Ratgeber für den Bootskauf9 min Lesezeit

Der allgemeine Zustand des Bootes

Wo Sie beim Gebrauchtboot genauer hingucken sollten

Der allgemeine Zustand des Bootes
Nur das dichte und gepflegte Teakdeck ziert ein Boot. Sonst ist es eher eine Aufgabe © boot24.ch

Pfiffige Bootshändler oder Verkäufer lassen die Maschine vor der Präsentation des Bootes warmlaufen. Das ist geschickt, lässt Sie als Interessent aber im Unklaren, ob der Motor nach langer Standzeit überhaupt anspringt.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 20.02.2019

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Tipps zur Besichtigung
  • worauf bei der Maschine achten?
  • Hinweise zum Teakdeck
  • Zustand des Unterwasserschiffs
  • worauf beim Rigg Takelage und der Besegelung achten?
  • Osmose; ein Thema für den Tresen oder ernst zu nehmen?

Der Motor

Deshalb sollten Sie am besten vor dem Start den Deckel zum Motorraum öffnen und fühlen, ob die Maschine warm oder kalt ist. Bei der Gelegenheit werfen Sie einen Blick in den Motorraum. Er sagt viel über den Pflegezustand. Auch bei einer gebrauchten oder betagten Maschine kann man ordentlich verlegte Kabel anstelle eines Wusts chaotisch verlegter Strippen erwarten, einen halbwegs sauberen Motorraum ebenso. Spuren entwichenen Kühlwassers, von Diesel oder Motoröl weisen auf zu behebende Probleme hin. Bei betagten Booten, die überwiegend in fernen Revieren betrieben wurden, wird man dies akzeptieren, sofern die Maschine einwandfrei läuft.

Teakdeck

Viele Boote, gerade mittlere bis große Segelyachten, haben ein Teakdeck. Aber nur ein halbwegs sauberes, gepflegtes Teakdeck ist wirklich eine Zierde. In dauerfeuchten nordischen Revieren, wo es viel regnet, bilder sich Schimmt und fault das Holz. In südlichen Revieren tut man sich mit einem Teakdeck keinen Gefallen, weil sich die Planken derart aufheizen, dass man nicht mehr barfuß über das Boot laufen kann und es unter Deck unnötig warm wird. Überlegen Sie sich daher, ob Sie sich mit einem Teakdeck einen Gefallen tun, so schön ein frisch verlegtes und übewiegend abgedecktes Teakdeck auch aussieht. Hinzu kommen die erheblichen Kosten einer Sanierung.

Schauen Sie sich das Teakdeck daher genau an:

  • wie alt ist es?
  • wurde es schon einmal erneuert?
  • wie dick ist es?
  • sind die Teakstäbe verschraubt oder verklebt?
  • sitzen die Querholzdübel zum Schließen der Bohrungen noch fest?
  • wie sehen die Fugen aus?
  • gibt es auf einem trocknenden Teakdeck dunkle Flecken?

Es gibt mittlerweile auch bei Markenbooten namhafter Werften erschütternde Beispiele für handwerklich schlechte Arbeit. Das beginnt bei gewölbt linsenförmigen statt flachen Schraubenköpfen. Die Suppe löffelt der Eigner eines Gebrauchtboots nach etwa 15 Jahren mit einer aufwendigen Sanierung aus: Entfernung des alten Belags und kostspielige Verlegung eines neuen Teakdecks. So kommen, je nach Decksfläche, Größe des Bootes und abhängig vom Aufwand für die Entfernung der Beschläge, einige Tausend Euro zusammen.

Unterwasserschiff

Ein Gebrauchtwagen lässt sich in der nächstbesten Werkstatt auf die Hebebühne fahren und von unten anschauen. Beim fahrbereit im Hafen liegenden Boot ist das kurzfristig unmöglich oder teuer. Es muss ein Krantermin vereinbart und das Boot herausgehoben werden. Dennoch sollten Sie als Interessent das Unterwasserschiff anschauen. Natürlich lässt sich der Zustand einer Yacht unten herum zunächst einmal durch Abtauchen überprüfen:

  • wie sehen bei der Motoryacht der Steven, Kiel, die Propellerwelle und Wellenbock oder der Z-Antrieb, der Propeller und das Ruderblatt aus?
  • gibt es Macken infolge einer Grund­berührung?

