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Antifoulingentfernung I: Theorie und Praxis

Eigene Erfahrungen mit der vielgepriesenen Chemie

Antifoulingentfernung I: Theorie und Praxis
Das Unterwasserschiff wird von einem Profi mit Antifouling-Abbeize eingesprüht © Swedesail

Wenn Sie ein gebrauchtes Kunststoffboot haben, brauchen Sie früher oder später Klarheit zum Thema Osmose. Dazu müssen alle Schichten der alten Unterwasseranstriche bis auf’s blanke Gelcoat runter.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 04.05.2018

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Tipps zur Entscheidung Machen lassen und Do it yourself
  • Berechnung der zu bearbeitenden Flächen
  • darf die Arbeit am Bootsstellplatz überhaupt gemacht werden?
  • wie der Rumpf vorbereitet wird
  • eigene Erfahrung mit der Beizmethode
  • Zeitaufwand, Kosten und gesundheitliche Nachteile
  • Beispielangebote verschiedener Betriebe

Es gibt verschiedene Wege zum Ziel. Der beste ist: Erkundigen Sie sich wer ordentlich arbeitet, Angebot einholen und lassen Sie es machen. Bei 33,5 qm Fläche des Unterwasserschiffs hätte es mich 2.300 € gekostet.

Wenn Sie das Boot in der Nähe haben, handwerklich geschickt sind und Drecksarbeit nicht scheuen, können Sie es auch selbst machen. Leider ist es eine schmutzige und ungesunde Arbeit. Vergessen Sie dabei die Materialkosten und Ihre eigene Zeit nicht.

Ich habe es vor vielen Jahren bei meinem Boot (12,80 x 2,65 m Unterwasserschiff mit 2,10 m Tiefgang) selbst gemacht. Zunächst werden der Propeller wegen Verletzungsgefahr, die bündig unter die Bordwand geklebte Saildrive Abdeckplatte, Loggen- und Echolotgeber abgenommen.

Zunächst versuchte ich es mit Abbeize zum Ablösen der Altanstriche. Das ist theoretisch eine elegante und den Kunststoff schonende Methode. Den Rumpf damit einschmieren, einen Kaffee trinken und den Dreck lässig runterschieben. So hatte ich es mir gedacht. Die Praxis sah leider ganz anders aus. Die Chemie ist auf Temperaturen über 10 ° Celsius, eher 15 ° angewiesen. Die gibt es in Mitteleuropa draußen ab September kaum noch, ab Mai mit Ach und Krach wieder. Doch wollte ich mein Boot in der Saison nutzen.

Ich habe es mit drei verschiedenen Produkten versucht. Erstens «Peel Away», einem Erzeugnis, das nach dem Auftragen von einer mitgelieferten Folie abgedeckt wird. Theoretisch läßt sich das Tuch samt Antifouling überwiegend bis komplett von der Bordwand ziehen. So verspricht es der Hersteller. Meine Peel Away-Resultate waren in den Herbstmonaten ernüchternd. Es wurden gerade mal ein Drittel, vielleicht die Hälfte der 10 - 15 Altanstriche abgetragen. Nach mehreren Arbeitsgängen und Beschichtungen musste ich beim Abschaben der angelösten Farbe immer noch kräftig mit der Klinge aufdrücken.

Sparen Sie nicht an der Schichtstärke der aufzutragenden Abbeize. Es muss eine mehrere Millimeter dicke Schicht (Apfelsinenhaut) am Rumpf hängen. Der Vorteil gegenüber dem Abschaben der unbehandelten Bordwand ohne Chemie war, dass keine Farbsplitter durch die Gegend flogen, sondern die Farbe als zäher Schleim herunterfiel. Ein ähnliches Ergebnis erzielte ich mit einem Produkt namens «Dilunett».

Die Entfernung der Antifoulingschichten erwies sich aber auch mit Abbeize als zeitraubend zähes Geschäft. Ich habe es nach wiederholten Versuchen und einigen Stunden mit gerade mal zwei teilweise freigelegten Quadratmetern von insgesamt 33 aufgegeben. Der Aufwand (Zeit und Material)und Ergebnis standen in keinem Verhältnis: Über hundert Euro plus Pinsel und Malerfolie für kaum freigelegte Bordwand. Hinzu kam die Vorbereitung: der Boden muß mit Malerfolie abgedeckt werden. Die Abbeize war zwar an senkrechten Flächen mit der Quaste noch problemlos aufzutragen. Anders sieht es an überhängenden Partien der Bordwand aus, aus denen ein Unterwasserschiff aber nun mal überwiegend besteht. Da flog mir die gallertartige Masse oft vom Pinsel entgegen.

Beim Abschaben hatte ich es mit einem übelriechenden Schleim zu tun, der am Schaber, an den Handschuhen und Schuhen hängen blieb. Der Gestank beglückte mich mit Kopfschmerzen und die Pestilenz hatte ich noch tagelang in der Nase.

Immerhin erzielte ich mit dick aufgetragenem «Dilunett» auf dem ausgebauten und ebenerdig liegenden Ruderblatt passable Ergebnisse. Die überschaubar kleine Fläche des Ruders (1,5 qm) war mit Dilunett in drei Stunden weitgehend vom Antifouling befreit. Aber auch hier waren noch Farbreste herunter zu schleifen.

