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Die Dieselpest an Bord

Wie Sie die Verschleimung des Kraftstoffs entdecken und dauerhaft vermeiden

Die Dieselpest an Bord
Die Bakterien sind als schwarze Masse unten in der Plastikflasche gut zu erkennen © Dr. Guido Marx

Bootseigner mit einer Einbaumaschine - Motorbootfahrer wie Segler - werden zunehmend von der sogenannten Dieselpest belästigt. Meist bemerkt man das Problem erst, wenn die Maschine aus heiterem Himmel stehen bleibt.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 24.02.2016

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • warum Diesel im Tank verschleimt
  • 8 konkrete Tipps
  • wie Sie den Tank und die Spritleitungen reinigen - und auf Dauer sauber halten
  • welcher Diesel und welche Additive empfehlenswert sind
  • Tipps zur Umrüstung des Dieselvorfilters
  • wie Sie mit Sprit fragwürdiger Herkunft umgehen
  • was von kostspieligen Algenzertrümmerern zu halten ist

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Zwar kündigt sich die Dieselpest mit Dreck im Schauglas des Vorfilter-Gehäuses oder mit schleimig im Diesel schwappenden Ablagerungen auf dem Tankboden an. Doch wer hat schon ein durchsichtiges Vorfilter-Unterteil und wer schaut es regelmäßig an? Wer schraubt vorsorglich das Inspektionsluk des Tanks auf und leuchtet mit der Taschenlampe rein? Das Boot ist ein Freizeitgegenstand. Es soll Spaß, nicht Arbeit machen.

Seit 2007 gilt in Deutschland das Biokraftstoffquotengesetz (BioKraftQuG). Dem Diesel müssen seitdem zunehmend Bioanteile beigemischt werden, um den Ausstoß von Kohlendioxid (CO2) im Verkehr zu reduzieren. Die Bioanteile bestehen nicht aus fossilem Erdöl und werden aus nachwachsenden Rohstoffen wie Raps gewonnen, die während ihres Wachstums das CO2 binden, das bei der Verbrennung im Motor entsteht. Ein Kreislauf also und an sich eine gute Sache.

Das Problem dabei ist, das Dieselalgen als Mikroorganismen, als Bakterien, Hefen oder Schimmelpilz mit Wasser im Sprit gedeihen. Die Mikroorganismen ernähren sich von Kohlenwasserstoffen und leben im Wasser. Wasser ist bereits in kleiner Menge im Diesel enthalten. Durch die Schwitzwasserbildung im Tank kommt ständig weitere Feuchtigkeit dazu. Das perfekte Biotop für Algen, die ein spezielles Sekret ausscheiden. Daraus wird eine Gallert-artige schwarze Masse, ein Glibber oder Schwamm. Sie verstopft Filter und Leitungen, bis der Motor nicht mehr genug Sprit bekommt und stehen bleibt. Der Effekt ist bei saisonal bis selten benutzten Bau-Maschinen, in der Landwirtschaft, bei Notstromaggregaten, Wohnmobilen oder Booten im Prinzip bekannt. Schlimm wurde es durch die Beimischung von Bioanteilen.

Leider fördert sogenannter Bio-Diesel, wie es ihn heute fast ausschließlich gibt, die Verschleimung des Kraftstoffs, wenn er lange im Tank bleibt. Genau das ist bei Segelyachten mit wenigen Motorstunden im Jahr oder Motoryachten mit langen Standzeiten üblich. Denn bei selten genutzten Schiffen mit einem großen Tank bleibt der Sprit als ideales Biotop für die Dieselpest für Jahre an Bord. Soweit die schlechte Nachricht. Die gute lautet: Sie können etwas dagegen tun und das Problem mit konsequent befolgten Maßnahmen dauerhaft beheben.

Sind Sie bei einer Hafenansteuerung, beim Manövieren im engen Hafen oder beim Motoren durch eine schlanke Rinne auf die Maschine angewiesen und sie bleibt plötzlich stehen, haben Sie ein Problem. Sage und schreibe 80 Prozent der Einsätze niederländischer Seenotretter ergab sich einer Statistik zufolge aus der Dieselpest. Auf die Tankreinigung spezialisierte Fachbetriebe berichten, dass viele, ein Großteil der Tanks betroffen sind. Diese Beobachtung wird keine Geldschneiderei sein.

Zeigen sich wie hier dunkle Schwebeteile im Schauglas des Vorfilters, führt an der Tankreinigung kein Weg vorbei
Zeigen sich wie hier dunkle Schwebeteile im Schauglas des Vorfilters, führt an der Tankreinigung kein Weg vorbei © Dr. Guido Marx

1. Vermeiden Sie den üblichen Biodiesel

Fragen Sie an der Tankstelle gezielt nach Sprit ohne Bio-Beimischungen. Solchen Diesel gibt es beispielsweise bei ARAL als Ultimate Diesel. Shell bietet ihn als V-Power Diesel an. In Skandinavien führen einige Wassertankstellen speziellen Marine-Diesel ohne Bio-Anteile. In vielen dänischen Häfen gibt es sogenannten "Skibs-Diesel uden biologiske tilsættningsstoffer" also Schiffsdiesel frei von biologischen Zusatzstoffen. Dieser Diesel ist teuerer als der übliche. Die Mehrkosten werden mit einem zuverlässig laufenden Bootsdiesel belohnt.

