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Hanse 315 - Junge Gebrauchte

Autor: Michael Kunst

Warum die Hanse 315 nicht nur Einsteiger begeistern dürfte. Ein entspanntes Wochenende auf einem coolen Boot.

Hanse 315 - Junge Gebrauchte
Coole Optik, oder?© Hanse Yacht

Es müssen ja nicht immer «alte» sein – auch auf dem Bootsmarkt gibt es «junge Gebrauchte» die, ähnlich wie bei den Automobilen, viele Vorteile mit sich bringen. Neben einem meist hochinteressanten Preis-Leistungsverhältnis (wie viele andere Produkte, verlieren auch neue Yachten oft überproportional an Wert während der ersten «Lebens»jahre) sind es vor allem technische und demografische Aspekte, die wenig gebrauchte, noch relativ frische Yachten interessant machen.

Typische Kinderkrankheiten sind meist schon «ausgeheilt» und auf potentielle, vor allem im Alter anfällige Problembereiche wie etwa Rigg, Motor, Kiel oder Segel kann man sich noch gut verlassen. Beim Kauf von älteren Gebrauchtbooten braucht man für diese Schlüsselpositionen oft einige Erfahrung, reichlich Know-how und nicht selten das berühmte Händchen fürs Basteln. Was wiederum die besondere Eignung von «jungen Gebrauchten» für Segel-Einsteiger nach sich zieht.

Sehr begehrt

Die Hanse 315, im Jahr 2015 auf den Markt gekommen und u.a. European Yacht of the Year 2016/Family Cruiser, vereint die o.g. Aspekte. Das junge Judel/Vrolijk-Design wird bereits vereinzelt auf dem Gebrauchtmarkt angeboten oder mit interessanten Rabatten in raren Einzelfällen direkt von der Werft in Sonderausstattungen (oder vormalige Testboote?) veräussert. Gemeinsamer Nenner: Die Boote sind nie lange im Angebot, gehen weg «wie geschnitten Brot».

Im letzten Herbst hatte der Autor die Gelegenheit, eine Hanse 315 auf einem Zwei-Tage- und-eine-Nacht-vor-Anker-Törn zu segeln. Sein vorweg genommenes Fazit: Selten ein so entspanntes Wochenende erlebt!

Es mag paradox erscheinen, dass ausgerechnet die sogenannten Einsteiger-Boote einer Fahrtenyacht-Serie häufig im Vergleich zu den grösseren Yachten der Palette den meisten «Segelspass» bieten. Kunststück: Je kleiner die Yachten, desto näher am Wasser und desto grösser die Befriedigung, unter Segeln im Einklang mit den Elementen von A nach B zu gelangen. Eigentlich ist es unverständlich, dass sich Eigner, die sich mit ihrer Yacht «verbessern» wollen, fast immer ein grösseres Schiff kaufen. Auch beim Segelsport könnte gelten: In der Kürze liegt die Würze.

Apropos, eigentlich ist die «kleinste Hanse» gar nicht mal so klein. 9,62 m ü. a. und 9,10 m Rumpflänge waren vor 20 Jahren in den meisten Grossserienwerften durchaus mittlere Grösse. Doch heutzutage fangen die Fahrtenyacht-Modellreihen der grossen Serienwerften eben erst bei ca 30 Fuss an.

Ohne wenn und aber

Die gesegelte Yacht war mit zwei Steuerrädern ausgestattet. Das verleiht dem Boot auf den ersten Blick einen rassigen, schnellen Eindruck und wirkt selbst auf überzeugte Pinnensegler irgendwie «cool», zumindest aber modern. Allerdings gibt es die beiden Steuerstände nur als Option: Die Basis-Version der neuen Hanse 315 wird per Pinne gesegelt. Man fragt sich jedoch, wie das bei dem vollständig auf die Steuerräder ausgerichteten Plicht-Layout überhaupt funktionieren soll – wahrscheinlich gingen die Hanse-Macher davon aus, dass sowieso jeder auf die coole Rad-Optik abfahren wird.

