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Leckende Fenster ersetzen

Wie Undichtigkeiten an Deck beseitigt werden

Leckende Fenster ersetzen
Die Fensterausschnitte im Salon. Zum Ausbau der alten Fenster wurde der Handlauf darunter abgenommen © Swedesail

Wenn Sie ein Boot übernehmen, spritzen Sie es am Liegeplatz mit einem Schlauch ab. So sehen Sie bald, unter welchen Luken, Fenstern und Beschlägen es tropft. Feuchte Polster, eine nasse Koje, klamme Klamotten sind lästig. Ärgerlich ist ein nasses Handy, die Kamera oder Portemonnaie.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 01.06.2018

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • eine persönliche, durchaus verallgemeinerbare Leidensgeschichte
  • Tipps zum Tausch der Bootsfenster
  • was sich sinnvoll selbst machen lässt
  • wie es geht
  • Schritt für Schritt Anleitung
  • was es kostet
  • der zeitliche Aufwand
  • Erfahrungen mit einem dänischen Lieferanten

Wasser findet durch leckende Beschläge oder Fenster immer einen Weg nach innen. An Bord meiner Swede 55, eines Kunststoffbootes Baujahr 1979, schlage ich mich eine Weile schon mit lästigen kleinen Leckagen herum. Zunächst habe ich vor Jahren die alten, undichten Goiot Skylights, ein gängiges Fabrikat, ersetzt. Dann wurden sämtliche Decksbeschläge für die Wanten, die sogenannte Püttinge, ausgebaut, gereinigt, bei der Gelegenheit gründlich auf etwaige Risse angeschaut und neu mit Sikaflex eingebaut. Beim ersten Pütting machte ich den klassischen Fehler, den Untergrund nicht wie empfohlen gründlich von Silikon- und Politurresten zu reinigen. Außerdem habe ich bei der Montage nicht abgewartet, bis das Sikaflex ausgehärtet ist und danach erst die Beschläge über die Muttern zum Deck hin angezogen. Ich habe beim ersten Pütting die weiche Dichtmasse zügig rausgequetscht - und nach eine Weile nochmal alles neu gemacht. Verkleidungen und Schwalbennest im Salon raus, Blenden und Teakleisten rausgepopelt, Rüsteisen mit Decksbeschlag gelöst. Es war die reine Freude.

Richtige Männer lesen keine Beipackzettel oder Bedienungsanleitungen. Verarbeitungshinweise schon gar nicht, oder? Tja, die Lernkurve ist bei einem "Hobbypfuscher" wie mir, der überwiegend am Schreibtisch arbeitet und sowas zudem noch nie gemacht hat, halt steil. Nach meiner Erinnerung dämmerte mir damals schon, meine mal eben hauruck und schnell nebenbei Bootsbastelstrategie durch eine andere Arbeitsweise, eine mit mehr Hirn und der nötigen Ruhe zu ersetzen, auch wenn es im ersten Anlauf etwas länger dauert.

Dann gab es noch einen notorisch undichten Vorlukdeckel mit elegant abgewinkelter Frontpartie. An dem wurde über Jahre erfolglos nebenbei herumgebastelt. Ich erzähle dieses zugegeben blamable Detail um zu zeigen, das aus solchen Nebenbei-Baustellen wenig herauskommt, außer dass sie auf Dauer richtig nerven. Doch wollte ich halt segeln. Irgendwann in den vergangenen Jahren hatte ich es dann derart "dick", dass ich einen befreundeten Bootsbauer fragte, wie man das hinkriegt. Es dauerte nicht lange, und der Vorlukdeckel war dicht. Alexander guckte sich den geschlossenen Deckel von unten in Ruhe an und glich das uneinheitliche Spaltmaß mit Moosgummi in verschiedenen Wandstärken aus. Natürlich war die Sache etwas komplizierter, aber im Prinzip wurde das Problem so gelöst. Soviel zum Thema selber machen oder machen lassen. Aber der Spaß muss eben auch bezahlt werden.

Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis

Nun waren also die beiden Skylights, die Püttinge und der Vorlukdeckel dicht. Es blieben die zahlreichen Fenster im vorderen Kajütaufbau. An denen habe ich auch der Kosten halber wiederholt selbst nebenbei "gebastelt", es mit neuen Dichtungen und schließlich mit Sikaflex versucht. Ein guter Segelfreund und ich haben so mal einen Sommertörn vorbereitet. Wir hatten das schwarze Sikaflex tagelang unter den Pfoten. Bei mir war das nicht so schlimm. Mit dreckigen Finger tippen geht. Aber mein Kumpel ist Küchenchef. Da machen schwarze Ränder unter den Fingernägeln einen richtig schlechten Eindruck. Hatte ich schon erwähnt, dass wir es nebenbei versuchten, so als handwerkliches Quickie am Nachmittag? Ich muß nicht betonen, das dieses arbeitsintensives Provisorium zwar etwas, aber unter dem Strich leider wenig gebracht hat. Es regnete unter den vorderen Fenstern zwar etwas weniger, aber halt nach wie vor rein. Ein Beispiel dafür, wie der Betrieb eines Bootes in diesem Stil langfristig zu einer Lektion in Demut werden kann.

Der alte Fensterrahmen eines norwegischen Herstellers nach dem Ausbau
Der alte Fensterrahmen eines norwegischen Herstellers nach dem Ausbau © Swedesail

Bei den meisten Kunststoffbooten besteht das Fenster aus einem Außen- und Innenrahmen aus Aluminium. Beide Rahmen sind mit Blechschrauben verbunden. Der Zug auf den Schrauben hält die Fensterscheibe in einer Neoprendichtung zwischen den Rahmen und drückt die Dichtung des Außenrahmens auf die Kajütwand. Sofern der Ausschnitt zum Rahmen passt, was leider nicht immer der Fall ist, die Dichtung nicht versprödet ist und alle Schrauben gleichmäßig angezogen wurden, ist das Fenster theoretisch dicht.

Die Praxis sieht anders aus. Wellige Fensterausschnitte mit ausgefranstem Gelcoat, geschrumpfte oder verzogene Dichtungen führen zu lästigen Leckagen. Hinzu kommt, dass ein Boot im Seegang arbeitet, sich die Rumpf- und Decksschalen verwindet. Deshalb sind im Hafen dichte Fenster unterwegs auf See undicht. Die Leckage zu finden ist mühsam. Reparieren lässt es sich kaum. Denn bei alten Fenstern sitzen die Niroschrauben infolge von Elektrolyse wie angeschweißt im Aluminium. Einige Schrauben ließen sich mit einem Spezialwerkzeug, einem Schlagschrauber, lösen. Bei anderen rissen die Köpfe ab. Dann lässt sich der Rahmen nicht mehr retten.

Spätestens jetzt ist es Zeit für neue Fenster. Dazu wurden die alten Fenster beim Einwintern des Bootes ausgebaut, die Fensterausschnitte ausgemessen:

  • Länge und Höhe der Ausschnitte im Boot
  • vorhandene Radien
  • Wandstärke der Aufbauseiten
  • Krümmung der Kajütseitenwand

Anhand dieser Maße machte ich Zeichnungen der vorhandenen Fensterausschnitte. Jeder Bootsfenster-Hersteller arbeitet mit anderen Profilen, Biegewerkzeugen und Radien.

Schablonen der neuen Fenster erleichtern die Anpassung der alten Ausschnitte
Schablonen der neuen Fenster erleichtern die Anpassung der alten Ausschnitte © Swedesail

Nach beharrlicher Suche wurde ich auf die dänische Firma Ertec aufmerksam. Dort geriet ich an einem Verkäufer namens Sam Shad. Er erklärt gut. Seine Beratung war auf den Punkt. Sie orientierte sich zweckmäßigderweise am Fensterausschnitt und nicht am Außen- oder Innenmaß des Rahmens. Das Design ist schlicht und formschön, der Preis im Vergleich zu anderen Anbietern in Ordnung. Ich kaufte acht Fenster montagefertig mit vorgebohrten Löchern im Innenrahmen.

Vor allem ist die Bauweise anders als bei alten Fenstern. Die Außendichtung ist ab Werk mit dem Aluminium verklebt. Auch bilden der Außenrahmen und die Scheibe eine Einheit, durch die kein Wasser dringen kann. Meine Anfrage wurde prompt beantwortet und meine E-Mails zur technischen Klärung ebenso. Besonders interessant ist die 9,5 mm breite Dichtfläche zwischen Fensterausschnitt und Außenkante des Ertec-Fensters. Diese "Flansch"-Breite verzeiht Fehler beim Anpassen des Ausschnitts in der Kajütwand.

Wichtig bei neuen Fenstern ist auch die etwaige Krümmung der Kajütwand. Diese läßt sich mit einer außen aufgelegten Latte an Bord leicht ermitteln. Eine geringe Krümmung von zwei, drei Millimetern auf beispielsweise 70 cm lange Fenster machen die Rahmen und Scheiben Sam Shad zufolge problemlos mit. Größere Biegungen werden vorgekrümmt geliefert. Die Vorbereitung mit Ermittlung aller entscheidenden Maße ist wichtig.

