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Was ist beim Gebrauchtbootkauf zu beachten?

Einige grundsätzliche Gedanken und Tipps zum Gebrauchtbootkauf

Was ist beim Gebrauchtbootkauf zu beachten?
Das Leben ist zu kurz, um es bloß vernünftig zu verbringen © pixabay.com/StockSnap

Der Schieberegler zwischen Glück und Frust: Wer Geld für Spielzeug übrig hat, ist erfolgreich, vernünftig und zielorientiert. So gibt es zu Booten, Flugzeugen, Hubschraubern oder Pferden zwei gut begründete Meinungen.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 18.03.2020

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • was alles unmissverständlich gegen ein Boot spricht und warum es dennoch eine ausgezeichnete Entscheidung ist
  • warum erst ein dauerhaft begeisterndes Boot sinnvoll ist
  • wo es interessante Gebrauchtboote zu finden sind
  • über den irrationalen Mehrwert von Spielzeug

Vom Bootsvirus befallen

Die erste lautet: Finger weg von allem was schwimmt, fliegt oder wiehert. Das frisst Geld und Zeit. Nun ist der Mensch aber nicht bloß vernünftig. Ein komplett aus Kosten – Nutzen Erwägungen bestehendes Leben wäre fad, öde und traurig. Deshalb lautet die zweite Meinung. Wenn Sie können, träumen Sie nicht, sondern genießen ihr Leben auf eigenen Planken. Das Leben ist zu kurz, um es ausschließlich vernünftig zu verbringen.

Wenn Sie nun von Bootsvirus befallen sind und das Geld dafür auf dem Konto schlummert, nur zu. Denn es gibt nichts schöneres, als nach einer anstrengenden Arbeitswoche Freitagabend die Reisetasche am Steg vor dem Bug des eigenen Schiffes abzustellen. Spätestens jetzt bleibt der Stress achteraus. Ein Boot ist mehr als ein langweiliges Statussymbol, viel mehr als der emotionale Platzhalter für ein unbeschwert freies Leben. Es ist ein Schritt aus dem Alltag, der regelmäßig möglich ist.

Dieser Schritt gelingt fast jedes Mal, wenn ich an Bord gehe und das Gepäck über den Bugkorb hebe. Spätestens dann bin ich in einer anderen, der maritimen Welt. Sie ist mein zweites, oft auch das eigentliche Zuhause. Ein Blick auf beliebte bis amüsante Bootsnamen in den Häfen zeigt, was andere Bootseigner mit ihren schwimmenden Untersätzen verbinden: «Auszeit», von Freiheit kündende Frauennamen, oft etwas von Passion bis hin zu «Männerpension» steht auf den Hecks vieler Boote (siehe auch Schiffe und ihre Namen: nomen est omen).


Haut einige Sicherungen raus: Swede 55-Segeln im Fehmarnsund
Haut einige Sicherungen raus: Swede 55-Segeln im Fehmarnsund © Ann-Kristin Wischnewsky/Swedesail

Entscheiden Sie sich also für ein Boot, das Sie dauerhaft begeistert

Seien Sie nicht kleinlich, wenn Sie mit einem Boot liebäugeln. Neben all den Vernunftgesichtspunkten, von denen gleich die Rede sein wird, sollte Ihnen das Boot so gefallen wie Ihr Partner, als Sie ihn das erste Mal sahen. Für mich ist ein Boot eine Affäre. Das klingt vielleicht kitschig und überzogen. Aber es ist wirklich so. Ich bin seit vielen Jahren mit einem ziemlich langen Schärenkreuzer unterwegs. Es war, es ist und bleibt wohl weiterhin zwischendurch die wahre Fron. Sie bringt mich neben meniner eigentlichen Arbeit, dem Schreiben, regelmäßig ans Limit.

Doch immer, wenn ich das Geschoss im Winterlager über mir stehen sehe oder vor mir am Steg vertäut, werde ich schwach. Spätestens nach dem Schleifen, Putzen, Polieren und Auftakeln Ende April oder beim Ablegen am Samstagvormittag sind gelegentliche Zweifel an der ganzen Arbeit, an der eingesetzten Zeit, den Kosten und der gedanklichen Bindung ans Boot weg.

Entscheiden Sie sich also für ein Boot, das Sie dauerhaft begeistert. Ein schönes Boot, ein elegantes, ein schnelles Gefährt, das Ihnen immer wieder die Sicherungen rausdreht. Der Gebrauchtbootmarkt bietet viele individuelle, interessante, spezielle, seltene, außergewöhnliche Boote, Exemplare, in die man sich je nach Budget, Prägung und sonstigen Rahmenbedingungen vergucken kann. Keiner meiner Freunde hat sich ein neues Boot auf der Bootsmesse oder beim Händler gekauft. Alle haben eine Weile gestöbert, geguckt, haben verschiedene Boote angeschaut, ausprobiert und irgendwann zugegriffen. Ich fasse zusammen: Da ein Boot eh keine vernünftige, sondern eine emotionale Geschichte ist, machen Sie keine halben Sachen.

