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Magnetpol auf der Flucht

Der magnetische Nordpol wandert nicht mehr – er rennt! Steht uns eine baldige Pol-Umkehrung bevor?

Magnetpol auf der Flucht
Zeigt unser Kompass wirklich genau nach Norden? Vom Wandern der Magnetpole © Mario Aranda/pixabay

Dass der magnetische Pol wandert, ist seit dem 19. Jahrhundert bekannt. Doch in den letzten Jahren hat der Magnetpol einen "Zahn zugelegt". Ist das ein Zeichen für die bevorstehende Pol-Umkehrung? Und was würde das für die Navigation bedeuten?

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 17.06.2021

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Der magnetische Pol ist einer der drei Pol-Arten auf unserem Planeten
  • Er wurde erstmals Anfang des 19.Jahrhunderts berechnet
  • Seitdem ist bekannt, dass er sich ständig Richtung Norden und später Richtung Osten bewegte
  • In den letzten Jahren hat sich die Geschwindigkeit der Pol-Wanderung drastisch erhöht
  • Manche Wissenschaftler behaupten, dies könne ein Zeichen für die bevorstehende Pol-Umkehrung sein.
  • Die fand zum letzten Mal vor über 700.000 Jahren statt

Der magnetische Pol wandert? Die Kompassnadel zeigt nicht mehr exakt Richtung Norden? Der Nordpol könnte zum Südpol werden? Die navigatorische Apokalypse droht?

In den letzten Jahren häuften sich die Meldungen über ein Phänomen, das den meisten Menschen nicht mal im Ansatz bekannt war: Der magnetische Pol wandert. Moment mal – der Pol, nach dem sich die Kompassnadel auf unseren Booten und Yachten ausrichtet? Unser gutes, altes Norden, Fixpunkt unserer Navigation ist also gar nicht mehr Norden?
Würde einem diese Frage in einem Quiz gestellt, wäre ein klares und deutliches „Njaein“ die richtige Antwort. Denn was sich der magnetische Pol in den letzten Jahren leistete, hält ganze Wissenschaftler-Teams in Atem. Denn er wandert nicht mehr – er rennt!

Dass der Pol wandert, ist längst bekannt. Aber so schnell?

Um gleich klar zu stellen: Der magnetische Pol stand noch nie still. Seitdem James Clark Ross den magnetischen Nordpol 1831 erstmals in der Inselwelt des kanadischen Territoriums Nunavut lokalisierte, ist er im Laufe der letzten 190 Jahre Hunderte Kilometer etwas torkelnd, aber doch zielgerichtet Richtung (geografischer) Norden gewandert.
Außerdem wandert der magnetische Pol auf unvorhersehbare Weise. Seit Mitte der 90er Jahre erhöhte sich die Geschwindigkeit von rund 15 Kilometern pro Jahr auf rund 55 Kilometer. 2018 überquerte der Pol die internationale Datumsgrenze zur östlichen Hemisphäre. Er ist derzeit auf dem Weg nach Sibirien.
Seit 2018 legt der magnetische Pol nun derart an Tempo zu, dass einige Wissenschaftler davon überzeugt sind, dass wir in Kürze Zeuge eines faszinierenden Naturschauspiels werden könnten: Die Polumkehr respektive der Polsprung. Dabei kehrt sich das Magnetfeld, das die Erde umgibt, um 180 Grad – der Nordpol wird zum Südpol, die Kompassnadeln würden dann nach Süden zeigen.

Es wäre an der Zeit

Erdgeschichtlich betrachtet wäre dies ein „normaler“ Vorgang. Geowissenschaftler haben herausgefunden, dass sich ein erdmagnetischer Polsprung etwa alle 200.000 bis 300.000 Jahre ereignet – im Hinblick auf das Alter unseres Planeten (4,6 Milliarden Jahre) also in einem relativ kurzen Zeitraum. Was dabei so faszinierend ist, wäre der Umstand, dass ausgerechnet die Menschheit, die ja erdgeschichtlich erst seit einem Wimpernschlag unseren Planeten bevölkert, Zeuge dieses Polsprungs werden könnte. Zumal der letzte nach Erkenntnissen der Geowissenschaftler bereits über 700.000 Jahre zurück liegt.

© pixabay
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Doch was hat es überhaupt mit diesem magnetischen Pol auf sich? Tatsächlich hat unsere Erde drei Nordpole. Der geografische Nordpol befindet sich an der Schnittstelle zwischen der Erdachse und der Erdoberfläche. Zudem gibt es einen eher theoretischen geomagnetischen Nordpol, der auf der Annahme beruht, dass sich im Erdmittelpunkt ein Stabmagnet befindet. Dieser berechnete geomagnetische Pol liegt derzeit vor der Küste Grönlands und hat seine Position in den letzten Jahrzehnten kaum verändert.

