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Segelboot-Klassen8 min Lesezeit

Klasse, diese neue Einheitsklasse!

Die Hochsee-Regatta-Szene tendiert zum Shorthanded-Segeln – aber bitte auf One Design!

Klasse, diese neue Einheitsklasse!
Die Sun Fast 30 OD – neue, seegängige Shorthanded-Klasse mit Potenzial zum Bestseller

Mit One Design-Booten und -Yachten wird Regatta-Segeln auf See attraktiver. Fügt man dieser Erkenntnis den Trend zum Shorthanded-Segeln hinzu und bringt drei tonangebende Vereine aus Frankreich, Großbritannien und den USA ins Spiel, ergibt das in der Summe die Sun Fast 30 OD.

Von Michael Kunst, veröffentlicht am 08.03.2024

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Warum Shorthanded-Segeln auf der See im Trend liegt
  • Mit One Design-Booten und -Yachten wird Regatta-Segeln auf See attraktiver
  • Warum sich drei Vereine aus Großbritannien, Frankreich und den USA zusammengetan haben
  • Die Sun Fast 30 OD – eine Einheitsklasse mit Potenzial

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Es stimmt, wirklich neu ist der Trend zu kleinen Besatzungen auf seegängigen Segelbooten und -yachten nicht. Denn schon seit Beginn der „modernen Zeiten“ unter Segeln, also rund um die vorletzte Jahrhundertwende, tendierten Segler zu eher kleineren Booten, auch um unabhängiger vom stressigen „hat-meine-Crew-morgen-Zeit-zum-Segeln?“-Gedöns zu sein.

Zudem gab es immer mehr Menschen, die es nicht einsehen wollten, dass Segeln wirklich nur den „oberen Zehntausend“ gegönnt sein sollte. Wo man „gesegelt wurde“ und nur selten an der Schot riss oder selbst beim Segelsetzen Hand anlegte.

Entsprechend tendierten und expandierten die Werften zu buchstäblich handlicheren, für Normalverdiener finanzierbaren Sportboot-Größen, die man selbst in Zeiten, als es noch keine Winschen oder „Knarrblöcke“ gab, problemlos zu Zweit oder sogar alleine bewegen konnte.

Je aufwendiger, desto größer die Chancen

Über die letzten 125 Jahre hinweg blieb die durchschnittliche Bootsgröße für Wassersportler und sonstige Freizeitkapitäne dann auch im überschaubaren Größen- und Kostenbereich. Die mittlerweile enorme Auswahl auf dem Bootsmarkt machte den Unterschied; heute kann man bekanntlich Boote und Yachten in allen nur erdenkbaren Längen- und Preiskategorien erwerben. Neu und gebraucht, wie eindrücklich auf Boot24 zu sehen ist.

Lediglich im Hochsee-Regattasport verlief der Trend zwangsläufig in die entgegengesetzte Richtung. Wer bis in die Achtzigerjahre hinein auf Hoher See um die Wette segeln wollte, benötigte große Boote und mindestens ein halbes Dutzend Crewmitglieder. Faustregel: je länger und aufwendiger die Boote, desto größer die Chancen auf Erfolg.

Einhand, zweihand… shorthanded

In Großbritannien, Frankreich, Spanien und Italien entwickelte sich etwa ab der Mitte des letzten Jahrhunderts jedoch eine neue Form der Regattasegelei auf Hoher See. Man und immer öfter auch frau segelten alleine (Segeldeutsch: einhand) in noch kleinen Flotten über den Atlantik, Pazifik oder sogar um die Welt. Zudem wurden Anfang der Neunzigerjahre die ersten Langstrecken-Shorthanded-Regatten (zwei Personen) ins Leben gerufen, die nach anfänglich verhaltenem Erfolg bald erstaunlich Teilnehmerzahlen vorweisen konnten.