Typisches Einhandsegler-Layout Typisches Einhandsegler-Layout © Hanse Yacht

Einmal draussen auf See segelt sich die «kleine Hanse» locker-flockig mit dem «kleinen Finger», dass es eine wahre Freude ist. Womit wir bereits beim wichtigsten und wohl überzeugendsten Kaufargument für eine gebrauchte oder fast neue Hanse 315 angelangt wären: Das Boot segelt sich klasse. Ohne wenn und aber!

Wir sind eine erstaunliche Höhe in allerdings gemässigter Welle gefahren, waren auch mit einem Reff noch gut an der Windkante unterwegs und konnten mit dem Gennaker auf raumem Kurs so richtig in Fahrt kommen. Dabei gab es bei (jetzt wieder schwächerem) Wind von drei bis vier Beaufort logischerweise keine Glitscherlebnisse, sondern «nur» den Spass, ein Maximum bei gegebenen Windstärken aus dem Schiff zu holen. Aber für Rasereien ist die «Hanse 315» auch gar nicht konzipiert.
Vielmehr machen ihre Erbauer keinen Hehl daraus, was diese Yacht tatsächlich ist und eben auch bleiben soll: eine Fahrtenyacht. Punktum.

Einhand- und (somit) familientauglich

Die Hanse 315 liegt so gut auf dem Ruder, dass sie auch in manchmal als «haarig» empfundenen Situationen noch gut beherrschbar bleibt. Selbst wenn man sie absichtlich in eine extreme Lage respektive Krängung «drückt», läuft sie keineswegs aus dem Ruder. Und bei Manövern im Stile von «Abfallen bei ordentlich Druck in der Luft und etwas spät gefiertem Gross» macht sie brav und ohne grosse Kraftanstrengungen am Steuer mit.

Familienfreundlich und gleichzeitig was fürs Abenteuerliche: Die Hanse 315 ist schon in der Basisversion aufs Einhandsegeln ausgerichtet. Alle Fallen werden vom Mast Richtung Plicht geführt und die Winschen sind für Steuerfrau und Steuermann gut erreich- und bedienbar, ohne dass sie den Steuerstand verlassen müssen. Eine Travellerschiene sorgt für gute Trimmmöglichkeiten auch bei anspruchsvolleren Windstärken. Und die Selbstwendefock «steht» wie eine Eins und versieht in jedem Manöver gewissenhaft ihren Dienst. Für die Crew oder selbst für EinhandseglerInnen besteht mit der Selbstwendefock jedoch die Gefahr einer gewissen «Manöverlangeweile». Es sei denn, man/frau empfinden schon den Seitenwechsel als sportliche Betätigung. Merke: Selbst auf den entspanntesten Booten will die Crew gerne etwas «zu tun» haben.

Mit Selbstwendefock läuft die 315 wie auf Schienen Mit Selbstwendefock läuft die 315 wie auf Schienen © Hanse Yacht

Innere Werte

Wie es sich für einen Cruiser gehört, zeigt die Hanse 315 auch dann wahre Stärken, wenn sie ruhig vor Anker oder am Steg in der Marina liegt. Denn ihre «inneren Werte» stehen ihrer seglerischen Qualität in nichts nach.

Früher wurde ja bei Fahrtenbooten gerne das Wort «Raumwunder» genutzt. Bis man irgendwann feststellte, dass bei einem sichtlich riesigen Platzangebot analog die Segeleigenschaften litten, weil bestimmte «Wunder» innen von aussen betrachtet schon rein optisch ein Alptraum waren. Denn dem Innenraum wurde über Jahrzehnte hinweg im Cruising-Segment oft genug zu viel kompromisslose Beachtung geschenkt.

Bei der Hanse 315 halten sich seglerische Kapazitäten, visuelle Wohlgefälligkeit und Wohnkomfort im wahrsten Sinne der Worte die Waage. Denn nur mit einem ausgefeilten Innenraumkonzept lassen sich auch gute seglerische Leistungen abrufen. Und nur wer an den richtigen Stellen Kompromisse eingeht, kann letztendlich eine erfolgreiche Yacht abliefern.

