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Klassiker13 min Lesezeit

Der Gebrauchtbootsegler Bill Tilman

Wie der englische Bergsteiger im Alter preiswert zu neuen Zielen gelangte

Der Gebrauchtbootsegler Bill Tilman
Der 75-jährige Tilman 1964 vor der Heard Island-Expedition zur Besteigung des 2.745 m hohen Big Ben © Archiv HW Tilman

Harold William „Bill“ Tilman verstand es, aus wenig viel zu machen. Zum Wandern langten ihm gescheite Schuhe, zur Querung Afrikas ein Fahrrad, für seine Expeditionen preiswerte Lotsenkutter. Damit segelte er zum Gletscherwandern nach Patagonien, für Bergtouren zu antarktischen Inseln und nach Grönland.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 02.03.2026

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Informationen zum Lotsenkutter des Bristolkanals
  • was Tilman mit sechs Jahrzehnte alten und entsprechend preiswerten Booten unternahm
  • das Leben des Extrembergsteigers und Expeditionsseglers
  • wie Tilman mit der Querung Patagoniens seine Passion für unentdeckte Wildnis mit dem Segeln verband
  • die Törns seines 23-jährigen Seglerlebens
  • Bücher von und über Tilman
  • die Umstände seines Verschwindens 1977 im Südatlantik
  • welche Events, bestehend aus Gebirgslauf, Radfahren und Segeln, heute an Tilman erinnern
  • welche Läufe und Fahrradrennen gleichen Namens es sonst in England und den Alpen gibt

«Mischief» mit Gaffeltakelage, mehreren handlich kleinen Tüchern und einziehbarem Bugspriet
«Mischief» mit Gaffeltakelage, mehreren handlich kleinen Tüchern und einziehbarem Bugspriet © Sandeman Yacht Company

Die Lotsenkutter des Bristolkanals

The Bristolkanal ist aufgrund seiner exponierten, nach Westen zum Atlantik hin ungeschützten Lage, 14 Metern Tidenhub, 7 Knoten Strömung, Unterwasserfelsen und wandernden Sandbänken eines der anspruchsvollsten Gewässer der Welt. Dank der gut erreichbaren Lage im Südwesten Englands wurde Bristol am Ende des 90 km breiten und 180 km weit ins Land reichenden Trichters zum gefragten Hafen für Erz, Kohle und Zucker.


Bristol am östlichen Ende des trichterförmigen Bristolkanals
Bristol am östlichen Ende des trichterförmigen Bristolkanals © NordNordWest CC BY-SA 3.0 DE


Nachdem die ersten Lotsen bereits 1497 segelten, folgte die Entwicklung des Lotsenversetzbootes, das vom Skipper und einer Deckhand gesegelt wurde und zwei Lotsen an Bord nahm. Es wurde zunächst „Bristol Channel Sailing Skiff“ genannt. Die Lotsen waren in einem Vorort von Bristol am River Avon stationiert. Ein örtliches Schiffsregister des Jahres 1795 nannte bereits 12 solcher „Skiffs“.


Im 19. Jh. war der Lotsenkutter des Bristolkanals 12–15 m lang, um die 4 m breit. 2,4 bis 2,7 m Tiefgang, um die 30 Tonnen Verdrängung. Gebaut aus Eiche und Ulme mit reichlich Innenballast. Manche Boote hatten zusätzlich eine Tonne Aussenballast unter dem Kiel. Wie im Unterschied zu Yachten üblich, bestand das Deck aus parallel zur Mittschiffslinie verlegtem Kiefernholz. Die Boote waren als Gaffelkutter getakelt, damals die vielseitigste und handlichste Besegelung. Sie waren ganzjährig von Häfen wie Cardiff, Newport oder Pill in der Weite des Bristolkanals im Einsatz. Im Winter wurde mit Tüchern aus Flachs gesegelt, im Sommer mit Baumwolle. Seglerisches Geschick und die Geschwindigkeit der Lotsenkutter entschieden über den geschäftlichen Erfolg. Wer zuerst beim Kunden war, verdiente Geld. Die Konkurrenz war im frequentierten Gewässer gross.


