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Wenn schon, denn schon

Warum klassische Zwölfer der Dreißigerjahre eine Versuchung sind

Wenn schon, denn schon
Faszinierender Segelsport mit klassischen Zwölfern auf der Flensburger Förde © Ulf Sommerwerck für Robbe & Berking

Kauf und Betrieb eines Segelbootes ist eine ziemlich unvernünftige Sache. Die macht nur konsequent, also richtig unvernünftig Spaß. Am größten ist er mit einem herrlich anachronistischen Exemplar der seglerisch faszinierenden Zwölfer.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 26.06.2016

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Plädoyer eines Insiders für ein herrliches Regattaboot
  • wie groß die bleischwere Bootsbetriebsbürde ist
  • welche restaurierungswürdigen Exemplare es noch gibt
  • wie man als normal begüterter Segler an Bord kommt

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Es gibt keinen zweiten Bootstyp, der mit vergleichbarer Rasanz zur Sache geht. Mit einem Zwölfer segelt man ab zweieinhalb Windstärken gefühlt viel. Ab Drei hat er Wumms, ab Vier macht er süchtig, ab Fünf alle. Er verlangt Geschick, Erfahrung, Teamwork und Übersicht. Deshalb: wenn überhaupt ein Boot, wenn der Betrieb einer richtigen Yacht in Reichweite liegt, dann muss es ein Zwölfer sein. Darunter geht es natürlich schon. Es macht aber leider kaum so viel Spaß.

So ein Geschoss ist in seiner schönsten, in der Vintage-Ausführung der Dreißigerjahre, um die 21 Meter lang, etwa 3,50 m breit und hat 2,60 m Tiefgang. 16 Tonnen Blei halten 180 Quadratmeter Segeltuch am Wind.

1908 - 20 Olympiaklasse

Die Klasse ist das Ergebnis einer cleveren Formel, die in der sogenannten International Rule wenige Eckdaten miteinander so verrechnet, dass dabei eine 12 herauskommt. Daher das Klassenzeichen, eine unterstrichene 12 und der Name Zwölfer. Es gibt auch kleinere, etwas vernüftigere Exemplare der sogenannten Meterklassen, wie Fünfer, Sechser, Achter und größere Varianten wie 15er, 19er und 23er.

Inshore Regattasegeln vor dem Schausender Leuchtturm
Inshore Regattasegeln vor dem Schausender Leuchtturm © Ulf Sommerwerck für Robbe & Berking

Der Zwölfer ist die prominenteste Meterklasse. Das liegt daran, dass sich in den Dreißigerjahren des vergangenen Jahrhunderts ein Wechsel beim America's Cup von der kostspieligen, 40 Meter langen J-Class zum vergleichsweise reellen, nur halb so langen Zwölfer abzeichnete. Damals bereiteten sich die America’s Cup Protagonisten Vanderbilt und Sopwith schon auf die Pokalregatten im Zwölfer vor. Der Zweite Weltkrieg unterbrach das Segelfestspiel auf dem gediegenen Parkett der Grand Prix-Regattabahnen. Er verzögerte den abstehenden Wechsel um zwei Jahrzehnte.

America's Cup Klasse 1958 bis 1987

Alles klar zum Spinnakersetzen
Alles klar zum Spinnakersetzen © Ulf Sommerwerck für Robbe & Berking

So richtig Fahrt hatte der Zwölfer mit der 1933 überarbeiteten International Rule aufgenommen. Die Klasse wurde länger, schwerer und kreuzte bei abgesenktem Ballastschwerpunkt mit 180 statt 260 Quadratmetern welten besser. Die als sogenannte Third Rule eingeführte Regeländerung berücksichtigte die Segelfläche mehr.

Weltweit, in England, den Staaten, in Skandinavien und im Deutschen Reich wurden damals jene Boote gebaut, die heute restauriert und mit großer Begeisterung gesegelt werden. Über die seglerische Faszination und Eleganz hinaus verdankt der Zwölfer seinen besonderen Nimbus dem Status zunächst als olympischer Klasse 1908 - 20 und als Amerika Pokal Schlachtross 1958 bis 1987.

Die Flotte hat sich in den vergangenen Jahren beeindruckend entwickelt
Die Flotte hat sich in den vergangenen Jahren beeindruckend entwickelt © Ulf Sommerwerck für Robbe & Berking

Mittlerweile tummeln sich einige in Norddeutschland, Dänemark, Norwegen und Finnland beheimatete Zwölfer an der Ostsee. Hinzu kommen zwei instand zu setzende, bereits in Flensburg bei Robbe & Berking Classics für künftige Enthusiasten verwahrte Schiffe.

Unter Vernunftgesichtspunkten gibt es ein klares Nein zu einer klassischen Regattayacht dieser Kategorie. Vernünftige Leute sagen aus gutem Grund: Finger weg von allem was schwimmt, wiehert oder fliegt. Das gilt unbedingt für überschlägig 30 Tonnen Blei, Mahagoni, Eiche und Teak. Ein edles Pferd oder ein Flugzeug ist im Vergleich dazu ein geradezu günstiges Pläsier.

