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Phantominseln, die nur auf Seekarten existierten
Zwischen Mythos, Fehlsichtung und Kartenkopie entstand eine seltsame Inselwelt.

Am 22. November 2012 lief das australische Forschungsschiff RV Southern Surveyor im Korallenmeer die Koordinaten einer Insel an, die auf den Karten auf dem Plotter gänzlich selbstverständlich wirkte: 19°14′ Süd, 159°56′ Ost. Der Auftrag an Bord war geologischer Natur, keineswegs metaphysisch: Man wollte Plattentektonik und Meeresboden untersuchen. Wenn auch die „Stelle“ im Meer etwas Geheimnisvolles hatte. Doch je näher das Schiff der vermeintlichen Sandy Island / Île de Sable kam, desto leerer blieb der Horizont. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Horizont blieb unverschämt leer. Keine Insel, kein Riff, kein schäumender Saum von Brandung – nur Wasser, sehr viel Wasser, und unter dem Kiel mehr als 1300 Meter Tiefe. Anders gesagt: Das Schiff erreichte sein Ziel, doch das Ziel war abwesend.
Von Michael Kunst
Das erwartet Sie in diesem Artikel
- Wie Phantominseln à la Sandy Island, Antillia oder Frisland überhaupt auf Seekarten gelangen konnten.
- Warum sich kartografische Irrtümer oft über Jahrhunderte hielten und von Karte zu Karte weiterwanderten.
- Welche Rolle Legenden, Fehlsichtungen und Sehnsucht in der Geschichte der Seefahrt spielten.
- Was falsche Inseln über die Macht historischer Karten und den Glauben an gezeichnete Wirklichkeit verraten.
- * Und weshalb selbst moderne Kartensysteme nicht gänzlich frei von alten und neuen Phantominseln sind.
Einen leeren Raum nicht einfach leer lassen
Die See, das Weltmeer, die Ozeane können grausam sein. Aber sie können auch schmeicheln, locken und verführen. Zu Abkürzungen, zu Hoffnungen, zu jener typisch menschlichen Neigung, einen leeren Raum nicht einfach leerzulassen. Vielleicht liegt genau darin der Reiz der Phantominseln: Sie sind die eleganteste Form des Irrtums, vielleicht sogar einer Täuschung auf See. Kein plumper Rechenfehler, kein banales Missverständnis, sondern ein kleines Stück unseres Planeten, das es nur auf Karten gab. Diese Flecken, die im Kopf von Kapitänen, Kartografen und gelegentlich sogar in modernen Datensätzen existierten – nur eben nicht draussen auf der See. Jahrhundertelang verzeichneten Seekarten Inseln, die nie existiert hatten, falsch lokalisiert oder aus einem Gemisch aus Legende, Fehlsichtung und Kartenkopie entstanden waren. Und das eigentlich Verrückte daran ist nicht nur, dass so etwas passierte – Fehler sind schliesslich mehr als menschlich. Das Verrückte ist, wie lange sich die Phantominseln hielten.
Denn Karten sind nicht bloss neutrale Abbilder der Welt. Sie waren immer auch Verdichtungen von Erfahrung, Hörensagen, Autorität und, ja, manchmal auch Wunschdenken. Wer eine Insel auf eine Karte zeichnete, setzte oder wie einen Fliegenschiss mal einfach so markierte, machte aus einer Idee, einem Schwindel oder einer Vermutung etwas, das plötzlich amtlich aussah. Mit jedem weiteren Kartenblatt, das diesen Fleck übernahm, gewann die Insel an Ansehen. Einmal eingezeichnet, wurde sie realer als etwaige Zweifel. Phantominseln erzählen deshalb nicht nur kuriose Geschichten über die Seefahrt. Sie erzählen auch etwas sehr Grundsätzliches über Kartografie: wie schwer sich Fehler auf Karten wieder radieren lassen, wenn sie erst einmal begonnen haben, seriös auszusehen. Diese Einsicht liegt quer durch die historische Literatur zu Phantominseln, von frühen Atlanten bis zu modernen Rückblicken auf „ghost islands“.
