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Reinke Yachten: Patenter Plattenbau

Autor: Erdmann Braschos

Es gibt ihn in blankem Alu, gestrichen oder aus Stahl. Der Doppelknickspanter mit kantigen Aufbauten, stabil verschraubten Fensten und flächig aufgeklebten Decksbelägen ist solide. Er ist erschwinglich und bei segelnden Aussteigern beliebt.

Reinke Yachten: Patenter Plattenbau
Reinke in südlichen Gewässern mit vorbalanciertem «Trekker» Fockbaum© reinke-yacht.de / Peter Reinke

Diese Merkmale machen Reinke Yachten, sie entstehen meist als Rohbau, der dann in Eigenregie fertig gestellt wird, oder komplett als Eigenbau, zur ersten Wahl für Individualisten und segelnde Aussteiger. Das sympathische Expeditionssegler-Ehepaar Wilts ist das berühmteste Beispiel dafür. Ihre «Freydis» brannte in Südamerika aus, sank während einer abenteuerlichen Überwinterung in der Antarktis und überstand 2011 sogar den Tsunami in Japan. Hätte sich das Boot bergen lassen, wären die Wilts heute nicht mit ihrer dritten Reinke Yacht unterwegs.

In fast jedem Hafen und Bootslagerbiotop, wo aus guten Grund auf das Preis-/Leistungsverhältnis geachtet wird, begegnet man einer Reinke Yacht. Ihre Eigner sind bodenständige und hilfsbereite Leute.

Nun muss ich kurz auf die Qualitäten des «Reinke-Sechskants», wie er in Anspielung auf seine Spantform von Insidern, der Fraktion der Schrauber, Flexer und Schweisser liebevoll genannt wird, zu sprechen kommen. Dabei sind die meistgebauten Reinkes, nämlich die mit Backdeck, eigentlich Achtkanter, wenn man die beiden Falze am Übergang der oben eingezogenen Seitenwand des Aufbaues mitzählt.

Ihre Form verdanken die Reinkes dem Umstand, dass sich einer Stahlplatte oder einem Aluminiumblech nicht ohne weiteres eine Rundung um zwei Achsen beibringen lässt. Ein Blech innerhalb gewisser Grenzen um eine Achse biegen mag ja noch gehen, aber eine sogenannte Abwicklung um zwei Achsen hinkriegen, dazu braucht es grosses handwerkliches Geschick und spezielles Werkzeug wie fest im Boden verankerte Biegevorrichtungen. Deshalb entwickelte Reinke seine patenten Plattenbauten, wo die Bleche lediglich um eine Achse zu wölben sind.

Reinkes sind, wie andere Bootstypen auch, eine Seglerweltanschauung. Und sie sind das Lebenswerk eines Tüftlers, der es dreissig Jahre wie besessen nebenher, in Feierabendarbeit, realisierte. Hauptberuflich arbeitete Kurt Reinke in der Yachtabteilung der Bremer Edelwerft Abeking & Rasmussen. Dort war er jeden Tag mit der Formgebung von Leichtmetall Rümpfen beschäftigt.

Kurt Reinke am Steuer seiner 11MS aus unbehandeltem Aluminium Kurt Reinke am Steuer seiner 11MS aus unbehandeltem Aluminium © reinke-yacht.de / Peter Reinke

1971/2 beschäftigte sich Reinke als Mitarbeiter von Britton Chance ausgiebig mit Schlepptankuntersuchungen in den Staaten. Reinkes Erkenntnis der etwa 400 Messreihen im Stevens Institute in Hoboken bei New York: Rümpfe mit einem hohen prismatischen Koeffizienten laufen besser. Reinke setzt sie wenig später mit moderat fülligen Vorschiffspartien und dem eigenwilligen Bürzel unter dem Heck seiner Konstruktionen um.

Wieder nach Bremen und zu A&R zurückgekehrt, fing der Autodidakt richtig mit dem Entwurf von Booten an. Er nannte seine Feierabendbeschäftigung in deutlicher Abgrenzung zu seinem Tagwerk bei der angesehenen Werft «Hobby-Design». Daher das bis heute gültige Kürzel HD. Bald wandte sich Reinke von seinen zunächst propagierten rundspantigen Konstruktionen, dem 7,55m Kajütboot «Omega», der 6,80m «Contra» oder dem Reinke 5,5er ab.