Bei der angeblich «kleinen» Hanse 315 ist das jedenfalls bravourös gelungen. Man hat tatsächlich Eindruck, auf einem grösseren Schiff zu sein. Wenn man das als «Wunder» bezeichnen will… also gut!

Der Autor durfte in der Eignerkabine vor Anker schwojen respektive schnarchen und lag also quer in der Heckpartie des Bootes. Natürlich hat man dort kein Loft-Gefühl, doch war der Platz mehr als ausreichend. Und irgendwann muss man ja schliesslich auch merken, dass man auf einem Boot unterwegs ist, oder?

Die Nasszelle (backbord, direkt neben Niedergang) ist vergleichsweise voluminös und kann für Cruiser in dieser Grössenklasse als «state of the art» bezeichnet werden. Wer sich jemals bei bockigen fünf Windstärken zwecks Notdurft rückwärts in eine Toilette in Jugendkleiderschrank-grösse zwängte, weiss was gemeint ist.

Wie bei fast allen Yachten unter zehn Metern Länge sind vernünftigerweise «nur» zwei Kabinenbereiche vorgesehen: Hier im Vorschiff und im Heck. Der «Salon» besticht dank langer Seitenfenster und einer transparenten Luke durch ausserordentliche Helligkeit, selbst bei geschlossenem Niedergang. Der Smutje-Bereich ist dagegen eher zurückhaltend und auf echte Fahrtensegler-Tauglichkeit ausgerichtet. Denn wer glaubt schon diesen Werbevideos, in denen Fünf-Gänge-Menüs mal eben schnell abends vor Anker in der Bordkombüse gezaubert werden?

Kann auch eine Mütze Wind vertragen Kann auch eine Mütze Wind vertragen © Hanse Yacht

Bauch rät zu grösserem Motor

Unter Motor (Diesel 18 PS, Saildrive, 2-Blatt-Festpropeller) liess sich die Hanse 315 ebenso entspannt schippern. Allerdings herrschten bei uns keine schwierigen Bedingungen. Wer jedoch häufig auf Revieren unterwegs ist, wo längere Strecken gegen Wind und Welle und vielleicht sogar Strom gefahren werden müssen, dem sei dringend zum grösseren Motor (21 PS) geraten. Zumindest empfiehlt das des Autors Bauchgefühl…

In der Marina liess sich die Hanse 315 unter Motor korrekt bewegen, fuhr sauber relativ enge Wendekreise und parkte für ein Boot ihrer Grössenklasse normal ein. Deutlich besser soll das übrigens mit der «Hanse 315-E Motion Rudder Drive» funktionieren, von der wir allerdings noch kein gebrauchtes Exemplar auf dem Markt gefunden haben. Bei der vollständig von einem Torqeedo-E-Motor angetriebenen Yacht agiert der Propeller im Ruder. So wird der Schub in die jeweilige Richtung der Ruderstellung gelenkt – drehen auf dem Teller oder eine punktgenaue Ansteuerung der Box ist somit ohne Weiteres möglich.

Summa summarum ist die Hanse 315 eine Yacht, die man guten Gewissens «Einsteigern» und etwa jungen Familien empfehlen kann, auf der man aber auch als alter Salzbuckel richtig viel Segelspass haben wird. Knackige Optik, coole Ausstattung und die immer wieder zu erwähnenden sehr guten Segeleigenschaften machen die Yacht insbesondere als «junge Gebrauchte» höchst begehrenswert.

Ein Tipp: Hanse handelt wie einige andere Werften auch mit unterschiedlichen Ausstattungspaketen (z.B. Navigations-, Cruising-, Performance-, Gennakerpaket, Synthetisches Teak und vieles mehr). Sie sollen den Serienyachten eine Art individuellen Charakter verleihen. Gebrauchtbootkäufer müssen also sorgfältig die jeweils gegebenen Ausstattungen vergleichen und hochrechnen. So kann es nämlich leicht passieren, dass die «junge Gebrauchte» deutlich über dem Neu-Basispreis von ca. 73.000 Euro liegt.

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Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
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