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Neue Ära für Frachtsegler

Französische Chocolatiers wollen sich ihre Kakaobohnen nur noch per Frachtsegler liefern lassen.

Neue Ära für Frachtsegler
Ganz schön cool für einen Frachtsegler, oder? © Grain de Sail

Französische Chocolatiers lassen sich bis zu 32 Tonnen Kakaobohnen, Kaffee nur noch per Frachtsegler liefern. Seit 2020 befährt "Votaan" den Atlantik. Baukosten: mehr als eine Million Euro.

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 21.12.2021

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Frachtsegler haben wieder eine Zukunft!
  • Das Geschäft mit ökologisch korrekt gelieferten Waren läuft immer besser.
  • Doch nicht nur alte, restaurierte Segler kommen zum Einsatz.
  • Französische Chocolatiers wollen in Zukunft auf ihrem eigenen , modernen Aluminium-Frachtsegler möglichst schnell ihre Kakaobohnen über den Atlantik segeln.

Verkehrte Welt. Da lebt man in einem Zeitalter des sogenannten technologischen Fortschritts, in dem gigantische Containerriesen Abermillionen Tonnen Waren in Rekordzeiten über die Ozeane transportieren, und dann das: Schiffsmakler und Reeder bieten wieder Güterverkehr unter Segeln an. Mit wachsendem Erfolg!

Ganz vorne dabei sind – wie so oft, wenn es um Segeln geht – die Franzosen. Entlang ihrer Atlantischen Küsten gibt es in der Normandie, Bretagne und weiter unten im Vendée bereits mehrere Schiffsmakler und sogar Reeder, die sich auf den Transport von Waren mit meist alten, liebevoll restaurierten Frachtseglern spezialisiert haben. Ihre Argumente im Umgang mit potentiellen und bereits bestehenden Kunden sind ökologisch wie ökonomisch-qualitativ ausgerichtet.

Als Beispiel sei hier die Schiffsagentur TOWT (Transoceanic Wind Transport ) genannt. Ihre jungen «Macher» sind in Frankreich dank moderner Medien-Arbeit bereits (fast) überall bekannt. Und ihre Herangehensweise ans neue/alte Geschäft hat längst Schule gemacht. Mittlerweile «bedient» die Agentur Routen entlang der europäischen Atlantikküsten, Transatlantik-Routen nach und von den Antillen sowie in und von den USA.

So sehen die Routen des neuen Frachtseglers aus
So sehen die Routen des neuen Frachtseglers aus © Grain de Sail

Zu langsam oder schnell genug?

Klar, wer segelt, verbraucht keinen Treibstoff, schützt also die Ressourcen und pustet keinen Dreck in die Luft. Doch reichen solche Fakten noch lange nicht, um Produzenten und Händler davon zu überzeugen, ihre Waren unter Segeln zu transportieren. Zu lang ist die Liste der Nachteile und Unwägbarkeiten: Die Frachtsegler sind im Vergleich mit den Container-Konkurrenten sehr langsam, durch Wetterabhängigkeit unpünktlich und zudem kaum für ökonomisch interessante Produktmengen ausgelegt.

Und dennoch funktionieren Konzepte wie die von TOWT ganz offensichtlich. Das liegt vor allem daran, dass die Betreiber neue, und irgendwie dann doch wieder alte Wege beschreiten.

So konnten Reeder und Schiffsmakler meist solche nachhaltig produzierenden Manufakturen für die Frachtsegelei begeistern, die klassisch, also vor vielen Jahren in der Prä-Motor-Ära bereits auf Frachtseglern ihre Produkte transportierten. Kaffee, Kakao, Tee, Rum, Portwein, ja sogar edle Bordeaux-Weine in Holzfässern finden ihren Platz im Lagerraum.

Laderaum
Laderaum © Grain de Sail

Solche Luxus-Produkte erfahren nach Angaben der Händler eine eindeutige Wertsteigerung, wenn sie auf die ökologische und traditionelle Art transportiert wurden. Und Portweinen sowie manchem Bordeaux verhilft die hoffentlich sanfte Schaukelei in der langen Atlantikdünung durchaus zu mehr Reife und Qualität. Damit die Kunden letztendlich einen teureren Preis für die außergewöhnliche Transportmöglichkeit bezahlen, muss allerdings eine Voraussetzung erfüllt sein: Sie sollten davon erfahren!

Hierfür haben die Schiffsmakler und Reeder der neuen/alten Frachtsegler zu einem bewährten Mittel gegriffen und mal eben eine neue Marke respektive Gütezeichen ins Leben gerufen.

So sind mittlerweile sogar schon in französischen Supermärken Produkte zu finden, die mit dem Label «unter Segeln transportiert» gekennzeichnet sind. Zudem etablieren sich erste Boutiquen, die ausschließlich solche Waren feilbieten; ganz zu schweigen von ersten eigenen Marken, die von den Reedern und Bootsmakler speziell für Frachtsegler ins Leben gerufen wurden.

