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Faszinierende Segelhardware

Autor: Erdmann Braschos

Hightech Boote und Hardware für die Grand Prix Regattabahnen sind das interessanteste Segelspielzeug überhaupt. Deshalb wird jedes Jahr der vorerst letzte Schrei aufgetakelt und um die Bojen gescheucht. Für Hochsee-Regatten, den America’s Cup und ähnliche Spektakel. Hochkarätiger kann man kaum segeln.

Faszinierende Segelhardware
Der America’ s Cupper «French Kiss» vor Antibes© Thomas Eibenberger

Leider hat die Sache einen entscheidenden Haken: nur wenige können sich so einen Renner neu leisten. Da trifft es sich gut, dass die Bauvorschriften ständig geändert werden und manches Exemplar bereits nach kurzer Zeit ausgedient hat. Oft sind sogar ganze Bootsklassen nach wenigen Jahren out. So dümpelt eine Armada gebrauchter Regattaboote in den Häfen. Manches Exemplar wird eine Weile zur Ausbildung des Segelnachwuchs, für Chartertörns oder Events genutzt, wie der Volvo Ocean 60 Füsser «Illbruck». Andere stehen irgendwo in der hinteren Winkeln der Bootslager oder Werfthallen herum. Solche Boote sind zur richtigen Zeit am richtigen Ort für ein vernünftiges Budget zu haben.

Der Hamburger Jurist Dr. Gerhard Clausen beispielsweise hat seit den Siebzigerjahren mit gebrauchten Booten eine Menge Spass. 1978 kauft er mit Freunden ein schmales 20m Geschoss namens «Strongbow» und segelt damit bis in den Pazifik. Als Ende der Achtzigerjahre in Norddeutschland das America’s Cup Fieber ausbricht, kauft er den italienischen Zwölfer «Azzurra II», obwohl er bei einer Geschäftsreise seinem Segelfreund Jürgen Röhl bloss ein paar gebrauchte Segel für dessen Zwölfer «Uwa», ex. «Blaupunkt», ex. «Sverige» aus Italien mitbringen will. «Ich musste das einfach machen, es war so preiswert.» Ausserdem ist ein Zwölfer mit einem Container voller Ersatzteile und einer Garderobe von 50 Segeln eine echte Bescherung.

Zwölfer sind etwa 20m lange, 26t schwere Segelschlachtrösser, die Generationen von Seglern die Sicherungen rausdrehen. Nach einer speziellen Formel konstruiert, wurde in dieser Klasse für Jahrzehnte der America’s Cup ausgesegelt. Der Hype um diese Bootsklasse begann bereits in den Dreissigerjahren, als der Wechsel beim America’s Cup von der kostspieligen 40m langen J-Class in der Luft lag.

Clausen hatte eine Menge Spass mit dem Zwölfer «Fratzzz» ex. «Azzurra II» auf der Ostsee. Einmal beobachtete ich, wie er mit dem motorlosen Schlitten unter Segeln durchs Millionärsbecken von Kiel-Schilksee schob. Die Genua rutschte an Deck. Flott glitten die 26t durch die Pfähle, auf denen die Heckleinen zielsicher landeten und den Bug direkt vor dem Steg bremsten. Mir blieb die Spucke weg.

Der frühere Admiral’s Cupper als Familienschiff Der frühere Admiral’s Cupper als Familienschiff © Ulrich von Coler

Clausen pflügt mit dem für küstennahe Segelduelle gedachten, flachbordigen und nassen Schiff bei der Helgoland – Edinburgh Regatta durch die Nordsee. Seine Crew ist so viel mit dem Auspumpen des Daysailors beschäftigt wie mit dem Segeln. Die Doggerbank ist kein Revier für einen offenen Cupper. Zeit für das nächste Boot. «Mit einem Formel 40 Trimaran kannst Du auf See gehen, ohne dass Du Angst haben musst, abzugluckern» fasst Clausen den Unterschied zum Zwölfer Segeln zusammen. Gemeinsam mit Segelfreund Jürgen Röhl kauft er in den Neunzigern den 40 Fuss Trimaran «Spirit of la Trinité», ein Schwesterschiff von «Bagages Superieur». Das Boot ist nach dem Observer Single Handed Transatlantic Race (OSTAR) in der Bretagne zu haben. Damit segelt Clausen eine Weile bleifrei: eine Regatta um die Isel of Wight, Rund Skagen oder Rund Seeland. Ein Tri hat keinen Kiel. Der Dreirümpfer wiegt ein Zehntel eines Zwölfers und läuft einhand oder mit der Familie 18-19 Knoten. Geschlafen an Bord wird in Iglu Zelten auf dem Trampolin zwischen den Schwimmern.

