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Welches Segelboot für die Atlantiküberquerung?

Ein Blick auf die Flotte erfolgreicher Altantikpassagen

Welches Segelboot für die Atlantiküberquerung?
Bereits das keine acht Meter lange Folkeboot eignet sich für die Atlantik-Passage © boot24.ch

Ein Traum vieler Segler ist es, mal über den sogenannten «großen Teich» zu segeln. Dabei stellt sich die Frage, welches Boot dafür geeignet ist. Nun wurde der Atlantik bereits in verblüffend unterschiedlichen Segelbooten überquert. Keineswegs nur großen, hochseetüchtigen und teuren Yachten.

Von Erdmann Braschos, veröffentlicht am 17.07.2019

Das erwartet Sie in diesem Artikel
  • wie die Passage schon in verblüffend kleinen und offenen Booten gelang
  • welche Jahreszeit sich eignet
  • keep it simple statt complicated
  • Empfehlung bewährter GfK-Boote

Das Abenteuer gelang auch schon auf der südlichen Passatroute im offenen Strandkatamaran (siehe «Schlimmer geht’s nimmer!»), mit einem eleganten H-Boot oder Folkeboot. Das sind kleine Kajütboote, wie sie auf dem Baldeney- oder Bodensee üblich sind. Der englische Holzbootsbauer Leo Sampson Goolden segelte sein flachbordiges Holz Folkeboot «Lorema» ohne Motor und GPS Navigation von England zur Karibik. Dieses Beispiel zeigt, dass die Atlantiküberquerung eher vom Mut, Ausdauer und dem seglerischen Geschick abhängt als vom Boot. Entscheidend sind die Route, Jahreszeit, Wetter, Können und Glück. Diese Antwort klingt leider sehr nach Radio Eriwan. Deshalb der Reihe nach:

Der Atlantik lässt sich von den Kanarischen Inseln aus bei überwiegend achterlichem Wind mit dem Passatwind einigermaßen komfortabel und sicher queren. Das klappt auch mit einem flachbordigen Boot wie es Leo Sampson Goolden 2015 gemacht hat (siehe Das 1$ Boot). Es sollte dicht sein. Die Ruderanlage muss robust genug sein, um der wochenlangen Beanspruchung im hohen Seegang der Passatdünung Stand zu halten. Gleiches gilt für das Rigg (siehe Stehendes Gut angucken – Wanten und Stagen halten nicht ewig). Diese Gesichtspunkte erscheinen mir wichtiger als die Bootsgröße oder die Marke. Wichtig ist es, den Törn in der richtigen, hurrikanfreien Jahreszeit zu segeln, wenn der Passat zuverlässig weht. Die Bootsgröße entscheidet über den Komfort, sprich Platz an Bord und die Reisegeschwindigkeit. Entgegen der üblichen Annahme, wonach sich ein möglichst großes Boot eher eignet als ein kleines, bringen die Bootsgröße und damit die Kräfte, die Segelfläche und die Technik zur Beherrschung aber zahlreiche Probleme mit sich.

Ein sinnvoll mit dem nötigsten ausgerüsteter 30 Füßer, also ein zehn Meter langes Boot, eignet sich eher als ein 15 oder 20 m langes Schiff mit komplexer Technik und entsprechend großer Wartungs- und Reparaturliste. Eine Alternative ist es, ein großes und möglichst leichtes Boot mit entsprechender Grundgeschwindigkeit zu nehmen, ohne sich dabei mit komplexer Technik zu verzetteln. Über das Keep it simple Prinzip habe ich in diesem Portal schon geschrieben.

Zwei Beispiele zum Thema Bootsgröße und Technik: der Amerikaner Webb Chiles ist mehrmals in überschaubar kleinen Booten in Etappen um die Welt gesegelt. Sein Landsmann Stanley Paris hat es mehrmals, zuletzt einer teuren, hochwertig ausgestatteten Sonderanfertigung versucht und alle Reisen aus technischen Gründen abgebrochen. Entscheidend für das Gelingen des Törns ist eine robuste, mechanische vom Wind betätigte Selbststeueranlage, weil sie der Crew unverzichtbare Auszeiten vom Steuern und damit überhaupt erst eine Routine im Bordleben mit Wachen und Freiwachen ermöglicht.

Windsteueranlage Pacific Plus des Hamburger Langfahrt-Spezialisten
Windsteueranlage Pacific Plus des Hamburger Langfahrt-Spezialisten © windpilot.com

Anders sieht es auf dem Nordatlantik aus, einer Route, die von den Staaten nach Europa auf der Zugbahn der Tiefdruckgebiete mit wechselhaftem und sehr ruppigem Seegang zu segeln ist. Hier sind Boot und Besatzung ganz anderen Beanspruchungen ausgesetzt.

Ich würde mich für ein robustes, konservativ gebautes Glasfaser-Serienboot eines skandinavischen oder englischen Herstellers entscheiden. Mit einer Hallberg Rassy, die durchaus 30 oder 40 Jahre alt sein kann, einer betagten Moody oder einer der legendär robusten und hochwertigen alten Sigma treffen Sie eine gute Wahl und haben später die Aussicht, für das Boot auch noch etwas zu bekommen. Ich würde das Boot nach folgenden Gesichtspunkten angucken: Seeventile, Schläuche, Schlauchschellen, Wanten, Kielbolzen, Ruderanlage.

Das beste Boot für ihre Atlantiküberquerung ist das, mit dem Sie überhaupt die Leinen los werfen, ihren Traum verwirklichen. Nach meiner Erfahrung ist es die größte Hürde beim Seesegeln, dass dieser entscheidende Schritt eher erträumt als gemacht wird. Er braucht Mut.

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VG