Umwelt- und Meeresschutz5 min Lesezeit

Ausgebremst

Der atlantische Golfstrom fließt und fließt und fließt… für immer?

Ausgebremst
Ein langsamer Golfstrom wird unsere Wetter verändern © Roger Mosley auf Pixabay

Verlangsamt sich der Golfstrom im bisher bekannten Ausmaß, wird der Klimawandel unweigerlich beschleunigt. Der Golfstrom stand (nachweislich) bereits mehrfach still – zuletzt in der Großen Eiszeit, als Europa unter kilometerdicken Eisschichten lag!

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 29.04.2021

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Was lange vermutet wurde, ist jetzt bewiesen: Der Golfstrom fließt langsamer.
  • Verlangsamt sich die gigantische Umwälzströmung weiter in diesem Ausmaß, wird's katastrophal für uns
  • Die Konsequenzen eines langsamen Golfstroms – noch können wir etwas dagegen tun!

Die Strömungen in den Ozeanen sind die Lebensadern für unser Dasein auf der Erde. Liest sich das allzu pathetisch? Man kann es auch flapsiger ausdrücken: Ohne Strom nix los! Tatsächlich ist etwa der Golfstrom auf unserem Blauen Planeten (mit)verantwortlich für Essentielles – zum Beispiel das Klima.

Was nahezu alle Ozeane vereint ist die Tatsache, dass sie als gigantische Wärmespeicher die Temperaturen nicht nur für Küsten und küstennahe Regionen unserer Landflächen, sondern sogar ganze Kontinente meteorologisch beeinflussen. Die riesigen Wassermassen der großen Ozean-Strömungen transportieren in warmen, meist äquatorialen Regionen gespeicherte Wärme Richtung höhere Breitengrade auf der Nord- und Südhalbkugel und somit in kältere Regionen. Dort kühlen die Wassermassen ab, das Wasser wird dichter, sinkt und strömt in tiefen Wasserschichten wieder in entgegengesetzter Richtung hin zu den warmen, tropischen Regionen.

Eineinhalb Billiarde Watt

Dabei nimmt jedoch der (uns hauptsächlich betreffende) Golfstrom eine Sonderstellung ein: Der transportiert nämlich die aufgewärmten Wassermassen ausschließlich in den Norden – auch wenn in südlichen Breitengraden die Wärme gespeichert wurde. Um sich ein ungefähres Bild von dieser aufgespeicherten Wärme und dem Einfluss der Strömungen auf unser Klima machen zu können, ein Vergleich: Allein der Golfstrom transportiert 1 bis 1,5 Petawatt Wärme in nördliche Gefilde (1 Petawatt = 1 Billiarde Watt). Das sind 250 mal mehr Energieleistung als alle Kernkraftwerke der Welt zusammen abliefern. Die Atmosphäre transportiert zwar mehr Wärme (2,5 bis 3 Petawatt), ist aber aufgrund der nicht immer gleichen meteorologischen Situationen ein eher unzuverlässiger Wärmetransporteur. Während der Golfstrom zuverlässig fließt und fließt und fließt…
Tatsächlich? Schon seit Jahrzehnten beobachten Wissenschaftler am Golfstrom ein Phänomen, das man zunächst als Laune der Natur abtat, mittlerweile jedoch ganze Forscherteams intensiv beschäftigt: Der Golfstrom wird langsamer.

Der Golfstrom hat sich um 15 Prozent verlangsamt

Was zunächst nur vermutet und geschätzt wurde, konnte jetzt wissenschaftlich von einem Forschungsteam aus irischen, deutschen und britischen Wissenschaftlern im Fachmagazin „Nature Geosciences“ belegt werden: Der Golfstrom, diese gigantische Umwälzströmung, die ca. 20 Millionen Kubikmeter Wasser pro Sekunde bewegt, hat sich seit Beginn der 1950iger-Jahre um 15 Prozent verlangsamt.

Langsamer Strom beschleunigt den Klimawandel – und umgekehrt

Ein Wert, der ähnliche wie die Erderwärmung in Ein-Grad-Schritten, zunächst gering anmutet und (aus Laiensicht) durchaus eine natürliche Schwankung sein könnte. Von wegen – würde der Golfstrom sich weiter verlangsamen, könnte das kaum absehbare Folgen auf unser Klima haben. Paradox: Die Verlangsamung kommt nachweislich durch den Klimawandel zustande und dürfte diesen gleichzeitig beschleunigen.

