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Yachtkonstrukteure6 min Lesezeit

Robin oder die ideale Fahrtenyacht

Warum der amerikanische Segler Ted Hood auf schwere Boote schwor

Robin oder die ideale Fahrtenyacht
«Robin Hood» Typ Little Harbor 53 mit seitlichem Durchstieg in die Plicht © Lyman Morse

Es ist interessant, was Yachtkonstrukteure für sich selbst entwerfen und segeln. Ihre Boote verraten, wie sie ticken: zum Beispiel die «Robin» von Ted Hood.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 03.03.2026

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Einblicke in das Fahrtenyachtkonzept von Ted Hood
  • die Vorteile des Hoodschen Kielschwerters
  • V-förmiges Unterwasserschiff und Stauraum in Hoods Fahrtenbooten
  • weitere Ideen von Ted Hood zum sicheren Fahrtensegeln
  • Ted Hoods Little Harbour Segelyachten
  • sechs Kriterien für schnelle Fahrtenboote
  • seine lesenswerte Autobiografie

Seitdem der Mensch zum Vergnügen und nicht zum Broterwerb segelt, stellt sich die Frage nach dem idealen Fahrtenboot. Es gibt ganz unterschiedliche Antworten und jedes Jahr kommen neue dazu. Die Weiterentwicklung im Bootsbau machen es möglich, und natürlich aktuelle Trends. Der amerikanische Segelmacher, Regattasegler, Bootskonstrukteur und Erfinder Frederick Emmart «Ted» Hood (1927–2013) hatte eine klare Meinung dazu.

Denn Hood, der mit der Entwicklung der modernen Segelrollanlage das Tourensegeln bequem und sicher machte, entwarf 40 Boote für sich. Er wusste also aus eigener Erfahrung, worauf es ankommt. Sein Revier war die amerikanische Ostküste zwischen Marblehead und Florida. Dort schiebt der Golfstrom den Atlantik zu einer ruppigen Buckelpiste zusammen, wird aus Spass ohne langes Federlesen Ernst.

Ein Fahrtenboot gleich welcher Grösse musste für Hood Lebensqualität an Bord bieten. Und zwar draussen, unterwegs auf See. Was es im Hafen oder hoch und trocken auf dem Messestand bietet, interessierte Hood weniger.

Sein zweiter Gesichtspunkt war: Ganz gleich, wie gross es ist. Es darf nur wenig Tiefgang haben, damit die flachen Gewässer der Bahamas und der reizvolle, geschützte Atlantic Intracoastal Waterway zugänglich bleiben. Deshalb zeichnete Hood Kielschwerter.

Schwere Kielschwerter mit «Whale Belly»

Die Hoodsche Fahrtenyacht ist entgegen dem heutigen Trend zum U-spantig flachen Rumpf mit tiefer Kielflosse nicht bloss schwer. Sie ist sehr schwer. Anders als beim modernen Boot hängt der Ballast nicht aussenbords, sondern steckt in der Bilge. Hood bezeichnete seine Rümpfe mit deltaförmiger Spantform als «Whale Belly». Der Vorteil des schweren Rumpfes mit Walfischbauch ist, dass das Volumen des Bootskörpers langsam zunimmt und die Bewegungen im Seegang entsprechend berechenbar sind. Es gibt kaum Vibrationen. Und es gibt unter den Bodenbrettern Platz für Tanks, Vorräte und Batterien mit günstigem Schwerpunkt in der Schiffsmitte. Segeleigenschaften und Geschwindigkeit des ohnehin schweren Schiffes vertragen Zuladung durch die Fahrtenausstattung, Proviant, Getränke und volle Tanks besser als ein leichteres Boot, wo das Gewicht gravierend zu Buche schlägt. Der Nachteil ist, dass der kurze Hebelarm des Ballastes deutlich mehr Blei verlangt als bei einem modernen Flossenkieler mit langer Hebelwirkung.

