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Segelyacht A - Die moderne Galeone

Autor: Erdmann Braschos
  

Der 143m Motorsegler A eines russischen Eigners verblüfft die Bootswelt. Hier die Einzelheiten zum Schiff und Hintergrund zum provokanten Design.

Segelyacht A - Die moderne Galeone

Alles an diesem Schiff ist schlicht und gross. Wie schon die 119 m Motoryacht des Russen Andrei Igorewitsch Melnitschenko, der sie 2008 nach dem Initial des Namens seiner Frau Aleksandra A taufte (siehe: Die grössten Motoryachten der Welt). Kürzer und prägnanter lässt sich eine Yacht nicht nennen. Der hochbordige Rumpf wirkt wie ein abweisend unzugänglicher Monolith. Seitdem die Yachtwelt eine Idee von den Proportionen des 143 m langen und 25 m breiten Schiffes hat, sind Ablehnung und Entsetzen gross.

Mehr noch als Melnitschenkos Motoryacht des Pariser Designers Philippe Starck und des französischen Konstrukteurs Martin Francis, an dessen eigenwillige U-Boot Look sich die Szene beinahe gewöhnt hat, polarisiert seine neue A.

Auch die nach vorn hin abgesenke Bordwand, die entgegen der Fahrtrichtung geneigten Masten, der je nach Tageslicht mal weisse, mal graue Rumpf, dessen ovalen Bullaugen erst bei gewissem Sonnenstand sichtbar werden, sind speziell. Nur zum Anlegen und Aussetzen der Beiboote öffnet sich der Rumpf mit seitlich ausfahrbaren Balkons und Klappen. Vermutlich provoziert die radikale Trennung des Draussen vom hermetisch abgeschirmten die entschiedene Ablehnung des Schiffes. Da hat einer ein Schiff für sich gebaut, nicht um anderen zu gefallen.

Foto

Als das Gefährt bei ersten Probefahrten durch die Kieler Förde schob, erschien das Objekt mit Projektnamen White Pearl irreal wie eine fata morgana. Das wird wohl eine Weile noch so bleiben, wo immer sie auftaucht. Andererseits hat die Cote d’ Azur schon abgefahrene Entwürfe und Krachmacher wie Luca Bassanis 36 m Treibsatz Wallypower gesehen - und überlebt.

Dabei ist die Form der neuen A so alt wie die Galeonen des 16. und 17. Jahrhunderts, siehe den Adler von Lübeck, die holländische Batavia oder die schwedische Vasa. Diese Schiffe waren hinten hoch und vorn niedrig. Das Achterkastell war das ruhigste und sicherste, exklusiv der Schiffsführung vorbehaltene Areal. Diese Fracht- und Kriegsschiffe waren schwimmende Macht. «Size and importance are brothers» meinte Harold «Mike» Vanderbilt einmal. Dieser Zusammenhang erklärt, warum die neue A gross und mit gut 20 Metern so hoch ist. Wie bei jedem neuen Boot unserer Tage sollte auch diese deutlich mehr Platz bieten. Wer eine schnittige 119 m Motoryacht hat, möchte sich vergrössern. Melnitschenkos neuer Schlitten hat acht Decks.

Designer Philippe Stark segelt seit seiner Kindheit. Er hat die Beneteau First 35 und 41 S 5, den umstrittenen 24m Maxi Virtuelle mit whirlpoolartig runder Plicht, die 65 m Motoryacht Wedge Too, den Daysailer vom Typ Tofinou 12 und für Steven Jobs die 79 m Motoryacht Venus gestaltet. Starck provoziert mit aufmerksamkeitsstarkem Design. Man kann darüber streiten, ob Virtuelle ein brauchbares, gelungenes Design ist. Aber dessen Exzentrik lohnte sich für Starck, weil Steve Jobs über Virtuelle auf Starck aufmerksam wurde und ihn für seine Yacht engagierte.

© Nobiskrug Werft © Nobiskrug Werft

Starck hat für Melnitschenko die Galeone zeitgemäss interpretiert. Er hat den Prunk und die Kanonenpforten weg gelassen und das Heck stufig über mehrere Decks wie bei Motoryachten zum Spiegel hinab geführt. Mit der neuen A entstand ein Motorsegler, dessen birnenförmige, zum Deck hin eingeschnürte Spantform wie bei seinen Vorbildern nach oben hin gewichtsparend schmaler ausgeführt ist.

Starck erklärte seine Arbeitsweise einmal so, dass er sich eine Aufgabe oder Sache ansieht und das Konzept dann auf seine Essenz reduziert. Das Herausschälen des Archetypischen ist die grösste Herausforderung für einen Designer. Der Grat zwischen Scheitern und Gelingen ist schmal.

Bei dieser Arbeit gibt es ein Innen und ein Aussen. Praktisch jeder, der A gesehen hat, findet sie entsetzlich. Aber Vorsicht: Dieses Design ist in seiner gnadenlos konseqenten Zusammenführung des Innen, welches einzig der Eigner, sein Team und die Werft kennen, und der äusseren Anmutung seiner Zeit und dem ihr assoziierten Geschmack vielleicht weit voraus.