So weit so gut. Wie macht man nun mit einem unvernünftigen Boot ganze Sachen und lässt damit zugleich die Kirche im Dorf?

Fährt auch im Stehen: Swede 55 – aufgebockt
Fährt auch im Stehen: Swede 55 – aufgebockt © E. Braschos/Swedesail

1. Kosten, Reparaturaufwand

Nach meiner langjährigen Erfahrung hängt an jedem Boot, ganz gleich ob teuer & werftneu oder preiswert & reichlich gebraucht, automatisch eine Agenda an Nachbesserungen, Reparaturen und Pflege. Sehr selten kann man mit einem werftneuen Boot unbesorgt ablegen. Es gibt immer Kinderkrankheiten, die abzustellen sind. Dieser gravierende Unterschied beispielsweise zum Auto wird komplett übersehen. Planen sie keinesfalls gleich nach der Übernahme eines werftneuen Bootes eine Urlaubsreise. Es geht schief und hinterlässt bei der Familie, Frau und Freunden eine üble Bremsspur. Sie wird Ihnen lange anhaften.

Die Übernahme eines gebrauchten Bootes hat den Vorteil, dass Sie es zunächst einmal nutzen können, sofern es weitgehend in Ordnung und zuvor auch tatsächlich in Betrieb war. Legen Sie gedanklich eine Art Schieberegler vor die Anschaffung eines Bootes. Am linken Ende ist das neuwertige oder kaum genutzte teure Markenerzeugnis, an dem abgesehen von Nachbesserungen nach der Übernahme die nächsten Jahre absehbar wenig zu tun ist. Am rechten Ende das günstige no-Name-Boot im fortgeschrittenen Alter, dessen Reparaturstau und Wartungsaufwand sich schlecht einschätzen lässt. Er ist garantiert höher als Sie ihn mit einer realistischen bis pessimistisch angesetzten Schätzung eingestuft haben. Erinnern Sie sich bei der Gelegenheit am besten an die letzte Renovierung daheim oder die Beschäftigung von Handwerkern zuhause. Der berühmte Faktor 3 reicht nicht.

2. Arbeit

Der größte Fehler, den Sie bei der Anschaffung eines Bootes machen können ist die Annahme, es mache kaum Arbeit und ließe sich nutzen wie ein Auto oder eine Ferienwohnung. Wenn Sie Wert auf ein gepflegtes, funktionstüchtiges und ringsum sicheres Boot legen, müssen sie es regelmäßig putzen, polieren und auch reparieren. Sie müssen die eingebaute Technik mindestens kennen und wissen, wie beispielsweise die Maschine bei längerer Liegezeit stillzulegen oder frostsicher zu machen ist.

Sie brauchen handwerkliches Geschick und technisches Basiswissen. Nur wenn Sie Bastler sind, werden Sie mit einem gebrauchten, günstigen Boot glücklich. Sonst geben Sie sehr viel Geld aus und bleiben auf Dauer von Handwerkern abhängig. Wenn Sie diese Voraussetzungen nicht mitbringen, brauchen Sie Geld, um diese Dinge an eine vertrauenswürdige Person zu delegieren.

3. Betriebskosten

Die übliche Annahme, wonach die jährlichen Betriebskosten bei zehn Prozent des Neupreises eines Bootes liegen, man das Boot im Lauf von zehn Jahren bei gleichzeitigem Wertverlust also nochmal komplett bezahlt, ist nach meiner Erfahrung viel zu hoch gegriffen (siehe Was kostet das Boot über den Kauf hinaus?). Derartig hohe Betriebskosten entstehen gewiß bei schnell und viel gefahrenen Motoryachten, bei Motor- und Segelyachten in gefragten Revieren mit enormen Liegegebühren und bei einer achtlosen Nutzung des Bootes, wo viel kaputt geht. Wenn beispielsweise die Besegelung unnötig der Sonne ausgesetzt bleibt. Es ist eine Frage von Monaten, bis ungeschützte Foliensegel im UV-Licht hinüber sind. Es geht deutlich günstiger, wenn Sie das Boot geschickt ausrüsten, nicht dem erstbesten Segelmacher mit seinem Angebot leider kurzlebiger Hightech-Garderobe auf dem Leim gehen und Ihr Boot nebst Ausrüstung pfleglich behandeln. Man kann die Maschine(n) einer Motoryacht mit einem kapitalen Motor oder Getriebeschaden mangels Kühlung oder Schmierung zügig kaputt machen, oder pfleglich behandelt jahrzehntelang fahren.