Statt einer Insel – offene See
So ist dann auch der eingangs beschriebene Suche nach einem geografischen Ort ein besonders eingängiges Beispiel für die Penetranz, mit der sich Phantominseln auch in Zeiten der zentimetergenauen Vermessung der Erde mittels Satelliten auf Seekarten hielten. Sandy Island, auf Französisch Île de Sable, lag laut Karten und Datensätzen im Korallenmeer zwischen Neukaledonien, den Chesterfield Islands und Nereus Reef. Sie tauchte auf Karten auf, verschwand aus manchen, blieb in anderen, wurde auf französischen hydrografischen Karten schon 1974 entfernt und hielt sich dennoch in diversen modernen Kartensystemen erstaunlich zäh. Erst 2012 steuerte das australische Forschungsschiff RV Southern Surveyor die Position bewusst an – und fand dort keine Insel, sondern offenes Meer (siehe oben). Das ist die Art Pointe, die jedes Kartografenherz kurz ins Stolpern bringt: Man fährt zu einer Insel und stösst auf … Tiefsee.
Schon dieser Fall zeigt, worum es bei Phantominseln eigentlich geht. Nicht nur um skurrile Namen oder historische Schrullen, sondern um die erstaunliche Beharrungskraft kartierter Fehler. Wahrscheinlich geht der IIe-de-Sable-Irrtum auf einen Eintrag des Walfangschiffs Velocity aus dem Jahr 1876 zurück, das an jener Stelle „heavy breakers“ und „sandy islets“ notiert hatte. Wie es dazu kam, ist bis heute unklar: vielleicht hoher Seegang, schlechte Sicht, eine Fehlposition und somit eine Verwechslung mit einem anderen Ort. Aus der „Beobachtung“ wurde jedoch auf Karten eine Insel, später sogar ein Datensatz. Man kann es auch philosophisch betrachten: Moderne Technik löscht alte Irrtümer nicht unbedingt automatisch – sie verwaltet sie nur eleganter.
Zwischen Mythos und Kartografie
Wer in der Historie weiter zurückgeht, landet schnell bei einer Insel, die per se zu schön ist, um wahr zu sein: Antillia. Diese Phantominsel erscheint bereits auf der berühmten Pizzigano-Karte von 1424 als grosse rechteckige Insel weit westlich von Portugal und Spanien. Schon ihr Beiname, die Insel der Sieben Städte, verrät, dass hier nicht bloss Vermessung am Werk war, sondern auch Legende. Der Stoff dahinter stammt aus der iberischen Erzählwelt: Sieben christliche Bischöfe sollen vor den muslimischen Eroberern auf den Atlantik hinaus geflohen sein und auf einer westlichen Insel sieben Siedlungen gegründet haben.
Antillia ist deshalb so interessant, weil sie an der Schwelle zwischen Mythos und Kartografie steht. Sie war nicht einfach nur ein Gerücht am Wirtshaustisch, sondern wurde von Kartografen gezeichnet, beschriftet und in ein geordnetes Bild des Atlantiks eingefügt. Auf der Pizzigano-Karte erscheint sie zusammen mit weiteren rätselhaften Inseln wie Satanazes, Royllo und Saya. Für heutige Augen wirkt das wie dekorative Fantasterei. Für die Menschen des 15. Jahrhunderts waren das Möglichkeiten, Ziele, Träume, die wahr werden könnten. Eine Insel, die es aufs Portolanblatt geschafft hatte, war mehr als nur Sage – sie war „wahrscheinlich genug“, um der Navigation, der Hoffnung und womöglich auch späteren Ansprüchen eine Form zu geben.
