Praxis7 min Lesezeit

Bootspolitur - gewusst wie

Wie das Boot einen glänzenden Eindruck macht

Bootspolitur - gewusst wie
Professionell aufpoliertes Motorboot

Der Vorteil eines Bootes aus pflegeleichtem Kunststoff ist sein unschlagbarer Nutzwert. Ab und zu mal putzen reicht. Einen glänzenden Eindruck erzielt, wer es gelegentlich poliert. Wie man mit erträglichem Aufwand zu einem schönen Finish kommt.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 11.08.2021

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • wie altes und vernachlässigtes Gelcoat wieder glänzt
  • mit welcher Politur man zu guten Ergebnissen kommt
  • Handarbeit oder Maschine?
  • welche Maschinen empfehlenswert sind
  • selber machen oder polieren lassen?
  • warum "viel hilft viel" auch hier leider schlecht ist
  • Kosten

Wie in vielen Häfen zu sehen, kann man ein Motor- oder Segelboot aus pflegeleichtem Gfk weitgehend so lassen, wie es ist. Viele Boote, ganz gleich ob Jolle oder Yacht, werden gar nicht oder selten poliert. Beruflich und privat ausgelastete Eigner legen mit ihrem Boot in der kostbaren Freizeit lieber ab, genießen schöne Stunden auf dem Wasser.

Maschinenpolitur = besseres Ergebnis in 1/3 der Zeit

Liegt das Boot am fernen Liegeplatz, bleibt gerade mal Zeit zur nötigsten Instandhaltung, für die Technik, Deck schrubben, Proviant kaufen und Tanken. Am Mittelmeer, in England oder Skandinavien, wo auch die Nautik gelassener als im vergleichsweise pingeligen Deutschland, Österreich oder der Schweiz betrieben wird, spielt die Bootspflege eine untergeordnete Rolle. Man nimmt sich mehr Zeit zum Leben und Genießen. Mattes und verwittertes Gelcoat wird übersehen.

Dabei sieht ein poliertes Boot Welten besser aus. Bereits etwas Paste, mit einem weichen Lappen aufgetragen und von Hand auf dem Gelcoat verrieben, wirkt Wunder. Wie ich aus eigener Erfahrung weiß, geht das nach langjähriger Vernachlässigung quadratzentimeterweise. Es ist mühsam. Gerade an Deck, wo es viele kleine Flächen, Fenster, Skylights, Lukendeckel, Rundungen, Ecken und Beschläge gibt. Zügiger geht es rings um die Bordwand des an Land aufgebockten Schiffs. Ich habe das jahrelang immer von Hand gemacht. Aus Gewohnheit, weil ich die Kosten einer gescheiten Poliermaschine scheute und weil ich schlicht keine Lust hatte, mich auch da noch reinzudenken. Es gibt wichtigere Themen im Leben und an Bord.

Vorsicht mit schleifmittelhaltiger Bootspolitur

Hartnäckig verdreckte Stellen, Abrieb von schwarzen Sohlen oder Fendern, Steifen zu dicht passierter Heckpfähle beim An- und Ablegen lassen sich mit einem sogenannten Rubbing, einer Politur, die etwas Schleifpaste enthält, rasch beseitigen. Ich habe eine Flasche davon an Bord. Aber Vorsicht. Werden die gleichen Stellen damit regelmäßig bearbeitet, wird das Gelcoat im Lauf der Jahrzehnte dünn. Ansonsten tut es eine Flasche Autopolitur, wie im Baumarkt oder an der Tankstelle zu bekommen.

Übliche Autopolitur aus dem Baumarkt und eine mit Schleifmittel
Übliche Autopolitur aus dem Baumarkt und eine mit Schleifmittel © Swedesail

Es gibt unzählig verschiedene Polituren und Bootseigner, die auf spezielle Produkte und angebliche Wundermittel schwören. Wer Spaß an einem glänzenden Boot hat und etwas für das I-Tüpfelchen, die Kosmetik seines Bootes tun möchte, nimmt sich etwas Zeit, um mit vertretbarem Aufwand flott zu Potte zu kommen. Profis lehnen übliche silikonhaltige Autopolituren ab, weil solche Chemie bei einer Lackierung des Bootes schlecht zu entfernen ist.

Die Jolle, ein kleines bis mittelgroßes Boot ist von Hand halbwegs flott poliert. Wenn man das Boot lange hat und natürlich bei großen Flächen lohnt eine Poliermaschine. Es gibt zwei Systeme, die Rotationsmaschine, wo sich der Polierteller um eine starre Achse dreht und solche mit einem Exzenter. Die Rotationsmaschine ist leichter, günstiger und bringt aber nur eine kleinere Fläche zum Glänzen. Polierfetischisten sind außerdem der Ansicht, dass man sich damit eher ein sogenanntes Hologramm auf die Bordwand bohnert.