Blick in einen Lotsenkutter des Bristolkanals
Blick in einen Lotsenkutter des Bristolkanals © Peter Stuckey: The Sailing Pilots of the Bristol Channel The Pilot Online Edition


Die Blütezeit der legendären segelnden Lotsenversetzer war die Kohleärea der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Lotsen erwarteten ihre Kundschaft in der Zufahrt zum Bristol-Kanal, wo der Preis ausgehandelt wurde. Dann wurde auf der Backbordseite des Lotsenkutters ein 4 m langes Beiboot zum Übersetzen des Lotsen zu Wasser gelassen und zur Kundschaft gerudert. Die Beiboote waren weiss gestrichen, so wurden sie nachts besser gesehen. Der Schiffsjunge ruderte den Lotsen zur Kundschaft, während der Skipper den 30 t schweren Kutter oft mit mehreren Halsen einhand segelte und die Rückkehr des Beibootes erwartete. Stürme wurden beigedreht abgewettert. Die Ära der segelnden Lotsenkutter endete 1913 mit der „Steam Pilot Boat Company (Cardiff and Bristol Channel) Limited“. Von Hunderten dieses Bootstyps existieren heute etwa 18 Exemplare. Die 1997 gegründete Bristol Channel Pilot Cutter Association dokumentiert und erhält die Schifffahrtstradition.

Tilmans «Mischief»

Der berühmteste Kutter dieses Typs war die 1906 gebaute «Mischief» (auf Deutsch Unfug oder Unheil). Er wurde vom ersten Eigner, dem Lotsen William Morgan so versiert gesegelt, dass er den Spitznamen „Billy the Mischief“ erhielt. 1954-68 wurde das Schiff durch H.W. Tilman nochmals bekannt. Er segelte im Lauf von 14 Jahren etwa 115000 Seemeilen damit. 40 Jahre nach dem Untergang des Originals bei Jan Mayen, liess der Bootsbauer John Raymond-Barkers 2008 einen Neubau des Bootes nach rekonstruierten Plänen von Ed Burnett in Bristol vom Stapel.

Bootsdaten «Mischief»

Länge über alles mit ausgefahrenem Bugspriet: 18,20 m
Länge über Deck: 13,72 m
Länge Wasserlinie: 11,58 m
Tiefgang: 2,29 m
Verdrängung: ≈ 25 t
Grosssegel: 61 qm
Topsegel: 16 qm
Fock: 24 qm
Aussenklüver: 19 qm

1989 als Sohn eines selbstbewussten und erfolgreichen Zuckerhändlers in Liverpool geboren, wuchs Harold „Bill“ Tilman seit seinem elften Jahr in einem Internat auf, besuchte die Königliche Militärakademie und überlebte den Ersten Weltkrieg als 18-jähriger Schütze in der entsetzlichen Schlacht an der Somme.

Als die britische Regierung demobilisierten Soldaten 25 Hektar Land in Afrika anbot, wurde Tilman mit 21 Jahren Landwirt in Kenia, wo er sich im Kaffeeanbau versuchte und dem zehn Jahre älteren Eric Shipton begegnete. Ungeachtet Tilmans schlechter gesundheitlicher Anpassung an den niedrigen Luftdruck in den Bergen (sog. Höhenkrankheit) gelang beiden die Besteigung des 5149 m hohen Mawenzi und eines ähnlich hohen Nachbargipfels im Kilimandscharo-Massiv. Tilman hatte das Thema seines Lebens gefunden, mit Shipton einen Lehrer und Partner zum Bergsteigen. Seine mangelnde Erfahrung glich Tilman mit Beharrlichkeit und Entschlossenheit aus. Die beiden, sie wurden „Terrible Twins“ genannt, nahmen sich wenig später im Himalaja Berge vor, an die sich noch keiner gewagte hatte. Siehe dazu die Übersicht der alpinen Leistungen am Schluss des Artikels.