4. Baumaterial

Kostentreibend sind klar lackierte Rümpfe aus Holz und Aufbauten, die alle paar Jahre fachmännisch aufzuarbeiten sind. Boote aus Stahl haben ebenso wie solche aus Aluminium unbestreitbare Vorteile, verlangen aber kontinuierliche Konservierung und Aufmerksamkeit (siehe Anoden nicht vergessen). Ungeachtet aller Polemik ist Glasfaser-verstärkter Kunststoff das beste Material für die übliche Nutzung. Man kann ein Gfk-Boot jahrzehntelang mit geringem bis vertretbaren Aufwand genießen, es auch mal vernachlässigen und zu gegebener Zeit wieder aufpolieren. Ein Teakdeck ist nach etwa 15 Jahren hin. Der Austausch des Decksbelags teuer. Da kommen bereits bei einem Serienboot üblicher Größe mit überschaubar breiten seitlichen Laufdecks derzeit ohne weiteres zehn Tausend Euro zusammen. In südlichen Gefilden ist ein Teakdeck eh Quatsch. Es wird so heiß, dass man barfuß nicht darauf stehen kann. In nördlichen, regenreichen Revieren verspakt es.

5. Liegeplatz & Tiefgang

Oft setzen die Boxenlänge und -breite im Hafen und der dortige Tiefgang ein Limit. In angesagten Clubs beispielweise sind zugunsten des Regattasegelns nur bestimmte Bootstypen gern gesehen. So attraktiv das Platzangebot moderner Fahrtenkatamarane ist, so teuer bis unmöglich ist seine Unterbringung im Hafen. Wenn Sie Ihre kostbare Freizeit an Bord verbringen wollen, entscheiden Sie sich für das Revier in der Nähe. Es ist besser sich regelmäßig mit einem kleinen Boot auf dem Baggersee, dem Fluß oder der Talsperre daheim zu erholen, als Geld für ein großes Boot im Mittelmeer auszugeben, das sich allenfalls ein bis zwei Mal jährlich im Urlaub nutzen lässt.

Ein unvernünftiges Boot wie Swede 55 interessiert auch im Hafen
Ein unvernünftiges Boot wie Swede 55 interessiert auch im Hafen © E. Braschos/Swedesail

6. Ausstattung/Wartung

Verzichten Sie auf teure und wartungsintensive Ausstattungen. Ein Hubkiel, eine Seewasserentsalzungsanlage, hydraulisch oder elektrisch betriebene Bug- und Heckstrahlruder, Motorwinschen, Segelrollanlagen, motorisierte Ankerwinschen, semiautomatisch bewegte Klappen für die Heckgarage und Badeplattformen sind an sich alles feine Sachen, solange sie funktionieren, gewartet wurden und es für die Komponenten noch Ersatzteile gibt. Sie kommen unterwegs auf See aber gerade an Bord großer Yachten mit entsprechenden Abhängigkeiten in Teufels Küche, wenn etwas ausfällt. Es vergällt Ihnen die kostbare Urlaubszeit an Bord, wenn das Boot irgendwo still liegt und Sie auf Ersatzteile und den Monteur warten. Beherzigen Sie unbedingt das KISS (siehe Das KIS-Prinzip: Keep it simple), das Keep it simple and stupid-Prinzip.

7. Standortvor- und nachteile

Mit einem gebrauchten Boot, das Sie im Mittelmeer oder der Karibik übernehmen, fangen die sonnig unbeschwerten Stunden theoretisch gleich an. In der Praxis ist es in den meisten Fällen aber leider so, dass das Boot und seine Technik im fernen Revier vernachlässigt wurde und Sie einen Wartungsstau schultern, der sich erst nach und nach offenbart. Wie im sonstigen Leben auch steht sich selten genutzte Technik auf kurz oder lang kaputt. Wo immer Sie ein gebrauchtes Boot anschauen: Fragen Sie den Eigner nach Betriebsanleitungen und Wartungsplänen. Gibt es die nicht und er verspricht Ihnen, die Unterlagen gleich nach Übernahme des Bootes zu schicken, wurde das Boot vernachlässigt. Der Grat zwischen Boot und Problem ist schmal. Auch hier sollten Sie gedanklich den Schieberegler vor das Boot legen. Links ist der Idealfall der unbesorgten Nutzung, rechts die Realität mit ausgefallenen Pumpen, weichen Batterien, vernachlässigter Maschine usw. Links steht Glück, rechts Frust.

