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Flaggenbräuche

Bedeutung und Handhabung der verschiedenen Fahnen an Bord

Flaggenbräuche
Die Flaggengröße sollte in etwa zur Bootslänge passen © Swedesail

So vielfältig und phantasievoll wie die Bootswelt ist auch die Handhabung der Flaggen. Dabei gibt es zu diesem Thema spezielle, sogar unterhaltsame Bräuche.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 03.11.2020

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • wohin gehört die Nationale?
  • Faustformel zur Flaggengröße
  • Neigung und Montage des Flaggenstocks
  • Europaflagge ja oder nein?
  • wann die Nationale gesetzt wird und wann sie weg muss
  • Finessen bei den Nationalen anderer Länder
  • Größe und Handhabung der Gastlandsflagge
  • wohin mit dem Clubwimpel und weiteren Fahnen?
  • was blaue, weiße, gelbe und rote Flaggen an Backbord bedeuten

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Seltsamerweise gibt es wenige und unterschiedliche Hinweise zur Frage, wie groß die Nationale sein sollte. Wann und wo wird sie gesetzt? Wann auf keinen Fall? Auch Zweck und Handhabung der übrigen Flaggen scheint eine Geheimsprache zu sein. Sie können das in der altehrwürdigen „Seemannschaft“, dem beinahe seit Kaisers Zeiten erscheinenden Standardwerk der Segler nachschlagen. Auch in Joachim Schults vergriffenen „Seglerlexikon“ oder in Hans Donats „Bordbuch“ gibt es Hinweise dazu. Hier ist alles Wichtige und Wissenswerte zusammengefasst.

Manchmal ist die blaue Europafahne statt der Nationalen zu sehen. Mal baumelt sie steuerbord, in der Mitte oder backbord am Heck. Sie wird in allen denkbaren Größen gesetzt, vom Topflappenformat bis zum Bettlaken. Sie weht an Flaggenstöcken aller Art, am Achterstag, am Achterliek des Großsegels oder im Top des Besanmastes. Ähnlich ist die Handhabung der Gastlandflagge oder des Clubwimpels.

1. Flaggengröße

Früher sollte die Nationale so groß sein, dass ihr Zipfel vom Flaggenstock hängend bei einem still liegenden Boot das Wasser berührt. Das passt zur Yacht mit niedrigem Freibord und deutlich geneigtem Flaggenstock, wie an Klassikern zu sehen. Beim modernen Boot mit hohem Freibord ergibt das eine unpassend große Fahne.

Anscheinend hängt die Fahnengröße auch mit dem Alter des Eigners zusammen. Ältere und konservative Skipper neigen zu großen Flaggen. Das sieht manchmal seltsam aus. Jüngere, sportliche Segler und alle, die mit der Nation weniger am Hut haben, setzen eher kleine Flaggen. Skandinavier, Engländer, Holländer und besonders Amerikaner, die ein anderes Verhältnis zu ihrem Land haben als Deutsche, lieben große bis sehr Fahnen am Heck.

Dabei gibt es hierzu eine kaum bekannte Regel. Die Nationale soll ein Zwölftel der Bootslänge in Metern messen. Bei einem 9 m Boot ist die Nationale demnach 75 cm lang, bei einem 12 m Boot 1 m, beim 15 m Boot 1,25 m. Auch das Verhältnis von Länge zu Breite ist festgelegt, es liegt bei 5:3. In diesem Format sind die Fahnen zu kaufen.

Ist die Nationale tagsüber beim Segeln nicht gesetzt, informierte es darüber, dass man gerade eine Regatta segelt. Sie empfiehlt anderen Wassersportlern, nicht auf ihrem Wegerecht zu bestehen und das in einer Wettfahrt befindliche Boot nicht zu stören.

