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Herausragende Provokation

Autor: Michael Kunst
  

Blitzeinschlag in Boote und Yachten – passiert das immer nur den anderen? Tatsächlich ist die Gefahr, dass „Funkenentladung und Lichtbogen zwischen Wolken und Erde“ ausgerechnet dieses eine Boot trifft, statistisch gesehen eher gering. Doch Murphy’s Gesetz kommt bekanntlich unter Seglern besonders häufig zur Anwendung. Deshalb lohnt es sich, einige Regeln zu beachten, die im Ernstfall Leben retten können.

Herausragende Provokation

Neulich am Bodensee. Über Nacht sinkt eine Yacht, die an der Boje friedlich vor sich hinschwojte. Über offene Seeventile und Vandalismus wurde gemutmasst, doch als die Feuerwehr das Schiff barg, war die Ursache für den Gang auf Tiefe schnell gefunden: Ein etwa vier Zentimeter grosses Loch im Rumpf wurde von den Fachleuten prompt als Blitzschaden diagnostiziert.

Zum Glück gab es aufgrund des nächtlichen Einschlags keinen Personenschaden, doch noch am Vortag des Unglücks sollen Kinder vom Boot aus gebadet haben, ging offenbar eine Familie friedlich ihrem Wochenendvergnügen nach.

Achtung: Seemannsgarn

Versicherungsgesellschaften registrieren weltweit jährlich Hunderte Havarien durch Blitzeinschlag. Nicht selten kommen dabei auch Menschen zu Schaden oder verlieren sogar ihr Leben. Und dennoch ignorieren viele Skipper und Yachteigner die Gefahr oder verlassen sich auf Seemannsgarn. Wer wirklich glaubt, „Alu- und Stahlrümpfe“ ziehen den Blitz an oder ein „Spruce Holzmast sei der beste Schutz“, der hat im Physikunterricht nicht aufgepasst oder ist Meister im Verdrängen.

Wichtigste Grundregel: Ob ein Blitz in ein Boot einschlägt oder nicht, kann durch nichts beeinflusst oder gar verhindert werden. Blitzschutz ist immer im Sinne von Schadensvermeidung oder -begrenzung nach dem Einschlag zu verstehen.

Tatsächlich ist der Mast eines Bootes, das mehr oder weniger alleine auf einem Gewässer unterwegs ist, so etwas wie eine „herausragende Provokation“ für den Blitz, wenn Gewitter in der Nähe sind. Dabei ist es unmöglich, zu berechnen oder auch nur zu erahnen, welchen Weg sich Blitze suchen und warum oder ob sie ausgerechnet auf dieser einen Yacht einschlagen.

Eine Blitzschutzmassnahme kann jedoch den Weg des Stroms ab dem Einschlagpunkt durch Ableitung und Erdung kontrollieren. Mehr oder weniger.

Die dafür angewandten Techniken sind sehr unterschiedlich und variieren entsprechend in ihrer Effizienz. Zwar gibt es etwa beim Gebäudeschutz bereits ausgefeilte Blitzschutztechniken, im Yachtbau und der Sportschifffahrt haben sich aber noch keine hundertprozentigen Massnahmen durchgesetzt. Vom System über Kupferleitern bis hin zu komplexen Konstruktionen, die etwa auf Luxusyachten bereits von der Werft installiert werden, ist so einiges „im Umlauf“.

Jedoch werden die meisten Serienyachten keineswegs mit Blitzschutztechniken ausgestattet. Die gibt es höchstens als Option – wenn überhaupt.

Um das hier gleich auf den Punkt zu bringen: Wer einen Blitzschutz auf seiner Yacht anbringen möchte, sollte unbedingt Fachleute zu Rate ziehen und spezialisierte Firmen mit der Installation beauftragen. Und selbst mit einem vermeintlichen Schutz vor den Folgen eines Blitzeinschlages sollte man einem Gewitter niemals sorglos entgegen fahren. Denn was die Natur an Gewalten zu bieten hat, ist bekanntlich… gewaltig!

Tödlich und zerstörerisch

Blitzstrom hat ungefähr die Stärke von 20.000 bis 50.000 Ampere – für den menschlichen Organismus können bereits 0,3 – 0, 5 Ampere tödlich sein. Schon deshalb sollte man den Legenden von den Glücklichen, die einen direkten Blitzeinschlag überlebt haben, am besten keinen Glauben schenken.

Tatsache ist, dass ein Blitz in jeder Hinsicht höchst zerstörerisch ist. Nachdem Blitze (nahezu immer) in den oberen Mastbereich eingeschlagen sind, „suchen sie sich den Weg des geringsten Widerstands zum Erdpotential“ ist in der Fachliteratur zu lesen. „Hürden“ oder Hindernisse auf diesem Weg werden gnadenlos ausgemerzt.

Deshalb splittern Masten, brechen Ruder, werden Löcher in den Rumpf geschlagen, wenn der Blitz sein Opfer heimsucht. Der nachfolgende Blitzlangzeitstrom mit „nur“ etwa 200 Ampere verursacht übrigens durch die längere Fliesszeit den grössten „Abbrand“.

Zudem sind moderne Yachten mit elektronischen Geräten überladen. Die untereinander meist vernetzten Geräte sind nach einem Blitzeinschlag per Definition alle beschädigt, meistens jedoch gegrillt und nie wieder einsetzbar.

Welche Folgen das für eine Yacht haben kann, die bei schwerem Gewittersturm und schlechter Sicht gerade einen fremden Nothafen anlaufen will oder draussen auf hoher See mehr oder weniger orientierungslos sich selbst überlassen ist, kann sich jeder vorstellen.

Kein Gewitter unterschätzen!

Wer an dieser Stelle immer noch abwinkt und glaubt, die Gefahr eines Blitzeinschlags sei überschätzt, der kann vielleicht mit meteorologischen Daten eines Besseren belehrt werden. Im Mittel müssen Segler in der Nordsee mit 10-15, in der Ostsee mit 15-20 Gewittertagen pro Jahr rechnen, im Mittelmeer sind es bereits 30-40 und in den Tropen erstaunliche 150 Gewittertage. Zieht man nun noch Murphy’s Law hinzu (was schiefgehen kann, geht auch schief) ist die Chance, während eines Törns auf ein Gewitter und somit zahlreiche Blitze zu treffen, gar nicht mehr so gering.

Und wenn dann die dunklen Wände nahen, sollten neben den im Vorfeld durch Spezialisten getroffenen Blitzschutzmassnahmen an Bord diese Regeln immer befolgt werden:

  • Wenn irgendwie noch möglich, Schutz vor dem Wetter suchen. Das kann der nächste Hafen sein, aber auch eine geschützte Ankerbucht.

  • Auf See Schutz in der Yacht suchen. Möglichst unter Deck aufhalten, nicht auf dem Deck stehen, eher im Cockpit kauern

  • Finger weg von Metallteilen, also Bug- und Heckkorb, Wanten, Reling, Steuerrad, Ankerkette etc.

  • Elektrik-Hauptschalter ausschalten. Kabelverbindungen, die zum Masttopp führen, unterbrechen (Steckerverbindung lösen).

  • Wichtig: Auch wer im Hafen liegt, ist nicht vor Blitzeinschlag geschützt! Die häufigsten Blitzunfälle passieren hier durch Einschlag von aussen. Deshalb Landstromkabel ziehen, sobald Gewitter sichtbar sind.

  • In Ankerbuchten: Niemals baden, wenn Gewitter in der Nähe sind.

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Seit 25 Jahren als Reporter unterwegs, segelt seit er im Midlife-Crisis-Alter ist, ein gebrauchten Laser.

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