Eine Rückenverletzung beim Bergsteigen im Lake District, dem Mekka englischer Kletterer, hielt ihn nicht vom Klettern in den Alpen ab. Nach einem gescheiterten Versuch als Goldgräber in Kenia stieg er im September 1933 in Nairobi zwecks Rückreise nach England auf ein Fahrrad. Er fuhr die 4.800 km Strecke zur westafrikanischen Küste auf einer äquatornahen Strecke zügig mit unglaublichen Tagesdistanzen, wobei er sich sich im Wesentlichen von Bananen ernährte. Tilman übernachtete, geschützt von einem Moskitonetz, im Freien. Problematischer als die jederzeit mögliche Begegnung mit Löwen war die Willkür der örtlichen Beamten. Angst scheint Tilman weniger gekannt zu haben, eher Aufgaben.

Ein Jahr später bestieg er gemeinsam mit Shipton den 7.816 m hohen Nanda Devi, der durch einen kathedralenartigen Ring von Sechstausendern umschlossen ist und bis dahin als unzugänglich galt. Es ist für normale Menschen angesichts solcher Berge schwer vorstellbar, wie man da rauf und wieder runter kommt.

Der bis 1934 unerreichte und unbestiegene Nanda Devi
Der bis 1934 unerreichte und unbestiegene Nanda Devi © Michael Scalet CC BY-SA 2.0

Im Zweiten Weltkrieg kämpfte Tilman freiwillig zunächst erneut in Frankreich, wo er die Einkesselung von Dünkirchen im Frühjahr 1940 überlebte. Den Fronturlaub 1941 nutzte er zum Klettern in Kurdistan. Im Jahr darauf erklomm er nachts den 1.295 m hohen Djebel Zaghouan in Tunesien. Tilman kämpfte in Albanien und landete als Fallschirmspringer zur Unterstützung der Partisanen in Norditalien. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Tilman wieder in seine Wahlheimat zum Bergsteigen im Himalaja zurück.

1952 akzeptierte Tilman seine anhaltende Höhenkrankheit. Auch sah er ein, dass er mit Anfang fünfzig für die Achttausender Asiens zu alt ist. Hinzu kam, dass sich neuerdings die halbe Welt für den Himalaja interessierte. Tilman brauchte neue Ziele, die auf der Karte mit dem Hinweis „inesplorado“ als unerkundet bezeichnet waren.

Mit «Mischief», hier 1971 am King Edward Point in Südgeorgien, unternahm Tilman 14 Jahre viele Expeditionen
Mit «Mischief», hier 1971 am King Edward Point in Südgeorgien, unternahm Tilman 14 Jahre viele Expeditionen © Archiv HW Tilman

Ausserdem gab es fabelhafte Geschichten von Feuerland. Angeblich sollten da Bäume auf Gletschern wachsen, Kolibris, Papageien und Pinguine leben. Auch interessierte Tilman, dass den Eingeborenen nach dem Genuss von Marmelade angeblich „der Kopf rauche“. Das musste sich der englische Jam-Eater mal ansehen. Hinzu kam, dass noch niemand von Ost nach West über das Eis Patagoniens gelaufen war.

Jedes Vorhaben lässt sich auf der Rückseite eines Briefumschlags planen

HW Tilman

Anstelle einer teuren Fahrkarte für die Reise nach Feuerland lernte Tilman segeln. Zügig eignete er sich in englischen Gewässern das Handwerk mit Pinne, Schot und den Umgang mit dem Sextanten an und kaufte im Jahr darauf in Mallorca einen gebrauchten Lotsenkutter. Die Überführung nach England verlief abenteuerlich, wobei der grösste Fehler Tilmans war, zu nah an Portugal entlangzusegeln, wo Crewmitglieder unbedingt aussteigen wollten. Im Jahr darauf legte Mischief nach Patagonien ab. Tilman nahm sein Schiff als Basislager und schwimmende Berghütte für Expeditionen in den hohen Breitengraden der Arktis und Antarktis.

Mit seinem zweiten Boot namens «Sea Breeze» war Tilman 1968-72
Mit seinem zweiten Boot namens «Sea Breeze» war Tilman 1968-72 © Archiv HW Tilman

Wie bei der Querung Afrikas mit einem Fahrrad für kleines Geld oder seinen Bergtouren steuerte er anstehende Ziele so schlank wie möglich an. „Jedes Vorhaben lässt sich auf der Rückseite eines Briefumschlags planen“, meinte Tilman, der gemeinsam mit Eric Shipton und lange vor Reinhold Messner in den Bergen seinen schnörkellosen Expeditionsstil entwickelt hatte. Den übertrug er damals aufs Blauwassersegeln. Hier war die Herausforderung gross, Begleiter zu finden, die mit Tilmans beharrlicher und genügsamer Art, auch seiner Verschwiegenheit zurechtkamen. Auch brauchte er zuverlässige Leute, die sich während seiner tage- oder wochenlangen Exkursionen so zuverlässig ums Schiff kümmerten, dass man wieder nach England zurücksegeln konnte.