Bleibt der magnetische Nordpol oder arktische Magnetpol. Von diesem Pol-Punkt aus weisen die Magnetfeldlinien der Erde senkrecht nach unten.
Das Magnetfeld umgibt unseren Planeten und ist wichtig, wenn nicht sogar elementar für alles Leben. Es schützt vor tödlicher Strahlung aus dem All und dient vielen Tieren zur Orientierung. Seitdem wir den Kompass erfunden haben, auch uns Menschen.

Gelenkt vom Erdinneren

Doch dieser Magnetpol hat ein Problem: Er ist anfällig für die Bewegungen des flüssigen Eisenkerns unseres Planeten. Und dieser Eisenkern fließt sozusagen „ziel- und planlos“ unter unserer Erdkruste, zerrt am Magnetfeld der Erde und zieht den magnetischen Nordpol mit sich. Es handelt sich dabei um einen rund 400 Kilometer breiten horizontalen Strom flüssigen Eisens, der erst vor wenigen Jahren 3000 Kilometer unter Kanada und Russland entdeckt wurde und der mit ca. 40 Kilometern pro Jahr Richtung Europa fließt – drei Mal schneller als das Material im äußeren Erdkern üblicherweise strömt.

Seit Mitte der 90er Jahre erhöhte sich die Geschwindigkeit von rund 15 Kilometern pro Jahr auf rund 55 Kilometer.

Und was hat der wandernde bzw. rennende magnetische Nordpol nun mit der Navigation auf Booten und Yachten zu tun? Schließlich bestimmen wir doch meistens unsere Position mit GPS, also dem Global Positioning System via Satelliten. Und die stehen wiederum im doppelten Wortsinne über den magnetischen Befindlichkeiten von Mutter Erde, oder?
Nicht ganz. Denn zum Einen darf nicht unterschätzt werden, wieviele Wassersportler noch mit dem guten, alten Kompass navigieren. Oder denselben zumindest als Backup für ihre Navigation benutzen.

Ortsmissweisung für iOS und Android

Andererseits wurde zur Navigation bzw. zur Positionsbestimmung auf der Erde ein geomagnetisches Standardmodell namens World Magnetic Model (WMM) entwickelt, das bei vielen internationalen Diensten und auch in Geräten mit Magnetfeldsensoren eingesetzt wird – also z.B. in Android- oder iOS-Betriebssystemen, aber auch bei Google Earth und Google Maps. Die „Hüter“ des WMM sind das US-amerikanische National Geophysical Data Center und die British Geological Survey. Sie aktualisieren in 5-Jahres-Abständen das WMM und liefern dann die Ortsmissweisung, die man auch aus der Seenavigation kennt. Letztendlich wurde das WMM nötig, weil der magnetische Pol uns eben mit seinen „Ausflügen“ Streiche spielt – ganz zu schweigen von seinem Aktionismus, den der Pol mit seinem hektischen Rumgerenne in den letzten Jahren liefert. Kürzlich musste das WMM sogar die Ortsmissweisung ein Jahr früher bekannt geben, da der Magnetpol zu schnell unterwegs war.

National Centers for Environmental Information
National Centers for Environmental Information

Also warten auf die navigatorische Apokalypse respektive die Pol-Umkehrung? Einige Wissenschaftler nehmen tatsächlich an, dass der rennende Magnetpol ein sicheres Zeichen für die baldige Pol-Umkehr ist.
Die Wissenschaft ist sich einig, dass dies beispielsweise beim Vogelflug dramatisch werden könnte. für die Seefahrer oder Flugzeugpiloten bestünde jedoch kaum eine Gefahr – auch wenn nach der Umpolung der Kompass im doppelten Wortsinne zum „alten Eisen“ zählen dürfte.
Und wer dennoch mit Karte und Kompass navigieren möchte – ein Umdenken im lang eingeübten „die Nadel zeigt nach Nord“ dürfte nicht leicht, aber auch nicht unmöglich sein…

Apokalypse now?

Einige wenige Wissenschaftler sind allerdings der Meinung, dass an einem apokalyptischen Szenario im Laufe der Polumkehrung doch etwas „dran“ sein könnte. Sie vermuten, dass der „ungebremste“ bzw. „ungefilterte“ Aufprall kosmischer Teilchen in der Atmosphäre dort zu mehr Wasserdampf, respektive Wolkenbildung führen könnte. Mehr Wolken bedeutet mehr Abkühlung auf der Erde und ein Anwachsen der Eisflächen an den Polen. Die andere, deutlich kühlere Form des Klimawandels stünde uns bevor – ausnahmsweise nicht vom Menschen verschuldet.