Yachtkonstrukteure12 min Lesezeit
Dick Carter
Die steile Karriere des ideenreichen Bootskonstrukteurs

Wie der Newcomer ab 1965 mit wegweisenden Cuppern das Hochsee-Regattasegeln prägte, beliebte Serienboote, grosse Rennyachten und die gigantische Einhand-Segelmaschine „Vendredi 13“ konstruierte. Warum er sich nach dem Entwurf eines 39-m-Megayacht-Prototyp mit handlicher Takelage und variablem Tiefgang Anfang der Achtziger überraschend zurückzog.
Von Erdmann Braschos
Das erwartet Sie in diesem Artikel
- damals beliebte und heute gefragte Kunststoff-Serienboote von Carter
- wie Carter mit seinem ersten Entwurf 1965 das Fastnet Race gewann
- wie er mit Kollegen die amerikanische CCA und die englische RORC-Vermessung zur International Offshore Rule zusammenführte
- massgebliche Regattaboote von seinem Reissbrett
- Charters Boote aus Stahl- und Aluminiumblech, glasfaserverstärktem Kunststoff, in Sandwichbauweise mit harzimprägniertem Kern und aus formverleimtem Holz
- Carters Ideen zum Regatta- und Tourensegeln mit variablem Tiefgang, sein Schwingkieler für die englische Bootsmarke Southerly
- Entwurf der 39 m langen „Vendredi 13“ für die Observer Einhand Atlantik Regatta 1972
- namhafte Eigner seiner Kreationen
- Carters Entwurf der ersten Megayacht für Fabio Perini
- seine 2018 erschienene Autobiografie
Gebrauchtboot-Interessenten kennen zahlreiche Carter-Modelle von 30 bis 43 Fuss aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Sie entstanden in Australien, Finnland, Griechenland, Holland, Italien, Polen, Schweden und den USA. Es sind beliebte, haltbare und vielseitige Boote, die heute verblüffend günstig zu haben sind. Die Liste der Carter-Konstruktionen am Ende des Artikels bietet eine Übersicht. Weniger bekannt ist ihr Konstrukteur, der in seiner rasanten Karriere mit fünf wegweisenden Booten das Regattasegeln beim Admiral’s Cup, dem Fastnet-Rennen, dem Eintonnerpokal und auf IOR-Regattabahnen prägte:
- 1965 erster Platz mit „Rabbit“ beim Fastnet Race vor 150 Teilnehmern. Kleinstes Boot, geteilter Lateralplan.
- 1966 erster Platz mit „Tina“ beim Eintonnerpokal vor Kopenhagen, zweiter Platz beim Eintonnerpokal 1967 Helgoland. Flossenkiel mit schmaler Kielwurzel und Trimmklappe
- 1967 erste Plätze mit „Optimist“, gesteuert von Hans Beilken beim Eintonnerpokal vor Le Havre und 1968 vor Helgoland
- 1969 erster Platz mit dem Schwenkkielboot „Red Rooster“ beim Fastnet Race und Zugpferd des US-Teams als Gewinner des Admiral’s Cup
- 1971 Prototyp der modernen Hochseejolle mit „Ydra“. Unten waagerechter Rumpf und 5° drehbare Kielflosse
Er ersetzte die V-förmigen Rümpfe herkömmlicher Seeschiffe des damals massgeblichen New Yorker Konstruktionsbüro Sparkman & Sephens mit fülligem Langkiel durch jollenartige Rümpfe. So erhielt sein zweiter Entwurf namens „Tina“ eine am Übergang zum Rumpf schlanke und entsprechend widerstandsarme Kielflosse. Carter zeichnete dieses Boot für den namhaften Landsmann Ed Stettinius, den Direktor der US Shipping Lines. Einer von Carters Kniffen war, dem Rumpf zugunsten des leichtgängigeren Verhaltens im Seegang und bei Raumschotskurs achtern etwas mehr Volumen zu geben.