Weniger exotisch, aber ebenso geheimnisvoll ist die Insel Frisland. Diese Phantominsel trieb ihr Unwesen im Nordatlantik und erschien, wie die historische Rekonstruktion zeigt, auf praktisch allen wichtigen Nordatlantik-Karten zwischen den 1560er und 1660er Jahren. Ihr Ursprung liegt im Umfeld der berüchtigten Zeno-Karte von 1558, die Nicolò Zeno der Jüngere veröffentlichte und als altes Familienmaterial aus dem 14. Jahrhundert ausgab. Die Karte und die dazugehörigen Briefe halten vielen Historiker heute für einen (damals) perfekt inszenierten Schwindel. Aber der kartografische „Lauf der Dinge“ hatte längst begonnen. Frisland wanderte von dort weiter auf Karten von Mercator und anderen grossen Namen. Ironie des Schicksals: Auch gute Kartografen wie Mercator können Fehler adeln, wenn die Ausgangsquelle überzeugend genug aussieht.
Navigation? Damals ein Glücksspiel!
Frisland ist deshalb so interessant, weil sich an dieser Phantominsel das Prinzip der Überlieferung durch Kopie zeigen lässt. Kartografen arbeiteten nie im luftleeren Raum. Sie übernahmen voneinander Küstenformen, Namen, Inseln, Schreibweisen, gelegentlich eben Unsinn oder schlicht Schwindel. Wer den Überblick etwa über den Nordatlantik behalten wollte, musste mit begrenzten und oft widersprüchlichen Informationen arbeiten. Vor präziser Längenbestimmung war Navigation oft nur ein Glücksspiel; im Nebel des Nordens wurde daraus rasch ein System, das falsche Gewissheit, Träume, Lügen und zigfach kopierte Fehler beinhaltete. Dass Frisland möglicherweise aus einer Fehlidentifikation von Island, Grönland oder einer verfremdeten Wahrnehmung der Färöer entstand, lässt diese Phantominsel aus heutiger Sicht dann doch wieder geheimnisvoll und exotisch erscheinen.
Noch nebliger, und damit fast schon literarisch ideal, ist Hy-Brasil. Die Insel liegt in der Überlieferung westlich von Irland und erscheint in Legenden als ein Ort, der nur selten sichtbar wird. Nach manchen Erzählungen erscheint sie nur einen Tag in sieben Jahren auf See am Horizont, allerdings sei sie auch dann niemals erreicht worden. Man spürt sofort: Das ist weniger Hydrografie als Sehnsucht. Und trotzdem fand Hy-Brasil ihren Weg auf Karten, etwa bei Ortelius im 16. Jahrhundert. Gerade dieses Wechselspiel ist spannend. Was in der Mythologie noch wie eine Vision am Rand der Welt wirkt, bekommt durch die Karte plötzlich eine Lage, einen Namen, eine Form und damit eine eigentümliche Würde.
Hy-Brasil zeigt ausserdem, dass Phantominseln nicht immer auf einen einzigen banalen Fehler zurückgehen. Manche entstehen aus der Reibung von Legende, Seefahrerbericht und topografischer Fehlinterpretation. Spätere Autoren haben etwa spekuliert, ob reale Strukturen wie die Porcupine Bank westlich von Irland eine Rolle gespielt haben könnten. Sicher ist das nicht. Aber genau diese Unschärfe macht den Fall erzählerisch interessant. Nicht jede Phantominsel ist einfach gelogen oder falsch vermessen worden. Manche stehen an der Grenze zwischen Mythos und Blick auf etwas Reales, das nur missverstanden wurde. Gerade auf See ist das plausibel. Horizonte täuschen, Wetter verschleift Konturen, Bänke und Brandung lassen Dinge grösser, näher oder inselhafter erscheinen, als sie sind.
Die geschmolzene Insel
Wer es noch südlicher und kälter mag, landet bei Dougherty Island, einer Phantominsel im Südpazifik, die 1841 von Kapitän Daniel Dougherty beschrieben und später mehrfach „bestätigt“ wurde, ehe gründlichere Expeditionen im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert genau nichts fanden. Es dürfte klar sein, woran das in diesen Breitengraden gelegen hatte: Mehrere Kapitäne melden eine Insel, spätere Expeditionen sehen dort nur Nebel und natürlich … Eisberge! Captain J. K. Davis, einer der gründlicher Recherchierenden, formulierte es später buchstäblich trocken: „Dougherty Island ist wohl geschmolzen“.
