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Drachen: Die royale Klasse

Autor: Michael Kunst
  

Wer einen Drachen segelt, darf mit königlichem Segelspass, hohem Leistungsniveau und entspannten Törns rechnen. Der Klassiker ist nicht kleinzukriegen – allen Unkenrufen zum Trotz blüht die 86 Jahre junge Klasse wie kaum eine andere…

Drachen: Die royale Klasse
Grosse Felder bei den Internationalen Regatten, wie hier vor Weymouth © michael austen

Es ist schon ein paar Jahre her, da trafen sich die Reichen und die Schönen, die Royals und das Bürgertum, die Wirtschaftsbosse und die „immer-knapp-bei-Kasse“-Müssiggänger, Top-Segler und Segel-Prominente, der Adel und die Normalos auf dem Golf von St. Tropez, um den 75. Geburtstag der Drachenklasse mit einer gigantischen Regatta zu zelebrieren.

267 Drachen waren am Start und mittendrin Jacques Rogge, damals Präsident des Internationalen Olympischen Komitees. Der erste Segler im Vorstand des IOC sollte seine Premiere auf dem Drachen noch lange in Erinnerung behalten.

Rogge hatte sich Uli Libor, die Deutsche FD-Segellegende und erfahrenen Drachen-Segler an die Vorschot geholt. In der Hektik der Vorstartphase kam es zu einer Patenthalse und… Steuermann Rogge krachte der Baum frontal an den Schädel. Libor berichtete, das ganze Boot sei voll Blut gewesen, immerhin musste Rogges Platzwunde später mit sieben Stichen genäht werden.

Königliche Yacht ohne Klassenunterschiede

Doch der IOC-Boss zeigte Härte, die er als Olympiateilnehmer im Finn Dinghy und als Spieler der belgischen Rugby-Nationalmannschaft schon mehrfach unter Beweis gestellt hatte. Er wischte sich das Blut von der Stirn, reihte sich auf der Startlinie ein und segelte schliesslich ein ganz passables Rennen.

Rogges Pechsträhne war aber noch nicht vorbei: Am Ende fand er sich auf der Ergebnisliste unter den 43 (!) Crews, die wegen Fehlstarts disqualifiziert worden waren. Er blieb dabei jedoch in illustrer Gesellschaft: König Konstantin von Griechenland, König Carl Gustaf von Schweden und Kronprinz Frederik von Dänemark waren ebenfalls Opfer der Black Flag.

Was sagt uns nun diese Anekdote über den Drachen und seine Segler? 1. Es sitzen „ganze Kerle“ (respektive Damen) mit Kämpferherz an der Pinne. 2. Die Drachen werden nicht umsonst als Königsklasse bezeichnet 3. Gewisse Klassenunterschiede werden auf der Drachen-Regattabahn grundsätzlich ad acta gelegt. 4. Eine Yacht, die selbst im hohen Alter noch solche Flotten an den Regattastart bringt, wird niemals kleinzukriegen sein!

Drachen, als wären sie in Szene gesetzt worden © michael austen Drachen, als wären sie in Szene gesetzt worden © michael austen

Eine Klasse, die nie unterging

Apropos königliche Prominenz. Tatsächlich ist es nicht die schiere Menge königlicher Hoheiten, die den Ruf des Drachen als „Königsklasse“ begründete. Vielmehr war es eine wahrhaft königliche Leistung: 1960 gewann der griechische Kronprinz Konstantin auf einem Drachen die Olympische Goldmedaille.

Als Olympische Klasse (1948 bis 1972) erlebte das Schiff mit den viel gerühmten Linien einen ersten Höhepunkt seiner seglerischen Karriere. Doch obwohl nach Aberkennung des olympischen Status viele der damaligen Spitzensegler dem Langkieler den Rücken kehrten, blieben sie doch im Herzen dem Drachen treu und schwärmten weiter von dessen Segeleigenschaften.

