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Flaggenbräuche

Wissenswertes zur Handhabung der verschiedenen Fahnen an Bord

Flaggenbräuche
Die Flaggengröße sollte in etwa zur Bootslänge passen © E. Braschos

So vielfältig wie die Bootswelt, so phantasievoll ist auch die Handhabung der Flaggen. Oft ist die blaue Europafahne statt der Nationalen zu sehen. Sie baumelt mal steuerbord, in der Mitte oder backbord am Heck. Sie wird in allen denkbaren Größen gesetzt, vom Topflappenformat bis zum Bettlaken. Sie weht an Flaggenstöcken aller Art; am Achterstag, am Achterliek des Großsegels oder im Top des Besanmastes. Ähnlich leger ist die Handhabung der Gastlandsflagge oder des Clubwimpels.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 03.11.2020

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • wohin gehört die Nationale?
  • wie groß soll sie sein?
  • Neigung und Montage des Flaggenstocks
  • Europaflagge ja oder nein?
  • wo die Nationale vorgeschrieben ist
  • Größe und Bräuche bei der Gastlandsflagge
  • wohin mit dem Clubwimpel und weiteren Fahnen?
  • welche Fahnen sonst noch prakisch sind

1. Flaggengröße

Früher sollte die Nationale so groß sein, damit ihr Zipfel vom Flaggenstock hängend bei einem still liegenden Boot das Wasser berührt. Diese Regel passt zum flachbordigen Boot mit deutlich geneigtem Flaggenstock, wie an Klassikern zu sehen. Beim modernen Boot mit hohem Freibord ergibt das eine unpassend große Fahne. Nach meiner Beobachtung hängt die Fahnengröße mit dem Alter des Eigners zusammen. Ältere und konservative Skipper neigen zu großen Flaggen. Jüngere, sportliche Segler und alle, die mit der Nation weniger am Hut haben, setzen eher Topflappengröße. Skandinavier, die ein anderes Verhältnis zu ihrem Land haben als Deutsche, mögen große Fahnen am Heck.

Dabei gibt es hierzu eine kaum bekannte Regel. Die Nationale soll ein Zwölftel der Bootslänge in Metern messen. Bei einem 9 m Boot ist die Nationale demnach 75 cm lang, bei einem 12 m Boot 1 m, beim 15 m Boot 1,25 m. Auch das Verhältnis von Länge zu Breite ist festgelegt, es liegt bei 5:3.

Die tagsüber nicht gesetzte Nationale zeigt anderen Schiffen die Regattateilnahme an. Sie empfiehlt anderen Wassersportlern, nicht auf ihrem Wegerecht zu bestehen und das in einer Wettfahrt befindliche Boot ungehindert passieren zu lassen.

2. der Flaggenstock

Der Flaggenstock gehört achtern mittschiffs auf‘s Heck. Wenn der Durchgang zur Badeplattform, die Badeleiter oder Gangway im Weg ist, wird die Nationale steuerbord, im Notfall backbord am Heck geführt. Denn die Steuerbordseite gilt als die bessere Seite an Bord. Es gibt Werften, die ihre Boote mit backbordseitig angebrachtem Flaggenstock ausliefern.

Bei Gaffel getakelten Yachten, wo der Baum über das Heck ragt, wird die Nationale nur vor Anker oder im Hafen am Heck gesetzt. Beim Segeln weht sie am Achterliek des Großtuchs, weil der Großbaum den Flaggenstock beim Wenden oder Halsen wegreißt.

Die Halterung des Flaggenstocks sollte möglichst nah am Deck angebracht sein. So ragt er nicht unnötig weit über den Heckkorb hinaus. Der Flaggenstock ist praktischerweise in der Halterung gesichert und lässt sich beim brenzligen Hafenmanöver schnell abnehmen, zum Beispiel mit einer Rändelschraube.