Als Newcomer brachte Carter einen weiter hinten angebrachten vierbeinigen Bugkorb, der prompt verboten wurde. Sein vorwärts geneigtes Heck, das separate Ruderblatt und die Trimmklappe am Kiel von "Tina" wurden bald kopiert. Carter begann damit, dass er das Ruder vom Kiel abnahm und es unter dem Heck montierte, weil der Raumschotsritt unter Spinnaker vom Fastnet Rock nach Südengland von den mutigsten Steuerleuten mit kursstabilen Booten gewonnen wurde, die möglichst nicht aus dem Ruder laufen. Seine verrückteste Idee, der seitwärts drehbare Kiel für „Ydra“, verschwand im nautischen Kuriositätenkabinett.
The mystery man of Yachting
New York Times über den Newcomer Dick Carter
„Red Rooster“ segelte mit einem aufholbaren Schwenkkiel. Damit hatte Carter im pappflachen Solent mehr Spielraum und stolperte bei schnellen Spinnakerritten nicht über den Kiel. Carter kam vom Jollensegeln. Er wusste wie es geht. Für den Eintonner „Ydra“ dachte er sich ernsthaft eine Vorrichtung zum Drehen des kompletten Kiels aus, die wie ein Ruderblatt mit begrenztem Anschlag funktionieren sollte. Diese Finesse war der Wochenzeitschrift „Spiegel“ 1971 einen Artikel mit dem Titel „Tricks unter Wasser“ über die deutschen Eintonner-Pokal-Ambitionen wert. Der gesamte Kiel liess sich mit einem an Deck montierten Handrad um 5 Grad drehen. Falls Sie das für gesponnen halten und nicht glauben, überzeugen Sie sich anhand des folgenden Bildes.
Als die bislang üblichen Holzmasten durch Aluminium ersetzt wurden, zog Carter als Erster die Fallen innen durch die damals neue Maströhre. Gemeinsam mit Olin Stephens und Ericus Gerardus „Ricus“ van de Stadt zog er die Strippen für die International Offshore Rule (IOR) zum Hochseesegeln zu weltweit einheitlichen Bedingungen. Wer eine neue Yachtvermessung entwickelt, steckt derart im Thema, dass er international erfolgreich ist.
Carter gewann Regatten mit Prototypen
Als Shootingstar der Regattabahnen unterhielt er sich mit dem britischen Premierminister George Edward „Ted“ Heath über Boote, zeichnete für den segelbegeisterten Bankier Edmond de Rothschild, den italienischen Geschäftsmann Raul Gardini, den Dirigenten Herbert von Karajan, auch die bremischen Segelmacher Berend und Hans Beilken. Amüsiert beobachtete er, wie der FIAT-Erbe Giovanni Agnelli in Cowes mit Krokodilleder-Slippern an Bord kam.
1969 suchte die schwedische Storebro Werft ein neues Segelyachtmodell für ihre Fertigung. Nachdem eine finnische Werft die Carter 33 zu schwer gebaut hatte, guckte er sich den Betrieb in der südschwedischen Provinz einige Tage an und stimmte dem Bau seiner Entwürfe zu.
1970–84 laminierte Storebro die Carter 40, drei IOR-Zweitonner Carter 42 und die auf der Carter 33 basierende Storebro 33 in GfK. Die Bootsbauer gaben sich Mühe, indem sie bei Beginn der Zusammenarbeit jedes an Bord der Carter 40 gebrachte Bauteil wogen. Damit gelang ihnen, was sonst praktisch nie klappt. Das Boot wurde leichter als entworfen.
Carter dachte sich Regattaboote, Serienyachten und Einzelbauten von 10 bis 39 Meter aus. In den turbulenten Jahren des yachtbaulichen Umbruchs fing Carter mit Stahlrümpfen an, zeichnete für Abeking & Rasmussen und Huisman in Alu, dachte in Gfk, Sandwich bis hin zur formverleimten Bauweise.
Carter gelang das alles innerhalb von 15 Jahren in beeindruckendem Tempo. Seine Voraussetzungen waren Unabhängigkeit, Neugier und eine Jugend mit intensiv genossenen Stunden an Schot und Pinne.
