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Rächt sich die Natur?

Vor der Iberischen Halbinsel und vor Marokko beschädigen Orcas seit 2020 gezielt Segelboote.

Rächt sich die Natur?
© pixabay/nature-pix/stellvertreterbild

Seriöse Wissenschaftler können sich derzeit keinen Reim darauf machen, warum eine Gruppe von Orcas derzeit ausgerechnet Segelboote regelrecht angreift und beschädigt. Ist es eine Art Rachefeldzug? Oder wollen die "nur spielen"? Betroffenen Seglern ist die Antwort egal – sie wollen nur, dass dieses unheimliche Treiben der imposanten Killerwale endlich aufhört.

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 15.07.2021

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Orcas respektive Killer- oder Schwertwale greifen Segelboote an
  • Vor der iberischen Halbinsel und vor Marokko attackiert die immer gleiche Gruppe Orcas
  • Wissenschaftler aus aller Welt stehen vor einem Rätsel
  • Ändern sich das Sozialverhalten der Tiere?
  • Rächt sich die Natur tatsächlich oder kann es auch ganz andere Gründe für dieses Verhalten geben?

Dass sich die Natur irgendwann wehren oder sogar rächen wird, ist ein längst erfolgserprobtes Leitmotiv für Autoren, Filmemacher, Umweltschutzverbände und Wissenschaftler. Ganz egal ob es sich dabei um Klassiker wie das Buch „Moby Dick“ handelt, dem höchstwahrscheinlich tatsächlich ein aggressiver Pottwal Modell schwamm, um die Begegnung mit dem Unfassbaren wie in dem Roman „der Schwarm“ oder – viel weitreichender - eben um eine Pandemie, ausgelöst durch Viren wie COVID19 und seine Mutationen. Die bekanntlich eine Bedrohung für die gesamte Menschheit darstellt und dessen wahrscheinlichste Ursache zoologischen Ursprungs ist. Alles Rache der Natur?

Killerwale greifen an!?

Vielleicht ist es auch in dieser grassierenden Pandemie begründet, dass einige Medien nahezu hysterisch reagierten, als Segler vor den spanischen, portugiesischen und marokkanischen Atlantikküsten mehrere Begegnungen der „unheimlichen Art“ mit einer Spezie hatten, die gemeinhin zu den intelligentesten auf unserem Planeten gezählt wird: Orcas, vulgo: Killerwale.

Diese Aufeinandertreffen von Wal und Mensch respektive dessen Boot geschah diesmal nicht auf die für Segler, vor allem aber für die schwimmenden Säugetier bekannte Weise. Nein, diesmal lauteten die Schlagzeilen nicht „Boot rammt Wal, Kiel fällt ab, Besatzung mit Helikopter gerettet“ oder „ Kollision mit Wal – Tier taucht blutend unter, Boot säuft ab“ oder ähnlich. Vielmehr zeigten die Headlines der Medien auf, dass es sich um etwas Elementareres handeln müsse, als um einen simplen Zusammenstoss: „Orcas bestrafen Segler“, „Revanche der Killerwale“, „15 mal gerammt“, „Killerwale greifen an“, „Die Attacke der Orcas“ und „Killerwale vs Segelboote“ sind nur wenige Headline-Beispiele – sogar die ansonsten eher seriös und zurückhaltend titulierende Süddeutsche Zeitung ließ sich zu einem „Killerwale schlagen zurück“ verleiten.

Wie im Horrorfilm

Zugegeben, die ersten Meldungen – hauptsächlich in den Sozialen Internet-Medien verbreitet – klangen wie Szenen aus B-Horror-Movies: Eine neunköpfige Gruppe Killerwale attackierte vor der spanischen Küste gezielt Segelboote. Sie schlugen mit den Schwanzflossen gegen den Bug oder rammten die Ruderblätter, bis diese brachen und bissen Stücke heraus. Sie drehten und schubsten die Boote scheinbar spielerisch, schlugen immer wieder mit den Schwanzflossen gegen den Rumpf und zeigten ein rundum aufgeregt-aggressives Verhalten.