Eine über Monate stillgelegte, wenige Wochen jährlich genutzte Yacht im Mittelmeer oder der Karibik steht sich sprichwörtlich kaputt. Die Abflüsse der Bordtoiletten verkalken, Pumpenmembranen und Schläuche werden alt, spröde und stinken, Seeventile korrodieren. Öffnen Sie mal eine 15 Jahre alte Whale Gusher Bilgenpumpe mit Alugehäuse, Niroschrauben und krummen Rückschlagklappen. Dann haben Sie eine Idee, was Sie an Bord erwartet - in mehrfacher Ausführung und immer neuen Varianten.

Ob und wie oft die Maschine in ihrer Abwesenheit wie besprochen angelassen wurde, verrät vielleicht ein Blick auf den Betriebsstundenzähler, soweit es den an Bord gibt.

8. Crew und Revier

Ungeachtet des Trends zu immer größeren, luxuriös ausgestatteten und entsprechend schweren Booten, die auf dem Messestand zweifellos beeindrucken, sollten Sie überlegen, mit wie vielen Personen an Bord Sie tatsächlich ablegen. Machen Sie sich als Ehepaar weder abhängig von kostspieliger Technik, noch von Mitseglern oder bezahlter Crew. Gehen Sie lieber mit einem kleineren und entsprechend handlichen Boot auf Törn, das Sie bereits von der Größe und dem Gewicht her handhaben können. Segeln Sie mit einem Schiff, dessen Großsegel Sie bei Starkwind noch alleine bergen und zusammenlegen. Nach meiner Erfahrung sind etwa 50 Quadratmeter Großsegel ohne Rollanlage handhabbar. Zerstören Sie Ihren Traum von der gemeinsamen großen Sommerreise nicht mit einem unnötig großen, schweren und entsprechend unhandlichen Boot. Es ist toll und beeindruckend an Bord einer großen, unter Deck geräumigen Yacht mit Standheizung, Klimaanlage, fließend Warmwasser zu leben. Aber der Weg dahin ist steinig und lang, siehe die oben genannten Schieberegler.

Vor einigen Jahren besuchte ich einmal das angesehene Konstruktionsbüro Sparkman & Stephens, als es noch in der Madison Avenue in New York ansässig war. Dort erklärte mir der damalige Büroleiter Bill Langan: «Ganz gleich wie groß eine Yacht ist. Praktisch alle Schiffe sind Tagesausflugsboote. Man legt damit am Samstag- oder Sonntagmorgen ab und kehrt nachmittags wieder in den Hafen zurück. Das ist bei einem Dreißigmeterboot nicht anders als mit einem kleinen Sportboot.»

Die Bootsbranche lebt von den großen Booten. Da wird das Geld verdient. Doch müssen Sie sich diesen Gesichtspunkt ja nicht übernehmen. Sie möchten vermutlich eine unvergesslich intensive, schöne, naturnahe Zeit auf dem Wasser. Darum geht es – jedenfalls für mich.

9. Probieren Sie ihr Traumschiff aus

Wenn Sie mit einem bestimmten Bootstyp liebäugeln, dann probieren Sie ihn gemeinsam mit Ihrer Familie mindestens einen Tag, ein Wochenende, besser noch eine Woche aus. Chartern Sie das Boot und gucken, ob Sie damit klarkommen.

  • Wie lebt man an Bord. Ist es unter Deck an einem Regen- oder Sturmtag gemütlich?
  • Wie liegt es sich auf der Sonnenliege der Motoryacht vor der Flybridge.
  • Wie bequem lümmelt man auf den Korbstühlen der Poop? (Achterdeck)
  • Wie manövriert sich die Motoryacht rückwärts?
  • Wie schnell treibt sie seitlich bei Wind ab?
  • Wie laut sind die Maschinen bei Reisegeschwindigkeit unter Deck, oben am Steuerstand und auf dem Achterdeck?
  • Wie lästig sind die Vibrationen?
  • Wie fühlt man sich bei schräg von achtern oder seitwärts rollender Dünung?

Das Geld, das Sie für die Miete des Bootes ausgeben, könnte sich gegenüber einem Fehlkauf als Erdnüsse, als klug ausgegebenes Lehrgeld erweisen.

Wenn Sie mehr dazu wissen wollen, empfehlen wir Ihnen unseren Ratgeber für den Bootskauf. In zehn Kapiteln erfahren Sie alles zum Thema Bootskauf.


Damit Sie sich auf eine Besichtigung vorbereiten können, empfehlen wir Ihnen unsere Checkliste für Gebrauchtboote.

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VG