Ausserdem muss eine Yacht für Leute, die wahrlich Alles haben, zwei widersprüchliche Aufgaben erfüllen. Wer einen richtig grossen Pott bauen lässt, möchte keinesfalls das mehr oder minder gleiche Schiff, wie es der Nachbar im Port Vauban von Antibes oder Hercule von Monaco schon hat. Andrei Igorewitsch Melnitschenko ist komplett selfmade und als solcher kein «me too» Typ. Er entscheidet selbst und beschäftigt mit Starck jemand, der eigene Wege geht.

Mit der etwas längeren Segelyacht oder einem Motoryacht, dessen Decks in Schichtkuchenmanier gestapelt und vorn schräg, hinten etwas steiler abgesägt sind, wird man nicht mehr zur Kenntnis genommen. Da muss schon ein Designer ran, der stärkeres Zeug raucht. Zugleich möchte der Eigner vor neugierigen Blicken hinter einer angehobenen Schanz zurückgezogen an Bord leben. Voilà der Motorsegler A. Er wird nur deshalb Sailingyacht A genannt, weil die Bezeichnung sail-assisted motor yacht A zu lang ist und uncool kommt. Den Wulstbug unter dem Steven kennt man von Container- und Kreuzfahrtschiffen oder grossen Motoryachten. Er ist auf eine bestimmte, konstant gefahrene Reisegeschwindigkeit zugeschnitten. A ist eine grosse Motoryacht mit Hilfsbesegelung. Das zeigt auch die niedrige Segeltragezahl. Sie verrechnet die Besegelung mit der Verdrängung.

Das Projekt begann bereits 2008, als Melnitschenko seine Motoryacht A übernahm, mit einer Ausschreibung, bei der sich der Pariser Architekt Jacques Garcia gegen sieben Kollegen durchsetzte. Es wurde dann an Starck übergeben.

Technisch anspruchsvoll sind die drei freistehenden, 70 Grad rotierenden Masten. Jeder Segler kennt das vom Laser, der Ok-Jolle oder dem Finn-Dinghi, wobei die Masten von A bis zu 100 Meter über das Meer ragen und mit erheblichen Kräften an den Deckslagern und unten im Schiff fertig werden müssen. Es sind die längsten und meist beanspruchten freistehenden Takelagen die je gebaut wurden. Die Masten sollen einem 90 Knoten Sturm mit gesetztem Tuch standhalten, wobei angenommen wurde, dass das Tuch hält.

Die Vorwärtsneigung der Masten ergab sich aus dem von Starck vorgegebenen Verlauf der Schanz. Durch die Neigung und Krümmung der Masten liess sich der nötige 90 Grad Winkel zwischen Masten und Rollbäumen einhalten.

© Unterwasser-Rendering: Pascal Deis / Stark Network © Unterwasser-Rendering: Pascal Deis / Stark Network

In der Kielflosse ist eine Panorama-verglaste Lounge untergebracht, dessen 18 qm Glas vorsorglich einem Test des zehnfachen des erwarteten Drucks an einer 120 m tiefen Stelle im Bodensee unterzogen wurde. Auch dieses Refugium in 5 bis 7 Metern Tiefe mit Blick auf die Propeller hat die Yachtwelt noch nicht gesehen.

Übrigens ist Melnitschenkos 119 m Motoryacht gerade zu haben, allerdings nicht hier bei boot24.ch. Sollten Sie sich ein paar Jahre gedulden können, wird wohl auch der Dreimaster A zu haben sein. Eigner dieser Kragenweite bauen alle paar Jahre neu.

Sail Assisted Motor Yacht A

  • Bauzeit: 2012–2017
  • Übergabe: Frühjahr 2017
  • Konstruktion und Bau: Nobiskrug Werft
  • Design: Philippe Starck
  • Segelgeometrie, Rigg- und Kielkonstruktion: Dykstra Naval Architects
  • Masten: Magma Structures (UK)

  • Länge: 142,81 m
  • Breite: 24,88 m
  • Tiefgang half load: 7,5 m
  • Max. Tiefgang: 8 m
  • Top des Grossmasters über Wasser: 100 m
  • Bruttoraumzahl: 11.997
  • Verdrängung: 14.227 t

  • Segelfläche: 3.700 qm
  • Segelmacher: Doyle USA
  • Segeltragezahl: 2,51

  • Baum Fockmast: 25 m
  • Baum Grossmast: 27,5 m
  • Baum Besanmast: 23,60 m
  • Drei Rollbäume von Future Fibres, Valencia

  • Diesel-elektrischer Hybridantrieb, bestehend aus zwei MTU 3,600kW Diesel Motoren und zwei 4,300kW Elektromotoren, zusammen 11.693 PS
  • Zwei fünfblättrige Andritz Verstellpropeller

  • Reisegeschwindigkeit/Reichweite: 16 Knoten/ 5.320 sm
  • Max. Geschwindigkeit: 21 kn
  • Besatzung: 54

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Segeln

Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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