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Es kommt auf die Kürze an!

Über den Teich auf 3m – die Mikrosegler auf ihren tollkühn kleinen Booten

Es kommt auf die Kürze an!
Ein Mann – ein (verdammt kleines) Boot © Team Fipofix

Als Harald Sedlacek Anfang Juli nach 46 Tagen und 20 Stunden seine West-Ost- Atlantiküberquerung auf seinem Open 16 «Fipofix» beendete, erntete der Österreicher europaweit reichlich Applaus. Das 4.90m kurze, quietschgelbe Boot, mit dem er schon den Hinweg über die atlantische, südliche Barfußroute in negativ-rekordverdächtigen 87 Tagen absolviert hatte, wurde in den Medien als «Mikroyacht» bezeichnet und als eine Art reduzierte Folterkammer vorgestellt: 4,90m kurz, mit zwei Quadratmetern Bewegungsfreiheit unter Deck – mehr nicht! «Zu wenig Platz für die Weiten der See!» hieß es…

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 09.01.2015

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Porträt der skurrilen Mikro-Segler-Szene.
  • Warum die Gentleman-Bootslänge 10 Fuß beträgt.
  • Liste der wichtigsten und spektakulärsten Mikro-Törns.
  • Der Schwede Sven Yrvind (80) ist das «Urgestein» der Mikro-Szene.

Als Harlad Sedlacek Anfang Juli nach 46 Tagen und 20 Stunden seine West-Ost-Atlantiküberquerung auf seinem Open 16 «Fipofix» beendete, erntete der Österreicher europaweit reichlich Applaus. Das 4.90m kurze, quietschgelbe Boot, mit dem er schon den Hinweg über die atlantische, südliche Barfußroute in negativ-rekordverdächtigen 87 Tagen absolviert hatte, wurde in den Medien als «Mikroyacht» bezeichnet und als eine Art reduzierte Folterkammer vorgestellt: 4,90m kurz, mit zwei Quadratmetern Bewegungsfreiheit unter Deck – mehr nicht! «Zu wenig Platz für die Weiten der See!» hieß es…

Doch echte Mikrosegler dürften angesichts dieser Längen-, pardon: Kürzenangaben nur milde gelächelt haben. Denn in ihrer Szene gilt das Motto: «Zehn Fuß ist die richtige Länge für wahre Gentlemen!». Zehn Fuß? Das sind 3,048m – als Mittelmaß!

Mehr als ausreichend für die Protagonisten, die es sich schon seit Ende des vorletzten Jahrhunderts in den Kopf gesetzt haben, die Weltmeere oder zumindest Teile davon mit buchstäblichen Nussschalen zu besegeln. Und das ohne Begleitfahrzeuge, in den meisten Fällen ohne jegliche Verbindung zur Außenwelt. Ihr einziger Antrieb: Hunger auf Rekorde der kurzen Art. Denn je reduzierter die Bootslänge, desto größer der Ruhm unter ihresgleichen.

Mann mit dem vollen Durchblick bei Mikroyachten
Mann mit dem vollen Durchblick bei Mikroyachten © Sven Yrvind

Mehr als 80 «große Schläge in kleinen Booten» über den Atlantik, den Pazifik oder die Tasmanische See wurden bis heute dokumentiert. Vom kommoden 20-Fuß-Pionier im Jahre 1876 bis zum 1,64m messenden «Schuhkarton» 1992 wurde allein auf dem Nordatlantik eine faszinierende «Geschichte der kurzen Boote» gelebt. Aus naheliegenden Gründen segelten die Protagonisten meist allein und verarbeiteten ihre extreme physische und psychische Belastung nach dem Törn in Büchern oder bei Vortragsreisen. Oder bei einem weiteren Kurztrip der anderen Art!

Fünf erklärte Mikrosegler ließen bei ihren Abenteuern auf See ihr Leben auf See. Zwei Boote wurden – intakt – ohne Skipper an Land gespült, andere verschwanden spurlos auf den Meeren.