Links der Querschnitt eines modernen U-spantigen Rumpfes, rechts der Hoodsche Walfischbauch mit Bilge, Stauraum und Tanks
Links der Querschnitt eines modernen U-spantigen Rumpfes, rechts der Hoodsche Walfischbauch mit Bilge, Stauraum und Tanks © Hood

Vor einer Weile besuchte ich Ted Hood mal in Rhode Island, wo der Selfmademan einen rund laufenden 300-Mann-Betrieb mit Konstruktionsbüro, Bootslagerung, Service und Neubau von Motoryachten am Laufen hatte. Wie befürchtet war der legendär wortkarge Hood zunächst ziemlich still. Ich dachte, ich wäre umsonst gekommen. Es besserte sich bei der Führung durch seinen Betrieb. Als wir schliesslich an Bord seiner «Blue Robin» sassen, war Hood geradezu gesprächig.

Auf der Suche nach der universellen Regatta- und Fahrtenyacht, die zwischen New Yorks Long Island Sound, den nordöstlich gelegenen Segelzentren, auf der Regattabahn nach Bermuda und im Winter in Florida erfolgreich ist, fand Hood 1959 sein Konzept. Er entwickelte es seitdem beharrlich weiter. Der zweckmässige Betrieb zweier Schiffe, eins in Massachusetts, eins im Süden, ersparte Hood zeitraubende Überführungen. Hood lebte vom und fürs Segeln. Vorher, nachher und zwischendurch arbeitete er.

Was muss eine Fahrtenyacht können?

„Als junger Segelmacher bekam ich reichlich Gelegenheit, auf allen möglichen Schiffen zu segeln. Nach dem Zieldurchgang der SORC in Nassau war es üblich, einen Törn durch die Bahamas zu machen. Mit 1,80 bis zwei Metern Tiefgang kommst Du da unten so eben noch klar. Deshalb setzte ich von Anfang an auf breite und entsprechend formstabile Kielschwerter mit variablem Tiefgang.“

Ein Beispiel für die Finesse, die in Hoods Konstruktionen steckt, ist «Blue Robin», sein 48-Füsser, in dem wir damals sassen. Randvoll mit Sprit, Wasser und Vorräten für den grossen Bahamas-Törn beladen, geht «Blue Robin» mit geborgenem Schwert ganze 1,42 m tief. Auf vier Meter Tiefgang ausgeklappt greift das Schwert über eine Strecke von 2,60 Metern unter dem Walfischbauch ins Meer. Vom reinen Regattaboot abgesehen geht keine Yacht dieser Grösse mit einem derart wirksamen, schlanken Profil an den Wind. Hood beliess es nicht dabei. Er dachte sich eine Vorrichtung aus, die das Schwert nach der Wende im Schwertkasten automatisch um zwei Grad passend dreht. Niemand ausser dem Praktiker Hood macht so etwas bei einem Tourenboot. So brachte Hood interessante Segeleigenschaften und das Bedürfnis nach reduziertem Tiefgang in Einklang.

Die Taschenspielerei der Präsentation eines leeren Regattaboots, das netto zur Premiere auf den Regattabahnen mit der gesamten Crew auf der Kante überzeugt, beim Fahrtensegeln dann ausgebaut und beladen, brutto, nicht mehr funktioniert – diese Flunkerei hat Hood nicht mitgemacht. Stattdessen konzipierte er seine Boote von vornherein ehrlich als mittelschwere bis schwere Verdränger, bei denen die Zuladung für den mehrwöchigen Törn nicht so stört, zweitens zum Konzept des Schiffes passt.

Es gibt sechs Gesichtspunkte für ein gutes Tourenboot

Ted Hood

„Ein schwer beladener, fürs reale Brutto gezeichneter Verdränger segelt genauso schnell wie der zu tief im Wasser liegende Leichtbau, bewahrt allerdings seine weichen Rauhwasser-Eigenschaften, die ein Bordleben zulassen“, sagte Hood. „Die Güte eines Cruiser-Racers ist nicht allein seine Geschwindigkeit unter Segeln. Sie setzt sich aus insgesamt sechs Gesichtspunkten zusammen. Nämlich aus Komfort, Zulademöglichkeit, Reichweite, Sicherheitsreserven, einer verlässlichen, wartungsarmen Bauweise und Geschwindigkeit.“