Segelverrückte Chocolatiers

Mit einem ähnlichen Ansatz ging auch die junge Manufaktur «Grain de Sail» ans Werk. Ihr Firmenname ist ein typisch-französisches Wortspiel: grain de sel bedeutet eigentlich Salzkorn, das wiederum in französischen Schokoladen sehr beliebt ist; und «sail» deutet eben auf eine Passion fürs Segeln hin. Seit 2010 produzieren die Mitarbeiter des StartUps in Morlaix/Finisterre Schokolade vom Allerfeinsten, für die sie von allen Seiten mit «Ruhm und Ehr» überhäuft wurden. Seit 2013 betreiben sie zusätzlich eine Kaffeerösterei und einen edlen Kaffee-Ausschank direkt neben der Schleuse von Morlaix. Ehrensache, dass ein Großteil der Rohstoffe für ihre Leckereien per Frachtsegler transportiert wurden.

Reichlich Platz für Schokolade, Kaffe und Co.
Reichlich Platz für Schokolade, Kaffe und Co. © Grain de Sail

Doch damit nicht genug. Von Anfang an hatte sich die segelverrückte Crew von «Grain de Sail» auf die Fahnen geschrieben, dass sie auch die Welt des Frachtsegelns im gewissen Sinne revolutionieren werde. Im Gegensatz zu den meisten gängigen Frachtsegler-Reedern, die ausschließlich auf klassische Schiffe setzen (Beispiele: Très Hombres des niederländischen Fairtransport und die deutsche Timbercoast), wollen die Bretonen nun einen anderen, innovativeren Weg beschreiten: Mit einem neu gebauten Frachtsegler, der 2020 getauft wurde.

Die Votaan in einer frühen Version. Aus diesem Blickwinkel erinnert sie sogar an einen modernen 60-Fuß-Hochseerenner
Die Votaan in einer frühen Version. Aus diesem Blickwinkel erinnert sie sogar an einen modernen 60-Fuß-Hochseerenner © Grain de Sail

«Votaan» heißt der "Kakao-Clipper" und wo er auftaucht, ist er so etwas wie eine kleine Sensation – nicht nur für Salzbuckel.

22 Meter Länge, 495m2 Segelfläche, 35 Tonnen Zuladung

Die «Votaan» war eine Herausforderung für ihre Designer, Konstrukteure und Schiffsbauer. Erst nach vier Jahren intensiver Arbeit am Riss und den Bauplänen gaben schließlich die Französischen Behörden für Handelsschifffahrt und die technische Aufsichtsbehörde Veritas ihr Okay zum Bau des Frachtseglers.

Auch interessant für zahlende Passagiere?
Auch interessant für zahlende Passagiere? © Grain de Sail

Etwas Technik:

  • 72 Fuß (22m) Länge
  • 31 Tonnen Verdrängung (ohne Ladung)
  • 35 Tonnen Lastaufnahme
  • Die Ladung wird auf speziellen Paletten gesichert im Bauch und an Deck des Schiffes untergebracht
  • Zwei gleich hohe Masten, Schoner-Rigg
  • Die Profi-Crew wird aus nur vier Seeleuten bestehen
  • Kojen für zwei zahlende Passagiere
  • 356m2 Segelfläche am Wind
  • 495m2 vor dem Wind
  • Motor 115 PS
  • Tiefgang voll beladen: 3,50m
  • Alle Manöver sind vom Cockpit aus möglich
  • Sechs Segel sind vorgesehen: Von der Sturmfock bis zum asymmetrischen Spi

Die segelnden Chocolatiers wollen wohlgemerkt nicht von ihrer ursprünglichen Passion abweichen und zu Seeleuten konvertieren, behalten sich aber die eine oder andere Atlantik-Überquerung auf ihrem Frachtsegler vor – nur der Kontrolle halber, man weiß ja nie.

Entsprechend werden derzeit Kakaobohnen am häufigsten auf der «Votaan» transportiert. Zudem sind die oben erwähnten klassischen Produkte im Bauch des neuen Frachtseglers zu erwarten. Etwa eine Million Euro wurde für den Bau der «Votaan» aufgewendet, wofür «Grain de Sail» finanzielle Unterstützung durch die französischen Handels-, Seefahrts- und Umweltministerien erhält. Zudem wurde der Bau von privaten Investoren finanziert, die im Prinzip «Frachtsegeln» viel ökonomisches und ökologisches Potential sehen.

Wer weiß, vielleicht spezialisieren sich ja bald schon die ersten Werften auf den Bau von Frachtseglern? Zukunftsmusik mit nostalgischem Beiklang…

Wenn es schnell und trotzdem nostalgisch gehen soll
Wenn es schnell und trotzdem nostalgisch gehen soll © Grain de Sail

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