© jeanneau
© jeanneau

In Frankreich begann zeitgleich die Classe Mini, 6.50 m kurze, hochseegängige Boote für Einhand- und Shorthanded-Regatten, zu boomen. Und die Solitaire du Figaro wurde immerhin bereits seit 1970 für Einhandsegler in mehreren Etappen entlang der französischen Atlantikküste, im Ärmelkanal und der irischen See auf One-Design-Booten gesegelt. Kurz nach der Jahrtausendwende folgte die heute sehr populäre Class40.

Diese Bootsklassen gelten derzeit als Talentschmiede und eine Art Sprungbrett für erfolgreiche Kampagnen in der IMOCA-Klasse – 60 Fuß-Rennmaschinen, die u.a. bei der legendären Vendée Globe einhand und nonstop um die Welt geprügelt werden.

Nur mit Vergütung gegeneinander Segeln

Heute gehört es in nahezu jeder größeren Sportbootwerft zum „guten Ton“, mindestens ein oder zwei regattataugliche Shorthanded-Boote für Einhand-Abenteuer oder zumindest sehr sportliches Seesegeln zu Zweit anzubieten. Die Größenklassen dieser meist sehr innovativ gestalteten Boote bewegen sich zwischen 6.50 m und 16 m.

Womit wir bei einem Problem angekommen wären, das sich bereits seit mehreren Jahrzehnten unter diesen Shorthanded-Bootsmodellen für die See abzeichnete: Sie können nur mit Vergütungs- respektive Handicap-Bewertung gegeneinander regattieren.

Ein seit Jahrzehnten gängiges Vergütungssystem ist Yardstick; bessere Ergebnisse liefern Vergütungsfaktoren nach ORC oder International Measuring System (IMS), die aber komplizierter als die Yardstickzahl ermittelt werden und regelmäßige, teilweise kostspielige Vermessungen erfordern.

Erster und doch kein Sieger

So kann es auf den See-Bahnen und auf größeren Binnenrevieren zu teils paradoxen Regatta-Situationen kommen: Trotz gleicher Länge, Breite und Segelfläche ist das Boot mit line-honors (also erstes Boot im Ziel) nicht zwingend der Sieger.

Prinzipiell sollte es also das Ziel der Yachtkonstrukteure sein, regattataugliche Boote so zu entwerfen und konfigurieren, dass sie möglichst gut in die gängigen Vergütungssysteme „passen“. Doch das steht häufig im Widerspruch zur Innovationsfreude und Kreativität der Konstrukteure und kann dazu führen, dass hochmoderne, technisch auf dem neuesten Stand segelnde Boote in den Vergütungssystemen nicht adäquat bewertet werden.

© jeanneau
© jeanneau

Logische Konsequenz der Werften: Man entwirft sogenannte One Design-Modelle (OD). Diese Einheitsklassen werden nach einem streng festgelegten Bauplan gefertigt und somit nahezu baugleich auf den Markt gebracht. OD-Boote können sogar von unterschiedlichen Werften gebaut werden – vorausgesetzt der Bauplan wird penibel eingehalten. Was wiederum von Vermessungstechnikern vor dem Start großer Regatten überprüft wird.

Die Idee dahinter: werden möglichst viele Boote der jeweiligen Klasse respektive Modellreihe verkauft, können sich ansprechend große Regattaflotten und -serien bilden, in denen die Segler unter gleichen Bedingungen an den Start gehen. Oder anders ausgedrückt: Wer als Erster ins Ziel segelt, ist auch Sieger!

One Design – unter gleichen Bedingungen starten

Das funktioniert relativ gut mit Jollen (aller Größenklassen: Laser, 49er, 29er, 420er, 470er etc.), hat aber bei Seeregattabooten einen gewissen finanziellen Nachteil. Denn bis sich ausreichend Eigner für ein meist teures, seegängiges Regattamodell für tatsächlich stark frequentierte One-Design-Regattaserien finden lassen, kann dessen Performance bereits wieder überholt sein.