Als er bei der US Air Force in Deutschland stationiert war, kaufte er 1953 einen gebrauchten Porsche 356 mit geteilter Frontscheibe in der damaligen Trendfarbe Radiumgrün. Der Dollar war strong und die D-Mark weich. Er bestand auf der Montage der vermutlich einzigen Anhängerkupplung an einem Porsche und fuhr damit zur englischen Nationalmeisterschaft der Firefly-Klasse. Er kam in letzter Minute, takelte das werftneue Boot auf und absolvierte die Regatta als Dritter von 90 Teilnehmern. Nachdem er einige amerikanische Meisterschaften gewonnen hatte, meinte er, er hätte das Spiel verstanden.
Es gibt nichts Befriedigenderes, als im völligen Einklang mit einer Jolle zu segeln
Dick Carter
Zeit für etwas Neues. 1962 brachte er das Marketing des Segelmachers Ted Hood mit einer pfiffig getexteten Anzeigenkampagne in Schwung und segelte im Jahr darauf seine erste Fastnet-Regatta mit einem herkömmlichen Langkieler und begriff, dass Langkieler in grenzwertigen Situationen an der Pinne anstrengend sind. Zwei Jahre später kehrte er mit einer eigenen Konstruktion nach England zurück und gewann mit besagter „Rabbit“ dank grossem Abstand vom Ruder zum Kiel die Langstreckenregatta vom Solent um den Fastnet Felsen nach Portsmouth. Das Fastnet Race ist die Eigner Nordwand des Seesegelns.
Carter hatte Kunstgeschichte studiert, mochte klassische Musik ungefähr so wie Segeln und hatte vom Yachtentwurf keine Ahnung. Das war eine gleichermassen schlechte wie ausgezeichnete Voraussetzung. Denn es bot ihm einen Blick auf das grosse Ganze. Immerhin hatte er einen Kurs in technischem Zeichnen an der Yale University belegt. Die komplexe Materie der Yachtkonstruktion brachte er sich anhand des 1904 erschienenen Fachbuchs „Elements of Yacht Design“ eines gewissen Norman Skene selbst bei. Dank der Kontakte des Segelmachers Ted Hood zum Bootsbauer Frans Maas liess er „Rabbit“ in Holland aus dünnem Blech schweissen.
Ich segelte in einer Zeit, als der moderne Cruiser-Racer in der Luft lag
Dick Carter
Nachdem er im Sommer 1965 mit der richtigen Idee bei passendem Wetter um Fastnet Felsen segelte, ging es Schlag auf Schlag. Der Absolvent eines kunstgeschichtlichen Studiums und Einflüsterer des Storytelling-Marketings entwickelte die Paukenschläge der Regattabahn namens Tina, Optimist, Red Rooster und Ydra.
Jetzt versilberte er seinen Namen mit seinem Konstruktions- und Vertriebsbüro namens Carter Offshore für gefragte Serienboote, die nicht mehr aus Stahl geschweisst, sondern aus Glasfaser und Polyesterharz laminiert wurden. Die erste Carter 30 entstand in den USA, die Nachfolger dort, wo die Löhne stimmten und der Weg zum Kunden kurz war. Mehr als vierhundert Boote dieses Typs wurden Mitte der Siebziger bis Ende der Achtziger in Polen gebaut. Jahrzehnte später segelte eine Flotte von etwa 35 Carter 30 bei Moskau auf dem Klyazminskoye und Pestovoa See Regatten.
Wie er das alles hinbekam? Carter war als Ideengeber und geschickter Segler Aussendienstler auf dem Wasser und bei Siegeehrungen an der Front. Er flog um die halbe Welt, besuchte Werften und traf sich mit überwiegend europäischen Kunden. Gezeichnet wurden die Boote von Angestellten wie Jean-Yves Tanton, Robert Perry, Andersen.