Spezielle Nomenklatur in anderen Ländern

In anderen Ländern wird die Clubmitgliedschaft auch in der Nationalen mitgeteilt. Dänische Eigner setzen die Nationale mit den Initialen Y.F. an der Oberkante. Y.F. mit drei Sternen ist schon mehr, kündet von der Zugehörigkeit zum Kongelig Dansk Yachtklub. Ein Stern unter dem Y.F steht wiederum für den Randers Yachtclub. Ähnlich halten es die Finnen, wo ein Vereinsemblem in der Nationalen enthalten sein kann. Mitglieder des angesehenen Yacht Club de France führen zwei Sterne in der Trikolore. Mitglieder des Yacht Club Italiano führen die gleiche Flagge wie die italienische Marine samt Wappen auf weißem Hintergrund. Auch die Holländer lassen sich diesbezüglich mit zahlreichen Varianten und Wappen nicht lumpen. Ähnlich halten es die Norweger als Mitglieder des KNS, der Kongelig Norsk Seilforening oder der Crusing Club der Schweiz mit CCS-Initialen samt gelbem Anker. Spanische Yachten setzen die Nationale mit blauer Krone. Umfangreich ist der Flaggenkatalog im Vereinten Königreich mit annähernd sechzig verschiedenen Nationalen mit weißem, hellblauem, dunkelblauem oder rotem Hintergrund. Angesichts der britischen Schifffahrtstradition überrascht die Nomenklatur nicht.

Die Zipfel-Wasser-Regel

2. der Flaggenstock

Der Flaggenstock gehört achtern mittschiffs aufs Heck. Wenn der Durchgang zur Badeplattform, die Badeleiter oder Gangway im Weg ist, wird die Nationale Steuerbord, im Notfall backbord am Heck geführt. Denn die Steuerbordseite gilt seit jeher als die bessere Seite an Bord.

Bei Gaffel getakelten Yachten, wo der Baum über das Heck ragt, würde der Flaggenstock bald abbrechen. Hier wird die Nationale nur vor Anker oder im Hafen am Heck gesetzt. Beim Segeln weht sie sicherheitshalber am Achterliek des Großtuchs.

Steht der Flaggenstock an Deck, ragt er nicht so weit über den Heckkorb hinaus. Der Flaggenstock sollte in der Halterung gesichert sein und sich beim Manövrieren in engen Hafenbecken, wo er beim Kontakt mit Pfählen oder anderen Boote abbrechen könnte, schnell abnehmen lassen. Ideal ist eine kleine Rändelschraube oder ein Knauf zum Lösen des Flaggenstocks.

Die Halterung lässt sich aus einem schräg abgesägten Rohr selbst machen
Die Halterung lässt sich aus einem schräg abgesägten Rohr selbst machen © Swedesail

Sogar zur Neigung des Flaggenstocks kennt die herkömmliche Yachtetikette Einzelheiten: Er soll so am Boot angebracht sein, dass die Nationale im hängenden Zustand bei Flaute sichtbar ist, nämlich 40 Grad von der Senkrechten. Bei klassischen Yachten sieht man deutlich schrägere Flaggenstöcke. Das passt zu diesem Bootstyp und zur erwähnten Zipfel-Wasser-Regel. Bei der hochbordigen modernen Yacht ergibt das eine Bettlaken-große Flagge. Die passt bestimmt zur Gorch Fork.
Vor Jahren hat ein Segelfreund mir mal eine Halterung geschweißt. Dabei wurde die Neigung an die des Spiegels angepasst. Es macht sich von der Seite gesehen ganz gut.

Europaflagge ja oder nein?

Die oft gesetzte Europaflagge ist gemäß dem deutschen Flaggenrechtsgesetz (ja, das gibt es tatsächlich!) bei seegehenden Schiffen nicht erlaubt. Nicht einmal die Europaflagge mit einer kleinen Nationalen oben in der Ecke ist zulässig. Übrigens muss die Nationale nur setzen, wer auf Seeschifffahrtsstraßen unterwegs ist. Auf Binnengewässern kann man es lassen.

3. Gastlandflagge

Ähnlich wie das Format der Nationalen ergibt sich die Größe der Gastlandflagge aus der Bootsgröße. Sie soll halb so lang sein wie die Nationale. Zu kleine Gastlandsflaggen gelten als unpassend und respektlos, ebenso wie ausgewehte, zerfranste oder verblasste Fahnen. Es gibt Hafenmeister in südlichen Ländern oder exotischen Revieren, die das monieren. In unseren Gewässern sind es meist ältere Skipper und Schiffermützenträger, die sich daran stören und es auch mal monieren.