©Foundry Co auf Pixabay
©Foundry Co auf Pixabay

Der Golfstrom wird durch zwei Komponenten angetrieben: Durch Temperaturunterschiede (in der Arktis ist es kälter als in den Tropen) und durch Unterschiede im Salzgehalt des Wassers. In den nördlichen Breiten ist der Salzgehalt höher als in den Tropen – Der Golfstrom gleicht im Prinzip diese Unterschiede aus. In Zeiten des Klimawandels wird nun die Arktis bekanntlich stärker erwärmt als zuvor. Da die Wassertemperaturen in den arktischen Gefilden nun wärmer sind, bremst das den Motor Golfstrom mit seinem Antrieb „Temperaturunterschiede“ ab. Dies wird durch ein Abschmelzen der Gletscher noch verstärkt. So gelangen gigantische Mengen Süßwasser in die arktische See, der Salzgehalt im Wasser wird geringer und der zweite Antrieb des Golfstroms kommt ebenfalls ins Stottern.

Verantwortlich: Der Mensch

Das Wissenschaftler-Team nutzte für seine Beweisführung in einer lang angelegten Studie Proxydaten – indirekte Anzeiger für das Klima, die auch Klimazeugen genannt werden: Eisbohrkerne, Baumringe, Pollen, Korallen, Sedimente oder Isotope.
Das Ergebnis ist so eindeutig wie erschütternd: Auch für die Verlangsamung des Golfstroms ist der Mensch mitverantwortlich! Die ausgewerteten Daten zeigen deutlich, dass die Nordatlantische Umwälzströmung, vulgo: der Golfstrom bereits mit dem Ende der kleinen Eiszeit ca. 1850 schwächer wurde. Mitte des 20. Jahrhunderts begann die Verlangsamung in einem verstärkten Ausmaß – analog zu den ersten Auswirkungen des Klimawandels, der bekanntlich durch menschliche Eingriffe in die Natur vorangetrieben wird. Ein Kreislauf, der sich längst auf unsere Ozeane und Meere auswirkt und von dort weitere Konsequenzen für unser Dasein nach sich zieht.

Doch was zieht nun der langsam, aber sicher abbremsende Golfstrom für Probleme nach sich?
Wissenschaftler haben hochgerechnet, dass sich mit dem aktuellen Tempo der Erderwärmung der Golfstrom ebenfalls radikal verlangsamen wird. Im Jahr 2.100 könnte er bereits um weitere 30-40 Prozent langsamer sein und sich so dem Kipppunkt nähern. Anders formuliert:

Funktioniert ein wichtiges Element wie der Golfstrom im Klimasystem nicht mehr, könnte das Klima als Ganzes kollabieren


Zum Vergleich: Als der Golfstrom das letzte Mal zum Stillstand kam, war ganz Europa und Nordamerika mit einer kilometerdicken Eisschicht bedeckt – die letzte große Eiszeit war in vollem Gange.
Sollte sich der Golfstrom wie prognostiziert weiterhin verlangsamen, gelten zwei Konsequenzen mittlerweile als wissenschaftlich gesichert: 1. Ein Anstieg des Meeresspiegels an den Ostküsten der USA und Kanadas sowie 2. eine drastische Verstärkung der Winterstürme über Europa und dem Atlantik.

Mehr Wasser an ostamerikanischen Küsten

Der Anstieg der Pegelstände an den amerikanischen Ostküsten würde direkt aus der Verlangsamung respektive dem Stillstand des Golfstroms resultieren. Der zieht mit seiner Rechtsdrehung (aufgrund der Erdrotation) Wassermassen weg von der Ostküste hinüber nach Europa.
Für europäische und nordafrikanische Breitengrade prognostizieren Forschungsmodelle, dass schon mit der Verlangsamung des Golfstroms im aktuellen Tempo, die Zugbahnen von Stürmen verschoben werden und großräumige Luftströmungen ganz andere Richtungen einnehmen könnten. Woraus wiederum mehr Stürme in Europa zu befürchten wären, sommerliche Hitzewellen und Dürren eine weitere fatale Folge wären.

Konsequenzen, die uns vielleicht aus den letzten Jahren bekannt vorkommen? Wie groß der Einfluss des Golfstroms auf bereits spürbare, klimatische Veränderungen ist, wurde wissenschaftlich noch nicht erforscht. Doch gilt als sicher: Verlangsamt sich der Golfstrom im bisher bekannten Ausmaß, wird der Klimawandel unweigerlich beschleunigt. Was letztendlich auch im Umkehrschluss gilt.