Vater des Wasserskis“. Nicht mehr und nicht weniger.

Ralf Wilford Samuelson wuchs am Lake Pepin bei Lake City in Minnesota/USA auf und war genau das, was man sich als amerikanischen Sonnyboy so vorstellte. © Archiv Stadtmuseum Lake City Ralf Wilford Samuelson wuchs am Lake Pepin bei Lake City in Minnesota/USA auf und war genau das, was man sich als amerikanischen Sonnyboy so vorstellte. © Archiv Stadtmuseum Lake City

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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