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Ohne Limit!

Es kann nur Einen geben? Die Liste der Rekordmotorbootfahrer – vom Dampf- zum Jetantrieb

Ohne Limit!
1978: Ken Warby bei der Vorbereitung zu seinem Weltrekord – der bis heute gilt © Warby Motorsport

Wohin mit all' der Power? Aufs Wasser – wohin sonst! Die Geschichte der absoluten, No-Limit-Geschwindigkeitsrekorde auf dem Wasser.

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 20.05.2022

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Chronologische Steigerung der Geschwindigkeitsrekorde auf dem "offenen" Wasser
  • Wer wann, wo und wie so schnell wie nur möglich fuhr
  • Warum Rekordfahrten unter Motor auf dem Wasser zu den tödlichsten Sportarten zählen
  • Jedem Antrieb seine Ära: Vom Dampf- zum Jetantrieb!

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Achtung, Ohren angelegt, verehrte Leser, es wird schnell, rasend schnell!

In den folgenden Zeilen haben wir die Entwicklung der absoluten Geschwindigkeitsrekorde auf „offenen“ Gewässern k,k,k, (kurz, knapp, klar) aufgelistet. Es geht um die World Unlimited Water Speed Records, also die absoluten Geschwindigkeitsrekorde auf nicht limitierten, mit Motoren angetriebenen Booten. Diese Rekorde werden mittlerweile von der internationalen Powerboat-Organisation UIM reglementiert und gelistet.
Über mehr als einhundert Jahre hinweg wurden so die höchsten, ergo: absoluten Geschwindigkeitsrekorde für Wasserfahrzeuge dokumentiert – allerdings nur Rekorde, die auf „offenen“ Gewässern eingefahren wurden. Rekordfahrten auf zugefrorenen Seen sind nicht aufgeführt.
Es galt und gilt, eine zuvor festgelegte Strecke (seit den Dreißigerjahren immer ein Kilometer oder eine (Land)meile in zwei Richtungen zu durchfahren, um so Strömungen, Wind- und Wellenrichtungen zu egalisieren. Aus den Durchschnittsgeschwindigkeiten beider Fahrten wurde schließlich die Rekorddurchschnittsgeschwindigkeit ermittelt.
Übrigens, die frühen Rekord-Aufzeichnungen sind nicht von unabhängigen Kommissionen beglaubigt und wurden auf häufig nicht näher bezeichneten Streckenlängen erzielt. Der Spannung in der Entwicklung der Raser-Zeiten auf dem Wasser tut das jedoch keinen Abbruch!

  • 1885 fand die erste dokumentierte Rekordfahrt durch Nathanael Heereshoff auf einem propellerbetriebenen Dampfboot statt: 42,2 km/h waren damals ähnlich wie „Schallgeschwindigkeit“ auf dem Wasser.