Denn der Erhalt dieses Klassikers in Mischbauweise aus Mahagoni, Stahlspanten und Blei ist eine Herausforderung. Besonders, wenn er Jahrzehnte im Kielwasser hat. Das erklärt, warum die Substanz der klassischen Zwölfer weltweit, in Deutschland von «Anita», «Ostwind» und «Westwind» im Laufe der Jahrzehnte leider gründlich abgesegelt wurde. Es war eine unterschiedlich und nicht immer überzeugend gemeisterte Bürde, diese Schlitten in Schuss zu halten. Der Instandhaltungsetat eines klassischen Zwölfers ist erheblich: spätestens dann, wenn die Stunde einer grundlegenden Sanierung gekommen ist. Dann wandern einige Hunderttausend Euro ins Schiff.

Raumschots zwischen dem Dänischen und Deutschen Ufer
Raumschots zwischen dem Dänischen und Deutschen Ufer © Ulf Sommerwerck für Robbe & Berking

Es gibt keinen einzigen rationalen Grund, einen Zwölfer zu betreiben. Es gibt allerdings den, seiner Leidenschaft für klassischen Segelsport in aller Konsequenz, also richtig unvernünftig, nachzugeben. Das geht mit diesem Segelschlachtross und Paradepferd der Regattabahnen am besten.

Zwölferregatten werden taktisch bei der Kreuz entschieden
Zwölferregatten werden taktisch bei der Kreuz entschieden © Ulf Sommerwerck für Robbe & Berking

Wer also richtig Geld für die Sanierung eines klassischen Zwölfers versenken kann, für ein von den Kielbolzen aufwärts umfassend saniertes - das heißt de facto neu gebautes Exemplar 1,5 Millionen Euro - und auch den jährlichen Etat für den artgerechten Betrieb, Pflege und Erhalt in Höhe einiger Zigtausend Euro übrig hat, der fährt mit diesem Bootstyp am besten.

Nach jahrzehntelanger Agonie der letzten, nach und nach stillgelegten Exemplare kam es in den Neunzigerjahren mit «Evaine», «Flica» und «Trivia» in Norddeutschland zu ersten, ambitioniert gesegelten Übernahmen aus dem Ausland. Es folgten Restaurierungen (defacto Neubauten) wie «Sphinx», «Anitra», oder «Heti», später die Erweiterung der Flotte um interessante Exemplare aus dem Mittelmeer mit «Cintra» und «Vim». In Dänemark wurden «Vanity V» und «Thea» flott gemacht. Und «Anita», das Yawl-getakelte Vereinsboot des Segelclub Rheingau, wurde jahrein-jahraus unbeirrt gesegelt und vor einigen Jahren zunächst bis zum Deck saniert. Lange stand der Umbau des Zweimasters zur Slup stand an.

Wem das nun alles zu teuer ist, der heuert einfach auf einem Schiff der aktuellen Zwölferflotte an. Decksarbeiter, die wissen, was sie tun und zupacken können, sind immer gefragt. Denn Zwölfersegeln ist zwar einerseits wie beschrieben eine gediegene und elitäre Sache, zugleich aber eine Mannschaftssportart - beinahe wie Fußball. Es ist eine Schinderei. Aber eine, die man sich mal einige Segelsommer geben kann.

Wer gerade Langeweile hat und bei den aktuellen Strafzinsen nicht so recht weiß, wohin mit seinen Euro, der sieht sich in Flensburg in der Werft Robbe & Berking Classics, das ist die nautische Abteilung des an der Förde ansässigen Tafelsilberfabrikanten Oliver Berking, mal die Reste von «Jenetta» und «Gretel» an. Die Verwandlung des morschen Gebälks in ein gefechtsklares Vintage Schlachtroß für die Regattabahnen vor Flensburg, Kiel, Kopenhagen, Marstrand oder Risör wird ein, zwei Jahre dauern.

Und dann gibt es ja noch die bei einem Brand verlorenen gegangene «Aschanti» des illustren bremischen Bootsbauers Ernst Burmester. Die darf eigentlich nicht mehr in den Archiven bleiben. Die müsste dringend mal auf Kiel gelegt, vom Stapel gelassen und um die Bojen, die die Welt bedeuten, gescheucht werden.

Einfädeln der 30 Tonnen Schlitten an der Luvtonne
Einfädeln der 30 Tonnen Schlitten an der Luvtonne © Ulf Sommerwerck für Robbe & Berking

Man kann sich die Lust und Bürde eines Zwölfers übrigens auch teilen. Als Eignergemeinschaft zu zweit oder dritt halbieren oder dritteln sich die Kosten. Clevere Zwölfer-Aficionados machen das schon länger so. Andere bereedern auch zwei Exemplare. Die Versuchung, die in einem Zwölfer steckt, ist groß.

Das Spiel von Höhe und Geschwindigkeit lässt sich endlos wiederholen
Das Spiel von Höhe und Geschwindigkeit lässt sich endlos wiederholen © Ulf Sommerwerck für Robbe & Berking

Wenn das komplett außerhalb Ihrer Reichweite liegt, dann fahren Sie im Sommer mal an die Kieler oder Flensburger Förde. Es ist ein Fest, die Flotte durch die Ostsee pflügen zu sehen. Toll, dass es derart Verrückte und Besessene gibt, die dieses Segelfestspiel wieder aufführen.

Einige Zwölfer wie «Trivia» oder «Cintra» sind auch mit Bootsmann/Skipper zu chartern. Oder Sie heuern beim Vereinsboot «Anita» an.

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VG