Hands wanted: No pay, no prospects, not much pleasure

HW Tilman

Helfende Hände für seine Abenteuer fand er mit einer Anzeige in der Times mit zwei Sätzen, in denen Tilman alles kurz und ehrlich zusammenfasste: „Hands wanted for long voyage in small boat. No pay, no prospects, not much pleasure.“ Lakonisch, klar und geradeaus lesen sich auch die Schilderungen seiner Törns. Navigation war damals so anspruchsvoll und ungewiss. Die Ansteuerung ferner Gestade war riskant. Nach Wochen auf See und unsicherem Standort war es ein Vabanquespiel: „Beyond the clouds, beyond the waves that roar, there may indeed, or may not be, a shore“, schrieb Tilman in „Mischief in Patagonia“.

Trotz des Bootsnamens „Mischief“ gelang die Patagonienreise. In der Magellanstrasse navigierte er nach Angaben, die noch aus Charles Darwins Zeiten mit der „Beagle“ stammten. Im Sommer der südlichen Hemisphäre, Mitte Dezember ’55 bis Ende Januar, lief Tilman, begleitet von Charles Marriott und Jorge Quinteros, einmal von Ost nach West durch Patagonien und zurück. Tilman ermöglichte seine Reisen mit einem ressourcenarmen Ansatz. Er kaufte preiswert und machte was mit seinen Booten. Als fleissiger Autor (und herrlich lakonischer wie bescheidener Erzähler) finanzierte er sie und auch seine Existenz mit seinen regelmässig erscheinenden Büchern.

1959 segelte «Mischief» noch mit weissem Rumpf zu den Crozet-Inseln im Süden des Indischen Ozeans
1959 segelte «Mischief» noch mit weissem Rumpf zu den Crozet-Inseln im Süden des Indischen Ozeans © Archiv HW Tilman

Beyond the clouds, beyond the waves that roar, there may indeed, or may not be, a shore

Bill Tilman

«Mischief» 1963 in der Nähe der Bylot-Insel nördlich der Nordwestpassage im Nordosten Kanadas
«Mischief» 1963 in der Nähe der Bylot-Insel nördlich der Nordwestpassage im Nordosten Kanadas © Archiv HW Tilman

Diese Südgeorgien und den Südlichen Sandwichinseln gewidmete Briefmarkenserie erinnerte 1964 an Bill Tilman und «Mischief» im Kielwasser von James Cook 1775
Diese Südgeorgien und den Südlichen Sandwichinseln gewidmete Briefmarkenserie erinnerte 1964 an Bill Tilman und «Mischief» im Kielwasser von James Cook 1775


In den unwirtlich hohen Breitengraden fand Tilman das Thema seines Alters: die Verbindung von Segeln und Bergsteigen. So segelte Tilman 113.000 Meilen mit „Mischief“, bis sie infolge eines Motorschadens vom Eis beschädigt wurde und östlich von Jan Mayen sank. Sein nächstes Schiff namens „Sea Breeze“ war ebenfalls ein gebrauchter Lotsenkutter. Damit erschien er so selbstverständlich im nächsten Sommer wieder in Grönland, wie andere heute nach Mallorca fliegen.

Filmausschnitte von 5 Reisen mit HW Tilman 1961-71

Das Boot sank bereits nach vierjährigem Einsatz im Sermilik Fjord an der Südostküste Grönlands. Mit seinem dritten Schiff namens „Baroque“ war Tilman 1973 bis 76 immer wieder vor Grönland und Spitzbergen unterwegs. Dieses Mal ging das Schiff nur beinahe unter. Nun hätte der prototypische Pulloversegler und Freund der hohen Breitengrade sich aufs Landleben einlassen, sich von den Abenteuern zurückziehen können. Er ging damals auf die Achtzig zu.