Einen ersten Eindruck vom Kiel, speziell der Kielvorderkante einer Segelyacht, seiner Antriebseinheit und des Ruderblatts bekommt man so auch. Nun ist es nicht jedermanns Sache, im dreckigen und trüben Hafenwasser, bei den schlechten Lichtverhältnissen einer voll belegten Marina baden zu gehen. Auch ein geübter Schnorchler wird in der kurzen Zeit, die ihm unter dem Boot bleibt, wenig erkennen. Am Landstellplatz im Freien oder in einer Halle geht das besser. Sollten Sie ein Boot im Wasser besichtigen, Probe fahren und ernsthaftes Interesse am Kauf haben: Am Aufwand zum Herausheben des Bootes führt kein Weg vorbei. Die Struktur (Kielaufhängung) einer modernen Segelyacht kann durch eine heftige Grundberührung gravierend beschädigt worden sein. Deshalb müssen Sie dieser Frage unbedingt nachgehen.

Osmose

Ein gerne und lange am Tresen diskutiertes Thema ist bei Kunststoffbooten die Osmose. Gibt es an der Außenhaut des Unterwasserschiffs Bläschen, hat das Boot wahrscheinlich Osmose. Es kann sich aber auch um einen unebenen Antifouling-Anstrich im «Raufaserlook» mit übermaltem Schmutz (und nie angeschliffenen Altanstrichen) handeln. Stechen Sie einige Bläschen mit einem spitzen Gegenstand (Schlüssel, kleiner Schraubenzieher, Büroklammer) an. Der säuerliche Geruch der entweichenden Flüssigkeit ist ein sicheres Indiz für Osmose.

Stand das Boot längere Zeit an Land und der Rumpf ist getrocknet, haben sich auch die Bläschen zurückgebildet und sind unter dem Antifouling-Anstrich nicht oder kaum mehr zu sehen. Machen Sie den Schleiftest mit einem kleinen handelsüblichen Schleifklotz und etwas grobem Sandpapier. Damit legen Sie den Rumpf gezielt an einigen Stellen bis zum Gelcoat hin frei und sehen, ob die wassersperrende Deckschicht des Rumpfes Risse und kleine Öffnungen hat.

Grundsätzlich sollten Sie wissen, dass nahezu jedes Kunststofflaminat (abhängig von seiner Zusammensetzung, dem verwendeten Harz, der Verarbeitung und Liegezeit im Wasser) irgendwann einmal Wasser zieht. Aber keine Panik: Das ist vom handwerklich geschickten Do-it-yourselfer oder einem Fachbetrieb reparabel. Man kann das Gelcoat mit einem speziellen Hobel, durch Sandstrahlen oder Schleifen entfernen, die angegriffenen Flächen reinigen, reparieren und dauerhaft mit einer neu aufgetragenen Sperrschicht versiegeln.

Die meisten Boote sind diesen Aufwand wert. Im Zweifel lesen Sie sich im Internet oder anhand von Broschüren der Farbenhersteller in dieses Thema ein. Nehmen Sie ein Feuchtigkeitsmessgerät mit oder ziehen Sie einen möglichst neutralen Fachmann hinzu (nicht die nächstbeste Werft oder einen verbandelten Osmosesanierungsbetrieb). Vom Thema Osmose lassen sich viele Bootseigner und Interessenten verunsichern (siehe Osmose: Ruhig bleiben).

Takelage

Schauen Sie sich bei der Segelyacht das Rigg und die Segel gründlich an. Die Takelage und Garderobe sind der eigentliche Antrieb der Segelyacht (siehe Stehendes Gut angucken – Wanten und Stagen halten nicht ewig).

