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Wohnboot: Besser Chillen

Autor: Erdmann Braschos

Vor einer Weile kam ich nach einem kernigen Segeltag in Kopenhagen an, dieselte zum schmalen Kanal von Christianshavn mitten in der Stadt und genoss den Kontrast zu den Stunden draussen auf See. Herrlich still war es im Overgaden Oven Vandet, wo bereits an der Zufahrt des Kanals einige Hausboote vertäut waren.

Wohnboot: Besser Chillen
Wohnboot in Amsterdam© Wolfgang S. (Wikipedia)

Damals lagen einige sogar direkt am Abzweig vom Hauptfahrwasser, war die Gegend noch nicht von Fussgänger- und Fahrradbrücken überspannt, die Kopenhagen für Einheimische und Besucher heute so lebenswert machen.

Die Hausböötler relaxten in der Abendsonne mit hochgelegten Füssen bei einer Flasche Bier an Deck ihrer Wohnboote. Die Sonne schien, das Wasser gluckste. Blumenkübel schmückten die zweckmässig bis liebevoll zum Bordleben hergerichteten Domizile. Hingerissen von diesem Paradies mitten in der Stadt malte ich mir aus, wie gut sich das Segelspielzeug an einem Hausboot längsseits liegend machen würde. Das Fahrrad für die Landseite des amphibischen Lebens würde oben am Strandgade lehnen. Der Weg zur Werkbank wäre kurz!

Jeder Urlauber, jede Wasserratte auf Städtereise in Amsterdam, Berlin, Hamburg, London oder Paris kennt diesen Film. Er ist an einem Sommerabend in einer von einem Fluss oder Kanälen durchzogenen Metropole, oder beim Stadtbummel mit Blick auf‘s Wasser besonders schön. Sonntags, oder nach einem windreichen Segeltag zum Öresund lässt sich der Traum vom einfachen Leben auf dem Wasser herrlich ausmalen.

Hausboote am Beriner Landwehrkanal Hausboote am Beriner Landwehrkanal © Rainer Henkel, Wikimedia Commons, CC BY-SA 2.0 DE

Das amphibisch (wahre) Leben

Ähnlich vielfältig wie die Flotte der Motor- und Segelboote ist die Welt der Hausboote. Von den erwähnten stationären Wohnbooten – es gibt sie sogar zweistöckig - über ab und zu bewegliche schwimmende Untersätze bis zum Motoryacht-ähnlichen, flusstauglichen Hausboot gibt es fast alles. Schicke panoramaverglaste 200m2 Domizile mit allem erdenklichen Komfort, umgebaute Kähne und Fahrgastschiffe oder pfiffig gestaltete Designerstück aus den Rechnern ideenreicher Architekten.

In diesem Beitrag geht es um Wohnboote, also komplett vor Ort still liegende schwimmende Untersätze und jene, die ab und zu, für die gelegentliche Ver- und Entsorgung mobil sind. Womit wir gleich bei den praktischen Gesichtspunkten jenseits der Träumerei einer Städtereise sind.

Entscheidend ausser einem schönen, legalen Liegeplatz ist die Versorgung mit Strom und Frischwasser, ebenso die Entsorgung. Viele Hausböötler haben dieses beim üblichen Landleben als selbstverständlich genossene Privileg nämlich leider nicht. Damit steht und fällt aber der Aufwand rings um das Wohnbooterleben. Es ist leider so, dass die Zahl der erlaubten und mit entsprechender Infrastruktur ausgestatteten Liegeplätze im Vergleich zum Interesse am Wohnboot gnadenlos begrenzt ist. Berlin beispielsweise ist gegenüber Hausbooten ablehnend. In Hamburg gibt es immerhin einen Hausboot- Koordinator des Bezirksamts HH-Mitte, wohin sich der Interessent wenden kann.

Bei näherem Hinsehen wird deutlich, dass diese schöne Lebensform den Behörden regelrecht abgetrotzt ist. Hinzu kommt, dass manches Wohnboot und Hausboot in einer rechtlichen Grauzone liegt. Wie ich bei den meisten Interview-Anfragen erfuhr, sind viele Hausböötler bereits aus diesem Grund zurückhaltend, andere sind es mittlerweile müde, zu diesem Trendthema Einblicke zu geben.

Aus Sicht der Landmenschen geht es beim gediegen wassernahen Wohnen um die schöne Aussicht, und natürlich den Wert des teuren Wassergrundstücks, der nicht von einem Hausboot-Biotop mit schwimmenden Dauerbaustellen «verschandelt» werden soll. Erfolgsmenschen mit dickem Auto in der Tiefgarage und radelnde Künstler, Studenten, alternativ lebende und andersdenkende Leute passen selten zueinander. Dieser Fight wird auf zahlreichen Kanälen und Flüssen ausgetragen. In Berlin liegen beispielsweise in der Rummelsburger Bucht etwa 30-40 Hausboote, einige vor der Stralauer Halbinsel. Wer es besonders günstig mag, ankert einfach in der Bucht, wo einige Linksalternative mehrere Hausboote zur Insel «Lummerland» miteinander vertäuten. Hier darf geankert werden. Umständlich, weil mit dem Beiboot zu erledigen, sind natürlich die Wege an Land, sei es zur Arbeit, für Besorgungen, der Transport der Einkäufe. Das verlangsamt das Leben. Man muss das Wollen, sich darauf einlassen.

