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Manöver ohne Gedöns

Autor: Erdmann Braschos
  

Wozu sich das Bordleben unnötig schwer machen?

Manöver ohne Gedöns

Mit erhöhter Drehzahl zieht der Motor das Schiff gegen den Zug langsam gefierter Festmacher vom Kai. Zentimeterweise rutschen die auf Slip gelegten Leinen durch Klampen, Klüsen und um den Poller am Kai. Mit Argusaugen überwacht die Besatzung das Procedere. Obwohl das Boot noch mit Bug- und Heckleinen vertäut ist, schnurrt das Bugstrahlruder mit gezielten Schüben nach back- oder steuerbord.

Hier wird kein Containerschiff bei widrigen Bedingungen vom Liegeplatz bugsiert. Es geht um das Ablegemanöver eines Freizeitbootes an einem windstillen Sommertag. Umständlicher, lauter und kräftezehrender geht es nicht.

Nichts gegen ein gut vorbereites Ablege-Manöver. Aber ich staune, wie viel Theater um so eine einfache Sache gemacht wird. Auf den meisten Seen und in nördlichen Gewässern liegt man mit dem Bug zum Land hin. Deshalb hat die Bugfrau oder der Bugmann den Festmacher an Land gelöst und ihn an Deck geworfen. Sie oder er steht auf den Steg und hält das Boot am Bugkorb. Die Leeleinen vorne und achtern sind eh schon los, weil es die Sache vereinfacht.

Ich nicke ihr oder ihm zu und lege den Rückwärtsgang ein. Sie oder er gibt dem Boot einen Schubs und steigt durch den Bugkorb an Bord. Wenn wir zu dritt unterwegs sind, nimmt jemand die Heckleine vom Pfahl. Auch sie ist nicht «auf Slip» gelegt, wie man es in der Segelschule lernt, sondern liegt als grosses Auge eines Palsteks bereit zum einfachen runterheben. Auf den Nachteil und die Gefahr auf Slip gelegter Leinen komme ich später noch. Meist haben wir die Heckleine bereits weggenommen und jemand hält das Boot achtern mit der Hand. Wussten Sie, das sich ein Boot üblicher Grösse bei üblichen Bedingungen mit der Hand ab- oder festhalten lässt? Oder haben Sie eine 50 Tonnen Yacht?

Weil wir beim Ablegen ungern mit den Fendern an den Pfählen hängen bleiben, legen wir sie hinter die Reling oder räumen sie vor dem Ablegen gleich ganz weg.

Die Bugfrau oder der Bugmann nimmt auf dem Weg nach achtern die Festmacherleine von vorne mit, räumt den hinteren Festmacher und was sonst noch so herumliegt gleich mit weg. Ich ziehe das Boot rückwärts aus dem Liegeplatz, drehe es auf der erstbesten freien Wasserfäche in den Wind. Wir setzen Segel. Beim Dichtholen der Tücher stelle ich den Motor ab. Wir segeln. Ein kurzer Blick auf die seitlichen Laufdecks, ob da noch irgendwelche Fender liegen.

Es ist meine Aufgabe das Boot rückwärts so aus der Box zu steuern, das wir nirgendwo drauf treiben, hängen bleiben, anecken. Mit Blick auf die Windrichtung, Rücksicht auf etwaige Strömung und ein wenig Übung geht das. Die Kenntnis des Radeffekt des Propellers, er zieht bei mir wie bei den meisten Booten rückwärts nach rechts (steuerbord) hilft.

Das alles klappt genau so einfach auch bei Seitenwind, dann mit etwas mehr Gas, damit ich Fahrt ins Schiff und rasch Kontrolle über das Boot kriege bevor es irgendwo hin treibt. Natürlich gibt es ab und zu Gelegenheiten, wo wir auch mal «eine Zeichnung machen» und uns umständlich mit auf Slip gelegten Leinen vorbereiten.

So, nun muss mal auf den ganzen Quatsch mit diesen notorisch auf Slip gelegten Leinen eingegangen werden, wie er in der Segelschule vermittelt wird. Auf Slip gelegte, also von der Klampe an Bord durch einen Ring oder um einen Poller gelegte und wieder zum Bood geführte Leinen sind unpraktisch oder sogar gefährlich. Wie oft habe ich schon Festmacher gesehen, die sich beim Durchziehen an Land vertüdeln oder in einem Spalt der üblichen Holzstege klemmen und deren Enden dort dann wie belegt fest sitzen. Früher oder später wird das rückwärts fahrende Boot abrupt aufgestoppt. Kommt drauf an, wie viel Gas der Steuermman gegeben hat. Da Charterer und Anfänger Manöver gern betont zackig machen – wozu eigentlich? -, wird mit Karacho abgelegt. Mit Glück, wenn Leine und Poller halten, geht nichts kaputt. Mit Pech schnippt der Crew auf dem Bug die Leine um die Ohren. Tut ziemlich weh.

