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Motoren und Technik6 min Lesezeit

Elektrisierende Reichweite

Neuer Reichweiten-Rekord für E-Motorboote: 420 Seemeilen!

Elektrisierende Reichweite
Die schwedische Werft setzte einen neuen Meilenstein mit einem E-Boot des Typs C8 © candela

Die schwedische Werft Candela schaffte mit einem E-Motorboot einen neuen Reichweiten-Rekord. Möglich wurde das mit Foils unter dem Rumpf und Voltpacks – an Land!

veröffentlicht am 19.10.2023

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Die Reichweite von E-Motoren auf Booten entwickelt sich derzeit drastisch
  • Die schwedische Werft Candela stellte einen Weltrekord auf: 420sm in 24h
  • Lange Fahrten mit elektrisch betriebenen Booten – die Power kommt von Land
  • Warum Voltpacks für abgelegene Gebiete unerlässlich sind
  • Warum man manche Rekorde dann doch nicht miteinander vergleichen kann

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Werftangaben zum Rekord: Die C-8 verbrauchte bei einer Geschwindigkeit von 27 kn während ihrer Reise 685 kWh, was etwa 110-120 € an Stromkosten entspricht. Im Gegensatz dazu würde ein herkömmlicher, mit Benzin betriebener Gleiter etwa 750 Liter Kraftstoff verbrauchen, was Kosten in Höhe von 1400 € entspricht.

Aktuelle Candela Motorboote in unserem Bootsmarkt

Wir verraten Ihnen hiermit nichts Neues: Elektromotoren sind auch im Wassersport auf dem Vormarsch. Technisch gibt es nur noch wenige Einschränkungen, dennoch müssen weiterhin Hürden genommen werden (siehe „Unter Strom“). Wenn diese auch – wie Wellen nach dem Sturm – mit abflauendem Gegenwind immer niedriger werden.

Mittlerweile ist bekannt, dass Elektromotoren per se jedes Boot und jede Yacht – von 2,50 bis 30 Metern Länge – bewegen können. Die „Power“ ist gegeben, egal ob als Außen- oder Innenborder. Großes Handicap im Vergleich mit den Verbrennermotoren und „Totschlagargument“ aller Elektro-Skeptiker: die Reichweite.

Mit Verbrennermotoren fahre man weiter, man könne Ersatzsprit problemlos mitnehmen und überhaupt bekomme man fast überall Nachschub. Denn in jedem noch so kleinen Hafen kann Sprit getankt werden. Dort gibt es zwar auch Strom – bis die Batterien allerdings wieder geladen sind, vergehen Tage und Nächte. Denn Schnellladestationen sind, wie für Automobile, noch Mangelware.

Um beiden Argumenten „den Wind aus den Segeln“ zu nehmen, arbeiten mittlerweile in Europa, China und den USA Werften, Motoren- und Batterie-Produzenten an innovativen und richtungsweisenden Lösungen.

Die kann man häufig nach dem modernen Stand der Technik nicht unbedingt als revolutionär oder brandneu bezeichnen. Sie sind jedoch in ihrem Anwendungsmix spannend, zukunftsweisend und zeigen auf, wie es mit vergleichsweise geringem Aufwand klappen könnte, weite Teile der Wassersportwelten von hohen Emissionswerten zu befreien.

Weitgehend emissionsfrei

In Europa zählt unter diesen Aspekten die schwedische Werft Candela zu den innovativsten Motorboot-Produzenten. Dort baut man elektrisch angetriebene Boote und Schiffe, die nicht nur elegant aussehen, sondern auch noch cool auf Foils über die Wasseroberfläche schweben.

Das erklärte Ziel dieses Start-ups aus dem Jahr 2014 ist es, ein Befahren der Meere, Ozeane, Flüsse und Seen in weitgehend emissionsfreier Manier zu beschleunigen. Ihre Philosophie respektive Motivation ist eindringlich: „Ein herkömmliches 7,5 m langes Benzinboot verbraucht etwa 15-mal mehr Kraftstoff als ein Familienauto und hinterlässt einen großen Fußabdruck auf unserem Planeten. Multipliziert man diese Zahl mit der Anzahl der Schiffe und Boote, die sich weltweit auf den Meeren befinden, wird schnell klar, dass das Konzept der traditionellen Boote mit Verbrennungsmotor eben nicht nachhaltig ist.“

Der Mix macht’s

Die Candela-Werft will also den ökologischen Fußabdruck im motorbetriebenen Wassersport reduzieren, indem sie „Elektroboote mit besserer Leistung als die Konkurrenz mit fossilen Brennstoffen“ baut.