Regattasegeln ist wie Malaria. Du wirst es nicht mehr los
Dick Carter
Boote sind ungeachtet ihrer Grösse und Kosten Modeartikel. So liess mancher Eigner den gefragten Trendsetter entwerfen. Die niederländische Huisman-Werft schweisste den 65-Füsser „Benbow“ aus Aluminium für einen italienischen Fabrikanten. Knapp 20 Meter Leichtmetall von Huisman waren damals ein Statement. Das Boot machte bei der Giraglia Regatta und mehreren Middle Sea Races von Malta um Sizilien von sich reden. Der Dirigent Herbert von Karajan fing mit seiner ersten „Helisara“ einem Eintonner nach Carters Plänen, vergleichsweise bescheiden an. Wegweisend war auch Carters erstes, für seinerzeitige Verhältnisse grosses Boot von 54-Fuss namens „Coriolan“. Es entstand damals bereits in Sandwich-Bauweise. 1974 lieferte er die Pläne für einen der ersten IOR-Maxis namens „Christine“. Der 25,50 m Renner entstand aus formverleimtem Holz und machte auf kalifornischen Regattabahnen und der grossen Raumschots-Segelsause von San Francisco nach Hawaii von sich reden.
Carters Segelmaschine zur OSTAR 1972
1960 hatten die Engländer „Blondie“ Hasler und Francis Chichester sich eine Einhandregatta von Ost nach West über den Atlantik ausgedacht. Es gab nur eine Bedingung: Die 2820 Seemeilen von Plymouth nach Newport waren mit einem beliebigen Segelboot ohne Motorhilfe zu absolvieren. Daraus wurde das Observer Single-Handed Transatlantic Race, benannt nach der seit 1791 erscheinenden englischen Sonntagszeitung „The Observer“ als Sponsor. Da die Länge freigegeben war, setzte Carter mit 35,50 m Wasserlinie auf Länge läuft. Das Boot sollte Am-Wind-Geschwindigkeiten von bis zu 15 Knoten erreichen. Die Frage, wie sich ein derart grosses Boot allein handhaben lässt, löste Carter mit einer speziellen, aus drei 89 qm Baumfocks bestehenden Besegelung, die sich passend zum Wind einhand setzen oder komplett bergen liessen.
Während der Cowes Week im August 1971 bahnte Carter mit dem französischen Filmregisseur Claude Lelouch den Entwurf und die segelfertige Lieferung der 39 m Segelmaschine „Vendredi 13“ an. Anfang April 1972 hob die Tecimar Werft das grösste Glasfaserboot der Welt in den Hafen von St. Nazaire. Weniger bekannt ist, dass es damals schon ein Sandwichbau war, dessen Kernmaterial aus harzimprägniertem Schaum bestand, eine Spezialität der Werft. Es wog ganze 35 Tonnen. Gebaut war es für die brutalen Bedingungen der kürzeren, nördlichen Route mit reichlich Wind und Seegang von vorn.
Das Boot war in mehrerer Hinsicht ein Prototyp. Der Auftakt der Regatta war mit zweistündigem Vorsprung bei Lizard Point vielversprechend. Mitten auf dem Atlantik wurde die Segelmaschine, die Franzosen nannten sie „le monstre“, von Alain Colas’ Trimaran „Pen Dick IV“ bei leichtem Wind auf der gleichen nördlichen Route überholt. Dieser zweite Platz der 52‑Boot‑Flotte war angesichts des kühnen Konzepts und enormen Aufwands Carters schmerzlichster Misserfolg.
Als Northshore Yachts in Chichester Harbour am Solent ein neues 33 Fuss Boot bringen wollte, entwickelte Carter einen Schwingkieler, dessen Tiefgang sich von 200 auf 30 Zentimeter reduzieren liess. Ein Traum für jedes Tidengewässer und Fahrtensegler, die individuelle, bezahlbare und geschützte Ankerplätze mögen. Das Modell wurde zum Auftakt der gefragten Southerly-Schwingkieler. Man watet von diesem Boot durch knietiefes Wasser an Land.
So gelangten damals Erkenntnisse vom Regatta- zum Tourensegeln. Carter Offshore hatte Vertretungen in Schweden, England, Italien, Südfrankreich und Griechenland.
Auch Carters Idee zur Handhabung der Segel sprach sich herum, beispielsweise zur Takelage des Dreimasters vom Showmaster Hans-Joachim Kulenkampff. Als es noch keine Segelrollanlagen und selbstholenden Winschen gab, war das die ultimative Lösung zur Handhabung grosser Boote von kleinen Crews. 1979 übertrug er sein Stagsegelschoner-Konzept auf den italienischen Zweimaster namens „Luna“.