Hausböötler sind Individualisten. Mancher hat sich seine schwimmende Behausung selbst auf einem Ponton errichtet, eine Schute oder ein stillgelegtes Fahrgastschiff zum Wohnen hergerichtet. Oder er hat sich das schwimmende Ponton als kippsicheren Katamaran dazu selbst gebaut.

Wer ankert hat abgesehen vom Aufwand für den Betrieb und Erhalt des Hausbootes kaum Kosten, zahlt keine Liegegebühr. Das ist bei einem Liegeplatz an Land natürlich anders. Die Tarife sind unterschiedlich, aber auch in einem Yachthafen in der Regel günstiger als die gepfefferten Grossstadt-Mieten.

Wer weitgehend autark auf einem Wohnboot lebt, ist auf eine Kompost-Toilette, Solarenergie und grosse Wassertanks angewiesen. Die dunkle Jahreszeit der Wintermonate und die begrenzte Dachfläche setzt der Stromversorgung mit Solarpanels jedoch Limits. Hinzu kommt ihr Gewicht. Das schwimmende Zuhause darf nicht instabil und kippelig werden. Je grösser und vor allem breiter das Wohnboot, beziehungsweise die Plattform schwimmender Pontons, desto landlebensähnlicher haust man an Bord. Entsprechend ruhiger die Schwimmlage. Auch das Gewicht trägt dazu bei, geht aber zulasten der Mobilität. Wichtig ist auch die Höhe. Wer mobile bleiben möchte, sollte vorher die Brückendurchfahrtshöhen der Gegend prüfen.

In den Wintermonaten ist die klamme Kälte auf dem Wasser ein Thema. Wohnboote müssen ausgezeichnet isoliert sein, gerade von unten, sonst hat man ständig kalte Füsse. Ähnlich wie bei einer Eigentumswohnung gibt es beim Wohnboot laufende Kosten für die Pflege und den Erhalt des Gefährts. Wer an Bord eines betagten Stahlschiffes lebt, sollte damit je nach Alter etwa alle 5–10 Jahre in die Werft. Da wird ähnlich gnadenlos wie beim TÜV das Unterwasserschiff abgeklopft und zwar brutal mit einem Vorschlaghammer. Wer sein Wohnboot vermietet, für den ist der fünfjährige Werftbesuch Pflicht.

Bei Fragezeichen hinsichtlich der Wandstärke werden mangelhafte Bleche herausgeschnitten und neues Material angeschweisst. Beim Umbau eines gebrauchten Stahlschiffes zum schwimmenden Eigenheim lohnt es sich, Trennwände (Schotten) einzuziehen und die wiederum mit wasserdichten Luken, beziehungsweise Türen (sogenannten Mannlöchern) zu versehen. Der Aufwand lohnt sich auf Dauer mit der Gewissheit, dass das Zuhause bei einer Leckage infolge schleichender Durchrostung über Wasser bleibt. Empfehlenswert ist das 2013 erschienene Buch «Hausboote» von Udo A. Hafner und Torsten Moench. Es orientiert und zeigt 20 verschiedene Hausbootvarianten.

Der Einblick zeigt: Ein Wohnboot ist etwas für Wasserratten, die sich auf diese Lebensform einlassen, manche Umständlichkeit in Kauf nehmen. Der grosse Bonus ist: erträgliche Kosten und bei einer mobilen Variante die Möglichkeit, sein Zuhause woanders hin mitzunehmen. Der absolute Knaller eines Hausbootes aber ist sein Erholungswert. Ein Segelfreund von mir, der neuerdings auf einem Hausboot lebt, schwärmt: «Du kannst den Feierabend oder das Wochenende auf dem Wasser nicht mit Chillen auf dem Balkon, einer Terrasse oder einem Garten in der Stadt vergleichen. Es ist an Bord viel idyllischer und ruhiger. Du kommst Welten besser runter. Neulich besuchte mich ein Kollege nach der Arbeit. Er war gestresst und komplett auf. Er hockte sich mit einem Bier an Deck und meinte nur Boah.» Zauberhaft sind auch die Nächte bei Mondschein auf dem Wasser und die Morgensonne.

Leider sind Wohnboote keine Antwort auf den immer teurer und knapper werdenden Wohnraum in unseren Städten. Allein schon, weil sie politisch und behördlich nur in Ausnahmefällen gewollt sind. Aber sie sind mindestens eine interessante Ergänzung und manchmal auch ein Gegenentwurf zur zunehmend uniformeren Architektur an Land. Erst der Eigensinn würzt das Leben.

Wie auch beim Kauf eines Motor- oder Segelbootes fährt oder liegt man am besten, wenn man die Sache erst mal ausprobiert, sich für einige Tage auf einem gemieteten Wohnboot einquartiert. Das geht übrigens öfter als man denkt.

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Erdmann Braschos

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Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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