© candela

Die einzelnen Komponenten des Candela-Konzeptes sind im modernen Bootsbau eigentlich nichts Neues mehr. Doch es ist der Mix, der den gewissen Unterschied macht.

Wie alle Bootsbauer, die eine Leistungsverbesserung ihrer Boote erreichen wollen, beschäftigen sich die Candela-Vordenker mit der Hydrodynamik respektive mit der Verringerung des Wasserwiderstandes und mit der Leistung ihrer Motoren. Hinzu kommt bei Candela, dass sie den ökologischen Fußabdruck ihrer Boote nicht nur verbessern, sondern exemplarisch gen Null tendieren lassen wollen.

Erreicht wird dies mit einem Mix aus Foils, Elektromotor und leistungsstarken Akkus.

Auf Foils heben sich Motor- und Segelboote bekanntlich über die Wasseroberfläche. Candelas E-Motorboote müssen dafür eine Fahrtgeschwindigkeit von 17 Knoten erreichen, bis sie verlässlich und stabil „abheben“. So wird der Wasserwiderstand und folgerichtig der Energieverbrauch für die Motorleistung extrem verringert.


Candela ist in Sachen „Foils unter Motorbooten“ seit seiner Gründung Vorreiter und hat im Vergleich mit anderen Werften einen deutlichen, technischen Vorsprung erreicht. Entsprechend konnte die schwedische Werft mit ihren Motorbooten bereits mehrere Innovationspreise auf dem europäischen Bootsmarkt gewinnen.

420 Seemeilen in 24 h – mit Lade-Pausen

Dennoch hob die internationale Motorboot-Szene entzückt die Augenbrauen, als Candela im Sommer 2023 eine Weltrekordfahrt meldete: Auf dem Modell Candela C-8 stellten die Skandinavier einen 24h-Reichweiten-Weltrekord für Elektroboote auf: 420 Seemeilen, also 778 Kilometer.

© candela

Nach Angaben des Unternehmens verbrauchte die C-8, die die meiste Zeit mit der angestrebten Geschwindigkeit von 27 Knoten fuhr, während ihrer Reise 685 kWh, was etwa 110-120 € an Stromkosten entspricht.

Im Gegensatz dazu würde ein herkömmlicher, mit Benzin betriebener Gleiter etwa 750 Liter Kraftstoff verbrauchen, was Kosten in Höhe von 1400 € entspricht.

Allerdings sind diese Strompreise für Europäer südlich des Ostsee mit Vorsicht zu genießen. Doch selbst mit den in südlicheren Breitengraden deutlich höheren Stromkosten können im Vergleich immer noch zwei Drittel der Verbrenner-Verbrauchswerte eingespart werden.

Kein Vergleich

Nun ist das mit den Weltrekorden immer solch eine Sache. Zwar feierten viele Medien Candela als Werft, die den bestehenden Weltrekord deutlich überboten habe.

Allerdings hinkt der direkte Vergleich mit dem bisherigen Weltrekordhalter: Das kanadische Unternehmen Voltari hatte mit seinem Karbon-Modell Voltari 260, das einen 550-kW-Motor mit einer 142-kWh-Batterie kombiniert, „nur“ eine 91 Meilen lange Strecke zwischen Key Largo auf den Florida Keys und Bimini auf den Bahamas in 20 Stunden zurückgelegt. Doch diese Seemeilen im Seegang und ohne Ladestopp (wo auch?) unterwegs.

Was laut Voltari die längste Überseereise war, die ein Elektroboot je unternommen hat.