Er entwicklte die Doppelknickspantbauweise, wobei er den oberen Knick zwischen dem mittleren und oberen Bordwandblech so anordnete, dass das Schiff bei 20 Grad Krängung weich einsetzt.

Reinke zeichnete die «Secura», einen 9,30m langen, Watt-tauglichen, um die 5 Tonnen verdrängenden «90:90 Motorsegler» mit 1,80m Tiefgang (Hubkiel) und 0,95m in der kimmkieligen Ausführung. Es folgte die «Taranga», eine 10m Konstruktion mit 1,60m, alternativ 1,35m Tiefgang in der Kurzkielversion, der Reinke 11er, ein gleitfähiger Motorsegler mit Backdeck und Deckssalon unter dem angehobenen Aufbau. Schliesslich die «Super-Secura», ein 11,20m Motorsegler mit Ballastschwert und die beliebte 14m «Hydra», gefolgt von der 17,50m Fahrtenketsch «Super Hydra».

Peter Reinke, bei der Fassmer Werft als Diplom-Ingenieur und Kunststoff-Fachmann tätig, erinnert seinen Vater als «durchsetzungsfähige und selbstbewusste Persönlichkeit.» Das wird auch in den Aussagen bezüglich der Segeleigenschaften und weiterer Vorzüge seiner Boote deutlich: «Dieser robuste Doppelknickspanter ist als pflegeleichte Ganzstahlkonstruktion ausgelegt» heisst es in Reinkes umfänglicher Literatur vollmundig und schlicht irreführend. Stahlboote haben unbestreitbare Vorzüge, pflegeleicht waren sie allerdings noch nie. Das wussten und wissen Generationen Rost klopfender, regelmässig Menninge malender Seeleute und Freizeitkapitäne und natürlich auch der Metallschiffs- und Bootsbauer Kurt Reinke.

Später, angesichts der Verfügbarkeit und vereinfachten Verarbeitungstechniken von Aluminium, Reinkes Arbeitgeber Abeking & Rasmussen gehörte zu den Pionieren des Aluyachtyachtbau (siehe «Germania IV», «Ondine» und die sogenannte Schweissbadsicherung) ist Reinke von solchen Aussagen abgerückt. Er hat selbst später noch das wesentlich leichtere und pflegeleichtere Aluminium propagiert.

Auch sonst war Kurt Reinke ein Freund von Grundsätzen. So lehnte er den in den Siebzigerjahren in Mode gekommenen Brauch, Vorsegel per Rollanlage zu reffen, ab. Der Segelstand ist unbefriedigend, der Verschleiss einer Rollreffgenua gegenüber einem herkömmlich passend zum Wind gesetzten Vorsegel gross. Reinke entwickelte stattdessen mit seinem Fockbaum reffbare Allroundvorsegel, deren Fläche ähnlich wie beim bewährten und bis heute üblichen Bindereff des Grosssegels dem Wind angepasst wird.

Dank seines Faible für Kürzel, es gibt eine eigene Reinke Nomenklatur, nannte er sie RB Fock, wobei die Buchstaben für Reffbaumfock stehen. Das System wurde von einem norddeutschen Segelmacher zum sogenannten «Trecker», einer Art vorbalancierten Fock weiterentwickelt, die allerdings den entscheidenden Nachteil hat, dem Vorschiff viel Hardware und einen zappelnden oder schlagenden, letztlich gefährlichen Fockbaum hinzuzufügen.

Die 11,50m lange Reinke Euro ist mit ganzen 115cm Tiefgang unterwegs Die 11,50m lange Reinke Euro ist mit ganzen 115cm Tiefgang unterwegs © reinke-yacht.de / Peter Reinke

Durchgesetzt hat sich bei den Reinkes das so genannte Semi-Cutter Rigg, das seinen ungewöhnlichen Namen der Tatsache verdankt, das die beiden, an hintereinander angeordeten Vorstagen gesetzten Vorsegel nicht wie beim typischen Kutter gleichzeitig gesetzt werden, sondern abwechselnd – endweder die meist vom beschriebenen Fockbaum stabilisierte Fock, oder die Genua am bis zum Masttop reichenden Vorstag. Die Segelgeometrie und entsprechenden Flächenschwerpunkte tarierte der Reinke so aus, dass sich auch bei Starkwind mit der kleinen Fock nur eine leichte und wünschenswerte Luvgierigkeit ergibt.