Das dürfte wiederum genau der Grund gewesen sein, warum die Drachenklasse niemals unterging. Man redet einfach nicht schlecht oder abfällig über diese Urform dessen, was man heute als „Daysailor“ bezeichnet.

Im Gegenteil: Mehr und mehr gehört es vor allem im Laufe der letzten Jahrzehnte „zum guten Ton“, auf einem Drachen zu segeln. Ganz egal ob bei internationalen Grossveranstaltungen wie die Winter Series in Cascais, beim Grand Prix in Cannes, bei der WM (2015 vor La Rochelle) oder bei der Mittwochsregatta auf dem Heimatrevier – immer wird unter den Drachenseglern hart um jeden Punkt gekämpft, und hinterher beim Stegbier (fast) alles vergeben.

Der Name ist ein Irrtum

Diese lang anhaltende, ausserordentlich hohe Beliebtheit unter Regattaseglern war zunächst eigentlich nicht vorgesehen. Denn die ersten Drachen, die 1929 das Licht der Welt erblickten, sollten ursprünglich “kostengünstige, sichere und einfach zu segelnde Boote für die Jugend (!) und junge, ambitioniert Seglerfamilien“ sein. Es wurde ein „relativ schnelles, angemessen grosses, seetüchtiges und elegantes Kielboot“ erwartet.

Jedenfalls stand dies in der Ausschreibung des Königlich Schwedischen Segelclubs für einen Konstruktionswettbewerb im Jahre 1927.
Den gewann der talentierte, heute legendäre und damals bereits renommierte schwedische Konstrukteur Johan Anker mit einem Entwurf für ein bezahlbares… Fahrtenboot. Die Klasse wurde bereits kurz darauf als 20er-Schärenkreuzer genehmigt und fand rasch grosse Beachtung unter skandinavischen und deutschen Seglern, die an der Nord- und Ostseeküste und auf den Berliner Seen segelten.

Der Name „Drachen“ hat übrigens nichts mit dem Fabeltier zu tun, sondern ist schlicht ein Irrtum. Ursprünglich sollte das Boot tatsächlich nach seinem Konstrukteur benannt werden –„Draggen“ heisst „Anker“ auf schwedisch. Doch die ISF korrigierte besserwisserisch den vermeintlichen Schreibfehler um und nannte das Boot „Dragon“, Drachen. Offenbar bemühte sich damals keiner um eine Korrektur der Korrektur… und so blieb der Anker eben ein Drachen.

Um einiges genauer nehmen es heute die Drachen-Klassenvereinigungen, wenn es um die Einhaltung ihrer One-Design-Bauvorschriften geht. Man ist sich bei der International Dragon Association sicher, dass „eine evolutionäre Weiterentwicklung unter strenger Beachtung der bestehenden Klassenregeln“ der hauptsächliche Grund für die fortwährende Attraktivität des „Drachen“ ist.

© International Dragon Association © International Dragon Association

Heute sind mehr als 1.500 Boote mit dem „D“ im Grosssegel in 29 Nationen auf allen Kontinenten registriert. Die grössten Flotten segeln in Europa, Nordamerika, aber auch „down under“ in Australien und Neuseeland.

Auch als Fahrtenboot erlebt der Drachen wieder eine gewisse Renaissance. Zwar wurde er seit der Akzeptanz als Olympische Klasse in den Fünfziger Jahren nur noch „leer“, also ohne Kajüteinrichtung, aber mit einer „Alibi“-Kajütkappe als reine Regattayacht ausgeliefert. Doch wurden im Laufe der Jahrzehnte so mancher Drachen von Fahrtenseglern so ausgebaut, dass man bequem zu zweit und dritt darauf schlafen uns sogar längere Törns damit unternehmen kann.

Drachen: Lüa: 8,9m, LWL: 5,71m, B: 1,95m, T: 1,2m, V: 1,7t, Ballast: 1t, Gross: 16qm, Genua: 11,7qm, Spinnaker: 23,6qm, Rennbesatzung: 3 Mann

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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