© voltari

Wo Voltari also mit einer einzigen Energieladung unterwegs war, machte Candela allerdings bei seiner Rekordfahrt in den schwedischen Schären öfter halt, um die Akkus neu zu laden. Denn Candela wollte nicht nur aufzeigen, dass moderne, elektrisch angetriebene Motorboote weit kommen können. Man wollte zudem klarstellen, dass mit neuen Lade- und Speichertechniken ein Aufladen unterwegs kein Problem mehr darstellen muss.

Insofern sind beide Rekordfahrten derart unterschiedlich ausgelegt, dass ein Vergleich nur wenig Sinn ergibt. Warum also nicht zwei unterschiedliche Rekorde feiern?

Voltpacks statt Schnellladestationen

Während der Candela-Rekordfahrt bestand das Ladesystem an Land aus einem mobilen Voltpack-Batteriespeichersystem von Northvolt, das mit einer Gleichstromladestation des norwegischen Unternehmens Plug gekoppelt war. Es sollte gezeigt werden, wie Gleichstrom-Ladenetzwerke für Boote in Schären oder anderen abgelegenen Küstengebieten aussehen könnten.

An einer Anlegestelle während der Candela-Rekordfahrt befanden sich ein 281 kWh Voltpack-System und ein Plug DC-Ladegerät. Dort wurde das Boot nach jeder 40-Seemeilen-Runde in vergleichsweise kurzer Zeit aufgeladen.

Die Voltpacks, also Akkus zum Speichern grosser Mengen elektrischer Energie, wurden wiederum eingesetzt, weil sich in abgelegenen oder schwer zugänglichen Gebieten wie den Stockholmer Schären Investitionen in die Installation einer neuen elektrischen Infrastruktur für Schnellladungen nur selten ökonomisch lohnen.

© candela

Anstatt hohe Investitionen in den Ausbau des lokalen Stromnetzes zu tätigen, können so Inseln Batteriesysteme wie Voltpack einsetzen, um sicherzustellen, dass genügend Strom fürs Schnellladen zur Verfügung steht. Das Netz lädt den Voltpack Tag und Nacht mit normaler Geschwindigkeit auf; wenn ein Boot „tanken“ will, lädt die Plug-Station das Boot wiederum mit hoher Geschwindigkeit auf.

Candelas E-Passagierschiff

Zusammengefasst zeigte Candela mit der Rekordfahrt also zwei elementare Dinge auf: Elektro-Wassersportboote sind in der Lage, schnell und weit über die Wasser zu fahren. Und an Land gibt es selbst für abgelegene Regionen interessante Alternativen zu den aufwendigen Schnellladestionen, für die mitunter neue Stromnetze gelegt werden müssten, beschreibt Candela in den sozialen Medien am Beispiel der Rekordfahrt im Stockholmer Archipelageo.

Würde man dies nun auf den Personenverkehr entlang europäischer Küsten projizieren – die eben nicht mit Schnellladestationen gespickt sind – könnte man mit den Voltpacks tatsächlich Ladestationen schaffen, die etwa einen emissionsfreien Pendelverkehr zu Wasser gewährleisten würden. Um nur ein Beispiel zu nennen …

© candela

Was für Candela wiederum eine Steilvorlage in eigener Sache ist: In Kürze stellt die junge Werft ihr neues, elektrisch angetriebenes, auf Foils schwebendes Passagierschiff vor: die Candela P-12 Shuttle für 30 Personen. Dieses Schiff könnte die weltweit meisten Küstenwasserstrassen befahren und bietet gleichzeitig eine nachhaltige und deutlich kostengünstigere Alternative zum heutigen, mit fossilen Brennstoffen betriebenen Schiffsverkehr.

Vorausgesetzt natürlich, es gibt genügend Lademöglichkeiten entlang der mehr oder weniger langen Routen.

Während der 24h-Rekordfahrt wurde die Candela C-8 insgesamt 313 Minuten aufgeladen. Sie tankte dabei 615 kWh Energie. Jeder Ladevorgang dauerte etwa 18 Minuten. Die Batterie füllte sich jeweils von 13 % auf 66 % Ladezustand bei einer durchschnittlichen Ladegeschwindigkeit von etwa 118 kW.

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