Bald setzt Reinke anstelle der herkömmlichen Kimmkielkonfiguration auf den asymmetrischen Kimmkieler, den er als «ASY-Twinkieler» propagierte. Die Lösung kombiniert seglerische Vorteile wie den verbesserten Auftrieb bei Am Wind Kursen mit geringem Tiefgang und der Möglichkeit, bei Niedrigwasser problemlos in Tidengewässern stehen zu bleiben.

Peter Reinke erinnert seinen Vater als workaholic, der sich wenig Schlaf gönnte und zugunsten seiner Passion über Jahrzehnte Raubbau an seiner Gesundheit betrieb. Nach seiner vorzeitigen Pensionierung im Alter von 55 Jahren gab er dann richtig Gas: Geradezu besessen arbeitete der Senior an der Perfektionierung seines «alternativen Yachtbau mit HD-System», den er beharrlich als Typyachtbau von manchem minderwertigen, handwerklich und seemännisch fragwürdigen Erzeugnis der Bootsbastler- und Heimwerkerszene abzugrenzen suchte.

Reinkes Zeichnungen, Baubeschreibungen und Kalkulationen waren bis ins Detail ausgearbeitet. Rundbriefe, Dokumentationen und das umfängliche Manuskript des Standardwerkes «Yachtbau» von Autorentrio Reinke/Lütjen/Muhs lieferte er in legendär sauberen handschriftlichen Druckbuchstaben. Vom Computer hielt Reinke nichts.

Die berstend mit Argumenten gefüllten Anzeigen im damals noch erhältlichen Klasings Bootsmarkt geben eine Idee seines Sendungsbewusstseins. Auch die dem jeweiligen Zeitgeist angepassten Produktbezeichnungen «Reinke 11,5 Öko» oder «Euro», und die vielseitige Konzeption seines Motorseglers «Reinke 11MS» zeigen wie werblich er dachte.

«Reinkes sind Langzeitsegler für Langfahrtsegler» fasst Peter Reinke die Segelweltanschauung seines Vaters zusammen. Er lernte das Pläsier mit Schot und Pinne auf der väterlichen «Minisuper» auf der Weser, gefolgt von mancher Meile an Bord einer «Omega». Seit 2000 führt er das väterliche Erbe in reduzierter Feierabendarbeit mit Sprechstunden für die Bauherren weiter.

Leider sind Reinke Yachten nicht gerade Juwelen des Bootsbaus. Das liegt in der Natur der Sache, wenn man für den Bruchteil der Kosten eines halt- und belastbaren Kleinserien- oder Einzelbaues ein Blauwasser-taugliches Schiff möchte. Das dazu noch in der kimmkieligen Ausführung problemlos trocken fällt und sich ohne Lagerbock einfach an Land abstellen lässt.

Wenn Sie den Kauf einer gebrauchten Reinke in Erwägung ziehen, nehmen Sie einen Metallbauer mit, kriechen in fast jeden Winkel, sehen sich die Schweissnähte und Konservierung an. Mit Glück kommen Sie so zum Boot Ihres Lebens. Mit Pech haben Sie eine Baustelle mit hackeviel Arbeit. Nike Steiger, die junge unbedarfte Seglerin, die kurzerhand eine in Mittelamerika an Land stehende Reinke kaufte, weiss ein Lied davon zu singen. Aber mittlerweile ist sie ja weniger in Baumärkten als auf dem Wasser unterwegs.

REINKE TYPEN
Jahreszahl der ersten Segelnummer und Stückzahl

Secura 1977 – ca. 64 Stk.
Omega 1978 – ca. 56 Stk.
Taranga 1987 – ca. 117 Stk.
Hydra 1987 – ca. 55 Stk.
Astra 1984 – ca. 20 Stk.
11M 1986 – ca. 10 Stk.
S10 1986 – ca. 45 Stk.
12M/S12 1986 – ca. 47 Stk. (erste Reinke mit Decksalon)
S11 1987 – ca. 68 Stk.
10M 1987 – ca. 102 Stk.
Super Secura 1988 – ca. 9 Stk.
15M 1989 – ca. 28 Stk.
Euro 1991 – ca. 23 Stk.
13M 1994 – ca. 36 Stk.
16M 1995 – ca. 10 Stk.
11MS 1996 – ca. 12 Stk.

Gesamt ca. 702 Stück – ohne Contra, Minisuper, andere Vorläufer und ohne die Dunkelziffer nicht lizensierter Reinke-Bauten.

VG Wort Zählmarke

Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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