Ticino Nautica 2019
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Ein Arpeggio für die «Arpège»

Autor: Michael Kunst

Stark an der Kreuz, etwas instabil vor dem Wind, aber insgesamt ein klasse Klassiker – Gebrauchtbootempfehlung für einen französischen Kult-Cruiser.

Ein Arpeggio für die «Arpège»
Der in diesem Jahr ausgezeichnete, schönste Arpege-Klassiker© apa

Immer wieder aufs Neue cool, nicht nur entlang der französischen Küsten: Abends nimmt man einen Drink in der Hafenkneipe, kommt mit den Dames et Messieurs am Nachbartisch ins Gespräch und erhält prompt eine Segelgelegenheit für den nächsten Tag. Motto: «Wir haben Dich auf Deinem Mini gesehen. Wenn Du mal ein richtiges Boot segeln willst, dann komm’ morgen mit uns!»

Meistens erwarten mich dann Ausfahrten auf 15 - 20 Meter-Pötten, auf denen «Segeln» deutlich weniger wichtig als «Wohnen» erscheint. Man will den bedauernswerten Mini-Segler mit Stehhöhe in der Kajüte und Drei-Gänge-Menü aus dem Bordofen beeindrucken (Letzteres gelingt meistens).

Doch neulich gab es eine kleine Überraschung. Die «Gang» vom Vorabend erwartete mich auf dem Steg vor zwei betagten GfK-Klassikern, die ähnlich tief im Wasser lagen und wohl noch mindestens 30 Jahre mehr auf dem Salzbuckel haben dürften als mein Boot.

«Du stehst vor einer Dufour Arpège» verkündete stolz einer der beiden Eigner und bat mit ausladender Geste an Bord. Und mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Klar, das ist diese Cruiser-Legende von Michel Dufour, mit der er den Erfolg seiner Werft gleichen Namens begründete und die es zeitweise immerhin zur grössten Europas brachte.

Diese Boote sind längst Kult! Rumpflänge 9,25 m, Länge der Wasserlinie immerhin 2,5 Meter kürzer, drei Meter Breite und Tiefgang in zwei Versionen: 1,35 oder 1,50 m. Drei Aufbau-Versionen wurden im Laufe der Jahre verbaut: Von steil und etwas sperrig wirkend bis harmonisch abgerundet.
Die «Arpèges» galten zumindest in Frankreich als die seetüchtigsten Kunststoffboote ihrer Zeit, beeindruckten mit hervorragenden Am-Wind-Eigenschaften und wurden einst als «Raumwunder» gepriesen. Um Letztgenanntes heute noch nachvollziehen zu können, muss man allerdings Mini-Segler sein.

Immerhin 1.500 «Dufour Arpège» wurden in den Jahren 1967 bis 1976 gebaut – eine für die damalige Zeit beeindruckende Erfolgsgeschichte. Und ein paar Hundert davon sind immer noch unterwegs.

Gut auf dem Ruder

Wir tuckern unter leicht röchelndem 18-PS-Inborder-Diesel aus dem Hafen und setzen direkt nach der Mole Segel. Und was für Dinger: Das Gross misst normal anmutende 17 qm, dafür protzt die Genua mit 31.5 qm – doppelt so gross wie das Hauptsegel! Das gibt Zug auf der Schot bei 15 - 20 Knoten Windstärke und langen Am-Wind-Schlägen.

Das Boot segelt bei ausgesprochen gut getrimmten und erst drei Jahre alten Segeln beeindruckend hoch am Wind. Moderne Risse in etwa gleicher Länge, meist mit etwas breiterem Heck und Tendenz zum Glitsch auf raumeren Kursen, werden von unserer Arpège gnadenlos versägt. Auch bei etwas heftigeren Böen krängt die «Dufour Arpège» gutmütig – das war nicht nur auf «meinem» Boot so, sondern auch bei der uns in unmittelbarer Nähe begleitenden zweiten Arpège.

Der über 45 Jahre alte Klassiker liegt gut auf dem Ruder und läuft kein einziges Mal in den Böen aus demselben. Auch dann nicht, als wir eindeutig zu viel Plünnen für die mittlerweile über 25 Knoten Windstärke «oben» haben.

Wir fallen ab auf einen langen Vormwind-Kurs. Dort zeigt sich eine (kleine?) Schwäche der Arpège: Das Boot – hier mit ausgebaumter Fock im Schmetterling gesegelt, bei abflauenden Winden auch unter Spinnaker – rollt stark in der von achtern heranrollenden See. Machten die Wellen am Wind noch Spass, weil man mit der «Dufour Arpège» konstruktionsbedingt weich eintauchte, nerven sie jetzt eindeutig.

Taucht weich in die Welle ein Taucht weich in die Welle ein © apa

Aber das sei eben so, philosophiert der Eigner. Jedes Boot, und sei es noch so genial, habe eben seine Schwächen. Was die «Arpège» wiederum sympathisch mache, unterstreicht ein anderer Mitsegler – schliesslich komme Perfektion meist ziemlich charakterlos daher.

Mangelnden Charakter kann man einer «Dufour Arpège» nun aber wirklich nicht vorwerfen. Das Boot überzeugt durch klasse Segeleigenschaften (vor allem am Wind) und zieht raumschots richtig gut ab. Logisch, hier handelt sich nicht um einen Gleiter, der jetzt mal so richtig über die Rumpfgeschwindigkeit (8 Knoten) hinaus schiesst. Dennoch ist der Segelspass, den man beim High Speed à la Arpège erleben darf, offensichtlich.