Die Halterung lässt sich aus einer ovalen Platte, einem schräg abgesägten Rohr und einer Rändelschraube selbst machen
Die Halterung lässt sich aus einer ovalen Platte, einem schräg abgesägten Rohr und einer Rändelschraube selbst machen © E. Braschos


Auch zur Neigung des Flaggenstocks weiß die Yachtetikette Einzelheiten: Er soll so am Boot angebracht sein, dass die Nationale im hängenden Zustand bei Flaute sichtbar ist, nämlich 40 Grad von der Senkrechten. Bei klassischen Yachten sieht man deutlich schrägere Flaggenstöcke. Das passt zu diesem Bootstyp und zur erwähnten Zipfel-Wasser Regel. Auf dem Achterschiff moderner Boote wirkt es übertrieben. Ich habe vor Jahren einmal eine Halterung von einem Freund für mein Boot schweißen lassen und dabei die Neigung mit einem moderaten Winkel an das Heck angepasst.

Europaflagge ja oder nein?

Die oft gesetzte Europaflagge ist gemäß dem deutschen Flaggenrechtsgesetz (das gibt es tatsächlich) bei seegehenden Schiffen nicht erlaubt. Nicht einmal die Europaflagge mit einer kleinen Nationalen oben in der Ecke ist zulässig.

Übrigens muss nur die Nationale setzen, wer auf Seeschifffahrtsstraßen unterwegs ist. Auf Binnengewässern kann man es lassen.

3. Gastlandsflagge

Auch die Größe der Gastlandsflagge orientiert sich an der Bootsgröße. Sie soll halb so lang sein wie die Nationale. Zu kleine Gastlandsflaggen, ausgewehte oder verblasste Fahnen gelten als respektlos. Es gibt Hafenmeister in südlichen Ländern oder exotischen Revieren, die das monieren.

Kehrt man von einer langen Reise mit mehreren besuchten Ländern zurück, lässt sich das bei der Rückkehr mit den übereinander gesetzten Gastlandsflaggen für eine Weile zeigen.

4. Vereinswimpel

Diese Fahne wird am Top oder an der Backbordseite des Mastes gesetzt. Motorboote setzen ihn am Bug als Gösch.

5. Die Gösch

Bei Marineschiffen, der Handelsschifffahrt und auch bei Motorbooten mit traditioneller Note ist die sogenannte Gösch üblich. Sie wird an einem kleinen senkrechten Stock am Bug gesetzt. Motoryachten setzen dort den Vereinswimpel oder die Fahne des Bundeslandes, wo das Boot beheimatet ist.

6. Flaggen zu Besuchern an Bord

Backbord wehende Nationalflaggen informieren über Crewmitglieder, die aus anderen Ländern zu Besuch an Bord sind. Die schweizerische oder italienische Flagge zeigt beispielsweise Gäste aus der Schweiz oder Italien an. Da ergeben sich bei einer Reise eher Begegnungen und Gespräche mit Landsleuten, von denen man ohne entsprechende Fahne vielleicht nie etwas erfahren hätte.

Liegt das Boot unbewohnt im Hafen, führt es außer dem Clubwimpel keine Flaggen, weder Nationale noch Gastlandsflagge.

7. Die gelbe Flagge

Steuert das Boot einen ausländischen Hafen an, führt es bis zum Einklarieren die gelbe Q(uarantäne) Flagge - auch Zollstander genannt - an Backbord. Sind die Papiere ausgestellt und die Crew darf an Land, wird die Q-Flagge weggenommen. Segler die in fremden Gewässern ohne Q-Flagge und ohne einklariert zu haben unterwegs sind, können sich eine Menge Ärger einhandeln. Deshalb gehört die Q-Flagge bei Reisen zu fernen, nicht alltäglichen Zielen und wo das Einklarieren noch ernst genommen wird, an Bord. In Revieren wo Länderwechsel alltäglich sind, kann man es lassen.

VG