«Sea Breeze» 1971 an der Ostküste Grönlands
«Sea Breeze» 1971 an der Ostküste Grönlands © Archiv HW Tilman

Aber Tilman hatte 500 Meilen südlich von Kap Horn noch eine Rechnung offen. Dort ragt ein zwei Kilometer hoher Berg aus dem Southern Ocean. Zweimal hatte er versucht, auf der von Eis und Brandung umlagerten Insel, namens Smith Island, zu landen. Vergeblich. Da musste er noch mal hin, jedoch nicht, um selbst auf den Mount Foster gehen. Er wollte zwei junge neuseeländische Bergsteiger auf den Falklandinseln abholen und in den Sommermonaten des Südens nach Smith Island bringen.

Smith Island, Antarktis
Smith Island, Antarktis © Cliff Frolich Public domain

Leider war „En Avant“ (dt. Vorwärts) dafür kaum geeignet. Mit diesem hastig von einem Weggefährten zum Gaffelkutter umgebauten 18 m langen Schlepper hätte man von Basel bis Weil am Rhein dieseln können. Das flachbordig und schwere Gefährt war während des 2. Weltkriegs entstanden. Das zerdellte Eisenross lag tief wie eine Lokomotive im Wasser, mit beängstigend niedrigen Speigatten zur Drainage des Decks.

Es war eine Tilman-Tradition, aus gebrauchter Hardware viel zu machen. Stets ging es gut, und er gelangte, um die Erlebnisse eines kernigen Törns reicher, stets trockenen Fusses an Land. Immerhin gelangte der ehemalige niederländische Schlepper von England über die Kanarischen Inseln bis Südamerika. Am 1. November 1977 verliess der 79-jährige Tilmann mit einigen jungen Männern an Bord Rio de Janeiro. Tilman war taub, am Ende seiner Kräfte. Es war klar, dass er nach diesem Törn die Leinen nicht mehr loswirft.

Das Schiff und seine Besatzung wurden nicht mehr gesehen. Niemand weiss, warum und unter welchen Umständen das Schiff auf dem Weg zu den Falklandinseln verschwand. Möglicherweise beendete die eingeschränkte Seetüchtigkeit des ranken Gefährts mit wenig Ballast und geringem Freibord im gefährlichen, von Pampero-Stürmen heimgesuchten Südatlantik die Reise. Einfach so, wie normale Leute in einem warmen Bett, wollte Tilman sein erlebnisreiches Leben nicht beschliessen.

Warum?

Es bleibt die Frage, warum Tilman sich für die Todeszone der Achttausender entschied, freiwillig zum Zweiten Weltkrieg meldete und einen "Ruhestand" als Expeditionssegler wählte. Die erste Antwort lieferte Tilman selbst mit Hinweis auf die grauenhafte Schlacht an der Somme und sein Hadern mit dem Zufall, den Ersten Weltkrieg überlebt zu haben. Die zweite Antwort stammt vom Tilman-Biografen Tim Madge mit der Schilderung von Tilmans Kindheit und Jugend. Tilman wurde von seinem Vater, dem erfolgreichen Zuckerhändler in Liverpool, nicht akzeptiert und später enterbt, auch weil er sich nicht für die Fortsetzung der sicheren und einträglichen Existenz als Kaufmann entschieden hatte. So bewies sich das ins Internat abgeschobene Kind lebenslänglich an seiner persönlichen Front: Tilman lebte, wie er selbst erklärte, zunächst von Tag zu Tag, dann von Ziel und Ziel, von Prüfung zu Prüfung in der Wildnis Afrikas, im Himalaja und schliesslich als Segler im riskanten Gewässer der hohen Breitengrade.

Wer auf dem Fahrrad, beim Bergsteigen, Wandern oder Segeln für die schönen Seitens des Lebens entscheidet, und sei es auch nur im deutlich bescheideneren Format als Tilman, versteht seinen naturverbundenen Kurs durchs Leben.