©turbinia, Alfred John West, Wikipedia
©turbinia, Alfred John West, Wikipedia

  • 1897 fuhr Charles Algernon Parsons mit einem dampfgetriebenen Turbinenboot sagenhafte 34,5 kn Geschwindigkeit, was 63,89 km/h entspricht. Der Dampfer„Turbinia“ blieb sechs Jahre lang Weltrekordhalter.
  • 1903 rauschte Charles R. Flint auf „Arrow“ 9 km/h schneller über die Wasser (72.5 km/h)
  • Acht Jahre später, im März 1911, stellte die „Maple Leaf 3“ als erste Rekordboot mit einem benzinbetriebenen Verbrennermotor, einen neuen Rekord auf: 2 x 350 PS schoben die „Solent“ auf 92 km/h Rekordgeschwindigkeit.
  • Im Laufe der Zwanzigerjahre wurden mehrere Weltrekorde unter zwar ähnlichen, aber nicht immer gleichen Bedingungen aufgestellt. Das öffentliche Interesse wuchs, so dass man „faire und gleiche“ Bedingungen für neue Geschwindigkeitsrekorde etablierte: 1928 wurde der World Unlimited Water Speed Record offiziell ratifiziert. Die Ehre des ersten WUWSR wurde George Woods zuteil, der mit dem bereits siebten „Miss America“-Renner sagenhafte 149,40 km/h schaffte. Ein Rekord, den sein Bruder Gar noch im selben Jahr um 0,46 km/h verbesserte.
  • Die Dreißiger- Vierziger und Fünfzigerjahre waren geprägt von einem permanenten Rekord-Duell zwischen den USA und Großbritannien. Ähnlich wie beim America’s Cup (Segeln), galt es als nationale Schande, den Titel des World Unlimited Water Speed Record-Halters zu verlieren. So schickten die Briten einen Rekordfahrer zu Land ins Rennen auf dem Wasser: Sir Henry Segrave sollte die Trophäe mit der „Miss England“ auf die Insel holen. Der erste Versuch scheiterte, beim zweiten Mal überschlug sich die offenbar hoffnungslos überpowerte zweite Miss England (angetrieben mit zwei Roll Royce Flugzeugmotoren) entweder in einer Querwelle oder durch Treibgutkollision. Segrave und sein Beifahrer überlebten den Unfall nicht.
  • Doch die Briten gaben nicht auf. Sie bauten kurze Zeit später die Miss England 3, eine Weiterentwicklung des Vorgängerbootes. Kaye Don bretterte damit über den schottischen Loch Lomond mit 192,816 km/h.
  • Die Reaktion der Amerikaner? Noch eins „draufsetzen“: Mit der 12 m langen Miss America X durchbrach Gar Wood 1932 die 200-km/h-Marke um 0,943 km/h. Die Reaktion von Don war Gentleman-like: Er verzichtete auf weitere Rekordtreiberei und stellte die Miss England im Museum aus.

© Robert M. Silvay Wikipedia
© Robert M. Silvay Wikipedia

  • Woods Rekord wär übrigens der letzte World Unlimited Water Speed Record auf einem Monorumpf-Boot. 1937 erzielte der britische Autorennfahrer Malcolm Campbell auf dem Lago Maggiore mit Bluebird K3 (ein kompaktes Hydroplane mit zwei Rümpfen und fetten Rolls Royce Flugmotoren) einen neuen Bestwert von 203,31 km/h. Das reichte dem Engländer nicht, er ließ eine verbesserte Version bauen und schaffte eine damals nicht für möglich gehaltene Leistungssteigerung von 18 km/h.
  • Campbells Rekord sollte – auch aufgrund des Zweiten Weltkriegs – jahrelang halten. Nach dem Krieg stand dann den Weltrekordjägern ein neuer Antrieb zur Verfügung: Das Düsentriebwerk. Doch Erste Experimente der Briten mit dem neuen Antrieb brachten keinen nennenswerten Fortschritt und Campbell (Senior) zog sich ebenfalls von der Rekordjagd zurück.
  • Am 26. Juni 1950 verbesserte der US-Amerikaner Stanley Sayres auf dem Lake Washington mit seinem Boot Slo-Mo-Shun IV Campbells Rekord um 29 km/h auf 258,015 km/h. Der Rumpf des Bootes war so konstruiert, dass die Oberseite des Propellers bei schneller Fahrt aus dem Wasser ragte. Prop Riding wurde seitdem zu einem wichtigen Faktor beim Antrieb von Powerboats.
  • Im Jahr 1952 fuhr Sayres Slo-Mo-Shun-IV auf 287,25 km/h – eine weitere Steigerung der Rekordmarke um 29 km/h.
  • Dem stellte sich der Engländer John R. Cobb, schon wieder ein erfolgreicher Rennfahrer, mit dem Aluminium Boot „Crusader“ entgegen. Er wollte mit einem Jet-Antrieb und einem neuen Bootsdesign – die bei den Amerikanern mittlerweile gängige Drei-Punkt-Version drehte er um und platzierte die Ausleger hinten am Rumpf – mindestens 320 km/h erreichen. Auf dem Loch Ness verunglückte der Brite bei einer geschätzten Geschwindigkeit von 240 km/h tödlich: Das Boot brach aus und überschlug sich, Cobb starb kurz nach seiner Bergung offenbar am Schock. Tragischerweise wurden als Unfallverursacher die Wellen eines Schiedsrichterbootes ausgemacht.