Apropos Geschwindigkeit: Als einige Stunden später der Wind deutlich nachlässt und wir bei bei etwa zwei Beaufort unterwegs sind, offenbart sich ein weiterer Nachteil dieses GfK-Klassikers. Tatsächlich wirkt das Boot bei flauen Brisen schwerfällig, kommt nur schwer «in die Gänge». Das mag daran liegen, dass der Eigner des Bootes, auf dem ich mitsegeln darf, «eindeutig zuviel unnötigen Quatsch» an Bord mit sich führt, wie er versichert. Doch behaupten auch andere «Arpège»-Eigner, dass ihre Boote «sich nicht mit wenig zufrieden geben ». An der französischen Atlantikküste konzipiert und gebaut, brauche das Boot eben Wind und Welle. C’est tout!

Aus einer anderen Zeit

Das Innenleben der «Dufour Arpège» ist typisch für solche Klassiker und somit aus einer anderen Zeit. Die meisten Eigner haben die alte Raumaufteilung beibehalten, die übrigens seinerzeit als «gewagt» galt: Im Bugbereich wurde keine Koje vorgesehen, sondern Stauraum für Segel. Direkt davor WC und Nasszelle fürs Ölzeug. Danach folgen mittschiffs, ungefähr an der breitesten Stelle des Bootes, klassische Kojen. Nach alter Seefahrersitte sind diese mit Leesegeln oder sogar mit einem «Leebrett» versehen. Im Hafen kann eine Koje zum Doppelbett «ausgezogen» werden (in Fahrt würde sie den Durchgang in den Bugbereich versperren). Zwischen Niedergang und Kojen dann abgetrennte Navi-Ecke mit Tisch und gegenüber die (spartanisch eingerichtete) Küche mit kardanisch aufgehängtem Gaskocher. Insgesamt wirkt das Bootsinnere durch die beiden Kojen auf Steuer- und Backbordseite deutlich grösser als andere Interieurs auf Booten gleichen Alters. In einigen Versionen sind handwerklich pfiffig gelöste Auszieh- und Klapptische verbaut.

Doch wie bei allen älteren Gebrauchtbooten gilt auch auf und in den «Arpèges»: Es kommt darauf an, was der Vor-Eigner unter «Pflege» versteht. Grundsätzlich sollte man bei alten Booten einige Abstriche in Sachen «Sauberkeit» oder gepflegtes Äusseres» machen. Bei den «Arpèges» kommt hinzu, dass sie meist auf Salzwasser «hart rangenommen» werden und in erster Linie zum Segeln, weniger zum Wohnen genutzt werden und wurden. Wer jedoch «schiffige» Holzverkleidungen und -Ausbauten gut findet, wird sich in diesen Booten wohl fühlen.

Das Problem mit dem Deck

Die «Arpège» meiner Gastgeber machte einen gut verarbeiteten Eindruck. Sie wirkte solide und liess auch in der Welle keine «verdächtigen» Geräusche erklingen. Der Innenausbau war korrekt – dem Alter des Bootes geschuldet. Die grösstenteils noch originale Holzverarbeitung innen war handwerklich gut ausgeführt, hätte allerdings mal eine neue Lackierung nötig.

Auf ein bauliches Problem machte man mich später noch aufmerksam: Mittlerweile wieder am Steg im Hafen zeigte man mir am zweiten Boot, das mit uns zusammen auf unserem Tagestörn unterwegs war, ein an manchen Stellen neu verlegtes Deck. Das Original-Balsa-Sandwich-Deck hat – so gestand man ein – in der Arpège-Szene schon öfter Probleme bereitet. Im Laufe der Jahre wird es weich und gibt nicht nur unter schwergewichtigen Personen nach. Reparaturen sollen aber weniger aufwändig sein, als man vermuten könnte.

Lässt weltweit «Akkorde» erklingen

Auf «Arpèges» wurden bereits mehrere Atlantik-Überquerungen und -Rundungen unternommen. Ganze Familien oder Paar-Crews sind derzeit auf angemessen gelassenen Weltumseglungen unterwegs. Rekorde werden mit dem Boot keine gefahren, was nicht heissen soll, dass «Arpèges» nicht nahezu überall auf der Welt zu finden sind. Vor allem in den ehemaligen französischen Kolonialgebieten wie etwa Neukaledonien, Tahiti im Pazifik oder Martinique, Guadeloupe in der Karibik sind sie beliebt und noch häufig anzutreffen. Aber auch in den USA, in Japan, Neuseeland und Australien segelt man die GFK-Klassiker. Überall wird die Yacht jedenfalls als durchweg «hochseetauglich» empfohlen.

Im Heimatland Frankreich haben die Arpègisten, so nennen sich die Arpège-Liebhaber, eine Vereinigung gegründet, die sogar ein Mal jährlich mit dem «Arpège Cup» eine Art inoffizielle Weltmeisterschaft ausrichtet und dabei nicht selten Besuch von Arpègisten von der anderen Seite der Weltkugel bekommt.

Beim letzten Arpège-Cup Beim letzten Arpège-Cup © apa

Im französischsprachigen Raum gilt die «Arpège» seit jeher als Geheimtipp für Fans älterer, wertiger Boote. Je nach Zustand werden sie (selten genug) zwischen 4.500 und 25.000 Euro angeboten. Doch gilt auch hier die Regel: Ist ein Boot erstmal auf dem Gebrauchtbootmarkt, bleibt es dort nicht lange.

Bei boot24.ch können Sie natürlich fündig werden.

Arpège steht im Französischen für den musikalischen Begriff Arpeggio, den meist melodiösen, aufgelösten Akkord. Der Autor findet: Einen besseren Namen hätte man für dieses Boot nicht finden können.

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Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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