Die neuen Fenster zuhause im Wohnzimmer
Die neuen Fenster zuhause im Wohnzimmer © Swedesail

Zugunsten vollständig aufliegender Dichtflächen der neuen Rahmen entschied ich mich für etwas größere Ausschnitte in der Kajütseitenwand. Sam Shad schickte mir die Zeichnungen der Fensterausschnitte 1:1 ausgedruckt. Diese klebte ich mit Prittstift auf eine dünne Faserplatte, wie in jedem Baumarkt zu bekommen, schnitt sie mit der Stichsäge aus und zeichnete die neuen Ausschnitte mit einem feinen Filzstift auf der Kajütseitenwand an.

Zum Anpassen der Fensterausschnitte gibt es vier Möglichkeiten:

  • Oberfräse (braucht seitliche Führung und Übung, gefährlich in der Handhabung)
  • den Raspel (lässt das das Gelcoat abplatzen)
  • die Stichsäge (reißt ebenso Gelcoat vom Laminat)
  • die sogenannte Schleifhülse, einen preiswerten und einfach zu handhabenden Bohrmaschinenaufsatz

Besorgen Sie sich im Baumarkt oder Werkzeugfachgeschäft eine Schleifhülse, deren Radius annähernd der Rundung des Fensterausschnitts entspricht. Etwas kleiner sollte er sein. Das spart Arbeit. Kosten 30 €.

Mit einer Schleifhülse auf der Bohrmaschine sind die Rundungen rasch angepasst
Mit einer Schleifhülse auf der Bohrmaschine sind die Rundungen rasch angepasst © Swedesail

Da Glasfaser-Schleifstaub für die Lunge beinahe so ungesund wie Aspest ist, unbedingt mit einer hochwertigen Atemmaske der Filterklasse 3 arbeiten, die Mund und Nase umschließt. Kosten ca 75 €.

Die 10 bis 14 mm Wandungen der Aufbauseiten meines Bootes waren mit der Schleifhülse in achtziger Körnung in wenigen Minuten verblüffend flott angepaßt. Wider Erwarten kam ich mit einer Schleifhülse für alle acht Fensterausschnitte aus. Sogar den geraden Flanken der Fensterausschnitte ließ sich mit der Schleifhülse zügig Material wegnehmen. Abschließend wurde das werftseitig beim Anbringen der Fensterausschnitte beschädigte Gelcoat mit Epoxidspachtel geglättet, um eine breite Auflage der Dichtung zwischen Rahmen und Kajütwand zu schaffen. Dieser zusätzliche Arbeitsgang war wir die Sache wert.

Die Montage der Fenster war mit fertig vorgebohrten Rahmen und griffigen 20er Torx-Blechschrauben flott gemacht. Das aufwändigste an der Sache war es zu verstehen wie es geht, den richtigen Bootsfenster-Lieferanten zu finden und die Vorbereitung der Schablonen zum Anzeichnen. Fackeln Sie bei undichten Bootsfenstern nicht lange. Das Herumdoktern an alten Rahmen macht keinen Spaß und ist verschwendete Zeit. Machen Sie es gleich richtig und freuen sich über eine ringsum trockene Kajüte.

Aufwand

  • Suche des geeigneten Bootsfenster-Herstellers und technische Klärung: 8 Stunden
  • Ausbau der alten Rahmen: 4 Stunden
  • Ausbau der Handläufe und Teakleisten unter den Fenstern: 3 Stunden
  • Reinigen der alten Fensterausschnitte: 4 Stunden
  • Anfertigen von drei Schablonen für verschiedene Fenstergrößen: 2 Stunden
  • Beschaffung Werkzeuge und Atemschutz: 1 Stunde
  • Anzeichnen der geänderten Fensterausschnitte: ½ Stunde
  • Anpassen der Fensterausschnitte per Schleifhülse: 2 Stunden
  • Spachteln: 1 Stunde
  • Montage 8 Fenster: 1 ½ Stunden
  • Einbau der Handläufe und Teakleisten 2 Stunden
  • Reinigung der Kajüte 2 Stunden

Arbeitszeit: 31 Stunden

Kosten & Lieferzeit

  • 8 Rahmen 2.250 € inkl. Verpackung/Versand und dänischer Mehrwertsteuer
  • Werkzeug/Atemschutz ca. 100 €
  • Lieferzeit ca 6 Wochen

Weiterführende Links

VG