Meist gibt es einen Nachbarlieger in Luv, an dem man sich bis zum Ablegen mit loser und weggenommener Vorleine festhalten kann. Wenn mal eine Leine doppelt geführt, also mit einem Ende zum Fieren «auf Slip» gelegt werden muss, dann gucken wir den Poller, Ring oder die Klampe an. Bleibt die Leine da in der Umgebung hängen? Ausserdem hilft es, wenn nur ein möglichst kurzes Ende einer Leine durchgezogen wird und nicht die ganze Länge. Manchmal ersetze ich den Festmacher durch eine garantiert kinkfreie, leicht rutschende Leine.

Gleiches gilt beim Gedönsfreien Anlegen. Langsam, nicht unnötig zackig in Hafen fahren. Das schont das Getriebe und die Nerven derer, die im Hafen liegen. Man weiss ja auch nie, ob gerade ein Schlauchboot mit Kindern durch den Hafen plätschert oder ein spät entdecktes Motorboot.

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Gucken woher der Wind kommt. Meist ist es im geschützten Liegeplatz direkt am Steg oder zwischen anderen Booten weniger. Die Luvleine wird vorne und achtern zuerst belegt, weil sie zunächst gebraucht wird. Und bitte – siehe oben – nicht auf Slip, sondern möglichst rasch mit einem geeigneten, ersatzweise irgendeinem Knoten belegt. Die Länge des Festmachers wird später an der Klampe an Deck eingestellt.

Damit es beim Durchfahren der Pfähle kein Theater gibt, hängen die Fender niemals ausserhalt der Reling. Sonst bleibt der Fender am Pfahl hängen, stoppt und dreht das Boot. Der Bug schwenkt zum Nachbarlieger. Das ist alles lästig und unnötig.

Praktisch jeder Liegeplatz lässt sich langsam ansteuern. Niemand muss im Hafen etwas zeigen oder beweisen. Es geht nur darum, das Boot nach einem schönen Tag auf dem Wasser ohne Blessuren an den Liegeplatz zu bringen. Langsame Fahrt und sachtes Aufstoppen des Bootes schonen das Getriebe und die Anschläge des Klapp-, Falt- und Drehflügelpropellers.

Den Bootshaken nehmen wir so gut wie nie, ausser zum Heranholen wenn es achtern mit dem Anbringen der Luvleine nicht geklappt hat. Eine Yacht üblicher Grösse (so um die zehn Tonnen), lässt sich auch von Hand vom Nachbarlieger wegschubsen. Da braucht es kein Bugstrahlruder.

Die Bugfrau oder der Bugmann steht auf dem Vorschiff. Nur eine Person, nicht die ganze Mannschaft wie beim Freistoss im Fussball steht vorne an Deck. Da sieht der Steuermann achtern nämlich nichts.

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Da sich der Abstand Bug – Steg an Bord eines langen Schiffes hinten am Steuerstand kaum einschätzen lässt, zählt sie oder er ab fünf Metern an einer Hand rückwärts. Ab einem Meter treibt der Bug so langsam dem Steg entgegen, das sie oder er vorne in Ruhe absteigen, das Boot vorne am Bugkorb abhalten und den Festmacher belegen kann. Meist gibt es immer Helfer, die beim Festmachen helfen.

Es geht beim Ab- und Anlegen doch nur darum möglichst einfach zur Sache oder wieder an Land zu kommen. Die «Sache» ist das Segeln und nicht das Zelebrieren und Vorzeigen von Seemannschaft und Segelschulwissen. Leute, die das auswalzen und möglichst zackig, schiffig oder sonstwie inszenieren müssen, finde ich anstrengend.

Trotz der Länge von 16m habe ich kein Bugstrahlruder. Ich fahre in den Hafen, gucke an windreichen Tagen woher der Wind kommt, halte an einem geeigneten Ort an und lasse den Wind den Bug herumdrücken. Dann kuppele ich wieder ein und fahre an den Liegeplatz. Manöver ohne Belehrungen, Gedöns, Hektik und praxisfernes Scheinwissen.

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Autor

Erdmann Braschos

Geschrieben von

Der versierte Segler berichtet seit 1988 in namhaften Medien aus der maritimen Welt. Dank langjährigem Betrieb eines eigenen Schiffes (http://malsegeln.de/) ist er hands-on, mit der Pflege, Reparaturen und dem Werterhalt von Booten vertraut.

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