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Ziemlich Achtziger

Das Familien- und Regattaboot der Familie Conradi

Ziemlich Achtziger
Das 38 Fuß Familienurlaubsboot "Esta" in Marstal © Torsten Conradi

Es ist interessant, was Yachtkonstrukteure für sich selbst entwerfen und segeln. Ihre Boote zeigen, wie die Architekten ticken: Zum Beispiel das Familien-, Touren- und Regattaboot «Esta» des Judel/Vrolijk & Co. Partners Torsten Conradi.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 05.03.2019

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • Einblicke in die Arbeitsweise des 1978 gegründeten Büros Judel/Vrolijk & Co
  • die yachtbaulichen Meilensteine des namhaften Konstruktionsbüro
  • warum „Esta“ ein IOR Klasse 3 Boot mit 27,5 Fuß Rating wurde
  • Einzelheiten zum Wegener Werftbau „Esta“ der Familie Conradi
  • wie es zur geräumigen Ringspantbauweise mit offener Kajüte kam

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1978 krempelten der gebürtige Holländer Rolf E. Vrolijk und sein Segelfreund Friedrich «Fietje» Judel die Ärmel hoch. Sie kamen vom Jollensegeln, Vrolijk aus der Ok-Jolle. Sie begannen mit der Optimierung von Regattabooten des damals führenden Konstrukteurs Doug Peterson. Dann verwandelten sie die schweren, mit Beschlägen überladenen, Top getakelten Segelschlachtschiffe zur leichten und agilen Hochseejolle mit flexiblem Partialrigg. Weniger, dafür clever eingesetzte Hardware für den Erfolg auf der Regattabahn, das war das Konzept der beiden Jollensegler. Umgesetzt wurde es damals vom Bootsbauer Michael Schmidt in Wedel an der Elbe.

Die wegweisende «Düsselboot» war damals der Trendsetter. Ihr Partialrigg mit flexiblem Mast, die offene Pflicht und das zweckmäßig offene Cockpit war seinerzeit eine skeptisch beäugte, kämpferische Ansage an altbackene Dickschiffe. Sie war yachtbaulich eine Revolution.

Der «Düsselboot» folgten «Rubin», «Outsider», «Pinta» oder die «Container». Mancher Eigner wie der Hamburger Vaseline-Fabrikant Hans-Otto Schümann, hatte damals mit seinen «Rubin» eine Art Judel/Vrolijk-Abo für das nächstschnellere Schiff. Es wurde jährlich mit neuen Erkenntnissen, Finessen und Lösungen aus dem norddeutschen Cupper-Thinktank verlängert. In den Achtzigern ging es dann richtig los. Damals lösten Faserverbundwerkstoffe die herkömmliche Bauweise der Boote aus Holz oder Aluminium ab. Besonders interessant, weil leicht und zugleich belastbar, waren die Cupper aus ultraleichten Waben. Das Material mit reichlich Luft in den Hohlräumen steckt gut verklebt zwischen dem Außen- und Innenlaminat. Die Schützwerke im Westerwald pushten die Entwicklung. So wurden mit Judel/Vroljik Booten damals Admirals Cup Regatten gewonnen. Solche Boote galten zurecht als Saisonartkel und Eintagsfliegen. Wie langen Sie halten, zeigt der Beitrag "Faszinierende Segelhardware".

Mahagonirenner nach IOR Klasse 3. "Esta" beim Regattasegeln auf der Nordsee
Mahagonirenner nach IOR Klasse 3. "Esta" beim Regattasegeln auf der Nordsee © Torsten Conradi

Doch waren es nicht nur die Weiterentwicklung der Boote, die smarte Nutzung der International Offshore Rule (IOR) und die Bauweise, die den Erfolg deutschen Grand-Prix-Regattasegelns mit J/V-Konstruktionen ausmachte. Ein weiterer Kniff des J/V-Erfolgsrezepts war, dass die Arbeit der Konstrukteure nicht am Reißbrett endete. Rolf Vrolijk achtete vor Ort darauf, dass die in den jeweiligen Booten verwirklichen Ideen und Optimierungen überhaupt von der Mannschaft verstanden und auch auf der Regattabahn umgesetzt wurden. Das begann schon mit der Start-Taktik, wo die Stärke des Bootes gezielt zu nutzen war. Dies bedeutet für Vrolijk damals wie heute, dass er viel unterwegs, an Bord ist. Außendienst, enger Kundenkontakt, der Abgleich mit der Realität auf dem Wasser und Grübeln, Rechnen und Zeichnen, alles gleichzeitig geht jedoch leider nicht.