2. Tanken Sie an der Tankstelle Ihres Vertrauens

Tanken Sie dort, wo aufgrund des großen Durchlaufs an Sprit mit kurzen Lagerzeiten, also von Haus aus sauberem Sprit zu rechnen ist. Segler sollten lieber den 25 Lister Kanister an der häufig frequentierten Straßentankstelle füllen, als mit dem Boot zur selten benutzen Wassertankstelle fahren. Hinzu kommt, dass der Sprit an der Straße deutlich günstiger ist, als an der Bootstankstelle. Wenn Sie genug Platz an Bord haben, nehmen Sie für den Urlaubstörn weitere 25 l Kanister Sprit mit. Bei Langfahrtseglern ist das schon lange so üblich.

3. Halten Sie Ihren Tank möglichst voll

Die Schwitzwasserbildung in Metalltanks durch Temperaturschwankungen fügt dem Diesel ständig Kondenswasser dazu. Besonders anfällig für Schwitzwasserbildung sind Tanks, die in der beheizten Kajüte eingebaut sind. Füllen Sie deshalb vor langen Liegezeiten des Bootes oder Standzeiten im Winterlager ihren Tank komplett bis zur Oberkante. Die übliche Schweinerei durch überfüllte Tanks vermeiden Sie, wenn ein Helfer während des Auffüllens auf die Tankuhr guckt.

4. Machen Sie sich das Leben mit Chemie einfach

LKW-Fahrer, die auf den zuverlässigen Betrieb ihres Dieselmotors angewiesen sind, schwören schon lange auf Additive. Ich mache seit Jahren bei meinem Bootsdiesel mit einem Produkt unter dem Markennamen Bakzid gute Erfahrungen: Das ist ein Additiv auf Bis-oxazolidin-Basis. Zunächst habe ich nach einer Tankreinigung eine größere Menge als sogenannte "Schockbehandlung" in den Tank gegeben. Die Dosierung steht auf dem Behälter. Besorgen Sie sich dafür in der Apotheke oder Drogerie eine kleine Spritze. Nach dieser ersten höher dosierten Schockbehandlung wechseln Sie vorsorglich beide Spritfilter, den Vorfilter im Maschinenraum und den Feinfilter direkt am Motor. Machen Sie dann bei jedem Tanken die Zugabe des Additivs zur Routine. Bei Bakzid sind es etwa 4 ml auf 20 Liter Diesel. Sie können, müssen so ein Additiv übrigens nicht unnötig teuer beim Bootsausrüster kaufen. Sie bekommen es deutlich günstiger als Auto- und LKW-Zubehör. Hier lohnt ein Blick ins Internet zu gängigen Additiven und ein Preisvergleich.

Doch Vorsicht. Halten Sie die Dosierungsanweisungen ein. "Viel hilft viel" gilt hier nicht. Deshalb der Tipp mit den Spritzen. Damit lässt sich das Additiv einfach dosieren.

5. Wie Sie die Dieselpest bei üblichem Sprit in Schach halten

Sollten Sie unterwegs keinen Diesel ohne Bio-Beimischungen bekommen oder hinsichtlich der Reinheit und Wasseranteils des Kraftstoffs Zweifel haben, halten Sie die Dieselpest mit regelmäßiger Zugabe des Additivs sauber. Gucken Sie den Sprit sicherheitshalber regelmäßig an. Bei ersten Anzeichen leeren und reinigen sie den Tank so bald wie möglich. Dann läuft die Maschine wie gehabt.

6. Werfen Sie irgendwann mal einen Blick in den Tank

Gerade bei einem gebauchten Boot, wo Sie den Zustand des Dieseltanks (noch) nicht kennen, sollten Sie ihn bei nächster Gelegenheit leer fahren. Den Rest pumpen Sie in den Reservekanister. Schauen Sie sich den Diesel hinsichtlich Ablagerungen und Schleim an. Gibt es schwarze Schlieren oder gar eine Bodensatz im Sprit, führt an einer Tankreinigung kein Weg vor. Das können Sie für viel Geld machen lassen. Auch wenn es kein schöner Job ist, machen Sie es besser es selbst. So werden Sie mit diesem wichtigen Detail Ihres Bootes, dem Tank und der Spritentnahme vertraut.

Sollten Sie die genaue Tankgröße Ihres Bootes nicht kennen, ist die Inspektion des Tanks eine gute Gelegenheit, ihn auszumessen und sein Fassungsvermögen zu auszurechnen. Bei der Gelegenheit sehen Sie auch, wie hoch die Spritentnahme über dem Tankboden angebracht ist und ab welchem Füllstand und bei welcher Krängung sie Luft zieht (die Maschine stehen bleibt).