Dennoch hat es gerade im Hochsee-Shorthanded-Bereich (inkl. einhand) im regattaspezifischen Sinne immer wieder erfolgreiche OD-Modelle gegeben. Das berühmteste dürfte nach wie vor die erwähnte Figaro-Serie von Benéteau sein. Auch heute noch gelten Figaro-Regatten – egal ob shorthanded oder einhand – als „Hohe Schule des Seesegelns“. Mehr als die Hälfte aller französischen Profi-Regattasegler war vor ihren aktuellen Kampagnen im Figaro unterwegs.

Im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte gab es seitens der Werften und Konstruktionsbüros schätzungsweise 25 Versuche, eine One Design-Klasse für Seeregatten in Bootslängen bis ca. 14 m auf dem Markt zu etablieren. Doch nur wenigen war es vergönnt, tatsächlich Regattaflotten mit Teilnehmerzahlen von 20 Booten/Yachten und mehr an den Start zu bringen.

Back to the Race-Roots

Ein vielversprechender „Wurf“ gelang kürzlich der deutschen Dehler Werft mit der „Dehler 30 OD“ . Die seit Jahrzehnten renommierte Werft hatte in den Achtziger- und Neunzigerjahren neben sehr erfolgreichen Fahrtenyachten spannende und erfolgreiche Regattaboot-Entwürfe realisiert und dominierte über einen, wenn auch kurzen Zeitraum, die europäischen Regattafelder.

© Dehler/Hanse Yacht
© Dehler/Hanse Yacht

Mit der Dehler 30 OD gelang nun ein spannender „Back-to-the-Race-Roots“-Entwurf, der es schaffen könnte, in kurzer Zeit größere Regattafelder ins Leben zu rufen. Trotz Pandemie konnten die Boote schon im ersten Jahr der Serienproduktion 2020 weltweit ausgeliefert werden, darunter neben Deutschland auch Frankreich, Italien, Griechenland, Dänemark, Ungarn, Niederlande, Australien und die USA.
Grundpreis der Dehler 30 OD: ca. 180.000 Euro – ohne Segel und Mehrwertsteuer.

Wieviel darf ein Clubboot kosten?

Womit wir beim „lieben“ Geld angekommen wären. Denn der schnöde Mammon spielt auch bei der Entwicklung der jüngsten One Design-Klasse für Seeregatten eine primäre Rolle: Die Sun Fast 30 OD.

Initiiert wurde das Projekt ursprünglich von drei internationalen Parteien: der Union Nationale pour la Course au Large (UNCL, Frankreich), dem Royal Ocean Racing Club (RORC, Großbritannien) und dem Storm Trysail Club (STC, USA). Die drei Clubs veröffentlichten eine Design-Ausschreibung, welche den Offshore-Segelsport fördern soll, indem es ihn für die jüngere Generation und für Vereine respektive Clubs zugänglicher und erschwinglicher macht.

Dreißig Fuß sollte das Boot lang sein, modernen Ansprüchen beim Rigg, dem Segelkleid und der Gleitfähigkeit genügen, allerdings „Spielereien“ wie Foils von vornherein auslassen. Die wären ohnehin zu teuer gewesen, denn ursprünglich sollte der Grundpreis der neuen Klasse die 100.000 Euro (exkl. MwSt.)-Marke nicht übersteigen.

Die drei Clubs formulierten also eine Ausschreibung, auf die sich mehrere Werften, auch mit laufenden Projekten oder Modellen, bewarben. Doch trotz grundsätzlicher Eignung so mancher Boote scheiterten alle Vorschläge an der Preishürde.

50-75 Boote per anno angepeilt

Schließlich gewannen die Designer von VPLP und die Konstrukteure bei Multiplast – beides renommierte Adressen in der französischen Seeregatta-Szene. Zwar wurde nach Bekanntgabe der Entscheidung offensichtlich, dass die Preisschraube gelockert worden war. Man war mit dem neuen Konzept einer „Classe 30“ oder „Class30“ preislich noch deutlich unter den Angeboten der anderen Werften, die nahezu alle mit ihren teils bereits bestehenden bzw. noch zu entwickelnden Entwürfen knapp unter 200.000 Euro lagen.