Schleifmittelhaltige Paste zur Grundreinigung und zwei Polituren zur Versiegelung mit Carnaubawachs
Schleifmittelhaltige Paste zur Grundreinigung und zwei Polituren zur Versiegelung mit Carnaubawachs © Swedesail

Die Variante mit der exzentrisch geführten Polierscheibe bewegt sich zusätzlich zur Drehung seitwärts, was bessere Ergebnisse bringt. Sie ist schwerer und teurer. Auf den ersten Blick spielt das Gewicht keine Rolle. Wenn man dann stundenlang damit arbeitet, schon. Ich hatte zunächst eine Maschine mit 15 cm Polierteller bestellt, sie erschrocken vom Gewicht aber gegen das kleinere Modell getauscht.

Vergeblich versuchte ich zur Auswahl der Maschine im Internet Orientierung zu bekommen. Nach drei supernerdigen Filmen, wo die Kühlerhauben von Autos mit unfaßbarer Akribie poliert wurden (so würde nicht nicht mal mein Boot polieren - aber jedem sein Pläsier), und Beiträgen, wo es eindeutig um gezieltes Produkt-Placement von Bootspflegemitteln ging, rief ich entnervt den befreundeten Bootsbauer Jan Böhm an. Er riet mir zur Rupes BigFoot, einer Profimaschine. Ich rede mir die Anschaffung erschütternd teuren Werkzeugs immer damit schön, dass die Arbeit gut wird und ich lange davon habe.

großes Geschütz und kostspielig, dafür gut
großes Geschütz und kostspielig, dafür gut © Swedesail

Im Frühjahr polierte ich die Bordwand meines langen Bootes damit etwa in einem Drittel der Zeit und deutlich besserem Ergebnis, als mit zwei- bis dreitägiger Handarbeit die Jahre zuvor. Es braucht etwas Übung, bis man den Bogen raus hat und ich brauche wohl noch etwas Übung. Welche Drehzahl, welchen Polierschwamm, welche Paste und wie viel Druck braucht es im ersten Arbeitsgang, wenn hartnäckiger Dreck auf dem matten Gelcoat bearbeitet wird? Die Anleitung zur teuren Maschine gibt dazu leider nichts her. Der Polierschwamm wird wie die Klettscheibe beim Exzenterschleifer auf den Teller gedrückt. Es gibt von grob bis fein abgestuft Schwämme in verschiedenen Farben, bei der Rupes BigFoot von Grün und Blau über Gelb bis weiß. Andere Hersteller haben andere Farbzuordnungen.

verschiedenporige Polierschwämme in unterschiedlichen Farben
verschiedenporige Polierschwämme in unterschiedlichen Farben © Swedesail

Wissenswert

  • die Gelcoat-schichtstärke messen Profis mit einem speziellen Gerät
  • altes Gelcoat vergilbt nach der Politur früher als neues
  • glänzendes Gelcoat ist glatt. Dadurch wird das Kajütdach vieler Boote spiegelglatt

Stark verwittertes Gelcoat wird mit möglichst langsamer Drehzahl der Exzentermaschine, einem groben Schwamm und schleifmittelhaltiger Polierpaste und ordentlich Druck bearbeitet. Je niedriger die Drehzahl und je größer der Druck, desto mehr Abrieb gibt es im ersten Arbeitsgang. Man braucht dazu einen guten, sichern Stand, Kraft und auch Körpergewicht. Das Gestell, von dem aus die Bordwand poliert wird, muß stabil, die Standfläche sollte lang und breit sein. Idealerweise hat es seitlich und an der Rückseite ein Geländer. Vergessen Sie die Klappleiter oder einen Hocker/Tritt.

Wichtig sind auch die Lichtverhältnisse. Ich habe nachmittags bis in die Abendstunden hinein poliert. Abgesehen davon, dass man wegen schnell trockender Politur nicht in der prallen Sonne polieren soll, erkennt man bei gutem Licht überhaupt erst die Unterschiede zwischen unbehandelten, scheckigen bis hin zu einheitlich glänzenden Flächen.

Flott zu guten Ergebnissen kommt, wer mit viel Abrieb (grober Schwamm, schleifmittelhaltige Paste und viel Druck) poliert. Allerdings ist die Deckschicht des Celcoat überschlägig 0,4 bis 0,8 mm stark. Die tatsächlich vorhandene Schichtstärke ist von Bootsmarke zu Marke unterschiedlich und auch von der Tagesform des Laminierers. Wurde das Boot vorher regelmäßig oder achtlos mit viel Abtrag poliert, ist das Gelcoat irgendwann dünn. Man sieht beim Polieren eines älteren Bootes, wo das Glasfaserlaminat durchscheint. Dann steht die teure Lackierung des gesamten Rumpfes an.

