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Hinckley Picnic Boat - Charme von gestern

Autor: Erdmann Braschos

Mit dem Picnic Boat beglückt die Hinckley-Werft den solventen Eigner mit einem wunderschönen Boot im Stil der Dreissigerjahre. Eine Probefahrt an der US-Ostküste.

Hinckley Picnic Boat - Charme von gestern
Hinckley Picnic Boat 37 Mk III© Hinckley Werft

An einem leicht bewölkten Herbstnachmittag schieben 350 Pferdestärken Bob Hinckleys elegant schwarze «Night Cap» in der weiten Wasserfläche von Southwest Harbor auf die Bugwelle. Im traditionsbewussten Neuengland liebt man die klassisch elegante Farbwahl. Hinckleys eigene Boote wie «Night Train» oder «Black FIy» waren schon immer schlichte Hingucker mit schwarzer Bordwand unter sandfarbenem Deckshaus.

Eric Champlain neigt den Joystick und setzt zum grossen Zirkel draussen vor dem Werftgelände am Manset Ufer an. Natürlich hat das Picnic Boat noch ein richtiges Lenkrad. Aber mit dem kleinen Knüppel, die Hinckley Werft nennt die Steuerung «Jetstick», verknüpfen die Bootsbauer in Maine fortschrittliche Technik mit dem Charme vertrauter Linien. Lange haben Konstrukteur Bruce King und Champlain an der intuitiven Übertragung der Steuerbefehle aus dem Handgelenk getüftelt.

Der Impeller der 291er Hamilton-Pumpe zerrt das Wasser unter dem Boot durch den vergitterten AIuminiumschlund ins Pumpengehäuse, beschleunigt ihn und pustet den Strahl durch die aussen am Spiegel sitzende Verengung des Düsenrings. Am Ende des Rohrs sitzt ein seitwärts schwenkbarer Rüssel. Der fenderdicke Wasserstrahl wird von einem hydraulisch bewegten Schubgestänge nach back- oder steuerbord geschwenkt. Das bestimmt den Kurs.

Wir jagen durch die Öffnung des Eastern Way zwischen Sutton und dem herrlich bewaldeten Mount Desert Island an Seal Harbour und Otter Point hinaus in den Golf von Maine. Bei 27 Knoten Spitze brauchen die sechs Zylinder 70 Liter Diesel in der Stunde. Für eine Reisegeschwindigkeit von 25 Knoten nennt Champlain einen Verbrauch von 59 Litern. Bei 22 Meilen reduziert sich der Verbrauch auf 49 Liter.

Es geht vierkant auf ein Feld kleiner signalroter Markierungen für Lobsterfallen zu, wie sie überall in Neuenglands kaltem Gewässer ausgelegt sind. Mir sträuben sich die Nackenhaare. Über Bojen, auch wenn sie aus Weichplastik sind, fährt nur, wer auf kostspieligen Ärger mit Welle, Propeller oder Ruderanlage und Zoff mit den Besitzern der Krustentierkäfige aus ist. Schon verschwindet die erste Markierung unter dem Bug. «Plopp» sind wir drüber. Der Steuermann grinst und nimmt die nächsten. Plopp, plopp, plopp purzeln die signalroten Dinger hinten im Kielwasser raus. «Willst Du auch mal?» fragt der Skipper und nimmt mit gezielt seitwärts gedrücktem Joystick die nächsten Bojen unter den Bug. Kein Zweifel, Bojen vernageln ist fester Programmpunkt bei der Probefahrt vor Southwest Harbor. Unter dem 46 Zentimeter tiefen Rumpf gibt es nichts, was die Lobsterfallen mitreissen könnte. Ohne Welle, Wellenbock, Propeller, Z-Trieb und Ruderblatt lassen sich mit dem Boot flache Gewässer unbesorgt ansteuern. Damit sind die üblichen Schäden Geschichte.