Die praktischen Schwalbennesttüren sind aus Mahagoni aufwendig zu bauen
Die praktischen Schwalbennesttüren sind aus Mahagoni aufwendig zu bauen © Lyman Morse

Wir sassen in der Mittelplicht seines Bootes, in dem weitere Ideen von Ted Hood steckten. Das ist die längst weltweit kopierte Mittelplicht. Die hatte Hood sich mal zum sicheren Tourensegeln mit der Familie ausgedacht. Ebenso der von seitlichen Durchstiegen unterbrochene Süllrand, damit man bequem von der Plicht an Deck kommt. Die formverleimten Schwalbennester hatte er von den Stauräumen für das Handgepäck aus dem Flugzeug übernommen.

Sicherheitskriterium Übersicht

Wenigstens das vordere Zehntel Decksfläche hinter dem Vorsteven sollte vom Rudergänger gut zu überblicken sein. Nur so kann beobachtet werden, ob der Mitsegler bei einem Manöver auf dem Vorschiff oder beim Entsichern des Ankers zurechtkommt. Lesen Sie dazu den Beitrag dumme Ideen im Segelyachtbau.

Damit der Weg über das geneigte Deck zum Bug nicht zur Rutschpartie wird, gab Hood der Kleinserie seiner Little Harbour Blauwasseryachten einen weit nach vorn gestreckten Kajütaufbau. Dessen Luvseite bietet den nötigen Halt.

Hood sprach leise, kam mit wenigen Worten aus. Was für eine Begegnung! Wenn Sie noch kein gescheites Geburtstags- oder Weihnachtsgeschenk haben oder sich selbst mit einem tollen Buch beglücken möchten, besorgen Sie sich im Internet: „Ted Hood Through Hand and Eye, An Autobiography“, 2006, Mystic Seaport, 200 Seiten, ISBN 9780939511143.

Egal wie hoch die Versandkosten sind oder wie lange es dauert. Dieses formidable, auch stilistisch tolle Buch ist es wert. Ich nehme das Buch immer wieder mal zur Hand, wenn ich schlechte Laune habe, oder von den zahlreichen Social Media Blauwasser-Schwätzern angepestet bin, was meist das Gleiche ist.

Ted Hoods «Robin Hood» wird seit einigen Jahren von einer amerikanischen Familie auf Martha’s Vineyard an der amerikanischen Ostküste gesegelt. Das Boot heisst heute passend zu seinem unbeirrten Schöpfer «Robin Hood». Ein Törn führte die Familie bis nach Kuba.

Yachten werden heute als Konsumgüter und Modeartikel mit immer neuen Gadgets präsentiert. Sollten Sie mit Ihrem Boot lange Törns planen, lohnt es sich, Ted Hoods Erfahrung zu nutzen. Oder schauen Sie sich eine seiner Little Harbour-Yachten an. Das ist das Beste, was Sie für lange Seereisen kaufen können. Ted Hood zeichnete sie 1965 - 1988 in zahlreichen Modellen von 37 bis 63 Fuss. Es gibt sie gebraucht. Oder lassen Sie sich von seinem langjährigen und seit 2001 selbstständigen Mitarbeiter Ted Fontaine ein neues Boot zeichnen.

«Robin Hood» unterwegs: Steuerbord der Gang durch das Süll
«Robin Hood» unterwegs: Steuerbord der Gang durch das Süll © Lily Keller-Bingham

Bootsdaten Little Harbor 53

Länge über alles: 16,17 m
Breite: 4,52 m
Verdrängung mit halb vollen Tanks (half load): 18,5 t
Segeltragezahl (half load): 4,8
Ballast: 5 t
Wasserballast: 1,2/1,8 t
Tiefgang (Klappschwert): 1,42 – 4 m
Am Wind Besegelung (Kuttertakelage): 155 qm
Maschine: Nanni 65 PS/48 kW
Interieur: Mahagoni, weissgraue Vertäfelung
Zentralheizung und Kamin

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VG