Profis arbeiten das Gelcoat einmal gründlich auf, wobei die verwitterte äußerste Schicht abgetragen wird. Danach wird nur noch versiegelt. Das sieht schick aus und spart Arbeit. Eine gut versiegelte, glatte Oberfläche nimmt weniger Schmutz an und vergilbt nicht so schnell.

Vorbereitend zur Politur sollte der Rumpf über der Wasserlinie mit Oxalsäure (beispielsweise dem Produkt "Antigilb" des Herstellers Yachticon, oder dem, was der Bootsausrüster oder die Bootsabteilung des Baumarks im Regal stehen hat) behandelt sein. Man macht das idealerweise gleich nach dem Auswassern des Bootes am Kranplatz. Das Mittel etwa eine halbe Stunde auf der Bordwand einwirken lassen und beim Abkärchern des Unterwasserschiffes entfernen. Dann ist es in einem Aufwasch erledigt. Es lohnt sich, ab und zu die gesamte Bordwand bis hinauf zum Deck mit Oxalsäure zu behandeln. Versierte Eigner erledigen solche Kosmetik und auch das Antifouling malen schon im Herbst. Sie stellen ihr Boot dann poliert und unten herum fertig gestrichen in die Winterlagerhalle. So ist es im Frühling weitgehend startklar.

erste Schitte

  • wenn Sie noch nie ein Boot poliert haben, probieren Sie es erst mal von Hand
  • arbeiten Sie stets mit Einmalhandschuhen. Abgesehen davon, dass die Chemie schädlich für die Haut ist, behalten Sie den speziellen Geruch stundenlang an den Fingern. An die Arbeit mit Polierpaste erinnert sie die stumpfe Haut an den Fingerkuppen etwa eine Woche
  • weichen Lappen nehmen, zum Beispiel ein ausgedientes Handtuch in handliche 30 x 30 cm Stücke zerschneiden. Oder Bodenwischtuch/Aufnehmer aus dem Supermarkt. Die Tücher lassen sich nach Gebrauch in die Waschmaschine stecken und wieder verwenden
  • verschiedene Flächen mit und ohne Schleifpaste einreiben, Ergebnisse vergleichen. Im Zweifel die schleifmittelhaltige Paste weglassen
  • den ultimativen Glanz erreichen Sie mit Polierwatte aus dem Autozubehör/Baumarkt

Abgesehen von den Kosten ist der Gelcoat-Abtrag schleifmittelhaltiger Politur der Grund, warum ich mein Boot nicht polieren lasse: Profis, die das ständig machen müssen, nehmen das schärfere Geschütz, um rasch fertig zu werden.

Tipps

  • erkundigen Sie sich bei dem Kauf eines gebrauchten Gfk-Bootes mit Gelcoat-Außenhaut, ob und wie oft es poliert wurde
  • verwittertes Gelcoat läßt sich mit Geschick gut aufpolieren
  • es kann, muß jedoch nicht die Profi-Exzenter-Maschine sein. Eine handlich leichte und vermutlich haltbare Rotationsmaschine gibt es auch für etwa 125 €
  • Vorsicht bei der Auswahl: die erwähnte Rupes BigFoot gibt es auch mit Koffer und Schnickschnack unnötig teuer
  • die genannten Schwammsets reichen vermutlich für vier Polituren
  • nach der Vorbehandlung wurde der Rumpf in einem zweiten Arbeitsgang mit carnaubahaltigem Bootswachs eingerieben und mit einem feinporig weißen Polierschwamm bei hoher Drehzahl versiegelt
  • nehmen Sie sich Zeit, um mit der Maschine und den Verbrauchsmaterialien vertraut zu werden
  • achten Sie gerade für langsame Drehzahl und großen Anpressdruck auf eine sichere Standfläche: fahrbares Gestell mit Geländer oder ums Schiff verlegten Bohlen
  • zur Politur des Bootes braucht es gutes Licht, Platz rings ums Boot und einen ebenen Untergrund für das fahrbare Gestell
  • Deck, Kajütaufbau und Plicht lassen sich während der Saison an einem ruhigen Segel-, Anker- oder Hafentag polieren

Alle genannten Produkte wurden vom Autor regulär bezahlt.

Kosten

Beispielfläche nur Bordwand circa 38 qm

  • Rupes BigFoot LHR 15ES Exzenterpoliermaschine 125 mm Polierteller via Internet 285 €
  • vier Sets Polierschwämme (Blau, Grün, Gelb und Weiß) für 130 - 150 mm Polierteller 151 €
  • drei Tuben 300 ml Yachtcare Refinish One 39 € (zwei für Bordwand verbraucht)
  • Carnaubahaltiges Bootswachs 300 gr Dose, circa 20 € (reicht für 2-3 Polituren der Bordwand)
  • professionelle Politur circa 1.750 €

Weiterführende Links

VG