Phantominseln verraten uns also nicht nur, dass frühere Kartografen irrten. Sie zeigen schwarz auf weiss, wie Irrtum auf See überhaupt entsteht. Vor exakter Längenbestimmung, vor Satelliten, Fernerkundung und Ozeanbodendaten war der Ozean ein Raum, in dem ein einzelner Bericht erstaunlich weit reichen konnte. Dann kommen die typischen Fehlerquellen hinzu: falsche Koordinaten, missdeutete Wolken- oder Brandungslinien, Eisberge, Nebelbänke, doppelte Namen, Kopierfehler. Und schliesslich die grosse Kulturleistung des Irrtums: die Karte selbst. Denn was erst einmal gezeichnet ist, wirkt wahrhaftiger als ein blosser Satz im Logbuch. Karten haben Autorität. Punkt, basta, so ist das! Insofern sind Phantominseln fast so etwas wie die seefahrtsgeschichtlichen Verwandten moderner Datenfehler. Heute lacht man über Null Island, jenen fiktiven Punkt bei 0° Breite und 0° Länge, auf dem in digitalen Geodatensystemen plötzlich alles landet, was keine korrekte Position bekommen hat (siehe Box unten). Damals waren es Antillia, Frisland oder Sandy Island. Der Mechanismus ist verblüffend ähnlich: Ein Fehler wird formalisiert, in ein System eingespeist, weitergereicht und dadurch glaubwürdiger. Nur dass die historische Variante weit poetischer war. Statt eines Datenbankfehlers bekam man eine Insel im Atlantik, gratis dazu meist Träume, Mythen und Legenden.
Eine Insel ist immer auch ein Versprechen
Für die Seefahrt selbst hatten Phantominseln sehr unterschiedliche Bedeutungen. Nicht jede führte direkt zu Schiffbruch oder politischer Hysterie. Aber sie beeinflussten den mentalen Atlas der Navigatoren. Eine Insel auf der Karte ist immer auch ein Versprechen: von Land, Süsswasser und Nahrung, möglicher Reparatur, Besitzanspruch. Wenn sie dann in Wirklichkeit überhaupt nicht vorhanden ist, kann daraus sogar ein Drama werden.
Ausgerechnet die Seekarte, jener Inbegriff maritimer Orientierung und Ordnung, war über Jahrhunderte auch ein Speicher präzise gezeichneter Irrtümer. Antillia verrät etwas über die Sehnsucht und den Legendenhunger der frühen Atlantikfahrer. Frisland erzählt von der Macht des Kartenkopierens und der Hartnäckigkeit einmal gesetzter Fehler. Hy-Brasil zeigt, wie leicht sich Mythos und Geografie aneinander festbeissen. Und Sandy Island beweist, dass auch moderne Kartensysteme nicht immun gegen Unsinn sind. Am Ende erzählen Phantominseln deshalb nicht nur von falschen Inseln, sondern von der sehr menschlichen Neigung, dem Ungewissen lieber eine Form zu geben, als es leer zu lassen.
Null Island ist keine echte Insel, sondern ein fiktiver Punkt bei 0 Grad Breite und 0 Grad Länge im Golf von Guinea, also dort, wo sich Äquator und Nullmeridian schneiden. Der Name entstand in der Welt digitaler Karten und Geodaten, weil fehlerhafte, unvollständige oder nicht korrekt verarbeitete Ortsangaben in Datenbanken oft genau bei diesen Koordinaten landen. So wurde aus einem technischen Standardfehler eine Art scherzhafte Phantominsel der Gegenwart – gewissermassen das digitale Gegenstück zu den Phantominseln alter Seekarten.