©pixabay/djmboxsterman
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Zunächst waren diese Angriffe eher lokal begrenzt, doch bald wurde klar, dass die „wilde Gang“ sich nur wenig um Hoheitsgewässer scherte. Mal trieben die Orcas vor Andalusien ihr Unwesen, dann wieder vor Galicien. Die portugiesische Küstenregion wurde genauso wenig ausgelassen wie die Seegebiete vor der marokkanischen Atlantikküste. Die Schäden an den Booten nach diesen Angriffen waren unterschiedlich hoch und reichten von ein paar Kratzern am Unterwasserschiff bis hin zur totalen Manövrierunfähigkeit – in letztgenannten Fällen musste die Crew der betroffenen Boote von der Küstenwache abgeborgen werden.
Mehr als 60 solcher Angriffe sind seit Beginn 2020 bis Stand Juni 2021 bekannt geworden. Die Häufigkeit und Dreistigkeit dieser „Begegnungen der unheimlichen Art“ alarmierte die Spanische Küstenwache während Sommer und Herbst 2020 so sehr, dass sie für bestimmte Territorien im spanischen Hoheitsgebiet übermehrere Wochen hinweg ein Fahrverbot für Segelboote unter 44 Fuß Länge verordnete. Nur wenige Skipper hielten sich jedoch daran.

Wissenschaftler versuchen zu beruhigen

Es dauerte nicht lange, da schaltete sich die Wissenschaft ein. Biologen und Meeresforscher brachten ins Gespräch, dass die Tiere bestimmt „nur spielen“ wollten (bis zufällig eine Biologin an Bord eines Segelbootes die Attacken der Orcas als solche wissenschaftlich untermauerte); sie zeigten „Verständnis für Tiere, die sich nicht mehr alles gefallen lassen wollen“ oder machten deutlich, dass es sich nur „um Orcas handeln“ könne, die „traumatisiert“ seien.
Doch was zunächst als Laune der Natur abgetan wurde, mutierte schnell zur bereits erwähnten „Revanche der Natur“ oder „Rache für alle vom Menschen geschändeten Tiere“ (Headlines von spanischen und portugiesischen Boulevard-Blättern).

©pixabay
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Nachdem die Orca-Truppe ein halbes Jahr ihr Unwesen getrieben hatte, begannen Segler, die durch die bezeichneten Gebiete segeln wollten, mit ihres Erachtens geeigneten Gegenmaßnahmen. Kam es tatsächlich zu Orca-Begegnungen, bewarfen sie die Tiere mit Gegenständen, fackelten Seenotraketen ab oder schlugen mit Paddeln auf die Wasseroberfläche oder sogar auf die sich nähernden Tiere, um die Killerwale zu verscheuchen. Sogar von Schusswaffen, die manche Crews eingesetzt haben sollen, war die Rede. Ergebnis dieser Gegenmaßnahmen: Keine Reaktion. Die Orcas zeigten sich unbeeindruckt und machten mit ihren Attacken munter weiter.

Vom Angreifer zum Forschungsobjekt

Mittlerweile beschäftigen sich internationale Forschergruppen explizit mit den Orca-Angriffen, die nachweislich aus der immer selben Walschule stammen. Oberstes Anliegen der Wissenschaftler: Beweisen, dass der Name Killerwal eben nicht auf Menschen, sondern nur auf Robben, Thunfische und sonstige tierische Beute der Orcas zutrifft.
In diesem Zusammenhang plausiblere Gründe für das seltsame Verhalten der Orcas wurden aufgeführt. Es handle sich um Jungtiere, die an den Booten Jagdmethoden trainieren würden – Orcas sind bekannt dafür, dass sie größere Wale im Rudel angreifen und töten.
Eine renommierte Forschungsgruppe ist die „Atlantic Orca Working Group“, kurz „ Iberian Orca“ genannt. In dieser Gruppe forschen Biologen, Laien und Umweltschutzgruppierungen gemeinsam, um gefährdete Subpopulationen von Schwertwalen vor der Iberischen Halbinsel zu erforschen und zu schützen. Die Arbeit von „Iberian Orca“ ist international anerkannt und gilt als richtungsweisend – doch auch diese Spezialisten tappen auf der Suche nach Begründungen für das Verhalten „ihrer“ Orcas im Dunkeln.