Der Boden muß mit Folie abgedeckt werden
Der Boden muß mit Folie abgedeckt werden © Swedesail

Im Frühjahr ließ ich mich von einem befreundeten Bootsbauer überreden, der mit «Rotec Hydro Farbablöser» von Hartmann Kulba-Bauchemie arbeitete. Auch dieses Produkt habe ich regulär bezahlt. Einmal aufgetragen, durchwandern der farbablösende Alkohol und Wasserstoffperoxyd die Farbe theoretisch bis zum Untergrund, wo eine chemische Reaktion Sauerstoff-Gas freisetzt und die Farbe im Idealfall von der Bordwand drückt. Außen bildet die Abbeize eine Art Feuchtigkeitsbarriere, die den Sauerstoff hält und den chemischen Prozess zum Abschluß kommen lassen soll. Das komplette Unterwasserschiff wurde vom Bootsbauer in einem Arbeitsgang mit einer Hochdruck-Sprühvorrichtung mit der Abbeize beschichtet und später mit einem Druckreiniger gereinigt. Aufwand: Abplanen der Umgebung (damit die Nachbarboote nichts abbekommen) und des Bodens, Abkleben des Freibords ab Wasserlinie, Einsprühen, Assistenz des Manns an der Sprühvorrichtung, Aufräumen und Reinigung der Arbeitsgeräte, zusammen 13 Stunden. Nächster Tag: Zunächst manuelles Abschieben mit Schaber, Verfahren des Schiffes, wo über einer Abscheidevorrichtung im Siel des Kranplatzes mit Hochdruckspritze gearbeitet wurde (abends retour), erneutes Abplanen des Schiffes. Abschaben durch 3 Personen. Aufräumen und Reinigung der Arbeitsgeräte, Entsorgung der Planen. Ergebnis nach 38 Stunden Arbeitszeit und 35 kg Materialeinsatz (für damals 500 €): Das Antifouling war gerade mal zur Hälfte runter. Eine Riesen-Schweinerei und außer Spesen war wenig erreicht.

Die Erklärungen der Hersteller und Verkäufer für den Unterschied zwischen Labor/Theorie und Bootslager/Praxis sind vielfältig. Man kennt die Zusammensetzung und Schichtstärke des abzulösenden Antifouling nicht. Auch sind die Temperaturverhältnisse und Verdunstung von Anwendung zu Anwendung so unterschiedlich wie das handwerkliche Geschick des Verbrauchers. Ein Profi wie der Bootsbauer Markus Hamma aus Kressbronn am Bodensee meint dazu: «Antifoulingabbeizer sind deshalb uninteressant, weil sie mit Rücksicht auf das Gelcoat, die Verarbeitung durch Laien und die Entsorgung zu harmlos für die Farbe sind.» Bei den heute an den Privatmann verkauften Antifouling Abbeizern handelt es sich aus gutem Grund um relativ umweltverträgliche, das heißt milde Farbentferner, die sich am Kranplatz mit dem Hochdruckreiniger von der Bordwand waschen lassen.

Fazit: Vergessen Sie Chemie! Damit verschwenden Sie Zeit und Geld. Lassen Sie es machen oder holen Sie das Antifouling selbst von Hand herunter. Im nächsten Blog-Beitrag erkläre ich, wie das geht. Einzig in den Winkeln des Spritzwasserabweisers eines Motorbootrumpfes oder den Ecken im GfK-Imitat eines geklinkerten (Folkeboot) Rumpfes, die schleifend oder schabend kaum zu erreichen ist, würde ich es mehrmals mit Abbeize versuchen.

Vorbereitung

1. Die gängigen Formeln der Yachtfarbenhersteller lauten beim Segelboot für Langkieler: 0,75 x LWL x(Breite + Tiefgang) = Oberfläche in qm. Für moderne Kurzkieler: 0,55 x LWL x (B + T) = Oberfläche in qm.

2. Erkundigen Sie sich, ob die Beschäftigung fremder Handwerker am Stellplatz des Bootes erlaubt ist. Klären Sie auch, ob Sie es selbst vor Ort machen dürfen. Oft ist das im Kleingedruckten des Bootslagerverlages ausgeschlossen. Viele Stellplatzvermieter möchten den Job selbst haben oder Fachleuten vor Ort übergeben.

Andere haben mit Gelegenheits- und Hobbyhandwerkern schlechte Erfahrungen gemacht. Viele Eigner decken den Boden nicht ab, belästigen mit der dreckigen die Nachbarn oder beseitigen abschließend den Schmutz nicht.

3. Prüfen Sie, ob es genug Platz und Licht rings um’s Schiff gibt. Hallenplätze sind eng, dunkel und ungeeignet. Auch bleibt es im Frühjahr mangels Sonne in der Halle lange kalt.

Kosten Beispiel für circa 33 qm

(alle Preise inkl. MwSt.)

  • Yachtwerft Klemens in Großenbrode Ostsee: Antifoulingentfernung des Unterwasserschiffs bis aufs Gelcoat im Winterlager Großenbrode: 2.320 €

  • Peter Wrede Yachtrefit mit vier Standorten in Norddeutschland: Farbentfernung im sogenanntem Softblasting-Verfahren: 2.265 €, Behandlung der Fuge am Überhang Bilge/Bleikiel. Stahlen für neuen Farbaufbau des untergebolzten Kiels 1.011 €

  • Bootsbau Markus Hamma in Kressbronn am Bodenses macht immer einen Versuch. «Meist kratzen wir es mit einem Schaber ab. Das geht bei dicken Hartantifoulings am besten. Am schwierigsten ist VC Tar zu entfernen. Geht nur mit Schleifen, ist aber zeitintensiv.

  • An einem 10 m Segler, geteilter Lateralplan, kratzen wir etwa 25 Std, wenn es akzeptabel runtergeht. Nachschleifen circa 10 Std, Kleinigkeiten mit Epoxi spachteln, nachschleifen und saubermachen nochmal 3 Std., Kosten 2.961 € brutto

Weiterführende Links

VG