So stieg Torsten Conradi 1986 als Partner in das Büro ein, das seitdem Judel/Vrolijk & Co heißt.
Der gebürtige Bremer hatte ein Studium zum Diplom-Ingenieur für Schiffbau in Hannover und Hamburg absolviert und als Assistent am Schiffbau-Institut der Hamburger Universität gearbeitet. Durch seine Einblicke in zahlreise Schlepptank-Untersuchungen und Methoden zur Auswertung der Ergebnisse brachte er den wünschenswerten wissenschaftlichen Input mit.

Als Geschäftsführer hielt Conradi seinem Kompagnon Vrolijk im Tagesgeschäft den Rücken frei. Conradi erweiterte den Thinktank für schnelle Regattaboote bald um ein rund laufendes Büro für Ingenieurdienstleistungen und das Design von Fahrtenbooten, maßgeblich für Hanse und den erfolgreichen Dehler-Relaunch, sehr große Yachten und manches interessante Motorboot. Es beschäftigt heute 15 Leute in einem markanten Gebäude in Bremerhaven, wo die Geeste in die Weser mündet. Natürlich stammt auch der Entwurf des markanten Gebäudes von Judel/Vrolijk & Co. selbst. Seit der ausklingenden Admirals Cup Ära machte J/V mit großen Tourenyachten, wie beispielsweise der Megayacht "Saudade" des Hamburger Immobilienienuternehmers Albert Büll, gebaut noch in Aluminium bei der holländischen Royal Huisman Werft, von sich reden. Auch füllte die Nähe zum finnischen High Tech Spezialisten Baltic Yachts, wo zunehmend leichte und schnelle Cruiser-Racer für deutsche Eigner als Sonderanfertigungen oder Kleinstserien entstanden, die Auftragsbücher. Mit solchen Konstruktionen im Auftrag ehrgeiziger Eigner übertrug Judel/Vrolik & Co. seit den Neunzigerjahren sein Regatta-Knowhow in das Megayacht-Sement der Branche.

Das Yacht-Konstruktionsbüro am Weserufer in Bremerhaven
Das Yacht-Konstruktionsbüro am Weserufer in Bremerhaven © Judel/Vjolik & Co

2003 trug Rolf Vrolijk als leitender Konstrukteur der schweizerischen «Alinghi» dazu bei, den Amerika-Pokal von Neuseeland nach Europa zu holen. Vier Jahre später gelang die Pokalverteidigung, die nochmals in der IACC Klasse ausgesegelt wurde. Mehr Siegeslorbeer ist im Segelsport kaum möglich. Heute setzt das Bremerhavener Büro seine Erfolgsgeschichte in anderen Grand Prix Klassen, beispielsweise der TP 52 oder den Minimaxis fort, zeichnet faszinierende Boote für den finnischen Komposit-Spezialisten Baltic Yachts oder für Wally. Da blieb und bleibt kaum Zeit für ein eigenes Schiff. Rolf Vrolijk beschäftigte sich vorübergehend mal mit einem alten Sechser. Aber wozu sollte ein Yachtkonstrukteur, der beruflich ständig auf den interessantesten Regattabooten unterwegs ist, überhaupt ein eigenes Boot haben?

Das Boot erhielt ein leistungsfähiges und vielseitiges Rigg
Das Boot erhielt ein leistungsfähiges und vielseitiges Rigg © Torsten Conradi

Als Torsten Conradi bei Judel/Vrolijk einstieg, entwarf er einen 38 Füßer gemäß den damals maßgeblichen Vorschriften der International Offshore Rule (IOR). «Es sollte ein regattataugliches Familienboot für meinen Vater, meine drei Brüder und mich werden. Aus unseren Anfangsbuchstaben leitet sich auch der Bootsname ab: Egmont, Sören, Torsten, Aeuke. Die Bootsgröße ergab sich aus dem verfügbaren Budget. Es passte nur die IOR-Klasse 3 mit dem Rating 27.5 Fuß, da in den Klassen IOR 1 und IOR 2 nur reine Regattayachten wie Cupper und Eintonner starteten» berichtet Conradi, der zwar in Bremen geboren wurde, aber in Helgoland verwurzelt ist. Sein Großvater und Vater waren mit ihrem Baugeschäft maßgeblich am Wiederaufbau beteiligt. Conradi lernte auf Helgoland segeln. Die Familie betreibt dort in vierter Generation Hotels.

Das Boot entstand bei der Wegener Werft in Wedel bei Hamburg aus Holz, weil dieses Material schön und leicht ist. Gerd Wegner hatte sich zuvor den Judel/Vrolijk-Dreivierteltonner namens «Ran» gebaut, einen leichten und entsprechend schnellen Renner. "Man braucht keine Wegerung, eigentlich auch kaum Einrichtung und man sieht trotzdem überall sauber verarbeitetes Holz".