  • wie alt und in welchem Zustand sind die Segel?
  • wie alt ist das sogenannte «stehende Gut», bestehend aus Wanten und Stagen? Bei der seegehenden Yacht sind sie nach gängiger Faustformel alle 15.000 Seemeilen oder 25 Jahre zu ersetzen. Wenigen Bootseignern sind diese Austauschintervalle überhaupt bekannt. Kaum jemand kümmert sich darum.
  • wie sieht das laufende Gut aus, in welchem Zustand befinden sich Fallen, Trimmleinen und Schoten?
  • wie sehen die Beschläge an Deck aus, die Winschen, Umlenker, die Blöcke, Taljen und Klemmen? (siehe Die Winschen nicht vergessen)

Gründlich sollte natürlich auch die Vorsegelrollanlage angeschaut werden. Sie ist ein Sonne und Seewasser ausgesetztes, reichlich beanspruchtes und sicherheitsrelevantes Zubehör.

  • dreht die Rollanlage leichtgängig?
  • wenn nein, warum?

Alle 15'000 Seemeilen sollten die Wanten und Stagen ersetzt werden.
Alle 15'000 Seemeilen sollten die Wanten und Stagen ersetzt werden. © boot24.ch

Was ist von Zustandsbeschreibungen zu halten?

Viele Eigner preisen ihr Boot mindestens als «gepflegt», wenn nicht «eignergepflegt» oder «checkheftgepflegt» an. Das ist verständlich. Der eine hat über Jahre Zeit und Geld in sein Boot gesteckt und möchte die Liebesmühe nun beim Verkauf materialisieren. Der andere steigt einfach mit einer vollmundigen Beschreibung hoch ein und es ist leider wenig bis nichts dahinter. Die Boote sind so verschieden wie ihre Eigner.

Selbstbewusste Beschreibungen sind für den Interessenten, der das Boot im Internet anhand weniger Fotos in geringer Auflösung eher schlecht als recht anschauen kann, deshalb zunächst einmal gar nichts. Solche Beschreibungen bleiben so lange Schall und Rauch, bis Sie sich an Bord davon überzeugen konnten. Vorsicht ist bei Beschreibungen wie «Klassiker» oder «charmant» geboten. Sie gelten als Synonyme für «alt», «vergammelt» und «richtig viel daran zu tun».

Ein Boot, das seit einer Weile nur wenige Wochen jährlich in einem schönen, aber entfernten Revier genutzt wurde, kann gar nicht tipptopp sein. Da ist automatisch ein Wartungsstau aufgelaufen. Es sei denn, der Eigner war oder ist so solvent, dass er das Boot vor Ort pflegen und reparieren ließ. Doch ist das leider kein Garant dafür, dass die Arbeiten auch so gut ausgeführt wurden, wie sie teuer waren. Es gibt leider grausame Beispiele für «außen hui, innen pfui». Eine detaillierte Beschreibung, was im Lauf der Jahre am Boot alles getan wurde, ist schön, sollte jedoch genau gelesen werden.

  • wann wurde das Boot älteren Baujahres zuletzt umfassend überholt?
  • wurden dabei wesentliche Arbeiten gemacht oder waren die Maßnahmen eher kosmetischer Natur?

Bevor Sie nun den Aufwand einer Flugreise zum Boot in einem entfernten Revier auf sich nehmen, lassen Sie sich möglichst viele Bilder schicken. Die Fotos sollten aktuell sein, in einer Auflösung, die Einzelheiten erkennen und sich am Bildschirm zuhause großziehen lassen.

Lassen Sie sich das Boot überführen

Wenn für Sie klar ist, dass Sie das Boot nicht am derzeitigen Revier nutzen werden, rechnen Sie den finanziellen Aufwand der Überführung gleich zum Kaufpreis dazu und bedenken Sie dabei auch Ihren zeitlichen Einsatz.