©pixabay/djmboxsterman
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Sie konnten allerdings nachweisen, dass das außergewöhnliche Gruppenverhalten der Schwertwale vor der Iberischen Halbinsel und vor Marokko in erster Linie von Jungtieren „initiiert“ wird. Bei einem dieser jüngeren Wale wurden sogar schwere Verletzungen, die von einer Schiffsschraube stammen könnten, ausgemacht. Also doch Rache für Erleidetes?

Dass Orcas bzw. Schwertwale Fischerbooten häufig sehr nahe kommen und sogar rammen, ist vor allem in der Straße von Gibraltar längst nichts Neues mehr. Dort sind die Wale seit mehr als drei Jahrzehnten bei vielen Fischern sogar verhasst, weil sie sich darauf spezialisiert haben, den aus dem Mittelmeer in den Atlantik zurück schwimmenden Thunfisch direkt von der Angelleine abzubeißen. Die Fischer dürfen dort Thunfisch nur noch Fisch für Fisch fangen – wenn dann die Orcas den Menschen den Fang buchstäblich streitig machen, schafft das kein freundschaftliches Verhältnis.

Richtiges Verhalten

Mit diesen Erfahrungen und nach Auswertung zahlreicher, gefilmter Zwischenfälle auf den Segelbooten, hat die Arbeitsgruppe „Iberian Orca“ nun Verhaltensregeln für den offensichtlich nicht seltenen, also durchaus möglichen Fall einer Orca-Begegnung in den bezeichneten Gebieten veröffentlicht. Sie mögen lapidar und fast schon selbstverständlich klingen, waren jedoch aufgrund der zuletzt bekannt gewordenen, von menschlicher Seite ebenfalls aggressiv ausgeführten „Abwehrversuche“ notwendig geworden. Eben um Mensch und Tier zu schützen. (Liste siehe unten)

©Iberian Orcas
©Iberian Orcas

Ob sich das Verhalten der Orcas jemals ändern wird, ob sie also gewissermaßen zur Vernunft kommen oder vielleicht im Gegenteil ihre Attacken in ihr Sozialverhalten aufnehmen und – ähnlich wie bei den Thunfisch-Fischern – an ihre Nachkommen weiter geben, wird wohl erst in ein paar Jahren beantwortet werden können.

Verhaltensregeln für den Fall einer Orca-Begegnung (“Iberian Orca“)

Wenn es Seegang und Windverhältnisse erlauben: Stoppen Sie das Boot! Nehmen Sie die Segel herunter, verhalten Sie sich ruhig.
Kontaktieren Sie die Behörden (Telefon 112 oder VHF Kanal 16)
Nehmen Sie die Hände vom Steuerrad oder von der Pinne (Manche Schläge gegen das Ruder sind so heftig, dass Sie sich an Händen und Armen verletzen könnten).
Schreien Sie die Tiere nicht an, werfen Sie keine Gegenstände nach ihnen, lehnen Sie sich nicht außenbords.
Wenn Sie einen Fotoapparat oder eine Videokamera an Bord haben, filmen Sie die Tiere. Vor allem anhand der Finnen sind sie durch „Iberian Orca“ zu identifizieren.
Erst wenn Sie sicher sind, dass die Orcas nicht mehr in der Nähe sind, kontrollieren Sie die Funktion der Ruder.
Sollten Ihr Boot nicht mehr segelfähig sein, informieren Sie umgehend die Küstenwache und lassen Sie sich abschleppen.

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