Bemerkenswert an «Esta» ist die offene Kajüte: «Die Idee dazu verdanke ich meiner letzten mündlichen Prüfung zum Thema Schiffsfestigkeit. Mein Prüfer, Prof. Dr. Lehmann, wusste, dass ich Segler bin und hat mich dann zur Einleitung von großen Einzelkräften gefragt. Wir sprachen über Ringspanten, die bei tangentialer Krafteinleitung als innere Kräfte nur Zug und Druck aufweisen, was kleinere Querschnitte zulässt. So kam «Esta» zu ihrem Rahmenspant, der einen offenen Salon ermöglicht, mit durch den Tisch geführtem Mast und der Aufhängung für die Püttinge der Wanten außen» berichtet Conradi.

Der Rahmenspant bietet Blick nach vorne und aus dem Vorschiff nach achtern
Der Rahmenspant bietet Blick nach vorne und aus dem Vorschiff nach achtern © Torsten Conradi

Ich sah das Boot vor zwei Jahren mal in einem dänischen Hafen. Es war gediegen ausgestattet und stand dermaßen gut im Lack, als wäre es gerade erst aufgetakelt worden. In meinen Augen gibt es nichts schöneres auf dem Wasser als glänzend lackiertes, maronenbraunes Mahagoni. Einzig die Neigung des Vorstevens, die rechtwinklig statt gepfeilt nach achtern geführten Salinge und das rasant geneigte Cupper-Heck verraten, das «Esta» ziemlich Achtziger ist.

Weil man so ein Boot eigentlich nur behalten und segeln kann, macht Torsten Conradi gemeinsam mit seinen Brüdern und seiner sechsköpfigen Familie genau das. «Die «Esta» ist nach wie vor eines der am besten gebauten Holzboote, das ich kenne» schwärmt Conradi, den ich sonst eher als sachlich und zurückhaltend kenne. «Es stecken viele handwerklich saubere Details darin und ich freue mich immer noch daran, wenn ich das Boot nur sehe. Wie üblich sieht meine Frau «Esta» nicht ganz so begeistert. Sie meint «Esta» wäre ihre einzige Rivalin. Aber da wir gemeinsam vier Kinder auf diesem Boot großgezogen haben, die auch heute noch gern und regelmässig mit uns segeln, stimmt das eigentlich gar nicht.»

Obwohl Conradi das Boot nicht für sich, sondern seinen Vater entwarf, verrät es die seglerische Präferenz der Bootskonstrukteure aus Bremerhaven. «Esta» ist ein leichtes, leistungsfähiges Boot. Der seglerische Schwerpunkt der Konstrukteure wurde auch in manchem Gespräch mit Conradi oder Vrolijk in den vergangenen deutlich, wo die beiden gelassen und klar Einblick in ihre Arbeit gaben: Ob Whitbread/Volvo Ocean Renner, TP 52, die letzte Container oder eine Wallycento: Die Arbeit fängt mit einem nüchternen Blick auf die absehbaren Verhältnisse auf der Regattabahn an. Mit trockener Statistik. Bei großen Tourenyachten wird mit dem Eigner auch mal beharrlich über die Frage geredet, ob die schwere hydraulisch bewegte Heckklappe wirklich sein muss. Das Boot soll den seglerischen Erwartungen entsprechen.

Esta als schwimmendes Sommerhaus
Esta als schwimmendes Sommerhaus © Torsten Conradi

Bleibt die Frage, was Conradi heute, im dritten Jahrzehnt nach ihrer Konstruktion, an «Esta» anders machen würde. «Ich nähme eine zeitgemässere Rumpfform mit steilerem Bug, vollerer Heckpartie und längerer Wasserlinie. Dazu gepfeilte Salinge, um die Backstagen los zu werden. Aufbau, Deck, Cockpit und Einrichtung hätte ich gerne wieder so. Wenn es ginge, würde ich eine Idee größer bauen. Vielleicht so um 42 Fuß.»

ESTA

Konstruktion: Torsten Conradi 1985
Werft: Wegner Werft, Wedel
Bauweise: Spruce und Mahagoni mit Epoxidharz formverleimt
Baujahr: 1986
Länge: 11,38 m
Länge Wasserlinie: 8,90 m
Breite: 3,70 m
Tiefgang: 1,97 m
Verdrängung ursprünglich: 5,2 t – heute über 5,5 t
Ballast: 2 t (Blei)
Takelage: 7/8 Partialrigg mit Jump-, Backstag- und Checkstagen
Groß 40,5 qm
Vorsegeldreieck 25,35 qm
Genua 36 qm

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