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Ein- oder Zweimaster?

Autor: Erdmann Braschos
  

Die Häfen und der Gebrauchtbootmarkt sind voller ein- und zweimastiger Segelyachten. Bereits kleine oder gerade mal mittelgrosse Segelboote sind mit zwei Masten zu haben. Heutzutage werden allerdings fast ausschliesslich Einmaster gebaut. Warum ist das so? Wo liegen die Unterschiede?

Ein- oder Zweimaster?
Segelplan der Super-Ketsch "Hetairos. © Baltic Yachts

Es gibt Zweimaster wie den Schoner, dessen hinterer Mast länger ist als der vordere und andere, wo der hintere Mast deutlich kleiner ist. Bei der Ketsch steht er vor, bei der Yawl hinter der Ruderwelle. Entsprechend ist die Segelfläche verteilt. Der Schoner setzt das meiste Tuch mit dem Grosssegel am hinteren Mast. Bei der Ketsch oder Yawl ist der Besan klein. Ketsch und Yawl werden manchmal auch Anderthalbmaster genannt.

Besonders die Nostalgiker geraten angesichts der schiffigen Anmutung eines Zweimasters ins Schwärmen. Dabei stecken handfeste praktische Gründe dahinter. An Bord der Fischer- und Lotsenboote war eine möglichst vielseitige und handliche Takelage gefragt. Die Segel waren schwer. Alle Kräfte wurden von Hand über Taljen gebändigt. Effiziente Helfer wie Winschen waren nicht üblich. Deshalb wurde die Garderobe in mehrere möglichst handliche Flächen an mindestens zwei Masten verteilt.

Der Lotsenschoner beispielsweise wurde im tagelangen Standby-Betrieb von verblüffend kleiner Crew bewegt. Das Grosssegel wurde zur schnellen An- und Abreise, bei sicherem Wetter, und wenn es genug Hände an Bord gab, gesetzt. Ansonsten genügten die handlichen Vorsegel und das kleine Schonersegel.

Berühmte, zum Hochsee- und Regattasegeln weiterentwickelte Schoner wie die „America“ oder „Atlantic“ machten den Bootstyp legendär. Der Schoner wurde zum Inbegriff der seetüchtig schnellen Yacht.

Die praktische Verteilung der Segelfläche in handliche Tücher machten auch die Ketsch und Yawl zur beliebten Fahrtenyacht. Bei der Yawl, wo der Besan weit hinten steht, bewährte sich das kleine Tuch auch beim Ankern. Ähnlich wie ein Flugzeug vom Leitwerk wird die ankernde Yawl bei Wind vom Besan stabilisiert.

Die Yawl wurde dank der Vermessung des Cruising Club of America beliebt. Die CCA Rule bot mit der unvermessenen Segelfläche achtern ein von Hochsee-Regattaseglern gern genutztes Schlupfloch. Auch hier prägten erfolgreiche Boote wie die Sparkman & Stephens Konstruktion „Finisterre“ ganze Segler-Generationen.

Heute, wo die Handhabung grosser Tücher durch moderne Winschen und Rollanlagen üblich ist, werden auch grosse Boote fast ausschliesslich als Einmaster gebaut. Beim Am Wind Kurs bringt der Besan ohnehin wenig. Obwohl er sich als Geräteträger für das Radar eignet gilt die zusätzliche Handware des zweiten Mastes als entbehrlich.

Dennoch entstanden in den vergangenen Jahren immer wieder Zweimaster. Ausgerechnet für ehrgeizige Schnellsegler und weniger für unbeirrbare Nostalgiker. Das Whitbread Round the World Race wurde 1989/90 von den Maxis „Steinlager II“ und „Fisher & Paykel“ gewonnen. Deren Ketsch Takelage erlaubte es raumschots bei viel Wind mehr zu setzen.

Auf Vollzeug bei viel Wind setzte auch die 43 m lange „Mari Cha IV. Mit zwei gleich hohen, weit auseinander stehenden Masten. Der Schoner bretterte 2003 in weniger als sieben Tagen über den Atlantik. Er putzte annähernd tausend Kilometer in 24 Stunden weg, segelte ein 525 Seemeilen Etmal und brach den Atlantik-Rekord.

Dieses moderne Konzept wurde für „Hetairos“, die derzeit interessanteste Superyacht der Welt aus einem anderen Grund übernommen. Der 67 Meter Schlitten sollte bei Niedrigwasser gerade noch die Bridge of the Americas bei Balboa/Panama passieren können. Die Aufgabe wurde mit zwei Masten gelöst. Zugleich wurden die Tücher des 67 m Renners damit handlicher. Das Gross hat „nur“ 600 Quadratmeter.

Die Frage, ob der Ein- oder Zweimaster besser gefällt, lässt sich anhand der legendären Swan 65 gut vergleichen. Dieser Klassiker der Kunststoff-Yachten wurde meist als Ketsch gebaut. Es gibt ihn aber auch als Slup statt Anderthalbmaster.

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Erdmann Braschos

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Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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