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Haste Luft?

Autor: Michael Kunst
  

Für viele ist es das Synonym für nassen Spass im und auf dem Wasser – das Schlauchboot hat als eine der letzten, wirklich bahnbrechenden, massentauglichen «Erfindungen» im Wassersport einen zuvor kaum für möglich gehaltenen, weltweiten Siegeszug geschafft.

Haste Luft?
Von Anfang an bei Kindern beliebt © zodiac

Längst wird das Prinzip «Schlauch als Rumpf oder Aussenseite» in nahezu allen maritimen Lebenslagen eingesetzt: Als Badeinsel, Angelkahn, HighSpeed-Renner, Exekutiven-Transporter (vulgo: Waschpo-Schlaucher), Protestboot, Lebensretter, Tauchstation, Zuggerät für Skifahrer und Wakeboarder, Weltum- und Baggerseesegler. Echte Schlauchbootfans behaupten sogar, dass es im Wassersport kaum einen Einsatzbereich gebe, der nicht auch mit dem Objekt ihrer Begierde bewältigt werden könnte.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, das Schlauchboot wurde nicht von Mister Goodyear erfunden und auch nicht von einem gewissen Herrn Zodiac (der war ein Massenmörder und hatte nichts mit Böotchenfahren am Hut). Vielmehr ist das Prinzip des Schlauchbootes wahrscheinlich schon so alt wie die halbwegs zivilisierte Menschheit. Einige Archäologen gehen nämlich davon aus, dass vernähte und mit Luft gefüllte Tierhäute bereits zur Steinzeit als Transportfloss eingesetzt wurden.

Relikt aus der Steinzeit?

Tatsächlich hat der Stamm der Sallirmiut, eine extrem kleine Volksgruppe, die an der Südküste der Southampton-Insel und auf Walrus Island im Norden Kanadas isoliert von anderen Stämmen unter Steinzeitähnlichen Bedingungen lebte, mit «höchst seltsamen, unförmigen Booten» von sich Reden gemacht. Die Sallirmiut sind die wahrscheinlich letzten Überlebenden der Dorset-Kultur im Norden Kanadas gewesen, die u.a. für ihre aussergewöhnliche Kraft und ihren grossen Körperbau bekannt waren.

Sie erfanden höchstwahrscheinlich das Iglu und… das Schlauchboot! Als sie von europäischen Seefahrern Anfang des 17. Jahrhunderts «entdeckt», fuhren sie den grossen Holzschiffen auf kleinen Paddelbooten entgegen, deren Rümpfe aus vernähter und anschliessend aufgeblasener Walrosshaut bestanden. Diese offenbar sehr robusten und tragfähigen Boote nutzten die Sallirmiut hauptsächlich zur Wal-Jagd. Zweihundert Jahre nach dem ersten Kontakt mit den «Weissen aus dem Osten» schlug dann der Sallirmiut letztes Stündlein, als eine Walfänger-Besatzung sie mit einem tückischen Magen-Virus infizierte, der die letzten 200 Menschen dieses faszinierenden Volkes dahin raffte.

Soweit zum Thema «wer hat’s erfunden?». Doch wie so oft, sind die ursprünglichen Erfindungen durchaus verbesserungswürdig, auch oder vor allem was die Evolution der verwendeten Materialien anbelangt. Und hier setzt die moderne Historie des Schlauchboots an und ein.

Ein Jäger der Sallirmiut beim Walfang, Zeichnung um 1830 © wikipedia Ein Jäger der Sallirmiut beim Walfang, Zeichnung um 1830 © wikipedia

Schlauchboot im Mantel

Denn es war vor allem die «Vulkanisierung» zur Stabilisierung des (damaligen) Wunderproduktes Gummi, die einem gewissen Charles Goodyear 1838 erstmals gelang und die Entwicklung des Schlauchbootes grundlegend weiter brachte.

In erster Linie interessierte in den folgenden Jahrzehnten das Prinzip des aufblasbaren Bootes aus Gummi die Tüftler und Vordenker aus Platz- und Gewichtsgründen. Zu Zeiten, als noch Entdeckungsexpeditionen etwa in Kanadas nördliche Wildnis auf dem Kayak gemacht wurden, war es gut zu wissen, dass man im relativ kleinen Format ein «Rettungssystem am Mann» dabei haben konnte. Was übrigens wörtlich zu nehmen ist: Ein gewisser Peter Halkett entwickelte 1844 ein Ein-Mann-Schlauchboot, das aus einer Gummiblase und einer Schutzhülle aus Stoff bestand, das sage und schreibe vom Forscher und Abenteurer (nicht aufgeblasen) als Mantel-ähnlicher Umhang getragen werden konnte.

Ungewohnt «unförmig» für ein Wassergefährt – immerhin segelten damals schon formschöne Yachten die von begnadeten Designbüros wie Camper und Nicholsen entworfen wurden – war dann auch die erste dokumentierte Hochseestrecke, die auf Schläuchen geschafft wurde: Vier Männer segelten auf einem Floss aus Gummischläuchen von New York zu den Britischen Inseln. Ein epischer und oftmals gefährlicher Törn, der von der wassersportlichen Nachwelt viel zu wenig gewürdigt wurde…

Peter Halkett (1820–85) - National Maritime Museum, London © wikipedia Peter Halkett (1820–85) - National Maritime Museum, London © wikipedia

Untergang der Titanic als Wendepunkt

Mitte des vorletzten Jahrhunderts begann dann die Serienproduktion von Schlauchbooten, die zumindest in ihrer Form schon deutlich an Boote erinnerten. Doch so richtig «trauen» wollte man den Gummiwülsten auf dem Wasser nicht, jedenfalls konnten noch keine nennenswerten Stückzahlen verkauft werden.