Seit zehn Jahren segelt Clausen den 84 Fuss Maxi namens «Calypso» ex. «Martingale» ex. «Wild Thing», Baujahr 1988. Das Boot hatte sich bei drei Sydney-Hobart Regatten gut geschlagen. Statt 25 Mann auf der Kante wird das Boot von Wasserballast gerade gehalten. Gesegelt wird es von der kleinen Familiencrew, Freunden und hydraulischen Helfern. Bislang hat Clausen vier interessante Boote in vier Jahrzehnten gesegelt und auf dem Wasser wenig ausgelassen.

Der Münchener Hotelier Markus Daniel entdeckt sein Traumschiff 2007 auf einem Marktplatz in Turin. Dort steht die Last Editon der Flügelkiel-Zwölfer hoch und trocken mitten in der Stadt wie eine Skulptur. Das Boot haut Daniel von den Socken. Seit der Begegnung mit den deutschen Zwölfern «Uwa» und «Fritzzz» im Millionärsbecken von Kiel-Schilksee hat der begeisterte Segler von so einem Segelboliden geträumt. Jetzt war dieser Traum greifbar nahe und Daniel zögert nicht. Ich lerne Daniel, seine sympathischen Helfer und die «French Kiss» beim Basteln in Cannes kennen. Der Werkstattwagen zum Cupper steht am Kai. Denn an so einer Vintage-America’s Cup Segelmaschine ist immer was zu flicken, auch wenn Sie aus unkaputtbarem Aluminiumblech geschweisst ist.

So ein Last Edition Flügelkiel-Zwölfer muss sein So ein Last Edition Flügelkiel-Zwölfer muss sein © Thomas Eibenberger

Wie haltbar Secondhand-Cupper sind, beweist der IOR-Eintonner «Heatwave» ex «Rubin IX», ex. Saudade, ex «Jo» Baujahr 1986. Das Boot entstand bei den Schütz-Werken in Selters aus einer Art Pappe, Aramidwaben mit eingeklebtem Strongback «Fahrgestell» aus Aluminium. Die 12m lange und 3,80m breite Hochseejolle wiegt ganze 5,6t. Das Boot hat eine Menge hinter sich. Gleich in der ersten Saison die Kieler Woche, Rund Fehmarn, den Sardinia Cup, Porto Cervo - Hyères - Porto Cervo.

Die ehemalige «Rubin IX» von 1996 in der Lübecker Bucht Die ehemalige «Rubin IX» von 1996 in der Lübecker Bucht © Ulrich von Coler

Dann wurde es eine Weile von Albert Büll als «Saudade» gesegelt und weiter gereicht. Seit 1993 segelt der Bad Segeberger Notar Ulrich von Coler das Boot als vierter Eigner Es ist sein Traumschiff. «Sie war günstig und kam mit 22 Segeln, alles Kevlar. Da konnte ich nicht nein sagen. Ich hatte schon immer ein Faible für Eintonner» schwärmt von Coler, der Anfang der 80er Jahre mal einen neuseeländischen secondhand Eintonner hatte. «Das sind agile, tolle Schiffe.»

Das weisse Boot mit dem markanten roten Streifen über der Wasserlinie und dem grauen Deck liegt im Passathafen von Travemünde. Der filigrane Dreisalingsmast kündet von weitem bereits von einem interessanten Schiff. Die ehemalige «Rubin IX» hat Patina, aber alles funktioniert wie damals. Von Coler schwärmt von der mittelgrossen Dreigangs-Harkenwinsch fürs Vorsegel, den 46er Lewmars für die essenziellen Backstagen, die Holepunkt- und Travellerschienen dieser mit fünfeinhalb Tonnen angesichts 80 Quadratmetern am Wind federleichten Bootes. Ich hatte mal Gelegenheit die «Heatwave» bei reichlich Wind zu segeln. Diese Hochseejolle macht grossen Spass. Der Mast bietet mit Achter-, Back- und Checkstagen interessante Möglichkeiten zur Biegung. Mangels 750 Kilo Crewgewicht auf der hohen Kante musste das 50 qm Gross in Böen ab und zu gefiert werden. Unter Deck gibt es mit einer nachträglich eingebauten Pantry, Schränken und Stauboxen das nötigste. Da von Coler nicht so viel Urlaub nehmen kann, teilt er sich den Sommertörn mit seinen Söhnen, die das Boot meist aus Schweden zurück segeln. Mit solch einer seglerisch fasinierenden Rennziege gelingt es natürlich, den Segelbazillus weiter zu geben. Nennenswerte Reparaturen hatte von Coler bisher nicht. Dafür endlos Segelspass mit einem der heissesten Boote der Ostsee.

Der Eigner ist seit 25 Jahren glücklich mit seiner «Heatwave» Der Eigner ist seit 25 Jahren glücklich mit seiner «Heatwave» © Ulrich von Coler

Thema

Segeln

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Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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