Vom Luna zu den Perini Motorseglern
Als der Papiermaschinenfabrikant Fabio Perini aus Lucca über ein riesiges und dennoch handhabbares Boot mit wenig Tiefgang für seine Familie nachdachte, wurde er auf die Takelage von Carters Luna aufmerksam. Perini liess sich einen 39 m langen, 7,60 m breiten Schwenkkieler entwerfen, getakelt mit zwei gleich hohen Masten zum Setzen von Stagfocks. Neu war auch der Motoryachtlook mit Flybridge. Das Boot lief 1983 als „Felicitá“ vom Stapel. Es führte zur Entwicklung von Fabio Perinis Segelmanagement mit motorisierten Rollanlagen und selbststauenden Motorwinschen, die die Draht- oder Spectraschoten wie Baukräne auf versteckten Seiltrommeln ein- und abwickeln. Das ist heute Megayachtstandard. Daraus wurde die Megayachtwerft Perini Navi, die im Lauf der Jahrzehnte eine Flotte von 58 stattlichen Tourenyachten von 25 bis 88 Meter baute. Der Prototyp „Felicitá“ war eine Weile als „Clan VI“ unterwegs und heisst jetzt treffend „La Numero Uno“.
Als Carter Fabio Perini die Pläne übergab, plante er bereits seinen Abgang. Nach der Jollenära, Erfolgen mit seinen Cuppern und dem Entwurf immer grösserer Yachten und weiterer Schwingkieler für Southerly war er wieder einmal mit einem Thema, dieses Mal dem Segeln insgesamt, durch. Charter hat Regattasegeln mal mit Malaria verglichen, einer Krankheit, die man nicht loswird.
Nach den ereignisreichen und aufreibenden Jahren gelang ihm der Ausstieg dennoch. Er machte auch das konsequent, zog sich aus seinem rastlosen Leben als Aussendienstler von Carter Offshore nach Cape Cod zurück. In Südengland richtete er gemeinsam mit seiner Frau Andrea ein Gutshaus her. Mehr ist über die vergangenen Jahrzehnte aus Carters Leben nicht zu erfahren. Wahrscheinlich kehrte er zu seiner Ursprüngen zurück, beschäftigte sich mit Kunstgeschichte und hörte klassische Musik. Eine erstaunliche, in der Yachtwelt einmalige Wendung.
Bei der Beerdigung seines früheren Chefs und Mentors Ted Hood begegnete Carter nach vierzig Jahren seinem langjährigen Kollegen Yves-Marie Tanton. Tanton meinte, Carter müsse ein Buch über die wilden Jahre als Bootskonstrukteur schreiben. Fünf Jahre später brachte sich der 90-Jährige mit seiner schillernden Seglerlebensgeschichte in Erinnerung. Ein tolles Geschenk für Bootsmenschen und eine Empfehlung für alle, die mehr erwarten, als üblicherweise in Bootspostillen zu erfahren ist. Eine schöne Gelegenheit auch, das Bootsenglisch zu aktivieren. Es ist die 44 € wert und wird neuerdings vom englischen Fernhurst Verlag zusammen mit einem E-Book seines Segelfreunds Sandy Weld angeboten. Dieser Artikel basiert weitgehend darauf.
Wie Carters Memorien zwischen den Zeilen verraten, gabe es weitere Gründe für seinen Rückzug. Hinter den Kulissen wurde mit harten Bandagen gekämpft. Carter ärgerte sich über Intrigen, heimlich eingefädelte Proteste ohne Anhörung (Bugkorb-Affäre um „Rabbit“) und Ideenklau durch seinen Praktikanten Doug Peterson. Hinzu kam die Ölkrise, die Ende der Siebziger und Anfang der Achtzigerjahre der volatilen Bootsbranche arg zusetzte. Auch täuscht das Porträt des 37-jährigen Steuermanns vor dem legendären Fastnet Rock mit cooler Sonnenbrille und Arbeitermütze. Carter scheint ein cleverer wie introvertierter Mensch zu sein. Er hatte vorübergehend mächtig Gas gegeben. Im Grunde passte er nicht zum marktschreierischen Showbusiness der Bootsbranche.