«En Avant», ein zur Expeditionsyacht umgebauter Schlepper
«En Avant», ein zur Expeditionsyacht umgebauter Schlepper © Archiv HW Tilman

Heute erinnern im Museum von Coventry das Velo seiner 4.800 Kilometer Radtour durch Afrika, ein Pfad durch die Dolomiten, der 5300 m hohe Tilman-Trek im Himalaja, lesenswerte Berg- und Segelbücher, das Three-Peaks-Yacht-Race in England, Schottland und Tasmanien an den grossen Abenteurer, und natürlich die Replik der «Mischief», jenes Schiffes, mit dem Tilman weite Reisen unternahm und das ihm vor Ort als schwimmende Berghütte diente.

Das letzte Foto von Tilman (zweiter von links) und der Crew an Bord des flachbordigen Hafenschleppers beim Ablegen in Southampton, August 1977
Das letzte Foto von Tilman (zweiter von links) und der Crew an Bord des flachbordigen Hafenschleppers beim Ablegen in Southampton, August 1977 © Archiv HW Tilman

Tilmans Bergtouren

  • 1929 macht er im Lake District in England Bekanntschaft mit dem Bergsteigen.
  • 1930 besteigt er mit Eric Shipton den Mawenzi und den Kibo in der Nähe des Kilimanjaro und die West Ridge of Batian und den Nelion, einen Nebengipfel des Mount Kenia.
  • 1932 besteigt er mit Shipton im Ruwenzori-Gebirge den Speke, Baker und Stanley und im gleichen Jahr alleine verschiedene Berge in den Alpen.
  • 1933 erklimmt er alleine den Kilimandscharo.
  • 1934 findet er gemeinsam mit Shipton und mit drei weiteren Bergsteigern einen Zugang zum Nanda Devi und zum nordindischen Badrinath-Gebirge.
  • 1935 erkundet er das Gebiet um den Mount Everest und erklimmt verschiedene Berge in der Umgebung.
  • 1936 verschiedene Bergbesteigungen und Passüberwindungen einschliesslich des Zemu Gap in Sikkim, bei Kangchendzönga. Später erfolgreiche Erstbesteigung des Nanda Devi.
  • 1937 gemeinsam mit Shipton Erkundung des des Karakorums.
  • 1938 erreicht er bei einer Mount-Everest-Expedition eine Höhe von 8.320 m.
  • 1938 Querung des Zemu Gap (Sikkim).
  • 1939 Expedition zum Assam-Himalaja, die wegen einer Malaria-Erkrankung und einem Todesfall abgebrochen wird.
  • 1941 besteigt Tilman mehrere Berge in Kurdistan.
  • 1942 steigt er nachts auf den Zaghouan in Tunesien.
  • 1947 scheitert er bei der Besteigung des Rakaposhi. Erkundung des Kukuay-Gletschers im Südwesten von Batura Muztagh.
  • 1947 Versuch mit Shipton und dem Sherpa Gyalgen den Muztagh Ata zu besteigen.
  • 1948 gescheiterter Versuch, den Bogda Feng, im Norden von Xinjiang mit Shipton und zwei weiteren Bergsteigern zu besteigen
  • 1948 Versuch den Chakragil im Westen von Xinjiang zu besteigen, Erkundung des Chitral-Distrikts am Hindukusch.
  • 1949 viermonatige Erkundungs- und Wissenschafts-Expedition durch Langtang, Ganesh und Jugal Himals in Nepal. Tilman besteigt den Paldor und den Ganesh Himal.
  • 1950 führt Tilman die britische Annapurna-Expedition, die den Annapurna IV besteigt und sich an weiteren nahegelegenen Gipfeln versucht.

Tilmans Bergbücher wurden ab 2015 in einer lesbaren, mehrbändigen Ausgabe neu aufgelegt
Tilmans Bergbücher wurden ab 2015 in einer lesbaren, mehrbändigen Ausgabe neu aufgelegt

Tilmans Radtour

Nachdem er in Kenia 1933 vergeblich Gold gesucht hatte, fuhr mit dem Rad 4.800 auf einer äquatornahen Strecke von Kenia durch Uganda, Belgisch Kongo und Französisch Guinea bis Duala an der Westküste Afrikas, wo er ein Schiff nach England nahm.