©miroir des sports Wikipedia
©miroir des sports Wikipedia

  • Im Oktober 1954 verunglückte der Italiener Mario Verga, ein italienischer Textilmagnat, auf dem Iseosee tödlich. Auf seinem neu gebauten Timossi-Boot mit Alfa-Romeo-Antrieb war er zwar schnell, aber auch instabil unterwegs. Bei 306 km/h verlor er die Kontrolle über sein Boot, wurde beim Überschlag des Bootes ins Wasser geschleudert und starb offenbar wie sein britischer Konkurrent am Schock.
  • Mittlerweile hatte Donald Campbell, der Sohn des o.g. Rekordfahrers, ein neues Boot entwickelt: ein Dreipunkt-Hydroplane mit Jetantrieb. Damit stellte der Brite 1955 einen neuen absoluten Weltrekord auf: 444,71 km/h.
  • Die Sechzigerjahre waren weiterhin vom Wettstreit zwischen Amis und Briten geprägt. Lee Taylor, kalifornischer professioneller Bootsrennfahrer, brachte auf dem amerikanischen Lake Guntersville seine Hustler auf 459,02 km/h. Der Brite Campbell (Junior) fand bei seiner „Revanche“ schließlich den Tod: Bei einer Geschwindigkeit von 527 km/h löste sich sein Boot von der Wasseroberfläche und überschlug sich.

Campbells Todesfahrt

  • Bis gegen Ende der Siebzigerjahre überboten sich Amerikaner, Briten, Iren und Kanadier mit mehreren Rekordfahrten. Doch 1977 kam schließlich der Australier Ken Warby „ins Spiel“. Auf einem selbst konstruierten und gebauten Boot aus GFK und Balsaholz, angetrieben von einem für 68 Dollar bei einer Versteigerung gekauften Düsentriebwerk aus Militärbeständen raste er zunächst zu fabelhaften 463,78 km/h. Ein Jahr später pulverisierte er seinen eigenen Rekord und durchbrach um 11,13 km/h die „magische“ 500 km/h-Marke. Ein Rekord der bis heute (2022) Bestand hat.

  • Zwei Mal wollte man diesen Fabel-Rekord offiziell brechen – beide Piloten starben dabei.
  • Während die Australier bis heute versuchen, die Rekorde mit Düsenantrieb bis zum Äußersten zu treiben, setzen mehrere Teams von Wassersportlern auf Elektro- und Solarantriebe und läuten damit ein neues Zeitalter klimabewusster Rennfahrer ein. Nicht so schnell und gefährlich, aber technisch genauso anspruchsvoll.

Foto
©miroir des sports Wikipedia

Klassenrekorden

Neben den absoluten Unlimited Rekorden gibt es eine Vielzahl von Klassenrekorden in strikten Begrenzungen (Gewicht, Hubraum, Bauart etc.). So etwa:

  • Miss Britain III (1934): schnellstes Motorboot mit nur einem Motor (110,1 Meilen pro Stunde (177,20 km/h).
  • Ferrari Arno XI (1953): Weltrekord bis 800 kg (241,708 km/h oder 130,51 Knoten).
  • Guido Cappellini (2005): Er hält Rekorde in den 3 Klassen der„ F1 H2O“ (nur Außenbordmotor). Der Bestwert in der höchsten Klasse (bis 3100 cm³ / 586 kg) liegt bei 244,94 km/h.

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