Doch der Aspekt „One Desgin“, also Baugleichheit unter strengen Regeln, benötigte für den Bau in Serie einen Profi – eben eine Serienwerft. Multiplast kann zwar aufwendige und erfolgreiche Boote bauen, wenn es sich jedoch um Produktionen mit einer angepeilten Stückzahl von 50 bis 75 Booten per anno handelt, müssen solche Custom-Edelschmieden passen.

Das brachte wiederum Jeanneau ins Spiel. Die Werft aus dem Benéteau-Konglomerat war und ist bekanntlich seit Jahren mit der Sun Fast-Serie im Performance Cruiser-Bereich erfolgreich und hat mit der Sun Fast 3300 (im doppelten Wortsinne) einen echten Renner auf den Markt gebracht.

© jeanneau/multiplast
© jeanneau/multiplast

Der neue Einheits-Racer aus Frankreich namens Sun Fast 30 OD kann mit einem Sparecraft-Kohlefaser-Mast aufwarten, bringt stark gepfeilte Salinge ins Spiel, verzichtet auf Achterstag und trimmt dafür mit Top-Backstagen (Runners). Das Großsegel ist wie im Rennbereich üblich mit Squaretopp geschnitten, die Genua lappt ungewöhnlich weit über und – logisch – auf Raumen Kursen wird die neue Sun Fast 30 OD mit einem Gennaker auf Hochtouren gebracht. Die Konstrukteure peilen Höchstgeschwindigkeiten von über 20 kn an.

Recycling – endlich!

So weit, so gut, handelt sich doch bei allen bisher genannten Features mehr oder weniger um Standards im modernen Racer-Bereich. Was dieses Boot wirklich spannend und vorbildlich macht, sind die Materialien, die für den Rumpfaufbau verwendet werden.

Denn dieser Racer ist recycelbar! Alle Komposit-Teile der neuen Sun Fast 30 werden unter Verwendung von Öko-Harz (Arkema Elium®) laminiert. Elium ermöglicht den späteren Rückbau und das Wiederverwerten aller Verbundstoffteile, weil damit Fasern und Harz konsequent getrennt werden können.

Nach mehreren Jahren der Forschung und Entwicklung mit dem Verbundstofflieferanten Arkema wird die Sun Fast 30 One Design also das erste recycelbare Serienboot der Bénéteau-Gruppe sein. Zuvor war dieser Verbundstoff auf einer First 44 getestet worden.

Einen etwas bitteren Nachgeschmack gibt es allerdings. Nachdem in der Ausschreibung seinerzeit ein Verkaufspreis von ca. 100.000 Euro (exkl. Mwst) gefordert war, beläuft sich nun der VK auf 142.000 Euro (exkl. Mwst., ohne Segel). Das sind fast 50.000 Euro mehr als der zunächst angepeilte Preis. Doch die Klientel scheint das nicht sonderlich zu stören – das Boot wird munter von Clubs und Privatcrews bzw. Einhandseglern geordert. Ein Investor soll sogar 24 Boote gekauft haben, um Flotten in Lorient/Bretagne, Portsmouth/England und Marseille/Provence zum Regattacharter bereitzustellen.

SUN FAST 30 OD

  • LÄNGE Ü. A.: 10.4 M / 34'1"
  • RUMPFLÄNGE: 8.99 M / 29'6"
  • RUMPFBREITE: 2.99 M / 9'10"
  • BALLASTTIEFGANG STANDARD: 2 M / 6'7"
  • HÖHE ÜBER WASSERLINIE: 14.1 M / 46'3"
  • CE-KATEGORIE: A4 / B5 / C6

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