Ab dem 14. April 1912 war dann Schluss mit lustig: Nach dem tragischen Untergang der «Titanic» machte man sich verstärkt Gedanken über verbesserte Rettungssysteme auf hoher See. Zu viele Menschen mussten damals sterben, weil - angeblich aus Platzgründen - nicht genügend Rettungsmittel an Bord waren.

Zu diesen Zeiten brachte ein Berliner das Schlauchboot endgültig «ins Spiel»: Hermann Meyer liess sich ein ein «beidseitig benutzbares, aufblasbares Wasserfahrzeug»mit Rückschlagventil patentieren, das später noch durch einen hölzernen Einlegeboden, Schottkammer-Trennwände in den Schläuchen, Druckausgleichsventile und einen V-förmigen «Luftkiel» ergänzt wurde.

In den beiden Weltkriegen erlangte das Prinzip des Schlauchboots (teils bereits automatisch mit Pressluft aufblasbar) als Rettungsmittel in der Marine, aber auch in der Luftfahrt, elementare Bedeutung und rettete in vielen Formen und Varianten unzähligen Soldaten das Leben.

Doch zurück zum Wassersport. Ein Franzose machte schliesslich das Schlauchboot zu dem Gefährt(en) auf den Wassern, wie wir es grosso modo heute kennen. Alain Bombard verband drei Konstruktionsmerkmale miteinander, die den Wirkungsbereich der «Gummiwürste» (Verballhornung aus dem Militärjargon) enorm vergrösserten: Klassische Bug-Heck-Bootsform, fester Boden und Aussenbordmotor.

Mit seinem motorisierten «Festrumpfschlauchboot» überquerte er solo den Atlantik und segelte dabei mangels ausreichend Platz für Spritreserven den Grossteil der Strecke. Ausserdem hatte er, ebenfalls aus Platzgründen, nicht ausreichend Nahrung und Wasser an Bord genommen; Bombard wäre wohl niemals von seinem Törn wiedergekehrt, hätten ihn nicht unterwegs mehrere Handelsschiffe mit Nahrungsmitteln versorgt. Und wer weiss, wie dann die Geschichte des Schlauchbootes weitergegangen wäre…

Unerwarteter PR-Schub

Nach seinem glücklich beendeten Selbstversuch fand Bombard in den Werkstätten des französischen Flugzeugherstellers «Zodiac» die Gelegenheit, eine Serienproduktion seiner Boote aufzunehmen. Doch erneut schien die Zeit nicht reif für eine Vermarktung – irgendwie fehlte der marketingstrategische Motor, genauer gesagt: moteur.

Auch wenn man das damals noch nicht so sah, sollte eine alte Freundschaft zu einem ganz Grossen der damaligen Zeit dem Schlauchboot allgemein und der Marke «Zodiac» im Besonderen einen zuvor nicht für möglich gehaltenen PR-Schub geben.

Kein Geringerer als Jacques Cousteau war von den platzsparenden Booten für seine immens populären Expeditionsfahrten begeistert. Er nutzte die «Zodiacs» bei jeder sich bietenden Gelegenheit und redete in seinen Filmen, Interviews, Radioreportagen und Büchern immer nur von Zodiacs… und niemals von Schlauchbooten. So kam es, dass binnen weniger Jahre der Markenname zum Synonym für eine ganze Bootsgattung wurde. Ein PR-Effekt, den man bis heute in vielen europäischen Ländern noch beobachten kann.

Transportmittel für alle und alles © zodiac Transportmittel für alle und alles © zodiac

Der Rest ist typische Wassersportgeschichte. «Zodiac» stiess bald an Kapazitätsgrenzen und war gezwungen, Lizenzen zum Bau der mittlerweile in zahlreichen Varianten vertriebenen Schlauchboote zu vergeben. Der britische Hersteller «Avon» baute bald darauf Festrumpfschlauchboote mit tiefem V-Kiel; ein weiterer Brite gab dem Boot schliesslich eine flache Rumpfform im Heck, um die Stabilität des Bootes deutlich zu verbessern. Es folgten erste GFK- und schliesslich Aluminium-Rümpfe, die mit Schläuchen bestückt wurden. Heute, nachdem die Lizenz längst ausgelaufen ist, gibt es auf der ganzen Welt unzählige Schlauchboothersteller.

Das ursprüngliche Material Gummi, mit dem zumindest der Siegeszug des Schlauchboots in der Moderne begann, wurde längst von modernen Materialien verdrängt: PE, PVC, PU, Neopren und unterschiedliche Kunststofffolien machen aus der «Gummiwurst» einst ein HighTech-Boot, mit dem so ziemlich alles erledigt werden kann, was es auf dem Wasser zu tun gibt. Schaut man auf diese hochwertigen Renner von heute, ist jedenfalls schwer zu glauben, dass alles mit einer «ollen Walross-Haut» begonnen haben soll.

Autor

Michael Kunst

Geschrieben von

Michael miku Kunst (60) ist seit mehr als 35 Jahren als Sportreporter unterwegs. Waren es in jungen und knackigen Jahren eher Ausdauersportarten, die ihn in die hintersten Ecken unseres Planeten lockten, sind es heute mehr oder weniger verrückte Segelboote auf den Ozeanen und Binnenmeeren, die ihn faszinieren.
In mikus Flotte befinden sich u.a. ein 25 Jahre junger Laser Standard und ein etwas ausgeleierter Mini 6.50 Prototyp (No. 247), mit dem er vor Lorient auf dem Atlantik unterwegs ist.

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