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Magie des Anfangs

Autor: Erdmann Braschos

Wer das erste Mal an Bord geht, bemerkt Dinge, die jeder routinierte Segler auch wahrnehmen könnte, aber nicht mehr sieht weil sie selbstverständlich erscheinen. Ablegen, Segel setzen, allein vom Wind angetrieben durch die Bucht oder den Sund gondeln – all das ist dem alten Hasen bekannt.

Magie des Anfangs
Blick nach vorne© Christian Drewing

Seit Jahrzehnten bin ich mit Anfängern oder Mitseglern unterwegs, die noch nie an Bord waren oder nur ausnahmsweise auf dem Wasser sind. Dabei bin ich immer wieder verblüfft, was Segeleinsteigern unterwegs so auffällt.

Vor einigen Jahren blieb ein Gast bei einem Am-Wind-Kurs von Kühlungsborn nach Travemünde mit seiner Kamera eine Weile vor dem Mast. Was gibt’s da wohl zu knipsen? Ist doch alles banal, x-mal gesehen – dachte ich.

Er hatte am Mast lehnend gesehen und gefilmt was das Boot aus ganzen zwei Windstärken macht. Wie der schlanke Bug durch die Ostsee prescht und das Schiff mit federndem Vorstag über das Meer jagt. Christian Drewing aus Berlin hat es in seinem einminütigen Clip festgehalten.

Es war ein Tag mit wenigen lichten Stellen im grauem Himmel, einem schiefergrauen, leicht blaustichigen Meer und bremsender Altsee von vorn. Ich hatte mich damit beschäftigt, ob es wohl aufbrist und wann wir die Genua durch die Fock ersetzen müssen. Ob es heute regnet. Ob der Wind auf Süd dreht. Ob wir unser Ziel überhaupt direkt anliegen können. Ob wir es ohne Schlag bis Travemünde schaffen. Ob, ob, ob. Um später das Besondere dieser Segelstunden zu sehen, brauchte ich den Blick durch die Kamera meines Begleiters, der selten auf dem Wasser ist.

Spinaker von unten Spinaker von unten © malsegeln.de

Neulich ging ich mit einer Familie segeln, die ihren Sommerurlaub seit Jahren auf einem Campingplatz am Südstrand von Fehmarn verbringt. Die drei waren neugierig auf Alles: vom Ablegen im engen Hafenbecken über das Segel setzen bis zum Einstellen der Schoten. Sie waren noch nie auf einem Boot und fasziniert von der Ruhe.

Es war der erste neblige Tag des Spätsommers. Die Sonne brauchte Kraft, um den Dunst wegzudrücken und eine thermische Brise aufzubauen. Nachmittags setzten wir weit draussen auf der Ostsee dann den 130m2 Spinnaker. Sowas kannten sie nur von Fotos oder von Ballon-Veranstaltungen im allertiefsten Binnenland. Der Blick vom Deck nach oben unter den Spinnaker ist ziemlich banal. Aber schön ist er auch.

Sie beobachteten stauenend, wie einfach, wie elementar Segeln ist. Gegen abend bewegten die «blutigen Anfänger» das Schiff dann allein. Sie wussten, wie das mit dem Wenden geht, wozu Backstagen nötig sind und wie die bedient werden. Sie waren unvoreingenommen gekommen und neugierig auf diese ihnen fremde Welt. Vor allem hatten Sie einen Riesenspass daran, die acht Tonnen Windmühle nur mit der leichten Brise Wind lautlos zu bewegen und alles allein zu machen.

Ich sass zehn Meter weiter vorn im Bugkorb, liess die Beine vom Deck baumeln und sah mein Boot, das mir vertraute Pläsier mit anderen Augen. Der Fehmarnsund plätscherte am Bug vorbei. Auf der Landzunge des Krumm Steert, einem Naturschutzgebiet im Westen Fehmarns gackerten, gurrten und quakten die Seevögel.

Vorne im Bugkorb hockend erinnerte ich beinahe vergessene Tage des Jollensegelns. Damals, als ich selbst mit Schot und Pinne, Wind und Wasser spielte und endlos unter Segeln herum vagabundierte. Sie war wieder da, die Magie des Anfangs.

Blick in Plicht Blick in Plicht © malsegeln.de

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Thema

Segeln

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Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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