7. Wischen Sie den Tank aus

Schrauben Sie den Inspektionsdeckel ab und gucken, wie es im Tank aussieht. Arbeiten Sie mit Einmalhandschuhen, sonst haben Sie den Dieselgestank tagelang an den Fingern. Etwas Küchenpapier und eine Plastiktüte für die gebrauchten Tücher sollte parat liegen. Wischen Sie den Tankboden, das Schlingerblech und die Wände gründlich aus. Dazu empfiehlt sich Spirtus, Spüli oder das Additiv auf dem Lappen.

Ein Dieseltank üblicher Größe ist in einer halben Stunde ausgewischt. Nehmen Sie sich zur Montage des Inspektionsdeckels Zeit. Platzieren Sie die Dichtung (meist aus Gummi) sorgfältig wie sie vorher lag und ziehen die Schrauben gefühlvoll über Kreuz an. Planen Sie für Schwierigkeiten mit der Dichtung und den Schrauben Zeit und Material (Gummi und neue Schrauben, ggf. mit besserem Kopf) ein. Aus dem Inspektionsdeckel entweichender Diesel ist lästig und verleidet Ihnen das Bordleben unter Deck. Bereits kleine Tränen Diesel verbreiten dauerhaft üblen Gestank. Prüfen Sie später unterwegs im Seegang oder bei Krängung die Dichtigkeit des Inspektionsdeckels. Bauen Sie die Verkleidungen rings um den Dieseltank erst dann wieder ein, wenn an der Dichtigkeit des Inspektionsdeckels keine Zweifel bleiben. Es heißt nicht umsonst: Never touch a running system. Wenn aber der Tank zu prüfen und reinigen ist, führt am Öffnen und Verschließen des Inspekionsdeckels kein Weg vorbei.

ein durchsichtiges Vorfiltergehäuse ist in manchen Revieren verboten, aber praktisch

Tanken Sie den empfohlenen Sprit oder machen die Zugabe der empfohlenen Chemie zur Routine. Halten Sie den Tank möglichst voll. Schauen Sie ab und zu das Filtergehäuse, auch die Filtereinsätze selbst an. Wechseln Sie die Spritfilter abhängig von den Motorbetriebsstunden, ansonsten regelmäßig, 1 x jährlich.

Ein Filterunterteil aus praktischem Glas läßt sich jederzeit nachrüsten
Ein Filterunterteil aus praktischem Glas läßt sich jederzeit nachrüsten © Swedesail

8. Montieren Sie ein transparentes Vorfiltergehäuse

Am Bodensee und bei gewerblicher Nutzung der Yacht sind Vorfiltergehäuse aus Metall vorgeschrieben. Diese Bauweise ist schlagfest und feuersicher, hat aber den Nachteil, dass Sie Wasseransammlungen, Schmutz und erste Anzeichen der Dieselpest (schwarze Schlieren und Partikel im Sprit) nicht sehen. Aus praktischen Gründen empfehle ich daher, ein transparentes Filterunterteil zu montieren. Das gibt es aus Glas oder Kunststoff als Umrüstsatz. Bei umsichtiger Montage des Vorfilters mit behutsamem Anziehen der zentralen Halteschraube, vorsichtigem Hantieren mit Werkzeug und der Maschine (etwa beim Herausheben für den Wechsel der Dichtmanschette) bleibt das Filterunterteil auf Dauer unbeschädigt. Bei beengten Verhältnissem im Motorraum kann der Vorfilter vor größeren Maßnahmen auch vorsichtshalter ausgebaut werden. Der Aufwand zugunsten des transparenten Filtergehäuses lohnt sich, weil Sie beim Blick in den Motorraum sofort sehen, ob der Diesel sauber oder verschmutzt ist.

Zugunsten der Betriebssicherheit lohnt sich bei der Gelegenheit das Upgrade zu einem neuen, einfacher zu wartenden Vorfilter. Werften bauen aus Kostengründen das billigste, leider nicht wartungsfreundliche Modell ein. Der Eigner badet diese Sparsamkeit am falschen Ende dann nachher aus. Beim alten Boot lohnt sich das Geld für eine zeitgemäße Filterlösung unbedingt. Das Gefummel beim Zusammenbau billiger Vorfilter im schlecht zugänglichen Motorraum ist eine Zumutung. Es bleibt die Ungewißheit, ob der Filter nach dem Wechsel der Kartusche wirklich dicht ist, also keine Luft zieht. Kaufen Sie ein Modell, wo dieses Problem von vornherein ausgeschlossen ist.

Motorenhändler und Bootsausrüster bieten auch sogenannte Algenzertrümmerer an. Dieses Gerät wird zwischen Tank und Vorfilter an der Spritleitung montiert. Ich rate davon ab, denn selbst die Verkäufer solcher teuren Gerätschaften geben nach beharrlichem Fragen hinter vorgehaltener Hand zu, dass die Funktion eher Glaubenssache ist. Bei einer aufwändigen Meßreihe der Fachzeitschrift "Segeln" konnte die Wirkung des Apparats nicht nachgewiesen werden.

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VG