Tilmans Lotsenkutter

  1. Mischief British Channel Pilot Cutter, 1906 von Thos. Baker in Cardiff gebaut. Länge 45 Fuss, Breite 13 ft, Tiefgang 7ft 6in, 25 t Verdrängung, 29 Thames Tonnage, 90 qm Segelfläche. 1954 in Mallorca gekauft, 1968 vor Jan Majen gesunken. 12 Reisen während 14 Jahren.
  2. Sea Breeze British Channel Pilot Cutter, 1899 von J. Bowden in Porthleven gebaut. Länge 49 Fuss, Breite 14 ft 4 in, Tiefgang 7ft 6in, 33 Thames Tonnage. 1968 gekauft. August 1972 nach Grundberührung im Sermilik Fjord/Grönland gesunken. 4 Reisen während 4 Jahren.
  3. Baroque British Channel Pilot Cutter, 1902 von Hambly Werft in Cardiff gebaut. Länge 50 Fuss, Breite 13 ft 6 in, Tiefgang 7ft 6in, 32 Thames Tonnage. Ende 1972 in Falmouth/England gekauft, 1976 Havarie bei Angmagssalik/Grönland. September 1976 zum Überwintern in Reykkavik gelassen. Das Boot wurde Juni 1977 zum Verkauf nach Lymington überführt. 4 Reisen während 4 Jahren.

Die ab 2015 erschienene Edition der Bücher über Tilmans Expeditionstörns
Die ab 2015 erschienene Edition der Bücher über Tilmans Expeditionstörns

Tilmans Törns

  1. 1954 Überführung von Mischief von Mallorca nach Südengland
  2. 1955 erste Reise mit Mischief nach Patagonien, dort Wanderung über das patagonische Eis mit Jorge Quinteros, 20.000 sm
  3. 1957 Umsegelung Afrikas, 21.000 sm
  4. 1959 Südatlantik, Crozet Inseln, 20.000 sm
  5. 1961 Westgrönland und Gewässer um Upernavik, 7.500 sm
  6. 1962 Westgrönland und Baffin Island, 6.500 sm
  7. 1963 Bylot Island, Baffin Bay, 7.000 sm
  8. 1964 Ostgrönland, 3.700 sm
  9. 1964 Skipper des Schoners Patanela zur Heard Insel Expedition im Southern Ocean
  10. 1965 Ostgrönland, 4.000 sm
  11. 1966 Besuch einiger Inseln im Southern Ocean 20.500 sm
  12. 1968 drei Monate Ostgrönland, Jan Mayen. Verlust der Mischief, 2.500 sm
  13. 1969 viermonatiger Törn mit Sea Breeze nach Ostgrönland, 3.400 sm
  14. 1970 viermonatiger Törn Südwestgrönland, Faeringehavn, Julianhaab, Nanortalik, Torsukatak, 5.000 sm
  15. 1971 viermonatiger Törn Faröer Inseln, Ostgrönland, Angmassalik, 5.000 sm
  16. 1972 dreimonatiger Törn nach Ostgrönland, Verlust der Sea Breeze, 3.000 sm
  17. 1973 erster, vermonatiger Törn mit Baroque nach Westgrönland, 5.000 sm
  18. 1974 viermonatige Umsegelung von Spitzbergen, 7.000 sm
  19. 1975 viermonatiger Törn nach Westgrönland, 5.000 sm
  20. 1976 viermonatiger Törn nach Ostgrönland, Angmagssalik bis Reykjavik
  21. 1977 viermonatige Reise als Crew/Navigator an Bord von on Simon Richardsons En Avant von Southampton über Las Palmas, Rio de Janeiro bis das Schiff unterwegs zu den Falklandinseln verschwindet.