Picnic Boat 34 Picnic Boat 34 © Hinckley Werft

Jenseits solcher praktischen Gesichtspunkte aber ist das Picnic Boat hinreissend hübsch. Der antiquiert geschwungene Aufbau mit dem Dachüberstand über grossen Seitenscheiben, das geduckte Deckshaus mit den ovalen Bullaugen, das deutlich ausgekragte Vorschiff, der charmante Deckssprung sind eine Versuchung. Die umlaufende Fussleiste, die Handläufe und das sehr schön getischlerte Interieur sind sehenswert. Das Boot ist wunderbar schlicht. Wie ein Klassiker wirkt es beinahe bieder, ohne langweilig zu sein. Dieser feine Unterschied verrät das Können seines Schöpfers Bruce King, der als Konstrukteur von Retroyachten in den Achtziger und Neunzigerjahren von sich reden machte. Es ist kein Klassiker, sondern lediglich inspiriert vom Arbeitsboot der amerikanischen Ostküste, dem Lobsterboot, mit dem es allenfalls die Anmutung der Seitenansicht gemeinsam hat. Wie die bewährten Segelyachten der Hinckley Werft ist es dank des hellen Kunststoffdecks pflegeleicht. Lediglich die wenigen Hölzer der umlaufenden Fussleiste und der Handläufe sind gelegentlich anzuschleifen und zu lackieren.

Unter Deck bietet das Boot eine Doppelkoje, eine Pantry und einen Toilettenraum - das Nötigste also für ein Wochenende zu zweit. Die Bezeichnung Picnic Boat ist eine Untertreibung. Aber so viel Understatement passt wie die dezente Farbgebung zu diesem Boot. Wenn ein Motorboot, dann so eins. Herrlich von gestern, mit der Technik von heute. Abweichend vom Vorbild, dem Lobsterboot der amerikanischen Ostküste mit einem Knick- anstelle eines Rundspants. Die Form lässt es früher gleiten und ruhiger im Wasser liegen.

Der Stahlantrieb und das Bugstrahlruder verleiht dem Boot ausgezeichnete Manövrierfähigkeit. Es lässt sich per Joystick in der rechten Hand des Steuermanns auf der Stelle drehen. Ebenso überzeugend stoppt das Picnic Boat aus voller Fahrt auf. Die getriebelose Umlenkung des Wasserstrahls mit dem hinter der Auslassdüse heruntergeschwenkten Heckvisier macht es möglich. Man sollte sich beim Stoppen aus voller Fahrt gut festhalten.

Leider hat es zwei Haken. Wie alle begehrenswert schönen Dinge ist das Picnic Boat teuer. Auch für gebrauchte Exemplare wird ein stolzer Preis aufgerufen. Die eingebaute Technik ist komplex, wie Peter Förthmann als stolzer Eigner eines gebrauchten Picnic Bootes vor einigen Jahren gleich nach der Übernahme erfuhr. Er musste letztlich einen Techniker aus den Staaten einfliegen lassen. Auch verlangt die Elektronik regelmässige Zuwendung.

Aber es gibt Alternativen wie beispielsweise den Classic Coaster, den die Hamburger Lütje Werft nach Plänen von Rolf Vrolijk in verschiedenen Grössen und Austattungsvarianten gebaut hat. Der Charmeur unter den Motoryachten hat weltweit mit verschiedenen Retrovarianten Nachahmer gefunden.

Classic Coaster 38 Foto Lütje Werft Classic Coaster 38 Foto Lütje Werft © Lütje Yachts

Nach 450 Exemplaren setzt Hinckley die Erfolgsgeschichte mit der 37er Mk III fort. Eine gewichtsoptimierte Bauweise und kräftigere, neuerdings doppelte Motorisierung gehört neben zeitgemässer Bordelektronik zu den Verbesserungen. Ein 34 und ein 40 Füsser erweitert die Range nach unten und oben hin.

Die zweimotorigen Modelle brauchen mehr Sprit, laufen dafür mit einer angenehmeren Drehzahl über 30 Knoten und bieten im unwahrscheinlichen Fall, das bei einem gut gewarteten Boot mal eine Maschine streikt, Sicherheit.

Ein Boot für glückliche Menschen, die schon alles haben. Eine Versuchung für Segler, die altershalber in ein ringsum gelungenes Motorboot umsteigen.

Das Vorbild
Das Hinckleysche Picnic Boat und die Flotte der weltweiten Nachahmer ist vom Lobsterboat, einem Fischerboot der amerikanischen Ostküste inspiriert. Als Arbeitsboot war es in erster Linie zweckmässig. Das angehobene Vorschiff bot Rauhwassertauglichkeit bei der ganzjährigen Fahrt zu und von den ausliegenden Hummerfallen, zugleich Unterschlupf zum Aufwärmen und Ausruhen. Der Aufbau bot Schutz. Das geräumige Heck Platz zum Hantieren mit den Hummerkörben. Das Achterschiff war flach gehalten, damit die Fischer an die Bojen kamen. Der Aufbau eine kantige Holzkonstruktion. Der Rumpf war zunächst rundspantig, was die Boote entsetzlich rollen liess.

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Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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