Aus der Carter-Ära bleiben seine bewährten und ansehnlichen Boote. Mit ihren elegant zur Deckskante hin eingezogenen Bäuchen, dem sogenannten „tumble home“, dem vorwärts geneigten und bei einigen Entwürfen elegant kleinen Spiegeln erscheinen sie wie aus einer anderen Zeit. Sie sind im besten Sinne Sechziger.
Sie stammen aus einer beinahe vergessenen Ära des Bootsbaues, als eher Segler und Handwerker als Betriebswirte in den Werften das Sagen hatten, als sicherheitshalber mit mehr Material laminiert wurde, Haltbarkeit und Benutzbarkeit der Erzeugnisse unterwegs Ehrensache war. So gibt es in Frankreich und Italien Carter-Fanklubs. Seine „Rabbit“ segelt heute in einem Zustand an der ligurischen Küste, als wäre neulich erst aus der Halle von Franz Maas geschoben worden. Dort segeln auch die Carter-Cupper namens „Naif“ und „Orca“ für Raoul Gardini. Sie werden gehegt und gepflegt. Wie wohlhabende Italiener das machen, wenn sie etwas mögen.
Bücher und Websites
- Dick Carter: Yacht Designer: In the Golden Age of Offshore Racing. Seapoint Books, Brooklin/Maine, 2018, 328 Seiten. Gebunden, ISBN: 978-0-997 3920-7-4
- Dick Carter & Sandy Weld: The Golden Age of Offshore Yacht Racing, Fernhurst Books England, E-Book, ISBN: 978-1-917 801 263
- Spiegel-Artikel von 1971 zu Carters Drehkiel beim Eintonner „Ydra“
- Website zur Carter-Konstruktion Optimist
- Website zu Carter-Konstruktionen Tina, Carter 37 und 39.
- Die Dick Carter Association France betreibt eine Facebook-Gruppe namens „Les Amis des Dick Carter“.
Übersicht der Carter-Entwürfe (Auszug)
- Carter 3/4 Tonner = Carter 32: Entwurf 1975, etwa 45 GfK-Boote
- Carter 33: Entwurf 1971, 9,93 m GfK-Boot
- Carter 30: Entwurf 1972, 9,07 m Gfk-Boot
- Carter 37: ab 1973, etwa 60 Gfk-Boote anhand des "Ydra" Eintonners von Olympic Werft/Griechenland gebaut
- Carter 39: Vermutlich 1982–82, etwa 40 GfK-Boote, Olympic/Griechenland
- Carter 40 (in Schweden als Havsörnen 40 angeboten): 1970–74, 10 Gfk-Boote Storebro/Schweden
- Carter 42: 1972–73, drei IOR-Zweitonner namens „Aggressive“, „Air Mail“, „Tide Race III“ aus Gfk, Storebro/Schweden
- Storebro 33: 1977–84, 61 Gfk-Mittelplicht-Boote
- Carter Zweitonner: Entwurf 1980, 12,47 m
- Carter 25 Dingbat: Vierteltonnerentwurf 1977, zahlreiche Boot in USA gebaut
- Carter Dreivierteltonner: Entwurf 1973, 10,06 m
- Carter 35: Entwurf 1982, 10,5 m Schwingkiel-Fahrtenboot
- North American 40: 1978-81, 45 Boote von Morgan Yachts in Florida gebaut
- Orca 43: Entwurf 1972, Admirals Cupper, 4 Boote von Vorgänger der italienischen Del Pardo Werft
- Southerly 33 (bald Southerly 105 genannt): 105 Boote 1978–85, zur "Southerly 115 weiterentwickelt. Gefolgt von weiteren Modellen bis zur 6 x gebauten Schwingkiel-Fahrtenketsch Southerly 145
- Tanzer 10 ab 1983 Tanzer 10.5: 1980–86 in Quebec/Kanada gebaut
- Texas One Ton (Carter 36): Entwurf 1974
- Tina Eintonner: 15 Stahlboote, 25 aus GfK, 1967–69 von Maas-Werft in Breskens (Niederlande)