Kehrt man von einer langen Reise mit mehreren besuchten Ländern zurück, lässt sich das bei der Rückkehr mit zahlreichen übereinander gesetzten Gastlandflaggen für eine Weile zeigen. Blauwassersegler und alle, die auf ihren Ritt übe die Weltmeere stolz sind, machen das gerne so. Auch wenn Sie einige Wochen in der Ostsee unterwegs waren.

4. Vereinswimpel

Diese Fahne wird am Top oder an der Backbordseite des Mastes gesetzt. Motorboote setzen ihn am Bug als sogenannte Gösch.

5. Die Gösch

Bei Marineschiffen, der Handelsschifffahrt und auch bei Motorbooten mit traditioneller Note ist die sogenannte Gösch viel zu sehen. Sie wird an einem kleinen senkrechten Stock am Bug gesetzt. Motoryachten setzen dort den Vereinswimpel oder die Fahne des Bundeslandes, wo das Boot beheimatet ist.

6. Flaggen bei Gästen an Bord

Backbord wehende Nationalflaggen informieren über Crewmitglieder, die aus anderen Ländern zu Besuch an Bord sind. Die schweizerische oder italienische Flagge zeigt beispielsweise Gäste aus der Schweiz oder Italien an. Da ergeben sich bei einer Reise viele Begegnungen und Gespräche mit Landsleuten, von denen man ohne entsprechende Fahne vielleicht nie etwas erfahren hätte.

Ich habe mal einen italienischen Segelfreund und seine Frau durch Dänemark spazieren gesegelt. Abgesehen davon, dass die beiden gebibbert haben wie Mitteleuropäer in Sibirien und über die dänische Gastronomie und Essgewohnheiten endlos erschüttert waren, war es eine amüsante Reise. Ich hatte den Freunden zuliebe und als Spaß die italienische Gastlandflagge, die ich irgendwo in einem Schapp liegen hatte, gesetzt. In fast jedem Hafen wurden wir amüsiert gefragt, warum ausgerechnet Italiener in Dänemark Urlaub machen. Oft gingen die Gespräche schon beim Anlegen und Vertäuen des Bootes los.

Liegt das Boot unbewohnt im Hafen, führt es außer dem Clubwimpel keine Flaggen, weder nationale noch Gastlandflagge.

7. Die gelbe Flagge

Steuert das Boot einen ausländischen Hafen an, führt es bis zum Einklarien die gelbe, die sogenannte Quarantäne Flagge - auch Zollstander genannt - an Backbord.

Sind die Papiere ausgestellt und die Crew darf an Land, wird die Q-Flagge weggenommen. Segler, die in fremden Gewässern ohne Q-Flagge und ohne einklariert zu haben, unterwegs sind, können sich eine Menge Ärger einhandeln. Deshalb gehört die Q-Flagge bei Reisen zu fernen, nicht alltäglichen Zielen und wo das Einklarierung ernst genommen wird, unbedingt an Bord. In Revieren, wo Länderwechsel alltäglich sind, kann man es lassen. In Dänemark oder Schweden erscheint die Q-Flagge seltsam bis peinlich. Auch wenn man es in der Segelschule so lernt.

Abschließend drei längst vergessene Flaggenbräuche Sie hatte in Zeiten, als das Bordleben noch arg ritualisiert war und es weder Sprechfunk, Handy oder allgegenwärtiges WLAN gab, ihren Sinn.

8. Die blaue Flagge

Die kennt an Land jeder als Hinweis auf saubere Strände und stetes Bemühen und Umweltstandards. An Bord hatte sie früher eine andere Bedeutung. Eine blaue Flagge mit weißem Streifen kündete von der Anwesenheit eines Eignervertreters an Bord.

9. Die weiße und rote Flagge

Auch diese Flaggen hatte an Backbordseite eine spezielle Bedeutung. Die weiße Flagge informierte darüber, dass der Eigner gerade isst und nicht gestört werden möchte. Bei der roten Flagge aß gerade die Crew. In beiden Fällen war vom Besuch der Yacht oder Manövern anderer Schiffe, die Eigner oder Mannschaft in Anspruch nehmen, abzusehen. Man klingelt ja auch nicht zur Mittagszeit beim Nachbarn.

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VG