Die Annahme, dass ein gebraucht gekauftes, Ihnen im Detail mit seiner ganzen Technik unbekanntes Boot mehr oder minder seeklar ist, ist Wunschdenken.

Das gilt gerade dann, wenn es längere Zeit nicht genutzt wurde. Der geschickte Käufer lässt das Boot daher zum Hafen seiner Wahl überführen. Wenn der Verkäufer behauptet, ein seeklares Boot anzubieten, dürfte es für ihn kein Problem sein. Eine Überführung ist für Sie als Käufer nicht der geeignete Rahmen, sich mit einem fremden Boot vertraut zu machen.

Sollte der Verkäufer das Boot für Sie nicht überführen, müssen Sie entscheiden, ob das Boot Ihnen dieses Abenteuer wert ist. Leider erfahren Sie erst bei der Übernahme des Bootes und den Vorbereitungen zur Reise, was wirklich auf Sie zukommt. Planen Sie daher Zeit ein, um sich mit dem Boot vertraut und es seeklar zu machen. Betrachten Sie die Überführung lieber nicht als Urlaub.

Als Realist rechnen Sie mit Überraschungen. Oft sind es Bagatellen, etwa passendes Zubehör wie der richtige Keilriemen für die Lichtmaschine oder ein lädierter Impeller, der ein Boot an der Abreise oder unterwegs an der Fortsetzung des Törns hindert. Ein fehlendes Ersatzteil der Bordtoilette beispielsweise schränkt den Komfort ein. Technisches Geschick und Improvisationsgabe entscheiden, ob überhaupt zur Überführung abgelegt werden kann, letztlich auch darüber, ob sie klappt. Meist findet sie beruflich oder familiär bedingt in einem Zeitfenster statt. Das bedeutet Stress, und den haben Sie vermutlich schon im Beruf.

Beabsichtigen Sie, das Boot von einem entfernten Revier per Dockschiff oder auf dem Landweg transportieren zu lassen, holen Sie vorab ein Angebot ein (Bootstransport Offerte anfordern). Vergessen Sie Überlandtransporte in Italien. Kein Yachtspediteur aus dem Ausland übernimmt solche Aufträge. Das liegt an den willkürlichen Praktiken der dortigen Polizei. Die Abholung des Bootes in Spanien oder Frankreich ist vergleichsweise unproblematisch. Voraussetzung dafür sind aber einwandfreie Papiere. Das Umschreiben der erforderlichen Zertifikate oder – bei deutschen Seeschiffen ab 15 m Länge über alles – die vorgeschriebene Eintragung ins deutsche Seeschiffsregister dauern Wochen. Diese Zeit müssen Sie auch mit einplanen.

Fazit

  • Boote sind komplizierte, aus vielen Gewerken bestehende Gebilde. Dieter Bohlen hat einmal behauptet, Boote seien immer kaputt. Es ist menschlich, dass mal etwas vergessen wird. Wenn Sie sich mit Booten oder Technik nicht auskennen, nehmen Sie jemanden mit. Glauben Sie nur, was sie sehen.

  • Wenn Ihnen etwas nicht gefällt oder erkennbar vernachlässigt ist, teilen Sie dies dem Verkäufer oder Händler nicht gleich 1:1 mit, sondern registrieren es als Teil des Eindrucks, den Sie sich an Bord bei der Besichtigung und Probefahrt verschaffen. Treten Sie bei der Besichtigung und Probefahrt nicht als Besserwisser auf.

  • Wenn Ihnen das Boot unter dem Strich wegen zu vielen Dingen, die von Ihnen in Ordnung zu bringen wären, nicht zusagt, bleibt es bei der Besichtigung.

  • Natürlich hat die vertiefte Beschäftigung mit dem Boot oder die wiederholte Besichtigung auch einen Nachteil. Sie signalisiert dem Verkäufer oder Händler Interesse. Entsprechend unnachgiebig wird er bei der Verhandlung des Preises und den Konditionen des Kaufes sein.

Weiterführende Links

VG