Vor einigen Jahren versuchten die Mikrocruiser eine Weltumseglungsregatta auf die Beine zu stellen (Around in Ten), bei der die teilnehmenden Boote nicht länger als die besagte Gentleman’s-Größe haben sollten. Doch das Vorhaben scheiterte: von sieben gemeldeten Schiffen war letztendlich nur ein Skipper abfahrtbereit und – willig.

Derzeit machen nur wenige «echte» Mikro-Skipper noch von sich reden: der 70jährige Daniel Alary wollte in drei Etappen um die Welt segeln, muss aber am 100. Tag seiner Reise SOS funken und seine 2,70m kurze «Poisson d’Avril» (in Memory: Aprilscherz) aufgeben. Und dem mittlerweile auf See verstorbenen Russen Gvzdev wird bei seiner Weltumseglung vor Somalia auf seinem 5,60m – Boot, von Piraten das Leben geschenkt. Demokratisch wählten sie nach Der Kaperung «no kill him!»

Sven Yrvind baut die Boote die er segelt selber
Sven Yrvind baut die Boote die er segelt selber © Sven Yrvind

Nur der alte Schwede Sven Yrvind (75) baut unermüdlich an seiner 3m Nussschale weiter und will – trotz Behördenschikane und Augenproblemen – in Kürze zu einer Nonstop-Weltumseglung starten. Der Mann weiß, worauf er sich einlässt: er gilt mit 50 Jahren Mikro-Erfahrung als Dienstältester unter den Helden auf drei Metern.

Aprilscherz Hugo Vihlen, 1. Rekord 1968
Aprilscherz Hugo Vihlen, 1. Rekord 1968 © Hugo Vihlen

Eine Auswahl:

  • Die erste offizielle «Ost-West-Atlantiküberquerung in einem kleinen Boot» schafften der Amerikaner Buckley und der Österreicher Primorac 1870 in einem offenen (!) 6-Meter-Dinghi in 84 Tagen von Cork nach Boston.
  • 1880/81 segelten die Briten Norman und Thomas in einem 4,90m Boot gleich zwei Mal die Atlantik-Route – mit einem Jahr Landgang dazwischen. Ihre Abfahrt wurde von 30.000 Menschen gefeiert.
  • 1892 besiegte William Andrews in einem 3,90m kurzen Boot den «großen Teich», nachdem er vier Jahre zuvor scheiterte
  • 1939 driftete Harry Young in 39 Tagen von New York zu den Azoren auf einer ebenfalls 3,90m kurzen, offenen Sloop.
  • 1963 segelt Fran Dye die 4,90m kurze «Wanderer» von Schottland nach Island.
  • Ab 1965 schipperte Robin Leen Graham als 16-Jährige, bis dahin jüngste Person überhaupt, in mehreren Jahren und Etappen auf einem 6m Boot um die Welt.
  • Hugo Vihlen segelte 1968 auf der «Aprilscherz», einer 1,83m Sperrholzkiste, von Casablanca nach Miami.
  • Erst 1982 wird dieser «Kürze-Rekord» gebrochen: Tom McNally braucht nur 1,64m LüWl, um mit seinem an ein Rettungsboot erinnernden Gefährt auf die andere Seite des Atlantiks zu gelangen
  • Tom McLean trieb 1982 auf seiner «Giltspur» (2,97m) von West nach Ost über den Atlantik
  • 1982 strandete die 2,72m kurze «God’s Tear» von Wayne Dickinson kurz vor Erreichen des Ziels an der irischen Küste. Der Segler wird von einem Leuchtturmwärter gerettet.
  • Ab 1983 benötigte der französischstämmige Australier Testa 500 Tage um mit einer selbstgebauten Aluyacht von 3,60m Kürze um die Welt zu segeln.
  • Im gleichen Jahr sägt Tom MClean spektakulär mit der Kettensäge ein Stück seiner «Giltspur» ab und segelt mit dem reduzierten, 2,41m kurzen Teil über den Nordatlantik.
  • Im gleichen Jahr nimmt ihm Tom McNally mit seinem 2,06m kurzen Gefährt den Rekord wieder ab
  • 1993 setzt Hugo Vihlen – genau, der Aprilscherzbold – mit seiner «Vatertag» einen Atlantik-Nordroutenrekord, der bis heute gültig ist: 1,63m… reduziert auf ein Maximum!

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