Die Bücher

  • Peter J. Stuckey: The Sailing Pilots of the Bristol Channel, David & Charles 1977, grundlegendes 158 seitiges Werk zu diesem Bootstyp. Seltenes und entsprechend teueres Sammlerxemplar. ISBN-10: ‎0715373730, ISBN-13‏: ‎978-0715373736. Überarbeitete und erweiterte Neuauflage, Redcliffe Verlag 1999, 180 Seiten, ISBN 190017832X, 9781900178327
  • H.W. Tilman: Mount Everest 1938. Pilgrims Publishing, ISBN 81-7769-175-9
  • H.W. Tilman: Nepal Himalaya, Pilgrims Publishing, ISBN 81-7303-107-X
  • H.W. Tilman: The Seven Mountain Travel Books: Snow on the Equator. The Ascent of Nanda Devi. When Men and Mountains Meet. Everest 1938. Two Mountains and a River. China to Chitral. Nepal Himalya. Diadem Books Ltd., London and the Mountaineers, Seattle, 1983, zweite Auflage 1985, dritte Auflage 1988; 986 Seiten. ISBN 0-906371-21 (UK), Library of Congress ISBN 0-89886-74-1 (US)
  • H.W. Tilman: The Eight Sailing/Mountain-Exploration Books. Mischief in Patagonia. Mischief among the Penguins. Mischief in Greenland. Mostly Mischief. Mischief goes South. In Mischief's Wake. Ice with Everything. Triumph and Tribulation. Diadem Books Ltd., London and the Mountaineers, Seattle, 1987; 956 Seiten. ISBN 0-906371-22-8 (UK), Library of Congress ISBN 0-89886-143-8 (US)
  • David Glen: Warrior Wanderer. The Life and Times of the Legendary Explorer Bill Tilman. ISBN 1-887062-02-5
  • J.R.L. Anderson: High Mountains and Cold Seas – A biography of H.W. Tilman; Tilman Books, 2017, überarbeiteter Nachdruck der Ausgabe von Victor Gollancz 1980
  • Tim Madge: The Last Hero. Bill Tilman. A Biography of the explorer. Hodder & Stoughton London 1995. ISBN 0-340-58441-6, 288 Seiten

Obwohl die Sammelbände zu Tilmans Bergtouren und Expeditionstörns aus den Achtzigerjahren eine verdienstvolle Sachen waren, sind die eng bedruckten, knapp tausend Seiten Werke nicht gerade lesefreundlich. Eine neue, ab 2015 erschienene Edition der Einzelbände behebt dieses Manko.

Harold William Tilman 1989 - 1977
Harold William Tilman 1989 - 1977 © Archiv HW Tilman

Das Three Peaks Yacht Race

Das Three Peaks Race gibt es als Langstreckenstreckenlauf über drei Berge schon lange, und zwar seit 1954 in der Grafschaft Yorkshire. Hier absolvieren die Teilnehmer eine 37,4 km langen Strecke über 1.609 Höhenmeter. 1976 dachte Bill Tilman über einen Wettkampf an der Westküste seiner Heimat nach, der die beiden Themen seines Lebens, die Berge und Segeln, miteinander verbindet. Es wurde zunächst Three Peaks Race genannt. Dabei wird gesegelt, Rad gefahren und auf die Berge gelaufen. Die Teilnehmer segeln 389 Seemeilen in drei Etappen von Barmouth in Wales über Caernarfon bis Fort William. Rudern und Segeln ist erlaubt, Motoren nicht. An Land sind die höchsten Gipfel von Wales, England und Schottland zu erklimmen, und zwar der 1.085 m hohe Mount Snowden (40 km Laufen), der 978 m hohe Scafell Pike (Radfahren und Laufen) und der 1.345 m hohe Ben Nevis (Laufen). Die Crews bestehen aus vier bis fünf Personen, von denen zwei Mitglieder laufen.

Das Australische Three Peaks Race

Inspiriert vom englischen Original gab es von 1989 bis 2013 in Tasmanien ein ähnliches Rennen. Start war in Beauty Point an der Nordküste und führte über Flinders Island die tasmanische Ostküste bis Hobart. 335 Seemeilen Segelstrecke, 133 km Laufstrecke über insgesamt 2.646 m Höhenmeter, bestehend aus dem 756 m hohen Mount Strzelecki auf Flinders Island, dem 620 m hohen Mount Freycinet und dem 1.270 m hohen Mount Wellington. Das Rennen soll 2027 wieder stattfinden.

Weitere Three Peaks Races

Inspiriert vom Original gibt es mittlerweile mehrere ähnliche Wettkämpfe, unter anderem Alpquerungen mit dem Fahrrad. Das Three Peaks Bike Race beispielsweise führt 2026 von Wien über drei Pässe abwechselnd nach Nizza oder über 2.100 km bis Barcelona.

Weiterführende Links

VG